Westworld (Folge 3×05)

Folge 5 („Genre“) der dritten Staffel Westworld steht inhaltlich ganz im Zeichen von Serac, dem reichsten Mann der Welt, und der Geburtsstunde seiner Super-KI Rehoboam. Doch auch abseits davon ist was los: Aaron Paul als Caleb nimmt uns mit auf einen Drogentrip durch die Filmhistorie und unser Mordbrenner Dolores stürzt die gesamte Welt mit nur einem Fingerschnippen quasi in Anarchie.

Dolores und Caleb sind mit ihrem unfreiwilligen Schützling Liam Dempsey auf der Flucht vor Seracs Häschern. Unterstützung bekommen sie dabei von Calebs alten Rico-Kumpels Giggles und Ash. Caleb selbst ist leicht neben der Spur, da er high ist (Liam wollte ihn mit der Droge „Genre“ ausknocken, ohne Erfolg). Dolores überzeugt Liam, ihr seinen genetischen Schlüssel zu überlassen, so dass die Flucht letztendlich gelingen kann und nebenbei Bernard und die „Proxy-Dolores“ Martin Zugang zu Rehoboam bekommen. Martin sendet Dolores die für den Coup benötigten Daten über Serac. Gleichzeitig schickt er auch jedem Menschen auf der Welt den eigenen, bislang unter Verschluss gehaltenen Datenblock zu. So erfahren die Menschen von den determinierten Lebensplänen, die Rehoboam für sie ausgearbeitet hat. Dann trägt Martin Stubbs und Bernard auf, Seracs Umerziehungslager zu finden, in denen sich Seracs Bruder aufhalten soll, und sprengt schließlich sich und einige von Seracs Häschern in die Luft. Nachdem Liam also unbrauchbar geworden ist, verpasst ihm Ash eine Kugel, aus Rache für ihr vorherbestimmtes, verkorkstes Leben. Bevor er seinen letzten Atemzug tätigt, lässt Liam aber noch anklingen, dass mehr hinter Caleb steckt, als dieser ahnt.

Seracs Anlage der Ausgestoßenen

In der letzten Folge wurde William von Charlotte in die Klapse „Inner Journeys“ abgeschoben. In dieser Folge erfahren wir nun, dass besagte Klapse eine von Seracs Umerziehungslagern ist. Serac schickt die sogenannten „Ausreißer“ dorthin. Ausreißer sind jene Menschen, die für Rehoboam als unkontrollierbar gelten. Für gewöhnlich schickt die KI solche Ausreißer in Kriegs-/Krisengebiete, damit sie einen letzten Nutzen erfüllen können und dort ohne Mehraufwand quasi geschreddert werden. Serac aber versucht mit seinen Umerziehungslagern einen „humaneren“ Weg einzuschlagen. Diesen Weg ist er auch mit seinem Bruder Jean-Mi gegangen, scheinbar aber ohne Erfolg. Westworld strotzt nur so von Parallelen, die man zwischen den Parks und der realen Welt ziehen kann, mal mehr, mal weniger elegant. So auch hier: Die Umerziehungslager schauen mit ihren Glaskäfigen ganz genau so aus wie die Behavior Lab and Diagnostics-Ebene im Park. Die Hosts werden dort trainiert, analysiert, diagnostiziert und geupadetet – genauso wie die Ausreißer im Lager.

Calebs Drogentrip

Sie wurde bereits auf der Sex ‘n’ Alcohol-Party der letzten Folge eingeführt: die Droge „Genre“. Eine stimmungsverändernde Substanz, die Gehirnchemie und Gehirnimplantate durcheinander bringt und den Konsumenten fünf Archetypen des Films durchleben lässt. Calebs Trip beginnt beim Film Noir, indem Caleb den genretypischen irritierten Detective spielt und Dolores die badass Femme Fatale – natürlich alles in rauchigem Schwarz-Weiß (Hint auf die Duo-Dynamik zwischen Caleb und Dolores). Als nächstes erhalten Wagners Walküren Einzug, die in der Filmszene vor allem mit Apocalypse Now (2001) verbunden werden – also Kriegsfilm (Hint auf Calebs Vergangenheit). Danach erklingt das allseits bekannte Liebesthema aus Love Story (1970) (Hint auf Calebs verborgenen Gefühle für Dolores?). Wir erinnern uns: In Love Story stirbt die Frau am Ende und der  Mann bleibt mit seinem Herzschmerz zurück. Sollte das ein Hinweis auf die Zukunft unseres Duos sein, wäre das zumindest kein überraschender: Liebesgeschichten gehen in Westworld per se nicht gut aus. Die nächste Phase wird untermalt von Iggy Pops „Nightclubbing“, das häufig in Trainspotting eingesetzt wird. Trainspotting habe ich nie gesehen, aber vielleicht verbirgt sich auch dort eine Parallele zu Caleb. Dann kommt ein Trugschluss, wie man in Musikersprech sagen würde: Das Genre „Realität“, wie es Giggles nennt. Diese Phase tritt zeitgleich mit Dolores’ Freisetzung der Datenblöcke und der „Befreiung der Welt“ ein. Doch Giggles sagt im selben Atemzug auch: „Halt Ausschau nach den Cues für die letzte Phase“. Die kommt dann auch  – am Strand.

Calebs wahre Natur

Eingeleitet vom grumpeligen Thema aus Shining, betreten wir im letzten Stadium von Calebs Drogentrip das Psycho-Horror Genre. Während er Liam in einem Anflug von Kontrollverlust zu Boden drückt, suchen ihn Flashbacks heim. Wir sehen Caleb im Kriegsgebiet, wir sehen seine Erinnerungen an den sterbenden Francis und wir sehen Caleb als Gefangenen in einem weißen Raum, der irgendwie an Seracs Umerziehungslager erinnert. Sind diese Erinnerungen real? Oder implantiert so wie seinerzeit bei Bernard? War Caleb einer dieser Ausreißer, bei denen Serac mit der Umerziehung gescheitert ist, sodass schließlich nichts anderes übrig blieb als ihn ins Kriegsgebiet zu schicken? Liam beschuldigt Caleb sogar, selber Francis umgebracht zu haben. „Du bist der Schlimmste von allen!“, schreit Liam. Und wir erinnern uns zurück an Episode 3×02, in der ahnungsvoll von einer unkontrollierbaren Variablen gesprochen wurde. Wir gingen bei dieser Variablen vielleicht von Maeve aus, oder von Dolores. Doch nun, mit Liams Aussage, befindet sich auch Caleb im Rennen für diesen Posten. Und Dolores scheint von dem Ganzen überhaupt nicht überrascht zu sein. Wie in Shining ist Caleb also ein Protagonist, der nicht das ist, was er zu sein scheint. Nuja, im Westen nichts Neues, huh?

Fazit

Okay, also mittlerweile denk ich mir, kürzere Folgen würden Westworld gut tun. Das sind mir alles zu viele Musikvideo-Szenen, zu viele schwere Blicke, zu viel Slow Motion und zu lahme Action. Auch wenn die Action immer stylish ausschaut, es sind doch immer dieselben gesichtslosen Schläger, die auf anonym futuristischen Straßen niedergemäht werden. Und die psychedelischen Kamera-Experimente während Calebs Drogentrip? Die hätten auch mehr Kick haben können. Ich sehe die Parallelen zwischen Caleb und den im Drogentrip zitierten Filmen, aber irgendwie ist es doch… blutleer. Man hätte diesen künstlerischen Abstecher auch ganz sein lassen können. Es fehlt mir irgendwie an Effektivität. Nah, das ist ein verpöntes Wort in der Kunst. Sagen wir: Straffheit. Und es fehlt an Eindruck, den die Serie hinterlässt. In dieser Folge gelingt es Dolores buchstäblich, die gesamte Welt zu verändern: BOOOOM, Anarchie! Nur, warum ist das so langweilig? Und auch Serac als Direktor der Welt hat irgendwie nicht denselben bannenden Charme wie seinerzeit Ford als Direktor der Parkanlagen (zugegeben: Anthony Hopkins ist auch ‘ne Hausnummer).

Nuja, egal. Höhepunkt in dieser Folge: Giggles Emotions-Shirt ist wieder da. Er und seine Kumpeline Ash sind ziemlich bemitleidenswerte Gestalten. Mit ihren ganzen Kultur-Referenzen (Der kleine Lord, König Midas, Der Prinz und der Bettelknabe) verweisen sie auf eine versteckte, belesene Seele und auf das Potential, das in ihnen schlummert – wenn doch nur Reheboam nicht wäre.

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Totman Gehend

Totman ist Musiker, zockt in der Freizeit hin und wieder Indie-Games & Taktik-Shooter und sammelt schöne Bücher. Größtes Laster: Red Bull. Lieblingsplatz im Netz: der Lofi-Hip-Hop-Radio-Stream auf youtube (der gute Stream von ChilledCow).

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