Weinberg

Lesezeit: 5 Minuten

Jeder deutsche Sender giert nach Inhalten, die zwar heimisch sind, aber gleichzeitig mit starken US-Serien mithalten können. Ein solches Kunststück gelang dem Club der roten Bänder, welcher VOX überdurchschnittlich hohe Einschaltquoten bescherte. Die Produktionsfirma Bantry Bay wagte sich auch an einen echten Mystery-Stoff: Weinberg sollte die Zuschauer von TNT-Serie im Herbst 2015 mitreißen und wurde ganz offensichtlich an amerikanische Vorbilder angelehnt. Und darin liegt auch die Krux…

Ein junger Mann (Friedrich Mücke) erwacht im Morgennebel eines Weinbergs. Er kann sich an nichts erinnern und über ihm hängt die hübsche, aber tote Weinkönigin in den Reben. Völlig von den Umständen seines Erwachens beirrt stolpert er den Berg hinunter und landet in dem idyllischen Örtchen Kaltenzell, einem abgeschotteten Winkel im Ahrtal. Dort wird er nicht nur einem Intrigen-Wirrwarr der Dorfbewohner ausgesetzt, sondern sucht gleichzeitig nach seiner Identität. Und die eben noch tote Weinkönigin ist plötzlich gar nicht mehr tot…

Weinberg und Twin Peaks: bei der Geburt getrennt?

Originaltitel Weinberg
Jahr 2015
Land Deutschland
Episoden 6
Genre Mystery-Thriller
Cast Der Held: Friedrich Mücke
Hanna Zepter: Antje Traue
Bürgermeister Zepter: Arved Birnbaum
Gerd Finck: Ronald Kukulies
Sophia Finck: Sinha Melina Gierke
Katharina Finck: Christina Große
Ulf: David Schütter
Regina Donatius: Victoria Trauttmansdorff
Sven Donatius: Rainer Sellien
Adrian Donatius: Jonah Rausch

Der Druck auf die deutsche Filmindustrie ist groß. Serien vom Kaliber eines Club der roten Bänder oder des Netflix-Vorzeigewerkes Dark finden sich nicht wie Sand am Meer. Es bedarf einer mitreißenden Produktion, die sich auch auf dem internationalen Markt bewähren kann. Doch wie produziert man eine solche Serie und wo sind die guten Vorbilder, von denen man lernt? Weinberg startete mit vielen Vorschusslorbeeren, denn deutsche Mysteryserien sind in der Tat rares Gut. Aber in den USA, da hatte man schon Anfang der 90er mit Twin Peaks einen großen Hit, den es in dieser Form noch nicht als nationales Produkt gab… So oder so ähnlich könnte die Enstehungsgeschichte von Weinberg aussehen. Denn die Parallelen sind verlüffend, betrachtet man einmal die gemeinsamen Elemente.

Schräges Figurenkabinett in Kaltenzell

Kaltenzell, der Ort des Geschehens, ist wie geschaffen für ein bürgerliches Intrigennetz. Religion, Familienfehden, erfolglos unterdrückte Sexualität und verbotene Liebesbeziehungen bestimmen den Alltag und verleihen dem Örtchen den Eindruck, überall zu sein, nur nicht in der Gegenwart. Bei den Figuren gilt: Alles, nur bitte nicht langweilig. Deswegen wurde jeder Charakter mit mindestens einem dunklen Geheimnis ausgestattet, das in den sechs Folgen ergründet werden will. Priestermangel hat zu einem frisch aus Vietnam importierten Pfarrer (Yung Ngo) geführt, dessen Unkenntnis der deutschen Sprache für so manchen Lacher sorgen möchte und eine versteckte Lehrer-Schüler-Beziehung steht ebenso auf dem Plan wie ein Outing wider Willen. Kaum ein sexuelles Tabu bleibt hier unangetastet. Das ist Kaltenzell. Dessen Oberhaupt, der Zepter (Arved Birnbaum) ist allerdings der Star der illustren Runde, sowohl schauspielerisch als auch von seinen Persönlichkeitsauschlägen her. Doch auch Friedrich Mücke liefert eine solide Darstellung des identitäslosen Hauptcharakters ab. Natürlich darf auch der stumme Junge nicht fehlen, der wie immer mehr weiß als alle anderen. Und dann sind da noch Figuren, die in ihrer Form eins zu eins aus jedem Horrorfilm stammen könnten, wie etwa eine schamanische Frisörin, die zwar für ein paar atmosphärische Bilder sorgt, aber häufig an der Pforte der Lächerlichkeit klopft. Leider bemüht sich Weinberg mit Hingabe, seine Figuren möglichst extrem darzustellen. Kein Wunder, fühlt sich Kaltenzell wie ein von der Gesellschaft isoliertes Kaff mit gänzlich eigenen Regeln an.

Atmosphärisch top, inhaltliche Starre

Eines muss man Weinberg trotz jeglicher inhaltlicher Kritik lassen: Die Inszenierung der beiden Regisseure Till Franzen und Jan Martin Scharf bewegt sich auf internationalem Niveau. Dafür kamen viele stimmungsvolle Bilder der Marke Schauermärchen zum Einsatz und für den visuellen Feinschliff sorgen allerlei Graufilter und ein entsättigtes Bild. Der Regisseur teilte bei der Premiere mit, man habe jede Sekunde Sonnenlicht aus der Serie geschnitten und so lässt sich die Atmosphäre auch sehr treffend beschreiben. Die Kulisse stimmt, um eine geheimnisvolle Geschichten in vollen Zügen auszukosten. Doch die Serie ist so stark an Twink Peaks orientiert, dass das geschulte Zuschauerauge schnell erkennt, dass nahezu jeder genau die Dinge mit sich herumträgt, die in einer idealen Gesellschaft auf ihn nicht zutreffen sollten. Beispiele gefällig? Selbstverständlich hat der katholische Priester eine Affäre und der Freund der Weinkönigin, der den Macker raushängen lässt, ist selbstverständlich eigentlich schwul und nutzte die Popularität des Mädchens nur für sich. Und diese hingegen brauchte einen Vorwand, um nach draußen zu können.  Nach diesem Muster der Küchenpsychologie durchläuft die Serie allerlei Klischees (inklusive eines Selbstmordes, der nur für die Dramatik inszeniert wird) und lässt dabei auch selten ein Fettnäpfchen aus. Die bedeutungsschwangeren Blicke der Figuren erzeugen nunmal ebenso wenig Spannung wie eine bis zum Ende hin in schwarz-verhüllte Figur. Weinberg geht ambitioniert an seine Vorhaben heran, erzählt aber eben auch nur Dinge, die man international schon mehrfach ausgekostet hat.

Hier gilt die Devise “öfters mal etwas Neues” und wenn man denkt, dass eine Figur einen völlig überrascht, stellt man fest, dass jener Twist zwar für die Spannung förderlich ist, man ihn aber genau so schon in anderen Filmen gesehen hat. Nur eben noch nicht in einer deutschen Serie, was dazu führt, dass man die Serie gutwillig besser betrachtet als sie eigentlich ist. Um Freude an Weinberg zu haben, sollte man ein Herz für bigotte Intrigenspinnerei in der Provinz haben, sonst können die Figuren mitunter ziemlich anstrengend sein. Auf technischer Ebene handelt es sich um eine starke Mini-Serie, nur die Handlung zeigt im dichten Kunstnebel zu wenig Eigenständigkeit.

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Ayres

Ayres ist seit 2002 im Community Management tätig, seit einer Weile sogar beruflich. Er ist ein richtiger Horror- & Mystery-Junkie, liebt gute Point’n’Click-Adventures und ist Fighting Games nie abgeneigt. Besonders spannend findet er Psychologie, deshalb werden in seinem Wohnzimmer regelmäßig "Die Werwölfe von Düsterwald"-Abende veranstaltet. Sein teuerstes Hobby ist das Sammeln von Steelbooks. In seinem Besitz befinden sich mehr als 100 Blu-Ray Steelbooks aus aller Welt.

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