The Witch Next Door

Hexen sind in den letzten Jahren wieder stärker in Horror-Titeln gefragt: Ob in Robert Eggers’ gefeiertem Film The Witch, dem arthousigen Gretel & Hänsel oder der französischen Serie Marianne auf Netflix. The Witch Next Door von den Pierce Brothers (Deadheads) nimmt sich die mythologische Figur zur Brust und siedelt sie in Nachbars Haus an. Selbstverständlich findet sich auch ein Protagonist, der dem Treiben auf die Schliche kommt. Der mit vielen Hommagen (etwa Das Fenster zum Hof) gespickte Grusler schlug sich während der Corona-Pandemie in den USA außerordentlich gut und zog scharenweise Zuschauer in die Autokinos. Mitte August 2020 trudelte der Film dann auch ohne viel Getöse in den deutschen Kinos ein. Das ist schade – denn wir haben es hier mit einem soliden Horror-Titel zu tun, der unter Beweis stellt, dass gutes Recycling oftmals besser funktioniert als erzwungene Innovation.

Ben (John-Paul Howard, Hell or High Water) ist ein Scheidungskind. Als er sich bei dem Versuch, Schmerztabletten aus dem Haus der Nachbarn zu stehlen, den Arm bricht, wird er dazu verdonnert, den Sommer bei seinem Vater Liam (Jamison Jones, General Hospital) zu verbringen. Dieser besitzt einen Bootsverleih in einem kleinen Städtchen, das besonders von Touristen stark frequentiert wird. Für Ben beginnt ein besonderes Abenteuer, denn die gleichaltrige Mallory (Piper Curda, Teen Beach 2) signalisiert direkt Interesse an ihm. Der scharfsinnige Junge bemerkt zunehmend, dass sich die Nachbarn merkwürdig verhalten. Mutter Abbie (Zarah Mahler) schleicht immer wieder um das Haus herum und als eines Tages der siebenjährige Sohn Dillon (Blane Crockartell) nicht zum Segelunterricht erscheint, wird Ben mit den Aussagen der Nachbarn konfrontiert, dass diese doch gar keinen Sohn haben. Da sich die Merkwürdigkeiten häufen, beginnt Ben gemeinsam mit Mallory zu ermitteln …

Hexe mit Hommagen

Originaltitel The Wretched
Jahr 2020
Land USA
Genre Horror
Regie Brett Pierce, Drew T. Pierce
Cast Ben: John-Paul Howard
Mallory: Piper Curda
Liam: Jamison Jones
Abbie: Zarah Mahler
Dillon: Blane Crockartell
Laufzeit 95 Minuten
FSK
Seit dem 13. August 2020 im Kino

Der Filmtitel kündigt bereits an, worum es geht, wodurch die Zuschauer in ihrem Wissen Ben ein ganzes Stück voraus sind. Das ist insofern ärgerlich, als dass der englische Titel “The Wretched” (dt. Die Erbärmlichen) noch nicht allzu konkrete Hinweise liefert. Deutsche Zuschauer wissen also schon ziemlich genau, worauf sie sich hier einstellen dürfen. Das könnte nun einfach nach einer Standard-Formel heruntergespult werden. Die Brüder Brett und Drew Pierce jedoch legen Wert darauf, sich nicht nur Zeit für ihre Figuren zu nehmen, sondern die im Grunde herkömmliche Handlung mit Hommagen an Klassiker wie Das Fenster zum Hof, Die Körperfresser kommen oder Die Goonies anzulehnen. Filmfreunde haben hier einiges zu entdecken, was aber nicht der einzige Grund für ein erneutes Ansehen bleiben soll. Die Handlung wird auf mehreren Ebenen zusammengesponnen, die nicht immer sichtbar sind. Wenn dann die finale Auflösung präsentiert wird, erwischt man sich dabei, selbst verschiedene Szenen erneut zu reflektieren, um zu überprüfen, ob sich eine derartige Entwicklung abzeichnen ließ.

Horror ohne zu viele Klischees

Inspiration holten sich die ebenfalls für das Drehbuch verantwortlichen Pierce Brothers aus diversen Hexen-Mythen, vor allem aber Roald Dahls Kinderbuch Hexen Hexen. Eine große Wohltat ist dabei der Verzicht auf viele gängige Horror-Mechanismen. Dazu zählt auch die Abfolge oftmals nerviger Jump-Scares, die den Zuschauer mittels schneller Schnitte zum Zusammenzucken bringen sollen. Ganz ohne kommt The Witch Next Door zwar auch nicht aus, scheint eine Überreizung dessen aber nicht nötig zu haben: Obwohl es sich an vielen Stellen anbieten würde, halten sich die Gebrüder Pierce mit diesem Stilmittel zurück. Das wird unvermeidlich dazu führen, dass mancher Zuschauer davon berichten wird, keine Spannung erlebt zu haben, ist aus künstlerischer Perspektive allerdings eine angenehme Entscheidung. Horror-Fans kommen dank zahlreicher Paranoia-Momente, Body Horror-Ekel und letztlich auch der titelgebenden Hexe bereits genug auf ihre Kosten, ohne dass jemals zuviel verraten oder gezeigt wird.

Hexenhorror alter Schule

Lässt man einmal die technischen Aspekte außer Acht, wirkt die Produktion wie ein vergessenes Relikt der 80er. Und das ganz ohne auf irgendeiner Neonlicht-Rollschuh-Welle zu reiten, sondern alleine durch ihre Schlichtheit und den Fokus auf dem Wesentlichen. Ernst erzählt und ohne Anflüge eines mittlerweile oftmals übermäßig genutzten Meta-Humors, der dumpfe Lacher beim Publikum erzeugen soll. Kameramann Conor Murphy fängt das Geschehen mit stimmungsvollen Bildern ein und vermittelt ein wenig das Flair eines Ferienorts, dem das normalerweise ruhige Leben weichen muss, wenn die Sommer-Saison gekommen ist. Gerade bei Independent-Produktionen ist das Budget nur zu häufig an der Qualität der Effektkunst ablesbar. Auch an dieser Stelle hinterlässt The Witch Next Door einen starken Eindrucke, denn mit Maske und Effekten wird anständig getrickst. Das Ergebnis kann sich sehen lassen und die knochige Hexe zählt wohl zu dem Beeindruckendsten, was das Horrorjahr 2020 so hergibt. Ein unangenehmes Gefühl kann schließlich auch ohne viele Blutkonserven erzeugt werden. Das geschieht hier bereits mittels effektivem Sound-Design, das die Knochen der Hexen ordentlich knacken lässt.

Fazit

Es muss nicht immer gleich eine Revolution angezettelt werden, um einen treffsicheren Hit im Horror-Bereich zu landen. The Witch Next Door liest sich auf dem Papier wie jeder andere Horrorfilm auch, ist aber in seiner Umsetzung erfrischend solide, angenehm ernst und geradlinig. Der Film hält gutes Gruselfutter für alle Angsthasen parat, die sich wieder einmal auf eine eher ernsthafte Weise gruseln möchten, und überzeugt mit starken Bildern, gut gezeichneten Charakteren und einer gewollt langsamen Erzählweise, bei der sich das Grauen stetig aufbaut. Das ist eine Kunst, die moderne Grusler scheinbar komplett vergessen haben. Hartgesottenenen Horror-Fans wird bei diesem Titel zwar auch nicht das Fürchten gelehrt, die offensichtliche Liebe der Regisseure zum Genre ist aber immer spürbar.

© IFC Films

Ayres

Ayres ist seit 2002 im Community Management tätig, seit einer Weile sogar beruflich. Er ist ein richtiger Horror- & Mystery-Junkie, liebt gute Point’n’Click-Adventures und ist Fighting Games nie abgeneigt. Besonders spannend findet er Psychologie, deshalb werden in seinem Wohnzimmer regelmäßig "Die Werwölfe von Düsterwald"-Abende veranstaltet. Sein teuerstes Hobby ist das Sammeln von Steelbooks. In seinem Besitz befinden sich mehr als 100 Blu-Ray Steelbooks aus aller Welt.

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