Audition

Lesezeit: 4 Minuten

Wir schreiben das Jahr 1999. Obwohl er bereits seit 1991 Filme dreht, ist Takashii Mike als Regisseur nur in Japan bekannt und gilt über die Landesgrenzen hinaus als Geheimtipp. Sein Werk Audition, die Verfilmung eines Romans von Ryu Murakami, wird auf diversen Filmfestivals eingereicht. Und plötzlich schwärmt die ausländische Presse von heute auf morgen von Miike, feiert ihn als die japanische Entdeckung schlechthin. Der internationale Durchbruch ist geschafft, der Film wird Kult und Miike zur Regie-Legende, die noch in den darauf folgenden Jahrzehnten mehr als 100 Filme auf die große Leinwand bringen sollte. Darunter Klassiker wie Ichi the Killer, die Dead or Alive-Trilogie sowie 13 Assassins. Was macht Audition zu dem beliebtesten aller Miike-Filme? Ein Liebesdrama mit Gorefaktor? Eine zynische Kritik an der (damals) modernen Partnersuche? Ein Psycho-Horror mit zu langem Prolog?

   

Shigeharu Aoyama (Ryo Ishibashi, Brother) ist seit sieben Jahren Witwer. Er lebt gemeinsam mit seinem Sohn Shigehiko (Tetsu Sawaki), welcher sich eine neue Frau an der Seite seines Vaters wünscht. Shigeharu erzählt dies seinem Freund Yasuhisa Yoshikawa (Jun Kunimura) und so entsteht die gemeinsame Idee, Yasuhisas Rolle als Regisseur zu nutzen, um ein Casting zu veranstalten. Vor dem Hintergrund, eine Hauptdarstellerin für einen Film zu finden, sucht Yasuhisa die 30 interessantesten Bewerberinnen aus, die sich bei vor Ort vorstellen. Shigeharu wird dabei auf die Bewerbung der attraktiven Asami Yamazaki (Eihi Shiina, Tokyo Gore Police) aufmerksam. Nach dem Casting nimmt er all seinen Mut zusammen und ruft die Bewerberin an, die sich selbst wenig Chancen auf die Hauptrolle ausrechnet. Bei einer Verabredung kommen sich beide näher, während Yasuhisas Recherchen über die Frau vor allem viel Unklarheit zu Tage befördern. Der schwerverliebte Shigeharu ahnt nicht, dass er sich in die Fänge einer Psychopathin begeben hat …

Surreal-albtraumhaftes Finale

Originaltitel Odishon
Jahr 1999
Land Japan
Genre Thriller
Regisseur Takashi Miike
Cast Shigeharu Aoyama: Ryo Ishibashi
Asami Yamazaki: Eihi Shiina
Shigehiko Aoyama: Tetsu Sawaki
Yasuhisa Yoshikawa: Jun Kunimura
Asamis Tanzlehrer: Renji Ishibashi
Ryoko Aoyama: Miyuki Matsuda
Rie: Toshie Negishi
Laufzeit 115 Minuten
FSK

Takashi Miike liefert mit Audition starken Tobak. Was wie eine (kalkulierte) Romanze beginnt, nimmt ein spektaukläres und vor allem grafisches Ende. Zunächst gilt wie für alle Filme des Regisseurs: Es gilt die dargebotene Erzählwelt zu akzeptieren und nicht vollständig für bare Münze zu nehmen. Neben dem Gewaltexzess ist der Film vor allem für das Verschwimmen seiner Grenzen zwischen Realität und (Alp-)Traum bekannt. Wie der Protagonist wird auch der Zuschauer aus den Fugen gerissen und erlebt eine Montage aus bereits bekannten Szenen und solchen, bei denen sich herausstellt, dass sie bislang ausgespart wurden. Doch zu diesem Zeitpunkt befindet sich der Beobachter längst in der Falle und erkennt, dass das Ende der Beginn von etwas Größerem ist. Doch zu diesem Zeitpunkt befindet man sich als Zuschauer längst in der Falle und erkennt, dass das Ende der Beginn von etwas Größerem ist. Der Aufbau gleicht einem Theaterstück: der Anfang kommt einem Drama nahe, der Mittelteil nimmt an Fahrt auf und erweist sich als Thriller, während das Finale in Horror ausartet. Vor allem die erste Hälfte lullt den Zuschauer geradezu ein und irgendwann kommt es zu dem Punkt, an dem er sich unweigerlich die Frage stellt,  ob noch etwas passieren wird (Spoiler: Ja! Das Filmposter spricht schließlich Bände). 80 Minuten lang schickt Miike seine Zuschauer durch einen langsamen Kennenlernprozess ohne besondere Vorkomnisse. Aus dem Casting, welches noch komische Züge trägt, entwickelt sich eine ruhige Romanze. Doch dabei bleibt es nicht. Takashi Miikes Einblick in die Abgründe der Erotik arten in SM-Fantasien aus, mit welchen man zu diesem Zeitpunkt nicht rechnet.

“Alle Menschen in Japan sind einsam”

Audition stellt eine spannende These zum Land der aufgehenden Sonne auf: Alle Menschen seien einsam. Diese Aussage zieht sich nicht nur durch das Leben des Hauptcharakters Shigeharu, sondern vor allem durch die Bildsprache. Einsamkeit ist das Motto. Egal, ob Shigeharu angelt oder in der Landschaft umherspaziert: er ist stets allein. Selten ist mehr als eine Person im Bild, abgesehen von Szenen, die vor belebten Orten spielen. Zwischen den beiden Hauptcharakteren Shigeharu und Asami herrscht ebenfalls Distanz vor, vor allem der räumliche Abstand beider Figuren bei der ersten Begegnung ist beachtlich. Trotz langsamer Annäherung bleibt nie das Gefühl haften, als sei dies eine lebhafte Beziehung oder eine Romanze, die wirklich tief greift. Eine subtile Begegnung, die ebenso schwer einzufangen ist wie Asamis Vertrauen.

Horror mal anders

Asamis Charakter ist so konzipiert, dass sie vor allem die Herzen japanischer Männer berührt: jung, hübsch, sanft und eine perfekte Ehefrau. Die Hoffnung ist geradezu hoch, dass sie ihre Vergangenheit hinter sich lassen kann und sich als Shigeharus neue Liebe erweist. Gleichzeitig (so wünscht es sich zumindest der Genre-Freund) ist da diese wenig erlebbare Seite an ihr, die für Gänsehaut sorgt. Ihr verzerrtes Verständnis von Liebe gruselt nicht nur bei genauer Betrachtung. Trotz ihrer perversen Interpretation von Abhängigkeit ist sie im Grunde doch nur ein Mädchen, das Angst hat, jemanden zu lieben und schließlich wieder zu verlieren. Ryo Ishibashi spielt die Rolle eines Witwers im mittleren Alter glaubwürdig und sympathisch. Man wünscht ihm die Beziehung, die ihn endlich aus seiner Lethargie befreien soll.

Fazit

Audition ist für die einen einfach nur ein sadistischer Streifen aus Japan, für die anderen eine hintergründige Interpretation von Liebe und Abhängigkeit. Das Ende des Films ist das, was letztlich auch hängen bleiben wird und ein erneutes Ansehen umso reizvoller macht. Vorausgesetzt, man verfügt über einen robusten Magen. Denn ohne diese Vorwarnung läuft man blind in sein Verderben, während sich der Plottwist wie eine Schlinge langsam und immer fester zuschnürt. Auf seine Weise ist der Film anspruchsvoll, dabei vor allem aber schockierend und heimlich sperrig. Ein Filmwerk der schwer verdaulichen Sorte.

© Alive

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Ayres

Ayres ist seit 2002 im Community Management tätig, seit einer Weile sogar beruflich. Er ist ein richtiger Horror- & Mystery-Junkie, liebt gute Point’n’Click-Adventures und ist Fighting Games nie abgeneigt. Besonders spannend findet er Psychologie, deshalb werden in seinem Wohnzimmer regelmäßig "Die Werwölfe von Düsterwald"-Abende veranstaltet. Sein teuerstes Hobby ist das Sammeln von Steelbooks. In seinem Besitz befinden sich mehr als 100 Blu-Ray Steelbooks aus aller Welt.

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