Zwei Glorreiche Halunken

Schwitzende Männerfressen in Großaufnahme. Eine Hutkrempe, die von einer Seite der Leinwand bis zur anderen reicht. Zynische, wortkarge Helden. Ein ganz junger Clint Eastwood mit malerisch über die Schulter geworfenem Poncho. Zwei Glorreiche Halunken nimmt uns mit in die Blütezeit der Italo-Western, als Regisseur Sergio Leone (Spiel mir das Lied vom Tod) den wilden Westen ganz anders aussehen ließ als bisher. Einer der Lieblingsfilme von Quentin Tarantino (Once Upon A Time… In Hollywood), heißt es. Immerhin mochte er Zwei glorreiche Halunken so sehr, dass er einen Track von Ennio Morricones Filmmusik in Kill Bill verwendete.

Als sich der Auftragsmörder Sentenza (Lee von Cleef, Für ein paar Dollar mehr) ungebeten an den Mittagstisch eines Ex-Soldaten und seiner Familie setzt, liegt Unheil in der Luft. In der Tat hat der Mann interessante Informationen, wenn man ihn nur genügend unter Druck setzt. Ein gewisser Bill Carson hat 200 000 Dollar aus einer Regimentskasse veruntreut und ist nun auf der Flucht. Sentenza erschießt den Informanten und macht sich auf die Suche nach dem Schatz. Andernorts haben ein namenloser, blonder Kopfgeldjäger (Clint Eastwood, Für eine Handvoll Dollar) und der steckbrieflich gesuchte Bandit Tuco (Eli Wallach, Die glorreichen Sieben) eine einträgliche Geschäftsidee: Der Blonde liefert Tuco beim Sheriff ab und kassiert das Kopfgeld, Tuco wird zum Tode verurteilt und zur Hinrichtung geführt. Im letzten Moment zerschießt der Blonde das Henkersseil, Tuco flieht, sie teilen sich das Kopfgeld und ziehen in der nächsten Stadt die gleiche Nummer ab. Aber ihre Zusammenarbeit ist von kurzer Dauer und der Blonde lässt Tuco gefesselt in der Wildnis zurück. Tuco überlebt und sinnt auf Rache. Es gelingt ihm, seinerseits den Blonden zu Fuß in die Wüste zu treiben und ihm voller Schadenfreude beim Verdursten zuzusehen. Da kreuzt eine führerlose Postkutsche voller toter Soldaten ihren Weg. Ein Sterbender bittet Tuco um einen Schluck Wasser im Tausch für die Information, wo sein Schatz verborgen ist. Als Tuco mit dem Wasser zurückkehrt, ist der Mann tot, er hat jedoch dem halb verdursteten Blonden die entscheidende Information zugeflüstert. Nun tut Tuco alles dafür, damit der Blonde überlebt, denn nur er kennt den exakten Ort, wo die 200.000 Dollar liegen. Auf dem Weg zu dem Friedhof, wo der Schatz in einem Grab verbuddelt ist, geraten die beiden zwischen die Fronten des amerikanischen Bürgerkriegs und landen in einem Kriegsgefangenenlager, in dem Sentenza der Aufseher ist. Er prügelt aus Tuco Informationen heraus und bietet dem Blonden ein Bündnis an. Nun sind alle drei auf einer heißen Fährte und stehen sich schließlich auf dem Friedhof in einem Duell zu dritt gegenüber …

Amerikanischer Kinomythos made in Italy

Originaltitel Il bueno, il brutto, il cattivo
Jahr 1966
Land Italien, Spanien, BRD
Genre Western
Regie Sergio Leone
Cast Der Blonde: Clint Eastwood
Tuco: Eli Wallach
Sentenza: Lee van Cleef
Stevens: Antonio Casas
Jackson/Bill Carson: Antonio Casale
Pater Ramirez: Luigi Pistilli
Der betrunkene Captain: Aldo Giuffrè
Corporal Wallace: Divian Ladwa
Laufzeit 178 Minuten
FSK
Im Handel erhältlich

In den 60er und 70er Jahren war Italien, was das Filmschaffen anging, ein Land der Billigproduktionen. Egal welches Genre in Hollywood angesagt war, in Italien entstanden Billigversionen davon. Aber während all die Sandalenfilme und Gruselschocker made in Italy in der Versenkung verschwunden sind und höchstens noch wegen ihres Trash-Faktors ab und zu hervorgeholt werden, entwickelten die Western dieser Zeit einen ganz eigenen Stil. Für wenig Geld und unter chaotischen Bedingungen in Spanien gedreht. Keine Originalschauplätze? Egal, die staubigen Weiten Andalusiens sehen im Breitwandformat auch episch aus. Die spanischen Statisten wirken so gar nicht amerikanisch? Egal, dann sind das eben alles Mexikaner. Keine Hollywood-Stars? Dann eben Zweit- und Dritt-Ligisten von hier und da, vielleicht ist das für den einen oder anderen ja ein Sprungbrett zum Ruhm. Die sprechen alle verschiedene Sprachen? Dann liefern eben alle ihren Text in ihrer Muttersprache ab, es wird eh synchronisiert. Einen Gründungsmythos zelebrieren, amerikanische Werte hochhalten? Pfff … lieber harte, böse Geschichten mit maulfaulen Antihelden, die ohne zu zögern schießen und zuschlagen. Ein neues Genre war geboren: Der Italo-Western.

Drei glorreiche Halunken

Seinen deutschen Titel bekam Zwei glorreiche Halunken zu einer Zeit, als blumiger Überschwang wichtiger war als akkurate Übersetzung. Der italienische bzw. der englische Titel trifft es besser: eigentlich sind es drei, nicht zwei Halunken, deren Wege sich auf der Jagd nach dem Schatz immer wieder kreuzen. Der Gute, der Böse und der Hässliche. Wobei der Gute, der namenlose blonde Kopfgeldjäger, nicht wirklich ein Guter ist. Er ist höchstens ein bisschen weniger blutgierig als die anderen beiden und hat auch mal ein mitfühlendes Wort für die sinnlos verheizten Bürgerkriegssoldaten übrig. Ansonsten ist er ganz genauso skrupellos wie seine zwei Weggefährten. Der Böse, Sentenza, ist allerdings noch ein anderes Kaliber. Er ist genau das. Böse. Denn außer erbarmungslos ist er außerdem ein sadistischer Mistkerl. Der Hässliche, Tuco, ist ein fieser Knochen. Doch er hat auch die Comedy-Rolle und ist in seiner scheinheiligen Verlogenheit schon wieder irgendwie liebenswert. Er ist auch der Einzige, der eine Backstory kriegt und damit dem Zuschauer ein wenig näher kommt. Die beiden anderen sind ohne Kontext und ohne Vorgeschichte einfach nur, wie sie sind. Wer die beiden Vorgängerfilme kennt, merkt vielleicht, dass der Blonde im Laufe des Films zu dem Mann mit dem Poncho wird, der sich durch Für eine Handvoll Dollar und Für ein paar Dollar mehr ballert. Anfangs ist er noch adrett in einen hellen Mantel und ein geblümtes Hemd gekleidet. Im Laufe seiner Abenteuer wird er immer struppiger, bis er zum Schluss die Lammfellweste und den Poncho des namenlosen Revolverhelden aus Für eine Handvoll Dollar trägt. Die Vorgeschichte also. Aber ohne einen Funken die Persönlichkeit beleuchtende Backstory. Jetzt weiß man, wo der Poncho herkommt. Mehr aber auch nicht.

Schatzsuche vor böser Bürgerkriegskulisse

Über weite Strecken hangelt sich der Film von einem Western-Versatzstück zum anderen, lose aufgereiht am Standard-Motiv Schatzsuche. Da müssen Informationen gesucht, Geheimnisse gelüftet, Wege zurückgelegt werden. Allerdings geraten die drei Protagonisten auch immer wieder zwischen die Fronten des amerikanischen Bürgerkriegs. Der hat zuvor selten so wenig heroisch ausgesehen. Gemäß dem Zeitgefühl der 60er ist der Krieg hier sinnlos, brutal und schmutzig. Grausame Kriegsgefangenenlager, blutige Schlachten ohne Sieger. Den drei zynischen Pistoleros ist es herzlich egal, ob sie es mit den Truppen der Nordstaaten oder der Südstaaten zu tun haben. Pech hat man nur, wenn man im falschen Moment die falschen patriotischen Phrasen drischt. Das einzige Mal, dass der Blonde und Tuco etwas tun, was vage anderen Menschen nützt, besteht darin, eine heiß umkämpfte Brücke zu sprengen. Doch die Explosion verhilft nicht dem Guten zum Sieg und befördert auch nicht die Ziele des Gegners. Sie beendet einfach nur das täglich von neuem beginnende sinnlose Gemetzel.

Die Zeit ist mein Hauptdarsteller

Das soll Sergio Leone einmal über seine Filme gesagt haben. Und in Zwei glorreiche Halunken hat er das auf jeden Fall umgesetzt. Der Film ist LANG. Fast drei Stunden. Eine schlichte Schatzsuche kann man sicher auch schneller erzählen, aber das ist gar nicht gewollt. Leone überlässt seinem heimlichen Hauptdarsteller gern die große Bühne. Der Film breitet ein ganzes Panorama des Westens aus, mit weiten, kargen Landschaften, Saloons und Postkutschen, Galgenszenen und Bürgerkriegsschlachten und gönnt sich überall genüsslich noch eine Episode und noch eine. Und auch innerhalb der vielen kleinen Geschichten geht es erst sehr langsam zur Sache, bis es abrupt knallt. Leone beherrscht die Kunst, ein beliebiges Handlungs-Versatzstück um so epischer wirken zu lassen, je länger er es andauern lässt. Die Standard-Situation “Schurke bedroht Familienvater” wird umso nervenaufreibender, wenn der Schurke sich erst an den Tisch setzt und sehr lange ungerührt Suppe löffelt. während die Familie immer nervöser wird. Ein Pistolenduell an sich ist nicht spannend. Peng, das war’s. Spannend sind die Augenblicke vor dem Schuss, wenn die Kontrahenten sich lauernd anstarren. Leone treibt diesen Moment bis zum Exzess. Da dauert ein Blickwechsel vor dem Schuss minutenlang. Das ist enorm künstlich und überhöht und kurz vor dem Abkippen ins Lächerliche. Aber es wirkt. Auch, wenn man weiß, wie der Trick geht.

Fazit

64 Jahre nach der Entstehung von Zwei glorreiche Halunken hat sich eine Menge verändert. Clint Eastwood ist ein alter Mann mit einer langen Filmkarriere hinter sich. Zwei glorreiche Halunken ist filmhistorisch eingetütet: Dritter Teil von Sergio Leones erster Trilogie, Prequel zu Teil 1 und 2. Meilenstein der Filmgeschichte. Leones Rezept, aus einem müde gewordenen Genre etwas ganz Neues zu machen, lässt sich in ein paar Sätzen zusammenfassen. So geht Italo-Western. Dennoch lässt der Film immer noch jeden herkömmlichen Western alt aussehen. Es lohnt sich auf jeden Fall, sich die drei Stunden Zeit zu nehmen, um die überdimensionalen Posen, die fiesen Fressen in Großaufnahme und die gefühlte Viertelstunden langen Anstarr-Duelle in voller Länge auf sich wirken zu lassen. Und natürlich die großartige Musik von Ennio Morricone zu genießen. Düdlüdl LÜÜ wahWAHwah…

© 20th Century Fox


Im Handel erhältlich:

wasabi

wasabi wohnt in einer Tube im Kühlschrank und kommt selten heraus.

Abonnieren
Benachrichtige mich zu:
guest

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

1 Kommentar
älteste
neuste beste Bewertung
Inline Feedbacks
View all comments
Totman Gehend
31. Oktober 2020 12:50

“Düdlüdl LÜÜ wahWAHwah…” -> perfekt!