Captain America: The First Avenger

Die filmische Adaption des Superhelden mit Amerika im Namen gehört zu den schwierigsten in Marvels buntem Universum. In den 1940er Jahren vermöbelte Captain America Nazis und warb für Kriegsanleihen, wurde in den 1960ern wieder aus der Schublade gezogen und führte als umstrittene Figur die Avengers an. Das größte Problem der Figur steckt in ihrem Namen: Amerika und die damit zusammenhängenden Patriotismus-Vorbehalten. Davon ist in Captain America: The First Avenger wenig zu merken, denn Marvel denkt gar nicht daran, die Figur als alten Krieger in Rente zu schicken. Der 2011 veröffentlichte Origin-Film von Joe Johnston (Jumanji) kämpft mit einigen Kinderkrankheiten, markiert aber einen passablen Start für eine der wichtigsten Figuren des Marvel Cinematic Universe.

 

Der Zweite Weltkrieg ist in vollem Gange. Die US-Armee bemüht sich um jeden Rekruten, doch der schmächtige Steve Rogers (Chris Evans, Nanny Diaries) bringt gerade einmal 50kg auf die Waage. Mehrfach wurde er bereits in verschiedenen Städten ausgemustert, während seine Freunde in den Krieg ziehen dürfen. Als der Wissenschaftler Dr. Dr. Abraham Erskine (Stanley Tucci, Der Teufel trägt Prada) auf Steves Zielstrebigkeit und Güte aufmerksam wird, sieht er in ihm einen vielversprechenden Testkandidaten für ein Serum, das einen normalen Kameraden in einen Supersoldaten verwandeln soll. Bei der letzten Testperson, dem Nazi-Offizier Johann Schmidt (Hugo Weaving, V wie Vendetta), schlug das Experiment fehlt, wodurch dieser seitdem an den Nebenwirkungen leidet. Dank der ausgereifteren Therapie macht Erskine Steve zu Captain America. Mit der Hilfe von Waffenentwickler Howard Stark (Dominic Cooper, Preacher) und der toughen SSR-Offizierin Peggy Carter (Hayley Atwell, Cassandras Traum) zieht er in den Krieg, um Schmidt aufzuhalten. Denn dieser will mit seiner Wunderwaffe Hitler und die Alliierten vernichten und die Weltherrschaft an sich reißen.

Ideologische Gefahren

Originaltitel Captain America
Jahr 2011
Land USA
Genre Action, Abenteuer
Regie Joe Johnston
Cast Steve Rogers/Captain America: Chris Evans
Johann Schmidt/Red Skull: Hugo Weaving
James Buchanan „Bucky“ Barnes: Sebastian Stan
Peggy Carter: Hayley Atwell
Dr. Abraham Erskine: Stanley Tucci
Col. Chester Phillips: Tommy Lee Jones
Timothy „Dum Dum“ Dugan: Neal McDonough
Arnim Zola: Toby Jones
Howard Stark: Dominic Cooper
Nick Fury: Samuel L. Jackson
Laufzeit 124 Minuten
FSK
Veröffentlichung: 24. Oktober 2013

Inmitten des Zweiten Weltkriegs erschufen die beiden Comic-Autoren Joe Simon (1913–2011) und Jack Kirby (1917–1994) die Figur des Captain America. Zunächst war die Figur zur Belustigung des amerikanischen Volks nach Pearl Harbor und dem Kriegseintritt gedacht, um auch in schweren Zeiten für Erheiterung zu sorgen. Dass Captain America bis heute existiert, grenzt daher an ein kleines Wunder. Denn dass eine einstige Propaganda-Figur den Sprung zur erfolgreichsten Filmreihe der Welt überlebt, ist sorgfältiger Vorarbeit zu verdanken. Aus heutiger Sicht kann die Figur nämlich kaum noch als zeitgemäß beschrieben werden. Die Bedenken waren also nicht grundlos: Passt ein solcher Held in unsere Zeit oder ist er ein überholter Typus, der in einer Zeit schmutziger Weltkriege funktionierte? Auch in den Marvel Studios wusste man von dieser Gefahr, die in dem problematischen Helden schlummert, wählte deswegen den sicheren Weg und erzählt eine melancholische Geschichte, in der es nicht um Glorifizierung geht, sondern des Tributzollens einer Zeit, in der die Verfassung der Welt überhaupt erst den Nährboden für eine solche Figur lieferte. In unserer heutigen Zeit wäre eine Figur wie Captain America undenkbar und alleine deswegen ist sie ein lebendes Relikt. Präsent war die Figur seit den 1960ern wieder, unter anderem in einer eigenen TV-Serie mit 13 Folgen. Eine Verfilmung mit Matt Salinger in der Hauptrolle schaffte es 1990 nicht einmal ins Kino. Alle weiteren Versuche verzögerten sich immer wieder. Bis die Marvel Studios den Faden wieder aufgriffen. Dem Erfolg Iron Mans war es zu verdanken, dass das Superhelden-Universum weiter ausgebaut werden konnte, und Captain America: The First Avenger war 2011 die letzte Hürde, um das Aufeinandertreffen der Marvel-Helden in The Avengers feiern zu können. Es ist auch kein Geheimnis, dass Captain America also erst einmal „sterben“ muss, um in der Gegenwart anzukommen. Wir haben es also mit einer Vorgeschichte des Franchise zu tun, aber auch einer Herkunftsgeschichte, in der es darum geht, Traditionen und Bilder der Pop-Geschichte ins Jetzt zu holen. Ganz so leicht funktioniert das allerdings nicht, denn Captain America startet als Figur mit einem lächerlichen Kostüm und wird auf einer Bühne der Lächerlichkeit preisgegeben.

Heil Hydra!

Captain America: The First Avenger darf sich auf die Fahne schreiben, eine untypische Geschichte zu sein. Für Marvel im Speziellen und für Superhelden im Allgemeinen. Verortet im Zweiten Weltkrieg gibt es nämlich auch leichte Sci-Fi-Elemente zu sehen (kein Wunder: Wir erleben Tony Starks Vater Howard). Von Anfang wird klar: Hier soll gar nicht die Realität und schon gar nicht die Geschichte abgebildet werden. Denn für uns Europäer wäre dies auch ziemlich befremdlich, wie unbekümmert mit historischen Versatzstücken umgegangen wird. Also wird der Krieg, der im Grunde das allseits unmissverständliche Feindbild darstellt, entpolitisiert und in eine Fantasy-Umgebung übertragen, in der es auch keine Schlachtfelder zu sehen gibt. Dafür einen hohen technologischen Fortschritt, den die Deutschen erreicht haben: Laserwaffen, schnittige Limousinen in extra groß und Düsenjets, die es noch nicht einmal im 21. Jahrhundert gibt. Manches Gimmick wie etwa Schmidts Überwachungskameras gab es 1942 allerdings tatsächlich schon. Die eigentliche Gefahr geht von HYDRA aus, eine derart böse Organisation, dass selbst die Nazis auf Distanz gehen. Und so gelingt dem Film das Kunststück, eine Handlung während des Zweiten Weltkriegs darzustellen, ohne auch nur ein einziges Hakenkreuz zeigen zu müssen. Einzig in den Bühnenszenen, in denen Captain America als Werbeträger für die Kriegspropaganda auftritt, deuten die Richtung an, in die der Film hätte gehen können. Die eine oder andere kritische Anmerkung bleibt dabei nicht aus und so steht Steve zeitweise als sarkastischer Kommentar auf die Kriegsmaschinerie da.

Der Protagonist mit dem nötigen Pfadfinderernst

Das Risiko des Films ins Politische abzurutschen, ist durchgängig spürbar. Steve Rodgers erfüllt wesentliche Attribute, die man als heranwachsender weißer US-Bürger mitbringen musste: Ein guter Mensch sein, konservativ bleiben und sich als verlässlicher Amerikaner zeigen. Ecken und Kanten werden vergeblich gesucht. Da Chris Evans bereits einen Vertrag über fünf Filme unterschrieben hatte, stand allerdings bereits fest, dass Steve Rogers also auch nach Captain America: The First Avenger eine Rolle spielen würde. Damit die Figur Entwicklungsraum bekommen konnte, wurde ein echter Saubermann eingeführt: Der Held, der wie kein anderer die US-Symbolik vertrat, sollte weniger patriotisch, dafür umso menschlicher und moralisch einwandfrei sein. Bei einer internationalen Produktion wäre das Bild eines Ultrapatrioten nicht gut aufgenommen worden. Deshalb widmet Johnston seinem Protagonisten einen ganzen Abschnitt, in dem er für die Propagandamaschinerie missbraucht wird. Aber Steve durchschaut die Situation und findet seine wahre Bestimmung. Patriotismus lebt er nicht im klassischen Sinne, sondern in Form des grenzenlosen Glaubens an sein Land. Freiheit, Gerechtigkeit, Grenzenlosigkeit – das sind die Ideale, die Steve antreiben. Darüber hinaus ist Captain America ein erschreckend glattgebügelter Charakter, dessen einzige Charakterschwäche – Naivität – beinahe schon zu vernachlässigen ist. Mit Blick auf die Avengers macht das Sinn: Dort ist er zwischen dem exzentrischen Tony, dem egomanischen Thor und dem wütenden Hulk ein willkommener Ruhepol. Als Träger eines eigenen Films und in der Solo-Veranstaltung weiß die Figur jedoch kaum mitzureißen.

Red Skull: Ein Bösewicht sieht rot

Das Marvel Cinematic Universe kämpft seit Anbeginn mit den Vorwürfen, wenig Herz für seine Bösewichte zu haben. Das mag ein mittlerweile veralteter Vorwurf sein, doch Captain America zählt zu den Filmen jener Ära, in denen auch nicht viel unternommen wurde, um Bösewichten viel Aufmerksamkeit zukommen zu lassen. Hugo Weaving als Red Skull ist nicht nur aufgrund seines roten Totenkopfschädels angemessen diabolisch, sondern weil er glaubhaft vermittelt, dass Hitler gegen ihn ein unfähiges Sandkasten-Spielkind ist. Er will „dem Schatten des Führers entkommen und in die Fußstapfen der Götter treten“. Zwecks tyrannischer Weltherrschaft. Deshalb brüllen die Armeen des Bösen nicht „Heil Hitler“, sondern „Heil Hydra“. Insgesamt ist er aber deutlich weniger dämonisch als Scott Paulins Red Skull in der berüchtigten Captain America-Adaption von 1990. Red Skull hier ist ein typischer Mad Scientist mit überdrehten Waffen. Kaum aus dem Bild, ist er auch schon wieder in Vergessenheit geraten, da er einfach wenig mitbringt, das ihn zu einer spannenden Persönlichkeit qualifiziert.

Indiana Jones meets Flash Gordon

Wenn es darum geht, die Handlung voran zu treiben, liefert Captain America keine Kritikpunkte. Nur das Zwischenmenschliche kommt dabei deutlich zu kurz. Denn: Viel übrig bleibt nicht für die unterschiedlichen Charakterbeziehungen. Egal ob Freunde, Frauen oder Feinde: Der Film erzählt wie die Dinge sein sollen, zeigt nur wenig davon. Kaum wird eine tiefere Bindung zwischen Steve und Erskine angeteasert, hat sich die Sache auch schon wieder erledigt. Das Mentorenverhältnis ist nichts, woraus sich Kapital schlagen lässt. So verhält es sich mit nahezu allen Charakteren, die Steve nahestehen sollen, weil der Fokus niemals auf den Figuren, aber immer der Storyline liegt. Regisseur Joe Johnston findet trotz der (eigentlich bedrückenden) Geschichte auf altmodische Weise angenehmen Erzählton, der Abenteuern wie Indiana Jones überraschend nahekommt. Auch verliert er sich nicht in Effekthascherei, sondern verwendet die Zeit für das Voranschreiten seiner Handlung. Auch wenn Steve als Figur keine Ecken und Kanten besitzt, ist viel von der Behutsamkeit im Umgang mit dieser Figur zu spüren. Steve überzeugt dahingehend in Sachen Motivation und Überzeugung. Gleichzeitig reicherte Johnston seinen Film mit zahlreichen Referenzen an und lockerte den Ton gerade so weit, dass man das Szenario nicht bierernst nehmen muss. Die comichaften Elemente entspringen vor allem den Einlagen rund um HYDRA. Deren Kriegswerkzeuge bringen echten Einfallsreichtum mit und die Strahlenwaffen lassen Captain America mitunter näher an Flash Gordon als einen echten Kriegsfilm rücken. Diese Mischung aus 40er-Jahre-Krieg und Retro-Futurismus machen aber mitunter den größten Spaß aus. Visuell patzt der Film nur in einer Hinsicht: Der nachträglich digital verkleinerte Körper von Chris Evans mag einfach nicht auf den schmächtigen Körper seines Körper-Doubles Leander Deeny (Der junge Inspektor Morse) passen. Dieser Effekt ist nicht nur schlecht gealtert, sondern war bereits 2011 nicht State oft he Art.

Der Strahleheld und das unterforderte Begleitpersonal

Chris Evans erweist sich als gelungene Wahl für die Rolle. Ursprünglich war Bucky-Darsteller Sebastian Stan für die Rolle im Gespräch – kaum auszumalen, wie düster Cap geworden wäre. Evans bringt aber diese Besonnenheit mit, die die Figur ausstrahlen muss. Dass Steve im Laufe der späteren Filme zu einer schillernderen Figur wird, ist inzwischen bekannt. Für Captain America ist es also erst einmal nur wichtig, Besonnenheit und Positivität auszustrahlen, sonst aber nicht weiter anzuecken. Ohne sein solides Spiel und die Anflüge von Selbstironie gibt es allerdings auch wenig herauszuholen. Da war Evans in der Rolle des Johnny Storm (Fantastic Four) schon deutlich aufbrausender unterwegs. Hugo Weaving bringt genügend Erfahrung als Bösewicht aus Matrix mit, wird aber vor ähnlich wenige schauspielerische Herausforderungen gestellt wie Hayley Atwell, die den Anschein erweckt, die Frauenquote hochhalten zu müssen. Immerhin aber macht sie sich gut in ihrer Rolle als Peggy Carter, sodass Marvel Television, ABC Studios und Mutant Enemy ihr mit Agent Carter eine eigene Serie mit zwei Staffeln widmeten und in der die Sendezeit-Defizite aus Captain America ausgeglichen werden. Sonst kann nur Tommy Lee Jones als väterliche Autoritätsperson und in der Paraderolle des harten Knochens mit weichem Kern für den einen oder anderen Lacher sorgen.

Fazit

Captain America: First Avenger mag nicht das größte Kinoeinspiel des MCUs gewesen sein, legte aber einen wichtigen Grundstein für die unterschätzte und später umso wichtigere Figur des Captain America. Seichtes Popcorn-Kino ohne großen Tiefgang, die schärfere Konturen des Protagonisten, wenn nicht sogar aller beteiligten Figuren, vermissen lassen. Die Fortsetzungen sind nicht nur tricktechnisch, sondern vor allem narrativ deutlich stimmiger geraten. Trotzdem muss man dem Film lassen, dass er aus seinem Szenario eine Menge herausholt, dabei Kontroversen und plakative Provokation elegant umgeht. Schlecht ist der Film jedenfalls an keiner Stelle – nur mitunter stellenweise zahnlos und öde. Ein konstant ausgewogenes Heldenspektakel ist dabei nicht herausgekommen, aber zumindest ist die Pflichtübung gelungen, um weiter darauf aufzubauen.

© Marvel Studios


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Ayres

Ayres ist seit 2002 im Community Management tätig, seit einer Weile sogar beruflich. Er ist ein richtiger Horror- & Mystery-Junkie, liebt gute Point’n’Click-Adventures und ist Fighting Games nie abgeneigt. Besonders spannend findet er Psychologie, deshalb werden in seinem Wohnzimmer regelmäßig "Die Werwölfe von Düsterwald"-Abende veranstaltet. Sein teuerstes Hobby ist das Sammeln von Steelbooks. In seinem Besitz befinden sich mehr als 100 Blu-Ray Steelbooks aus aller Welt.

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