eXistenZ

Wie wäre das, wenn man sich eine Steckdose in den Körper einsetzt, sodass man sich direkt mit einen Computer verbinden könnte? Und so in eine komplexe Welt eintaucht, die von der Realität kaum zu unterscheiden ist? In den späten 90ern muss das Thema irgendwie in der Luft gelegen haben. 1999 kommen gleich zwei Filme heraus, in denen die Protagonisten durch eine täuschend echte künstliche Realität irren. David Cronenberg (Naked Lunch) bringt seinen Film eXistenZ heraus und die Wachowskis (Jupiter Ascending) schicken die erste Folge der Matrix-Trilogie ins Rennen. Matrix hat die cooleren Sonnenbrillen und die krasseren Kampfszenen und wird zum Welterfolg. Während eXistenZ Cronenberg zwar zu einen silbernen Berlinale-Bär verhilft, aber an den Kinokassen floppt und künftig nur noch bei eingefleischten Cronenberg-Fans ein Funkeln in den Augen generiert. Dabei hätte eXistenZ durchaus mehr verdient.

 

In einem bescheidenen Kirchenraum hat sich ein kleines Grüppchen Menschen versammelt, um die Vorstellung eines neuen, bahnbrechenden Computerspiels mitzuerleben. Gespielt wird mithilfe einer seltsam organischen Spielekonsole, mit der die Spieler über eine Schnittstelle an der Wirbelsäule und ein Kabel, das verdächtig einer Nabelschnur ähnelt, verbunden sind. Die Spieledesignerin Allegra Gellert (Jennifer Jason Leigh, The Hateful Eight) ist gerade dabei, ihr Virtual Reality-Spiel namens eXistenZ zu erläutern und eine Spielrunde zusammenzustellen, als ein Zuschauer eine grätig-knorpelige Waffe zieht und auf sie schießt. Offenbar ist er Anhänger der “Freunde der Realität”, einer radikalen Gruppierung, die gewaltsam gegen Virtual Reality-Spiele vorgeht. Allegra und der Marketing-Mitarbeiter Ted Pikul (Jude Law, Unterwegs nach Cold Mountain) können fliehen. Unterwegs stellt sich heraus, dass Allegras Spielekonsole, auf der die einzige Version ihres Spiels abgespeichert ist, beschädigt wurde. Um den Schaden zu beheben, müssen Allegra und Ted das Spiel gemeinsam spielen. eXistenZ stellt sich als skurril-düstere Agentenwelt heraus, in der unklar ist, welches Ziel man erreichen muss und wem man trauen kann. Offenbar spielen die “Freunde der Realität” auch im Spiel eine entscheidende Rolle Und ist die vertraute Welt wirklich, was sie scheint? Oder nur eine weitere Ebene des Spiels?

Realität und Fiktion

Originaltitel eXistenZ
Jahr 1999
Land Kanada, Großbritannien
Genre Science-Fiction, Thriller
Regie David Cronenberg
Cast Allegra Geller: Jennifer Jason Leigh
Ted Pikul: Jude Law
Gas: Willem Dafoe
Yevgeny Nourish: Don McKellar
Kiri Vinokur: Ian Holm
Chinesischer Kellner: Oscar Hsu
Hugo Carlaw: Callum Keith Rennie
Merle: Sarah Polley
D’Arcy Nader: Robert A. Silverman
Noel Dichter: Kris Lemche
Laufzeit 97 Minuten
FSK

Anfangs scheint alles noch klar. Es gibt die Spiele-Präsentation, den Schuss und die Flucht. Und es gibt das Spiel, eine Art filmisch umgesetztes Rollenspiel, wo der Spieler zwar Wahlmöglichkeiten hat, aber das richtige Stichwort aussprechen muss, damit die Handlung weitergeht. Doch spätestens, wenn ein kleines, zweiköpfiges Echsenwesen durchs Bild spaziert, wird klar, dass die Realität doch nicht ganz die ist, die wir kennen. Zumal die kleine Echse auch auf der explizit so eingeführten Ebene des Spiels auftaucht, als ziemlich widerwärtige Mahlzeit, aus der man dann eine organische Waffe basteln kann, wie der (reale?) Attentäter sie bei sich trug. Und auch die Ebene des Spiels ist rätselhaft: Mal wird erklärt, dass die Figuren nur ihren vorgegebenen Handlungsmustern folgen und in Warteschleifen steckenbleiben, wenn das richtige Stichwort nicht fällt. Wie NPCs in einem Computerspiel eben. Dann scheinen sie wieder wie menschliche Spieler zu handeln, während offensichtliche Spieler in Handlungsmuster gezwungen werden. Mal merken sie es, mal scheinen sie es ohne Verwunderung hinzunehmen. Und auch die Spieledesignerin, die ihr Spiel eigentlich in- und auswendig kennen müsste, scheint ratlos, was das beste Vorgehen sein könnte. Ja, am Schluss gibt es eine Auflösung. Aber auch die endet in einem Twist, der die ganze Auflösung wieder in Frage stellt. Jede Menge Gehirnjogging für das Publikum.

Der organische Computer

Bei einer Geschichte über futuristische Computertechnik könnte man eigentlich jede Menge Technik, Drähte und Kabel erwarten. Möglicherweise unter scheinbar menschlicher Haut verborgen, wie bei Terminator oder bei den Androiden aus WestworldeXistenZ schlägt einen ganz anderen Weg ein. Hier ist organisch, was sonst aus Metall und Plastik ist. Allegras Spielekonsole wirkt wie ein milde obszönes, nacktes Körperteil voller erogener Zonen, die der Spieler wohl stimulieren muss, um zu spielen. Und auch die Schnittstelle am menschlichen Körper ist keine Steckdose, sondern erotisch aufgeladen. Eine Körperöffnung, die mit Spucke befeuchtet werden muss und auch Finger oder Zunge dringen ab und zu ein. Statt Kabel gibt es eine Art Nabelschnur. Folgerichtig nennt Allegra ihr quasi lebendiges Gerät in wachsender Verzweiflung ihr Baby. Baby ist infiziert und könnte sterben. Da bekommt der Begriff Computer-Virus gleich eine ganz unmittelbare Bedeutung. Je weiter man ins Spiel eindringt, desdo mehr Körperteile, Innereien, Gedärm und Knorpel bekommt man zu sehen, denn die Idee, das die Computer dieser Welt aus den Körpern großer Frösche zusammengebaut werden, wird ausführlich ausgemalt. Nun basieren ganze Filmgenres auf Glibber und Gedärm, aber selten werden Kunstblut und Latex-Requisiten so wirkungsvoll in Szene gesetzt wie hier.

Fazit

Leider ist eXistenZ in den letzten Jahrzehnten nicht so richtig gut gealtert. Das Spiel mit verschiedenen Fiktions-Ebenen könnte immer noch für Verwirrung sorgen, wenn nicht 2010 Inception herausgekommen wäre, wo das gleiche Thema stringenter und optisch brillanter umgesetzt wird. Dafür kann eXistenZ zwar nichts, aber der Vergleich lässt sich kaum vermeiden. Dafür ist eXistenZ düsterer, merkwürdiger und rätselhafter. Nicht weil die Grundidee genialer durchdacht ist, sondern gerade weil weniger erklärt und aufgelöst wird. Und das Unbehagen, das sich angesichts all des Latex-Glibbers, einer organischen Spielekonsole mit Nabelschnur-Kabel oder einer mit Zähnen schießenden Knorpelpistole einstellt, wirkt nach wie vor.

© Kinowelt Filmverleih, Kinowelt Home Entertainment (DVD), Turbine Medien (Blu-ray)


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