Das Goldene Zeitalter

Lesezeit: 4 Minuten

Als „Das Goldene Zeitalter“ bezeichnet vor allem die griechische Mythologie einen Idealzustand, den die Menschheit vor der Zivilisation innegehabt haben musste. Es gab kein Ungleichgewicht zwischen den Geschlechtern und die Menschheit deckte ihre Lebensbedürfnisse mithilfe der Natur. Dieser Begriff inspirierte Roxanne Moreil wahrscheinlich zu ihrem Comic Das Goldene Zeitalter, welches 2019 bei Reprodukt erschien. Entstanden ist dabei ein mittelalterliches Epos, in dem um diese utopische Gesellschaftsform gekämpft wird.

   

Tilda will nach dem Tod des Königs, ihres Vaters, gerecht über das Volk herrschen und dessen Not lindern, sobald sie gekrönt wird. Doch ausgerechnet ihr kleiner Bruder und ihre Mutter haben sich gegen sie verschwören. Sie wird ins Exil geschickt. Mithilfe zweier Verbündeter sucht sie einen Weg, das Königreich zurückzuerobern. Doch immer wieder wird sie von Visionen heimgesucht, die sie in ihrer Grausamkeit verwirren. Bald stoßen sie auf „Das Goldene Zeitalter“, ein vergessenes Buch, das die Welt komplett verändern könnte. Es beeinflusst die Wahrnehmung aller Figuren und beeinflusst auch so manche Entscheidung.

Der Kampf um utopische Verhältnisse

Originaltitel L’Âge d‘Or
Jahr 2018
Ursprungsland Belgien
Genre Fantasy
Autor Roxanne Moreil
Zeichner Cyril Pedrosa
Verlag Reprodukt

In Das Goldene Zeitalter möchte Tilda das Erbe ihres Vaters antreten, um Dinge besser zu machen. Niemand soll mehr leiden, niemand soll kämpfen müssen. Sie ist sanft, ohne allzu naiv zu sein. Sie weiß, dass solche Veränderungen nicht über Nacht möglich sind. Aber sie ist bereit, sich dieser Herausforderung zu stellen, schließlich hat sie wertvolle Verbündete, denen sie trauen kann. Doch als sie vertrieben wird, muss sie einiges über ihr Volk lernen. Verrat lauert an vielen Ecken, sie wird von den Soldaten ihrer Mutter gejagt und die Suche nach weiteren Verbündeten gestaltet sich als schwierig. Sie hat jedoch eine klare Position und steht zu ihren Prinzipien. Immer wieder greift Roxanne Moreil (die 2018 als Mitglied der Comic-Kooperative Maison Fumetti an der feministischen Ausstellung „Ein Comic, wenn ich will, wann ich will“ teilnahm) jedoch die Frage auf, ob das reicht, um den Thron zurückzugewinnen.

Puzzleteile setzen sich zusammen

Nach einer Vision, bei der sie ohnmächtig wurde, wacht Tilda mit ihren Begleitern in einem Dorf aus, das nur aus Frauen besteht. Diese trainieren wie Männer, bestellen das Land wie die Bauern, reparieren und bauen Gebäude und Werkzeuge wie Tilda es nur von Männern kennt. Sie führen ein eigenständiges, abgeschiedenes Leben und haben sich ihrer Sache verpflichtet. Sie möchten einfach nur in Ruhe gelassen werden und das tun, was ihnen ihre naturgegebene Gestalt erlaubt. Der kurze Aufenthalt in diesem Dorf setzt bei Tilda viele Überlegungen in Gang. Vor allem, da die Gruppe dort erstmals von dem Buch „Das Goldene Zeitalter“ hören. Auch die Vorstehende des Dorfes lehrt die junge Frau einiges. Denn sie sagt ihr, dass Tilda selbst ihr Schicksal bestimmen muss. Kurz darauf hat die offizielle Thronerbin erneut eine Vision von sich als Kriegerin. Sie gerät in einen inneren Konflikt, ist ihr doch der Kampf zuwider.

Gestalterische Vielfalt

Zeichnen sich Comics oft durch liebevoll gestaltete Bilder aus, so treibt es Das Goldene Zeitalter beinahe auf die Spitze. Der Stil wird für die meisten Leserinnen und Leser gewöhnungsbedürftig sein, die Figuren sind ein Mix aus Kanten und Rundungen, welche Sehgewohnheiten durchbrechen. Auch die Farbgebung ist besonders. Oft sind Szenen in eine Farbrichtung getaucht und die Unterschiede der Landschaft werden nur durch unterschiedliche Abstufungen des Farbblocks herausgearbeitet. Dabei scheut sich Cyril Pedrosa (Drei Schatten, Mitwirkung an Disneys Der Glöckner von Notre Dame und Herkules) nicht, sich der gesamten Palette an Möglichkeiten zu bedienen. Von dunklem Blau, über Braun, Gelb, Orange und Rosa strahlen die Farben von den Seiten und sind trotzdem subtil. Oft wurden große Panels gefüllt, die es trotzdem schaffen, den Verlauf der Geschichte voranzutreiben. Zum Beispiel, indem die Charaktere von einem Ende zum anderen mehrmals abgebildet werden und dabei weitersprechen oder eine Tätigkeit ausführen. Dass man als Leser*in trotzdem nicht verwirrt wird, ist eine Kunst, die Cyril Pedrosa beherrscht.

Fazit

Als erstes fielen mir die Zeichnungen und die Farbgestaltung auf. Dann las ich, worum es in Das Goldene Zeitalter geht und wollte den Comic unbedingt lesen. Ich bereue es nicht. Man kann auf jeder Seite hängen bleiben, weil die Gestaltung einen zum Entdecken einlädt. Die Geschichte und ihre Figuren sind gut ausgearbeitet und bieten ein paar neue, spannende Ideen, die mir gefallen. So muss ich bei Tildas Visionen irgendwie immer an Jeanne D’Arc denken und bin neugierig, inwieweit das im zweiten Teil der Handlung aufgegriffen wird. Die Entscheidungen der Figuren finde ich nachvollziehbar, vor allem gegen Ende. Die gesamte Aufmachung des Comics macht es zu etwas besonderem, was ich gerne in meinem Besitz habe. Jetzt muss ich ungeduldig auf den zweiten Teil warten.

© Reprodukt

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MadameMelli

MadameMelli ist im Berufsalltag als Informationsninja unterwegs und hilft Suchenden, die passende Literatur zu finden. In ihrem Freundeskreis ist sie als Waschbär bekannt und dementsprechend ist auch kaum ein Buch, Manga oder Comic (oder Tee) vor ihr sicher – alles wird in die Hand genommen, begutachtet und bei Gefallen mit nach Hause geschleppt. Nur nicht gewaschen, das wäre zu viel des Guten. Sinniert gerade darüber, ob es als Waschbär sehr gefährlich ist, Wölfe zu lieben, lässt sich davon aber nicht abhalten und schreibt in ihrer Freizeit selbst Geschichten. Manchmal auch über Wölfe. Oder Tee.

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