Killerbot-Reihe (Band 2): Der Netzwerkeffekt

Killerbot ist wieder da. In seinem neusten Abenteuer Der Netzwerkeffekt geht der bevorzugt launische, zynische, empfindungsfähige und seifenoperaffine Androide wieder einmal der Aufgabe nach, unter widrigsten Umständen seine »matschigen Menschen« zu retten. Mit dem Unterschied, dass er dieses Mal einen etwas längeren Atem benötigt, denn Autorin Martha Wells spendiert uns ihren Killerbot das erste Mal in »voller Größe« als zusammenhängenden Roman.

Killerbot ist eine SecUnit (Kurzform für »Security Unit«) – ein konstruiertes Wesen, das sowohl aus organischen als auch maschinellen Teilen besteht. Lange Zeit war er bloßes Eigentum »der Firma«. Nachdem er aber sein Chefmodul hacken und der brutal-kapitalistischen Corporation Rim den Rücken kehren konnte, baut er sich auf Preservation im Kreise seiner ehemaligen Klienten ein neues Leben auf. Killerbot kann endlich seine Existenz erkunden ohne dabei abgeknallt zu werden. Aber in einem Universum gieriger Unternehmen hält der Frieden natürlich nicht lange an. Plötzlich werden Killerbot und ein paar seiner Preservation-Freunde von einem riesigen Forschungsschiff entführt. Warum und wieso ist die Kernfrage des Plots, doch die plötzliche Erkenntnis, dass ein alter Bekannter dafür verantwortlich sein könnte, erschwert die Sache für Killerbot und die Menschen, die er zu beschützen geschworen hat.

Killerbots erster Spielfilm

Originaltitel Network Effect
Ursprungsland USA
Jahr 2020
Typ Roman
Band 2 / ?
Genre Science-Fiction
Autorin Martha Wells
Verlag Heyne
Veröffentlichung: 8. Februar 2021

Zuallererst: Man könnte Der Netzwerkeffekt sicherlich auch als Stand-Alone-Roman lesen. Er ist eine abgeschlossene Geschichte, deren Hinweise auf vorangegangene Ereignisse für das Verständnis des Romans ausreichend sind. Allerdings ist der Genuss freilich viel größer, wenn man die Vorgeschichte kennt. Die ersten vier Novellen (zusammengefasst in Tagebuch eines Killerbots) sind essentiell für Killerbots Charakterisierung. Hier unternimmt er seine ersten freien Schritte, rettet die »matschigen Menschen«, von denen einige so etwas wie »Freunde« werden, enthüllt das Geheimnis, wie er zu seinem Namen kam, und ist auf der Suche nach seinem Platz in der Welt. Die Novellen sind quasi die vierteilige Miniserie, die uns auf den Langspielfilm Der Netzwerkeffekt mit mehr Budget und Umfang vorbereitet. Damit wird die Geschichte etwas breiter und schwerer, enthält aber immer noch alle Markenzeichen, die eine Killerbot-Geschichte ausmachen. Wir kehren zu geliebten Figuren zurück, kriegen es mit zwielichtigen Machenschaften von Konzernen zu tun und erleben, wie Androiden, KIs und (augmentierte) Menschen wie eh und je versuchen, ihre Verhaltensweisen zu adaptieren.

Für die antisoziale Ader ins uns

Obwohl die Geschichte quasi nur aus dem Blickwinkel einer KI erzählt wird, ist sie für uns Menschen, die wir sie lesen, doch ziemlich »relatable«. Killerbot verkörpert jenen Teil in uns, der gerne mal Mauern hochzieht, dabei aber auch ein Herz aus Zuckerwatte besitzt. Und natürlich jenen Teil, der nach Feierabend wie ein totes Fischstäbchen auf’s Sofa fällt und entnervt Netflix anschmeißt. Es ist wirklich egal, was Killerbot tut, um die Leserschaft zu begeistern. Er könnte quasi auch im nächsten Supermarkt einkaufen gehen. Solange er dabei nur seine eigene »Killerbotness« mit einbringt, verspricht es ein echtes Happening zu werden. Killerbots soziale Unbeholfenheit ist im Übrigen nicht mehr ganz so arg wie früher. Man könnte sagen, dass er als Person gewachsen ist, aber er ist eben immer noch Killerbot, der sich über sein irrationales Verhalten ärgert und gleichzeitig großartige Beobachtungen über die menschliche Natur anstellt (und dabei nie vergisst, seine eigene Note hinzuzufügen).

Der Aufbau: leicht salopp

In Der Netzwerkeffekt scheint es keine klassische Dramaturgie zu geben. Man steckt als Leser mittendrin in einem etwas unorganisierten Fluss aus Aktionen und Gesprächen, die ohne echte Unterbrechungen ineinander übergehen. So wirken die so genannten »HelpMe.files« ziemlich wahllos eingestreut. Auf dem ersten Blick dienen sie nur dem Ziel, das private Leben auf Preservation nach den Erlebnissen des ersten Bands zu beleuchten. Etwa die Bindung zwischen Killerbot und Dr. Mensah, sowie den Umgang zwischen Killerbot und Mensahs sehr progressiven Patchwork-Familie. Ja, wir erleben Killerbot in diesen Rückblenden sogar als Anstandsdame. Für Killerbot sehr ungewohnte und ordinäre Gefilde, so ganz ohne Hacking- und Kampfmanöver, allerdings auch ebenso reizvoll. (Wie gesagt: Man könnte Killerbot in den REWE schicken und man würde sich Fähnchen schwenkend an seine Fersen heften.) Später wird die Geschichte sogar aus zwei anderen Perspektiven als Killerbots erzählt und eine davon steht, warum auch immer, im Präsenz. Das verstärkt den Eindruck des planlosen Stroms, dem in seiner Willkür allerdings auch wieder etwas natürliches anhaftet.

Killerbot, der Zwischengänger

Der Mainplot von Der Netzwerkeffekt handelt von verlassenen Kolonien, entstellten Weltraumpiraten und Konzernintrigen. Inmitten davon zeigt Wells wie geschickt und vertraut sie mit ihren Figuren ist und bringt überzeugende Menschen/Entitäten mit Ängsten und Bedürfnissen zu Papier. Ebenso geschickt ist sie in Sachen Humor und Action. Wells schafft es Vorgänge, die für Killerbot in Sekundenbruchteilen vonstattengehen, für uns »dumme Menschen« zu verlangsamen, sodass wir ja keinen von Killerbots litten John Wick-Moves verpassen. Eine weitere Stärke ist die Art und Weise, wie Killerbot sich einem Geschlecht annähert – nämlich gar keinem. Im Englischen ist das leicht zu lösen, indem Killerbot einfach als »it« betitelt wird. Im Deutschen entschieden sich die Übersetzer für ein elegantes Springen zwischen den Personalpronomen. »Der Killerbot«, »die SecUnit«. Im vorliegenden Band wird Killerbot überwiegend mit »sie« beschrieben, abgeleitet von »die Einheit«. Im traditionellen Sinne nimmt Killerbot aber schlicht kein soziales Geschlecht an. Er hat Vorlieben, Abneigungen und Marotten, die manche als männlich oder weiblich betrachten mögen, Killerbot aber nicht. Dieser Ansatz als ewiger Zwischengänger wird in Der Netzwerkeffekt fortgeführt und bekommt sogar eine neue interessante Würze, wenn der Weg für eine nicht-traditionelle, semi-romantische (?!) Beziehung geebnet wird – mit wem, bleibt an dieser Stelle freilich unter Verschluss. Das Ende der Geschichte ist sehr befriedigend und ein konsequenter Schritt in Killerbots Entwicklung und bietet gleichzeitig die Möglichkeit viele weiterer Killerbot-Stories.

Fazit

Der Netzwerkeffekt bietet alles, was das Herz eines Killerbot-Fans schneller schlagen lässt: Action, sozialen Cringe, Sarkasmus, ein intrigenreiches Konzerngeheimnis, fatalistischen Humor, die Rettung matschiger Menschen und wieder Cringe. Der Roman macht Lust auf mehr – das Markenzeichen einer jeden guten Serie. Killerbot und die Welt, in der er lebt, machen ständig Lust auf mehr. Martha Wells hat mit ihrem künstlichen Enfant terrible einen echten Glückstreffer gelandet.

© Heyne


Veröffentlichung: 8. Februar 2021

 

Totman Gehend

Totman ist Musiker, zockt in der Freizeit bevorzugt Indie-Games, Taktik-Shooter oder ganz was anderes und sammelt schöne Bücher. Größtes Laster: Red Bull. Lieblingsplatz im Netz: der 24/7 Music-Stream von Cryo Chamber auf YouTube.

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