Killerbot-Reihe (Band 1): Tagebuch eines Killerbots

Androiden kommen in allen Farben und Formen. Es gibt die mütterliche Sorte wie Grace in The Umbrella Academy, die subversiven Revoluzzer aka Dolores aus Westworld oder auch die pragmatischen Kampfmaschinen wie etwa T-800 aus Terminator. Martha Wells’ Killerbot fällt dagegen in die seltene Kategorie »launischer Superhacker, süchtig nach Seifenopern». Der 2019 erschienene Roman Tagebuch eines Killerbots ist eine Sammlung von vier Novellen, die ursprünglich auf Tor.com das Licht der Welt erblickten und von denen die erste (Systemausfall) sogar den Hugo Award samt Nebula Award abstauben konnte. Die Geschichten folgen den Abenteuern des titelgebenden Androiden, der absolut kein Mensch sein möchte, wohl oder übel aber zu lernen hat, was Menschlichkeit ausmacht – und dabei immer mit dem Speicherplatz für seine Telenovelas jonglieren muss.

Killerbot (so nennt er sich selbst) ist ein Androide auf Selbstfindungstrip und gleichzeitig eine SecUnit (kurz für “Security Unit”). Als Eigentum eines Sicherheitskonzerns kann er angeheuert werden um eben für Sicherheit zu sorgen. Sein aktueller Auftrag führt ihn auf einen fremden Planeten, auf dem er eine Gruppe von Wissenschaftlern, das sogenannte “PreservationAux-Team” um Dr. Mensah, vor Fauna und Flora beschützen muss. Die Dinge beginnen allmählich zu eskalieren, als eine andere Gruppe von Wissenschaftlern ermordet wird und Killerbot so ziemlich der Einzige ist, der das Team um Mensah am Leben erhalten kann.

Selbstfindungstrip in einer Welt der Konzerne

Originaltitel Murderbot Diaries
Ursprungsland USA
Jahr 2017
Typ Roman
Band 1 / ?
Genre Science-Fiction
Autorin Martha Wells
Verlag Heyne
Veröffentlichung: 14. Oktober 2019

In der Zukunft von Tagebuch eines Killerbots haben Menschen durch die Entdeckung stabiler Wurmlöcher das Weltall erschlossen. Die sogenannte “Corporation Rim” ist die mächtigste politische wie auch wirtschaftliche Entität und umfasst eine Vielzahl an Sternensystemen. Die Koordinaten der Wurmlöcher sind nicht frei zugänglich, sondern Eigentum der Corporation (so wie fast alles). Wells beschreibt hier eine extreme Form des Kapitalismus, in der alles einen Geldwert besitzt und gekauft und verkauft werden kann. Es gibt aber auch Allianzen, die sich ihre Unabhängigkeit von der Corporation bewahrt haben. Zu denen gehören u.a. Dr. Mensah und ihr Team. Aliens gibt es keine, dafür Androiden. Diese sind teils mechanisch, teils organisch und erfüllen unterschiedliche Funktionen (CombatUnit, SecUnit, ComfortUnit). Unsere SecUnit Killerbot unterscheidet sich noch einmal dahingehend, da sie ihr eigenes Chefmodul gehackt hat – jenes Modul, das sie normalerweise limitieren und kontrollieren soll. Heißt also: Killerbot dreht frei und kann tun und lassen was er will. Doch obwohl er eigentlich nur in Ruhe seine Seifenopern schauen will, gibt er wirklich alles (nämlich sein letztes Hemd bzw. vielmehr seinen letzten “Hautanzug”), um seiner ursprünglichen Funktion als SecUnit gerecht zu werden. Vielleicht auch deshalb, um nicht aufzufallen. Denn er ist immer noch Konzerneigentum und keiner weiß, dass er heimlich sein Chefmodul gehackt hat.

Verbindet alles Leben miteinander: Der Feed

Neben der greifbaren Welt, in der sich Killerbot und die Menschen bewegen, existiert noch ein weiterer interessanter Schauplatz: “der Feed”. Quasi ein hintergründiges Netzwerk, vergleichbar mit dem Internet, das immer in irgendeiner Form vorhanden ist. Wenn Killerbot im Feed plötzlich aus dem Nichts angepingt wird oder die KI eines riesigen Raumschiffes ihre wahre übermächtige Gestalt zeigt, dann ist das eine neue Art von digitaler Spannung. Der Feed kann Arbeitsabläufe in vielerlei Hinsicht effizienter gestalten, doch auch hier menschelt es. Dr. Gurathin etwa verfügt als einziger augmentierter Mensch im Team über ähnliche Fähigkeiten wie Killerbot und kann deshalb in dessen Revier wildern. Gurathin und Killerbot können sich nicht leiden, deswegen nimmt Killerbot seine Anwesenheit immer nur missbilligend zur Kenntnis (“Gurathin stochert wieder im Feed rum”). Der Feed ermöglicht neben neuen Formen der Action und Problemlösungen also auch neue Formen des Dialogs und Humors.

Killerbot, das Zugpferd

Der Plot selber ist gar nicht mal so twistreich und “plottig” wie man vielleicht erwarten würde. Die Wurzel allen Übels ist meistenteils die Profitgier der Konzerne und häufig geht’s schlicht darum, alles mögliche zu hacken, alle SecSystems zu bereinigen und generell im Feed abzuhängen. In dieser Hinsicht ist das Tagebuch eines Killerbots also stellenweise repetitiv – und deswegen umso mehr auf den Charakter angewiesen. Und Killerbot ist ein guter Charakter. Er ist eine Mischung aus antisozialem Nerd und Badass-Schläger, der Probleme mit Augenkontakt hat, in sozialen Situationen generell überfordert ist und sich während seiner halsbrecherischen Missionen im Schnitt 700 Telenovela-Folgen reinzieht. Eine Art Schutzmechanismus, denn der Kokon aus Seifenopern spendet ihm Trost. Killerbot wirkt oft zynisch und erschöpft gegenüber der Welt und ihrer Funktionsweise, bleibt aber so loyal und leidenschaftlich “seinen Menschen” gegenüber verpflichtet, dass man meinen könnten, er liebe sie. Er ist gleichermaßen stark und verletzlich, mörderisch und verängstigt, künstlich und organisch – ein Hybrid, und zwar nicht nur auf dieser Ebene.

Er, sie, es, they, xier

Killerbot ist zudem so ziemlich geschlechtslos. Manchmal bezeichnen die Menschen ihn als “er” wegen “der Killerbot”, oft aber auch als “sie” wegen “die Security-Einheit”. In einem Moment nennt sich Killerbot selbst “Eden”, in einem anderen gibt er sich als Sicherheitsoffizierin aus. Mal erscheint Killerbot zierlich, dann wieder groß und kräftig. Er ist ein wandelndes Oxymoron, sowohl im Verhalten als auch in seiner Konstruktion. Es sind seine Erfahrungen als Hybrid und Zwischengänger, die wir hier in einem größeren Kontext erleben, ohne dass die Menschen jemals im Mittelpunkt stehen. Die vier in diesem Band enthaltenen Kurzgeschichten sind thematisch in sich abgeschlossen, bauen aber aufeinander auf und folgen einem größeren Handlungsbogen, der sich vor allem um Killerbots Beziehung zum PreservationAux-Team, die Konzern-Verschwörungen und das Ergründen von Killerbots Vergangenheit dreht: Wie kam er auf den Drops, sein Chefmodul zu hacken und wieso nennt er sich Killerbot? Auf diese Weise stellt Tagebuch eines Killerbots sowohl Novellen-Fans als auch Roman-Sympathisanten zufrieden.

Fazit

Erschöpfter Zynismus und hilfloser Idealismus – Killerbots Stimme ist eine schöne Mischung aus beidem und er selbst ein Spirit Animal für alle Introvertierten da draußen. Tagebuch eines Killerbots bietet Mystery, Action, Charakterstudie, Nervenkitzel und Humor und gewinnt ganz nebenbei auch das Bimmelbingo in Sachen Diversität. Die Geschichten sind gut zusammengestellt und beschreiben eine interessante Zukunft. Das eigentliche Zugpferd ist und bleibt aber Killerbot. Er ist eine Figur, deren Geschichte gleichermaßen witzig wie bewegend ist und deren Gegenwart man Seite um Seite mehr zu schätzen lernt. Da ist es einem dann auch irgendwann wumpe, zum wievielten Mal sich Killerbot wieder irgendwo reinhackt – Hauptsache, man darf dabei sein. Ich freue mich auf Band 2.

© Heyne


Veröffentlichung: 14. Oktober 2019

Totman Gehend

Totman ist Musiker, zockt in der Freizeit hin und wieder Indie-Games & Taktik-Shooter und sammelt schöne Bücher. Größtes Laster: Red Bull. Lieblingsplatz im Netz: der Lofi-Hip-Hop-Radio-Stream auf youtube (der gute Stream von ChilledCow).

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