Okko und ihre Geisterfreunde

In Japan sind Geister einfach anders. Sicher, es gibt sie auch in gruselig, genau wie im Westen. Aber oftmals existieren sie einfach freundlich und unbemerkt um die ahnungslosen Menschen herum. So wie der pelzig-knuffige Naturgeist in Miyazakis Mein Nachbar Totoro, den nur die kleinen Mädchen im Garten sehen können. Der Anime-Film Okko und ihre Geisterfreunde beackert ein ähnliches Terrain: In dem alten Onsen-Hotel hausen so einige Geister, doch nur die 12-jährige Okko kann sie sehen. Aber das ist kein Grund zum Gruseln, eher eine Gelegenheit, in einer neuen Umgebung neue Freundschaften zu schließen. Die Filmversion einer japanischen Kinderbuch-Reihe unter der Regie von Miyazaki-Mitarbeiter Kitaro Kousaka (Mitarbeit an Das Wandelnde Schloss) brachte es 2019 bis zu einer Oscar-Nominierung als bester Animationsfilm.

Gerade als Okkos Eltern auf der Rückfahrt vom Oma-Besuch im Bergdorf mit den heißen Quellen überlegen, ob Oma in ihrem Alter der Führung ihres kleinen Hotels noch gewachsen ist, gerät ein LKW auf die Gegenfahrbahn und rammt das Auto der kleinen Familie. Nur Okko überlebt und seit sie dem Tod so nahe war, kann sie Geister sehen. Nach dem Tod ihrer Eltern ist Oma Okkos einzige Verwandte und so zieht Okko in das kleine, alte Gasthaus mit der heißen Quelle ein. Im kommenden Jahr hat sie eine Menge vor sich: neue Mitschüler, insbesondere die auf Konkurrenzkampf versessene Matsuki. Die schwierige Aufgabe, in ihre Rolle als Nachwuchs-Herbergswirtin hineinzuwachsen. Und der Verlust der Eltern nagt noch an ihr. Wie gut, dass ihr die Geister des Hauses zur Seite stehen, die sehr froh darüber sind, dass endlich einmal jemand sie sehen kann. Schutzgeist Uri-Bo, Poltergeist Miyo und der verfressene kleine Dämon Suzuki begleiten Okko ein Jahr lang durch die kleinen Probleme im Alltag einer Onsen-Herberge.

Berufsprofil: Junge Gastwirtin

Originaltitel Waka Okami wa Shōgakusei!
Jahr 2018
Laufzeit 94 Minuten
Genre Slice of Life, Supernatural
Regie Kitaro Kousaka
Studio Madhouse

Schaut man sich den deutschen Titel an, erwartet man vor allem Spuk und Übernatürliches. Der japanischen Titel setzt einen ganz anderen Schwerpunkt: “Waka Okami wa Shougakusei” – Die junge Gastwirtin ist Grundschülerin. Denn mit ihren zwölf Jahren geht Okko in Japan noch in die sechsjährige Grundschule. Und sie hilft in Omas kleinem Hotel nicht nur aus. Mehr oder minder unfreiwillig ist sie in eine verantwortungsvolle Rolle hineingerutscht. Sie ist die junge Gastwirtin, sozusagen die Kronprinzessin in Omas kleinem Reich, das die Senior-Gastwirtin mit vollendeter Höflichkeit und eiserner Strenge leitet. Wer asiatische Frauen wegen ihres oftmals sanften Tonfalls für unterwürfig hält, der soll mal probieren, unter Oma Minekos scharfem Blick eine Hotelfach-Ausbildung zu machen. Und so muss Okko lernen, das Aushängeschild der Herberge zu sein: einen Kimono mit Anmut tragen und genau die richtige Anzahl kleine Schrittchen über eine Tatami-Matte machen. Nicht vorlaut herausplatzen, auch wenn ein Gast nervt. Stets das Wohl der Gäste im Auge haben. Und siehe da: wenn man sich voller Einfühlsamkeit dem leiblichen Wohl der Gäste widmet, dann löst man auch ihre seelischen Probleme. Ob nun Liebeskummer, Eltern-Kind-Konflikte oder Verlustschmerz, es gibt nichts, was ein heißes Bad und genau der richtige Nachtisch nicht zu einem guten Ende bringen können. Und das Bemühen, andere glücklich zu machen, hilft auch Okko über ihren eigenen Verlust hinweg.

Liebenswerte Geister und Trauma-Bewältigung

Die Geister kommen erst einmal ganz klassisch daher. Uri-Bo und Miyo sind als Kinder gestorben und hängen noch an den Menschen und Orten, die sie im Leben kannten. Uri-Bo war ein Spielgefährte von Oma Mineko, der sie ihr ganzes Leben hindurch unbemerkt begleitet hat. Miyo ist die ältere Schwester von Hotelerbin Matsuki, geistert immer noch durch das große Luxushotel und nimmt Anteil am Leben ihrer kleinen, mittlerweile längst größeren Schwester. Außer ein paar Poltergeist-Streichen wie Unfug mit Filzstiften treten sie als Spukgestalten kaum in Erscheinung, denn niemand kann sie sehen, außer Okko. Ein Großteil der Comedy-Momente beruht darauf, dass Okko mit den beiden spricht und ihre Äußerungen von dem ahnungslosen Menschen um sie herum anders verstanden werden, als sie gemeint sind. Aber vielleicht sind die Geister auch nur imaginäre Freunde, die Okko über das Trauma des Unfalls hinweghelfen? Auch Okkos Eltern sind sehr präsent, ob als Traum, Erinnerung, Wunschdenken oder Geister, bleibt offen. Jedenfalls gelingt es Okko, im Laufe eines Jahres in in ein normales Leben zurückzukehren und je mehr sie wieder Kontakte zu realen Menschen knüpft, schwindet ihre Fähigkeit, Geister zu sehen. Da verbindet sich Psychologie mit buddhistisch-shintoistischen Vorstellungen, denn am Schluss haben Uri-Bo und Miyo ihre Aufgabe erfüllt und können nun in ein neues Leben wiedergeboren werden. Suzuki nicht, der bleibt, denn der ist ein Dämon, kein Geist.

Kulleräugige Figuren und detailreiche Hintergründe

Bei einem Anime anzumerken, dass die Figuren allzu große, runde Augen haben, ist ein wenig wie Donald Duck anzukreiden, dass Enten in Matrosenanzügen komisch aussehen. Dennoch, bei den Figuren von Okko und ihre Geisterfreunde überschreitet die Augengröße wohl für manchen die Grenze von “niedlich” zu “unschön”. Und auch ansonsten sind die Figuren eher schlicht und wenig bemerkenswert gestaltet. Dafür sind die Hintergründe realistisch und detailliert. Für den Japan-interessierten Europäer gibt es viel Gelegenheit, sich in einem Heilquellen-Kurort in den Bergen umzusehen und eine traditionelle Quellen-Herberge von innen kennenzulernen.

Fazit

Der Zeichenstil lacht mich nicht an, das Ende ist gar sehr melodramatisch. Aber ansonsten ist Okko und ihre Geisterfreunde ein hübscher, kleiner Anime über den Alltag an einem Schauplatz, den Europäer sonst wenig kennen, es sei denn, sie haben bei der Japanreise-Planung sehr gezielt recherchiert. Abgesehen von den hochgedrehten Emotionen am Schluss besteht der Charme des Films darin, dass er auch kleine, alltägliche Dinge ernst nimmt und sehenswert macht. Das Genre Slice of Life eben, gut gelaunt und liebenswert umgesetzt.

© Kazé Anime

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wasabi

wasabi wohnt in einer Tube im Kühlschrank und kommt selten heraus.

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