Das Serien-Grundwissen (Teil 9)

Hier gibt es etwas mitzuenehmen: In unserer Reihe “Das Serien-Grundwissen” vermitteln wir kompaktes Wissen zu 70 Serien, die man entweder kennen oder zumindest schon einmal von ihnen gehört haben sollte – und auch weshalb. Natürlich gilt: Ohne Anspruch auf Vollständigkeit. Dies ist keine ultimative Liste, aber ein Wegweiser durch den immer dichter werdenden Serien-Dschungel.

41. The Wire (2002–2008, Krimi / Drama)

© Warner Bros.

Worum es geht: Drogenhandel und seine Auswirkungen in der amerikanischen Großstadt Baltimore, gezeigt aus Sicht der Polizei wie auch aus der Perspektive der Drogenhändler.

Sollte man deshalb kennen: Wir schreiben aktuell das goldene Zeitalter der Serien und am Anfang dieses Zeitalters steht unter anderen The Wire – ein Werk, das Maßstäbe setzte, an denen sich Serienschöpfende noch heute messen lassen müssen. Weder konnte die HBO-Serie in ihren fünf Staffeln mit guten Einschaltquoten glänzen noch eine Vielzahl von Preisen einheimsen (The Wire war nur zweimal überhaupt für den Emmy nominiert), trotzdem sind sich die meisten Kritiker und Zuschauer einig, dass es sich hierbei um eine der besten Serien aller Zeiten handelt. Mit The Wire hat man kein eskapistisches Unterhaltungsfernsehen mit Gut und Böse, sondern gesellschaftskritisches Drama, das fordert und fesselt. Ein vielschichtiges Erzählgeflecht mit langsam und glaubwürdig entwickelten Figuren trifft hier auf eine ungewohnt naturalistische Darstellung der unterschiedlichen Gesellschaftsschichten und Institutionen einer amerikanischen Großstadt. Dabei heraus kommt ein unvergleichlich differenziertes Portrait von Amerikas Kampf gegen die Drogen und wie dieser schon lange verloren ist.

Umfang: 5 Staffeln mit 60 Folgen zu je ca. 45 Minuten

Das gibt es noch: Nichts. Trotz allen Lobs und lautstarker Forderungen nach irgendeiner Form von Fortsetzung blieb es beim ursprünglichen Umfang. Es ist wohl besser so. Etwas nahezu Perfektes sollte man nicht mehr anrühren.

© Paramount Pictures

42. Dexter (2006–2013, Krimi / Drama)

Worum es geht: Schon früh erkennt Polizist Harry Morgan, dass sein Adoptivsohn Dexter nach einem traumatischen Erlebnis keine Emotionen empfindet und die Neigung entwickelt, anderen Lebewesen wehzutun. Es ist die Basis für einen psychopathischen Serienmörder, wie er im Buche steht. Doch anstatt Dexter zur Therapie zu schicken, hilft Harry ihm dabei, seine Neigungen zu verstecken und sie über einen Kodex sogar insgeheim ausleben zu können. Dieser Kodex besagt unter anderen, dass er nur böse Menschen umbringen darf, die es auch verdienen. Jahre später ist Dexter forensischer Analyst beim Miami Police Departement und von (fast) allen als liebenswerter und netter Kollege geschätzt. Niemand ahnt, dass unter ihnen einer der effektivsten Serienmörder der Gegenwart weilt. Vielleicht würde es sie auch nicht stören, denn Dexter lässt nur schlimme Verbrecher verschwinden – in säuberlich verpackten Einzelteilen.

Sollte man deshalb kennen: Meistens steht man als Zuschauer in Krimis auf Seiten der Polizei, die versucht, die Verbrecher zu fassen. Besonders einprägsam sind dabei die Katz-und-Maus-Spiele zwischen Mordermittlern und psychopathischen, aber genialen Serienmördern. Dexter dreht den Spieß um und entführt die Zuschauer in das Leben und die Gedanken eines Serienmörders, der durchaus sympathisch sein kann, aber im nächsten Moment wieder schockiert; der gefangen ist zwischen seiner Lust zu töten und seinen Wunsch zu anderen eine Bindung aufbauen zu können. Dexter ist eines der spannendsten und schwarzhumorigsten Dramen, die es gibt, und in dem es oft ziemlich problematisch ist, auf Seiten des zwiegespaltenen Helden zu stehen. Für dessen Darstellung wurde Michael C. Hall übrigens fünf Jahre in Folge jeweils für den Emmy und den Golden Globe nominiert.

Umfang: 8 Staffeln mit 96 Episoden zu je ca. 45 Minuten

Das gibt es noch: Während der Laufzeit erschienen viele begleitende Medien, wie Comics, ein Videospiel oder die animierte Webserie Dexter: Early Cuts über Dexters Anfänge. Nach einer für viele Fans eher enttäuschenden letzten Staffel kam lange Zeit nichts, ehe 2021 besagte Fans frohlocken durften. Nach acht Jahren Pause schlüpfte Michael C. Hall im Revival Dexter: New Blood wieder in die Haut von Dexter Morgan.

© Warner Bros.

43. Batman (1992–1995, Superhelden-Action)

Worum es geht: Tagsüber der Millionär Bruce Wayne, nachts Batman – Held im Fledermauskostüm. In der korrupten und von Superschurken verseuchten Großstadt Gotham kämpft der Dunkle Ritter mit Fäusten, allerlei technischen Gadgets und gelegentlicher Hilfe von Polizei und Sidekicks gegen das überall lodernde Verbrechen.

Sollte man deshalb kennen: Filmische Comic-Umsetzungen waren lange Zeit eine eher alberne bis peinliche Angelegenheit. Die verfilmten Kindergeburtstage hatten recht wenig mit den intensiven Geschichten der Vorlagen und deren einprägsamer Optik zu tun. Erst Tim Burtons Film-Versionen des Batman-Stoffes von 1989 und 1992 zeigten dem breiten Filmpublikum außerhalb des Comic-Szene ein düstereres Bild des Fledermaushelden und die Tiefen der Figuren. Inspiriert von Burtons Ästhetik schuf Bruce Timm schließlich die Animationsserie Batman. Diese schlägt für Cartoon-Verhältnisse einen vergleichsweise erwachseneren Ton an, setzt diverse Handlungsstränge der Comics um und wird bis heute von vielen Fans und Kritikern als eine der besten Batman-Verfilmungen überhaupt verehrt. Während zudem das Cinematic Universe von DC immer noch einen chaotischen Zickzack-Kurs fährt, begründete Batman das DC Animated Universe, das nachfolgend eine ganze Reihe von Serien und Filmen in derselben Kontinuität und Optik mit zahlreichen Crossovers in sich vereint.

Umfang: 2 Staffeln mit 85 Episoden zu je ca. 22 Minuten

Das gibt es noch: Zu viel, um alles aufzuzählen. Im näheren Orbit folgt die direkte Sequel-Serie Batman und Robin, das cyberpunkige Zukunfts-Sequel Batman of the Future sowie Serien zu Superman und der Liga der Gerechten. Wenn auch nicht Teil der DCAU-Kontinuität, entsteht die Fülle an jährlich veröffentlichten DC-Animationstiteln zum Teil weiterhin unter der leitenden Hand von Bruce Timm.

© Netflix

44. Crazy Ex-Girlfriend (2015–2019, Musical / Dramedy)

Worum es geht: Von klein auf wird Rebecca Bunch auf Erfolg getrimmt. Dem Jura-Studium an Elite-Unis folgt eine steile Karriere in einer New Yorker Anwaltskanzlei, wo sie nun zum Seniorpartner gemacht werden soll. Sie scheint damit eigentlich am Ziel ihrer Träume, doch sie kann sich beim besten Willen nicht darüber freuen. Da scheint es ein Wink des Schicksals, dass ihr dann auf der Straße ausgerechnet Josh Chan begegnet, ihre Kurzzeitliebe aus einem Sommercamp und der einzige Zeitraum in ihrem Leben, in dem Rebecca wirklich glücklich war. Als Josh ihr erzählt, dass er im Begriff ist, zurück in seine Heimatstadt nach West Covina in Kalifornien zu ziehen, kündigt Rebecca kurzerhand ihren Job, bricht alle Zelte ab und zieht Josh, ihrer einzig wahren Liebe, hinterher. Das alles geschieht begleitet von einer fröhlichen Musical-Nummer, die jedoch nur Rebecca wahrnimmt.

Sollte man deshalb kennen: Musical-Serien sind eh schon ziemlich selten (noch dazu mit Originalsongs), aber noch seltener sind Titel, die sich auf eine erwachsene Art und Weise dem Thema psychische Erkrankungen annähern. Während zunächst gerade Rebecca mit ihrem „verrückten“ Verhalten als Witz der Show erscheint, wird schnell klar, dass dies ernste Seiten hat: Erfolgsdruck, Traumata, Selbsttäuschung, das Leugnen der eigenen Probleme, destruktives Verhalten, Stigmatisierung, Zusammenbrüche, Suizid. Mit einem selbstreflexiven Mix aus Humor, Musik und angemessenen Ernst zeichnet Crazy Ex-Girlfriend Rebeccas Suche nach dem eigenen Glück nach, das jedoch nicht in Heirat und Liebe liegt, sondern darin, sich eigenverantwortlich den persönlichen Problemen zu stellen und sich um die eigene geistige Gesundheit zu kümmern.

Umfang: 4 Staffeln mit 62 Episoden zu je ca. 45 Minuten

Das gibt es noch: Den Youtube-Kanal Rachedoesstuff von Hauptdarstellerin und Serienschöpferin Rachel Bloom. Hier gibt es nicht nur alle Songs der Serie im Musikvideo-Format, sondern auch diverse Nummern und Videos aus der Zeit vor Crazy Ex-Girlfriend, wie den „Historically Accurate Disney Princess Song“.

© Warner Bros.

45. Babylon 5 (1993–1998; Science Fiction)

Worum es geht: Wenn die Menschheit ins All aufbricht, dann will sie Frieden und Völkerverständigung. Aber weil das im Weltall eher noch komplizierter ist als auf Erden, wird die Raumstation Babylon 5 erschaffen, als ein Ort, wo all die verschiedenen Völker der Galaxis auf neutralem Boden einander friedlich begegnen können. Etwa die dekadenten Centauri, die kriegerischen Narn, die asiatisch angehauchten Minbari oder die rätselhaften Vorlonen. Auf Babylon 5 wird Handel getrieben und Politik gemacht, geschmuggelt und intrigiert, sodass Captain Sheridan und sein Team Folge um Folge alle Hände voll zu tun haben, um das empfindliche Gleichgewicht zu wahren. Oder auch nur die kleinen und großen Probleme im Alltag einer Raumstation von der Größe einer irdischen Kleinstadt zu bewältigen.

Sollte man deshalb kennen: In den 90ern hatte Babylon 5 bei zwei Aspekten die Nase vorn, die mittlerweile Serien-Standard geworden sind: Einen durchgehenden Handlungsbogen von der ersten bis zur letzen Folge. Und den Einsatz von CGI, der Spezialeffekte einfach so viel besser aussehen ließ. Wer in den 90ern in eine Folge von Babylon 5 hineinzappte, sah richtig gute Raumschiffe und eindrucksvolle Aliens, konnte aber daran verzweifeln, dass ihm wichtiges Hintergrundwissen der vergangenen Folgen fehlte. Wer von Anfang an dabei war, konnte sich nach Herzenslust in staffelübergreifende politische Entwicklungen vertiefen und sich mit einer Vielzahl ausbaufähiger Figuren anfreunden. Dass die Idee ein Knaller war, kann man auch daran ablesen, dassStar Trek kurz danach mit Deep Space Nine das Prinzip aufgriff und statt eines weiteren Raumschiffs ebenfalls eine Raumstation ins All entsandte. Auf welcher Raumstation es spannender zugeht, ist wohl eine ewige Frage für Fans. Aber Babylon 5 war auf jeden Fall zuerst da.

Umfang: 5 Staffeln mit 110 Episoden zu je ca. 44 Minuten

Das gibt es noch: Den Pilotfilm Die Zusammenkunft von 1993 und fünf weitere Fernsehfilme, von denen Legende der Ranger der Pilotfilm für eine weitere Serie hätte sein können, wenn sie denn verwirklicht worden wäre. Außerdem: Babylon 5: Der erste Schritt (1998), Babylon 5: Das Tor zur 3. Dimension (1998), Babylon 5: Der Fluss der Seelen (1998), Babylon 5: Waffenbrüder (1999), Legende der Ranger (2002). Crusade (1999) war ein gescheiterter Versuch eines Spin-offs. Es hätten weitere fünf Staffeln werden können, doch nach der 13. Folge war schon Schluss. Auch aus der Idee, Einzelgeschichten aus den Randgebieten des Babylon 5-Kanons zu verfilmen und direkt als DVD auf den Markt zu bringen, wurde längst nicht so viel wie eigentlich geplant. In Deutschland erhältlich ist nur eine DVD mit zwei Episoden Babylon 5: Vergessene Legenden erhältlich. Außerdem gibt es eine beträchtliche Menge an Romanen, Kurzgeschichten und Comics von verschiedensten Autoren, mal im Einklang mit dem Kanon oder auch mal nicht.

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