Der Herr der Ringe: Die Ringe der Macht (Folge 1×01)

Was war Peter Jacksons Herr der Ringe-Trilogie in den frühen 2000ern für ein Renner! Ein Game Changer, auf Neudeutsch gesagt. Fantasy sah plötzlich ganz anders aus. 20 Jahre später kann man den Stoff schon mal wieder neu auflegen. Aber was gibt es noch zu verfilmen? Der Hobbit? Bereits von Peter Jackson abgearbeitet und durchaus nicht zur Freude der Fans. Das Silmarillion? Eine harte Nuss, selbst für begeisterte Tolkien-Leser. Etwas ganz anderes? Dann fremdeln die Tolkien-Fans und strafen das Millionenprojekt mit Nichtachtung. Amazon wagt die kippelige Gratwanderung und steckt richtig viel Geld in die bislang teuerste Serie aller Zeiten. Am 2. September 2022 startete die erste Staffel von Der Herr der Ringe: Die Ringe der Macht auf Amazon Prime Video mit einer Doppelfolge als Auftakt.

Inhaltsangabe

Einst lebten die Elben im paradiesischen Land Valinor. Bis Morgoth, der dunkle Herrscher, Tod und Zerstörung über die Welt brachte. Die Elben entsandten ein Heer, um in Mittelerde den Kampf gegen Morgoth und seine Orkheere aufzunehmen. Unter den Kämpfern auch der Elb Finrod und seine kleine Schwester Galadriel.

Jahrhunderte später ist nach viel Blutvergießen der Krieg vorbei, Morgoth besiegt und sein höchster Gefolgsmann Sauron verschwunden. Doch Galadriel, deren Bruder im Kampf gegen Sauron starb, ist besessen davon, den verschwundenen Nachwuchs-Herrn des Dunkels aufzuspüren. Hoch im Norden findet sie eine verlassene Festung und ein ominöses Symbol. Für sie das Stichwort, weiter zu suchen, für ihre erschöpften Gefährten der Moment, wo man die sinnlose Mission abbricht und zum Elbenkönig zurückkehrt. Da sie ihr die Gefolgschaft verweigern, muss Galadriel enttäuscht umkehren. Doch auch beim König und ihrem alten Freund, dem Halbelben Elrond findet sie kein Verständnis. Die beiden haben sogar einen Plan ausgetüftelt, wie man die unbequeme Kriegerin ehrenvoll loswird. Denn ihr rastloses Suchen könnte gerade die Mächte aufscheuchen, die seit Jahrhunderten verschwunden waren. Also schickt der König sie nach Valinor, der Heimat der Elben zurück. Andernorts spürt das friedliche Völkchen der Harfüße, wohl benannt nach ihren haarigen Füssen, dass etwas Bedrohliches in der Luft liegt. Wieder woanders patrouilliert der Elbenkrieger Arondir durch ein Menschendorf, immer noch auf der Suche nach Anzeichen von dunklen Mächten. Zum Missfallen von sowohl Elben als Menschen hat Arondir zarte Gefühle zur Dorfheilerin Bronwyn entwickelt. Auch hier geschieht Merkwürdiges: Eine kranke Kuh gibt schwarze Milch, ein Dorf steht in Flammen, Bronwyns halbwüchsiger Sohn entdeckt ein zerbrochenes Schwert mit dem Symbol Saurons und gehörig dunkelmagischer Ausstrahlung. Kurz bevor Galadriel in ihrer Heimat ankommt, beschließt sie, vom Schiff zu springen und zurückzuschwimmen. Über den Himmel von Mittelerde zischt ein roter Komet, ein goldgelbes Blatt hat plötzlich bedrohlich schwarze Adern und im Einschlagkrater des Kometen findet Harfuß-Mädchen Nori einen bewusstlosen alten Mann.

Zurück in Mittelerde

Wer hätte gedacht, dass es nochmal eine filmische Rückkehr nach Mittelerde geben würde? Jetzt sind wir also wieder im Reich der Elben, Zwerge und Hobbits. Wo epische Schlachten geschlagen werden, phantastische Wesen hausen, Dialoge klingen wie in Stein gehauen und das Böse nicht von menschlicher Skrupellosigkeit und Egozentrik herrührt, sondern von einem dunklen Herrscher, der seine Geschöpfe der Finsternis gegen die Kräfte des Lichts entsendet. Das Ganze vor den majestätischen Landschaften Neuseelands und atemberaubender Palastarchitektur aus dem Computer. Das kann begeistern oder den Zuschauer völlig kalt lassen. Der Herr der Ringe: Die Ringe der Macht spielt jedoch nicht im Mittelerde von J.R.R. Tolkiens Romantrilogie, sondern einige Zeitalter zuvor. Offenbar haben die Autoren Das Silmarillion, Tolkiens unvollendeten Versuch, eine Mythologie von Mittelerde zu erschaffen, aufmerksam gelesen und das schwer verdauliche Werk als Steinbruch für fernsehtaugliche Handlungsstränge benutzt. Und so begegnen wir einer jungen Galadriel, die so blond und betörend schön ist, dass sie im Verlauf der Zeitalter einmal zu Cate Blanchett (Ocean’s 8) werden kann, die die Rolle in Peter Jacksons Verfilmung spielte. Während ihr Freund Elrond schon in jungem Alter die scharfen Züge hat, die auf eine Jugend-Version von Hugo Weaving (Matrix), dem Elrond in späteren Jahrhunderten, bzw. vor zwanzig Jahren verweisen. Der Ausgangspunkt ist schon einmal recht kanonisch, auch wenn die Spezialisten vermutlich jede Menge Unstimmigkeiten entdecken werden. Dem Laien fällt höchstens auf, dass junge Elben keine Zöpfchen im langen Haar mehr tragen wie einst Legolas. Sondern schwungvolle Kurzhaarfrisuren, etwa wie ein Oxford-Absolvent des frühen 20. Jahrhunderts. Mit dem jungen Orlando Bloom (Der Herr der Ringe: Die Gefährten) zu konkurrieren wäre auch eine Herausforderung, die man besser meidet. Ach ja, und es gibt jetzt schwarze Elben und auch bei den anderen Völkern geht es sehr viel diverser zu. Ansonsten fühlt sich alles sehr vertraut an.

Elben, Menschen, Hobbits

Da sind sie wieder, all die Völker, die man aus Mittelerde kennt. Die Hobbits sind noch nicht die liebenswert-spießigen Provinz-Kleinbürger, die sie später einmal sein werden, sondern ein naturverbundenes Nomadenvolk, das Schnecken und Beeren sammelt. Doch sie stellen bereits jetzt schon Familienverbund und Sicherheit über Abenteuerlust und nur allzu neugierige Außenseiter hadern mit dem Übermaß an kuscheliger Geborgenheit. Diesmal ist es ein Mädchen, das etwas erleben und die Welt sehen will. Wie Der Herr der Ringe: Die Ringe der Macht auch ansonsten ansehnliche Frauenrollen schafft, wo man sie bei Tolkien mit der Lupe suchen muss. Auch bei den Elben steht eine starke Frau ganz vorn: Statt nur eindrucksvoll zu posieren, wie später bzw. früher, zieht Galadriel hier mit dem Schwert los, getrieben vom Schuldkomplex der Überlebenden. Muss man mögen, funktioniert aber. Apropos posieren. Es ist schon eine mutige Entscheidung, gleich mit den Elben anzufangen. Denn die wirkten in der Vorlage umso besser, je sparsamer sie auftraten. Große Posen, pathetische Dialogzeilen und Gewänder wie aus dem Opernfundus wirken am besten vor staunenden Hobbitaugen und in Momentaufnahme. Sieht man sie sich näher an, sind sie vielleicht gar keine Lichtgestalten. Sondern hochnäsige Aristokraten, die wegen ihrer Langlebigkeit, Kampf- und Magieskills auf andere Wesen herabschauen und hohle Phrasen dreschen. Folge 1 lässt dieser Möglichkeit durchaus Raum. Wenn der Elbenkönig seinen Moment von größtem Pathos hat, weiß man schon, dass Elrond ihm die Rede geschrieben hat. Und dass das fast religiöse Glücksversprechen ein intriganter Schachzug ist, um die lästige Störenfriedin loszuwerden. Die Menschen in dieser Version von Mittelerde schätzen Elben jedenfalls nicht besonders. Denn die treten als verhasste Besatzungsmacht auf und betrachten die menschliche Bevölkerung als anfällig für die Verlockungen der dunklen Seite. Nicht nur vor Zeiten, sondern prinzipiell. Damit macht man sich keine Freunde. Auch, wenn goldenes Licht, Jugendstil-Pavillons und wallende Roben durchaus ihre Wirkung tun. Interessante Entwicklung, daraus kann man durchaus was machen.

Wie sieht eine Milliarde Dollar aus?

So viel soll die Produktion von Der Herr der Ringe: Die Ringe der Macht gekostet haben. Fantasy ist ein Genre zum Klotzen, nicht zum Kleckern, denn Low Budget funktioniert nur schlecht. Bei einem Genre, das so sehr die Bereitschaft des Zuschauers fordert, temporär Dinge jenseits der Realität für glaubwürdig zu halten, schmeißt einen jedes billige Requisit sofort aus der Illusion und man mag nicht mehr an Drachen und Magie glauben, wenn sie offensichtlich aus Pappmache und Bühnenfeuerwerk bestehen. Bei Der Herr der Ringe: Die Ringe der Macht kann man jeden Cent sehen, der eingesetzt wurde, um eine Welt der Elben-Paläste, goldenen Wälder und epischen Schlachten zu schaffen. Das geht von den offensichtlichen CGI-Momenten hin zu bis ins Detail durchdachten Kostümen für all die verschiedenen Völker und der sorgfältigen Auswahl von Kleindarstellern mit ausdrucksvoll-knorrigen Gesichtern. Das hatte Peter Jackson Anfang dieses Jahrhunderts schon vorgemacht und mit noch mehr Geld und zwanzig Jahren Entwicklung in der Software-Branche kann man das durchaus toppen. Hoffentlich wird es auch genügend spannenden Inhalt geben, der diese großartigen Kulissen füllt. Nach nur einer Folge wäre eine Einschätzung verfrüht, der erste Eindruck ist jedenfalls ein Augenschmaus der Extraklasse.

Fazit

Optisch prachtvoll. Wie Peter Jackson, nur noch schöner. Den bedeutungsschwangeren Fantasy-Ton genau getroffen, auch wenn man vielleicht gerade die zynische Konkurrenz-Serie House of the Dragon geschaut hat, wo blonde Lichtgestalten auf Drachen einfach nur Machtpolitiker sind wie alle anderen auch und für dunkle Herrscher oder Mächte des Lichts so gar kein Platz ist. Da die Handlung gleich in drei Strängen ansetzt anstatt, wie einst im Auenland anzufangen und sich dann immer weiter aufzufächern, ist noch nicht klar, wohin die Reise geht und wie all die verschiedenen Figuren zueinander finden werden. Aber bislang ist noch kein potenzieller Langweiler in Sicht. Auch, wenn noch viel erklärt und geredet werden muss, gibt doch schon ein Monster der Woche: Ein Eistroll, der Galadriels Weg kreuzt. Außerdem in Momentaufnahme: ein Drache, ein brennender Riesenadler und ein ansehnlicher Warg. Wobei meine Lieblingsmonster gar keine sind. Die Gestalten mit den großen Elchgeweihen auf den Schultern sind nur zwei Jäger und vielleicht spielen sie gar keine große Rolle. Aber ihr kleiner Auftritt ist ein so richtig magischer LotR-Moment.

© Amazon

wasabi

wasabi wohnt in einer Tube im Kühlschrank und kommt selten heraus.

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