X

X – das steht für x-rated, also: keine Jugendfreigabe. Eine Einstufung, die bis zu den 90ern in den USA vor allem für Pornografie galt. Hinter diesem Titel stecken das Qualität versprechende Hollywood-Produktionsstudio A24 (Lamb, Hereditary – Das Vermächtnis, The Green Knight) und Regisseur Ti West (The Innkeepers). Der Film X verbindet Sex mit Gewalt und Porno mit Horror vor der Retro-Kulisse der florierenden 70er, als junge Filmemacher günstig produzieren und ihr Resultat schnell per VHS weiterreichen konnten, um sich eine goldene Nase zu verdienen. Die Produktion bewegt sich mit ihrem abgeschiedenen und hitzigen Flair ein wenig in ähnlichen Kreisen wie das von Michael Bay produzierte Texas Chainsaw Massacre: Retro-Horror im staubigen Hochglanz-Grindhouse-Look. Als Eröffnungsfilm der Fantasy Filmfest Nights 2022 sorgte der Film für ausverkaufte Säle. Das Studio hat jedenfalls großes Vertrauen in den Film, denn das Prequel Pearl wurde parallel abgedreht. Die deutsche Heimkino-Veröffentlichung wurde auf den 2. September 2022 datiert.

 

Texas, 1979: Der Produzent Wayne Gilroy (Martin Henderson, The Ring) wittert das große Geld im Porno-Business und hat den Nachwuchs-Regisseur R.J. (Owen Campbell, Super Dark Times) mit einem Film beauftragt. Die Kulisse dafür ist eine heruntergekommene Farm irgendwo am Arsch der Welt. Gemeinsam machen sie sich mit ihrer Crew im Van auf den Weg. Dazu gehören der Darsteller Jackson Hole (Rapper Kid Cudi alias Scott Mescudi), die Darstellerinnen Maxine (Mia Goth, A Cure for Wellness) und Bobby-Linne (Brittany Snow, Pitch Perfect) sowie R.J.s für den Ton zuständige Freundin Lorraine (Jenna Ortega, Scream). Die erste Begegnung mit dem kauzigen Howard (Stephen Ure, Der Herr der Ringe), dem Besitzer ihrer Unterkunft, fällt unangenehm aus, doch sonst verläuft der Dreh erst einmal gut. Nur die Anwesenheit von Howard und seiner eigenartigen Frau lässt das mulmige Gefühl nicht verschwinden …

Eine Porno-Crew zur falschen Zeit am falschen Ort

Originaltitel X
Jahr 2022
Land USA
Genre Horror
Regie Ti West
Cast Wayne Gilroy: Martin Henderson
Jackson Hole: Kid Cudi
Maxine: Mia Goth
Bobby-Linne: Brittany Snow
Lorraine: Jenna Ortega 
R.J.: Owen Campbell
Howard: Stephen Ure
Laufzeit 108 Minuten
FSK
Veröffentlichung: 2. September 2022

X erzählt die Geschichte einer Porno-Crew, die sich eine alte Farm für ihren Schmuddelfilm ausgesucht hat. Das erst einmal am Rande, denn der Film nimmt sich Zeit, die wilden Spät-70er noch einmal zu atmen: der lockende Ruf der Natur, ikonische Musik, freie Liebe, unbeschwerter (Drogen-)Konsum. Die Hoffnung auf den großen Durchbruch in einem aufkeimenden Business, in dem sich kostengünstig produzieren lässt. Für R.J. geht es um seinen Namen als Regisseur, es ist ein Leidenschaftsprojekt, während Wayne nur das Geld (und die Frauen) sieht. Die Motivation der einzelnen Crew-Mitglieder weckt Neugier, denn jede der sechs Personen lernt man in den 108 Minuten näher kennen. Es herrscht eine Art Aufbruchstimmung, die schon zu Beginn einen frühen Dämpfer bekommt. Denn wie in Texas Chainsaw Massacre (2003) erfahren wir durch polizeiliche Untersuchungen in einem Flash Forward, dass der Dreh ein blutiges Ende nehmen wird. Was ist hier denn nun geschehen? Großstädter gegen Hinterwäldler? Jung gegen alt? Porno-Crew gegen Sittenwächter?

Starke Charakterentfaltung

X gibt sich für einen Slasher auffällig hintergründig: Viele Erzählmotive stecken hinter den zwischenmenschlichen Interaktionen, stellenweise sogar mit trauriger Note. Obwohl das Szenario furchtbar absurd ist und sich zum Teil selbst auf den Arm nimmt (Sex zwischen den Kühen im Stall ‒ ein Klassiker), ist der Rest des Films es nicht: Wer nach der Inhaltsangabe denkt, er wisse, wohin die Reise gehe, denkt definitiv falsch. Wer das Ende vorhersieht, muss schon eine Kristallkugel besitzen oder besitzt übermenschliche Instinkte. Ti West zaubert eben keinen Kettensägen schwingenden Killer hervor, sondern ein greises Ehepaar, dem man sein Alter auch abnimmt.  Er lässt sich viel Zeit für die Charakterisierung seiner Figuren. Es geht ihm nicht darum, einen nach dem anderen schnell zu eliminieren, sondern für jede Figur einen Platz in der Geschichte zu finden und sie auch stattfinden zu lassen. Dazu gehört das Auskosten von Sex-Szenen bei den unterschiedlichen Drehs, aber auch das Miteinander der Figuren abseits der Produktion. Es entsteht ein Gefühl von ‘so könnte ein Dreh von damals wirklich statt gefunden haben’ und damit ein exklusiver Einblick hinter mögliche Kulissen der 70er. Nimmt man X einmal jegliche Gore-Momente, könnte das ein Film sein, den in den 70ern sicherlich viele Regisseure gerne gedreht hätten. Ob als Schattenseite des Porno-Business oder als Charakterdrama, Ansätze hätten in alle Richtungen ausgebaut werden können. Handlung und Dialog sind der Schlüssel zur Vielseitigkeit.

Stylischer Retro-Slasher

Das bewusst körnige Bild erzeugt ein nostalgisches Flair, mit dem immer wieder der Kontrast zwischen heute und damals unterstrichen wird. Für eine 2021 entstandene Produktion im Horror-Bereich sieht das Ergebnis erschreckend gut aus. Aus den überschaubaren Kulissen wurde das Maximum herausgeholt und das gesamte Areal erstrahlt im Hochglanz-Dreck. Genre-Fans freuen sich über die hauptsächlich handgemachten Effekte und anstatt die Figuren beiläufig zu killen, ist jede Todesszene erinnerungswürdig in Szene gesetzt. In einigen Einstellungen ehrt West auch große Filmemacher wie Alfred Hitchcock oder Hooper.  Wie jede A24-Produktion ist X nicht nur selbstbewusst unterwegs, sondern auch offensichtlich in den eigenen Stil verliebt, soviel Zeit bleibt mitunter für audio-visuelle Spielereien. Schauspielerisch ragt Mia Goth aus dem Cast hervor, die schon in einigen Genre-Titeln wie Suspiria, A Cure for Wellness und High Life glänzen konnte und bemerkenswert selbstbewusst auftritt. Neben ihr sticht auch Scream Queen Jenna Ortega hervor, die seit 2022 Teil des Scream-Frachises ist. So oder so: Jede Figur ist stark besetzt.

Fazit

Vermarktet wird X fälschlicherweise als reißerischer Porno-Slasher. Das ist dem Marketing mit Sicherheit dienlich, verfehlt aber den Kern. Anders als (x-)beliebige Slasher steht hinter dieser Produktion mit A24 ein namhaftes Studio, das hohe Erwartungen schürt. Bricht man es herunter, ist X mehr als ein simpler Slasher, der von seinen (für das Genre schon absurd) hohen Produktionswerten lebt. Hinter der Fassade stecken allerlei gesellschaftliche und zeitgenössische Themen, die mal ernst, mal bewusst komisch aufgearbeitet werden. Selbst ohne Handlung hat X eine Menge zu sagen über Liebe, Sex, Doppelmoral, Entfremdung, Alter und Jugend, Ruhm, Reichtum und Sehnsüchte.  Das ist insofern überraschend, als dass die meisten Slasher bereits anhand ihrer Inhaltsangabe vorhergesagt werden können ‒ das ist hier definitiv nicht so. Auch als Backwood-Slasher erfüllt dieser Film einen besseren Job als alle Texas Chainsaw Massacres, Wrong Turns und was es noch so in den letzten 20 Jahren gab.

© Indeed Film


Veröffentlichung: 2. September 2022

Ayres

Ayres ist seit 2002 im Community Management tätig, seit einer Weile sogar beruflich. Er ist ein richtiger Horror- & Mystery-Junkie, liebt gute Point’n’Click-Adventures und ist Fighting Games nie abgeneigt. Besonders spannend findet er Psychologie, deshalb werden in seinem Wohnzimmer regelmäßig "Die Werwölfe von Düsterwald"-Abende veranstaltet. Sein teuerstes Hobby ist das Sammeln von Steelbooks. In seinem Besitz befinden sich mehr als 100 Blu-Ray Steelbooks aus aller Welt.

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