Black Mirror: Bandersnatch

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Wenn eine Serie für eine Überraschung gut ist, dann Black Mirror. Die mehrfach mit dem Emmy prämierte Sci-Fi-Serie aus Großbritannien spielte sich mit ihren frischen Ideen und innovativen Digital-Themen in die Herzen der Netflix-Zuschauer. Am 28. Dezember 2018 sorgte der Streamingdienst für den nächsten Überraschungseffekt: Anstelle einer (auf 2019 verschobenen) fünften Staffel stellte der Streaming-Riese eine interaktive Episode parat. “Bandersnatch”, so der Titel des Specials, suggeriert dem Zuschauer, den Verlauf der Handlung durch Entscheidung mittels Fernbedienung selbst zu bestimmen. Was PlayStation-Spieler längst durch Titel von Telltale Games oder Until Dawn kennen, könnte der nächste heiße Scheiß werden. Wir testen den Testballon.

England, 1984. Stefan (Fionn Whitehead, Dunkirk) ist ein Spielprogrammierer. Er hat es sich zum Ziel gesetzt, das Spielebuch “Bandersnatch” seines Idols Jerome F. Davies zu digitalisieren. Mit dem Vorhaben wendet er sich an das Entwicklungsstudio Tuckersoft, in dem auch der Programmierer Colin Ritwell (Will Poulter, The Revenant – Der Rückkehrer) arbeitet. Stefan muss eine Entscheidung treffen: Geht er auf den Deal des Studios ein, welches eine knappe Deadline umfasst, oder geht er lieber seinen eigenen Weg?

Black Mirror: Bandersnatch: Du bist am Zug

An dieser Stelle muss der Zuschauer die erste schwerwiegende Entscheidung fällen. Möglicher Erfolg oder freigeistliches Schaffen? Um warm zu werden, darf die Musik im Bus mitbestimmt (stilecht mit Walkman) sowie die erste wichtige Entscheidung des Tages getroffen werden: Was landet eigentlich in der Frühstücksschüssel? Frosties oder Sugarpuffs? Man ahnt bereits, welche großen und kleinen Entscheidungen Relevanz für die Handlung besitzen und welche einfach nur eine alternative Szene darstellen. Ohne, dass der Eindruck entsteht, man bekäme hier etwas vorgegaukelt. Der Zuschauer fühlt sich zunächst einmal in die Handlung vertieft und beginnt, über die jeweilige Situation nachzudenken. Nicht immer besteht dafür viel Zeit, aber so ist das eben mit Entscheidungen. Um den Fortlauf zu bestimmen, werden zwei Optionen am unteren Rand des Bildschirms eingeblendet. Der Zuschauer wählt mittels Fernbedienung den gewünschten Verlauf und gefühlt ohne Layerwechsel geht es direkt weiter.

Wie real bist du?

Die Kernfrage ist immer: Was ist real? Dabei ist die Geschichte sogar weniger von Bedeutung als viel eher die Technik. Die Szenen in Bandersnatch gehen fließend ineinander über. Viel verstörender ist eher, wie schnell der Mindfuck-Pegel erreicht ist, denn frühzeitig lassen die Autoren einen wissen, dass man bis auf eine Meta-Ebene vordringen kann. Alles eine Frage der Perspektive, auf die der Zuschauer sich einzulassen gewillt ist. Die auf 90 Minuten ausgerichtete Handlung kann nämlich bei Bedarf eine Spielzeit von mehr als fünf Stunden annehmen. Doch als Zuschauer ahnt man bereits, welche Route zu einem Umweg ausufern könnte. Nicht ganz konsequent verfolgt ist der Gedanke des Endes: Einen wirklichen Abbruch gibt es nicht. Hier stellt man das Zuschauerwohl über ein mögliches Bad End und dreht die Handlung einfach zur letzten Entscheidung zurück, sodass es fast immer auf irgendeine Weise weitergeht. Diese Sackgassen sind stilistisch zwar fast immer sauber gelöst, stellen allerdings gleichzeitig auch einen dramaturgischen Bruch dar.

Ein immersives Ziel erfordert eine ambitionierte Crew

Im Vordergrund bleibt immer die Attraktivität der Routenwahl. Die Geschichte selbst ist nicht herausragend und nimmt auch innerhalb der Serie keine Ausnahmeposition ein. Regisseur David Slade (Hard Candy) verlässt sich darauf, dass der Zuschauer Gefallen daran findet, Gott zu spielen. Autor Charlie Brooker setzt dabei auf verstörende Erzählzweige, bei denen jedoch anders als in anderen Black Mirror-Episoden weniger der (inhaltliche) technische Fortschritt beeindruckt. Fionn Whitehead als ehrgeiziger Protagonist Stefan und Will Poulter als der geheimnisvolle Colin liefern eine starke und vor allem glaubwürdige Performance ab. Beide Schauspieler agieren auf einem ähnlich hohen Niveau, sodass der (geistige) Zweikampf beider junger Männer die vermutlich schillerndste Facette der Geschichte darstellt. Visuell erhebt sich das Special in ähnliche Höhen wie etwa Stranger Things oder Maniac. Die 80er werden als bunte und charismatische Dekade dargestellt, die über düstere Nuancen in den richtigen Momenten verfügt.

Sci-Fi-Fans lieben die Serie ohnehin heiß und innig. Auf Bandersnatch kann man schon alleine aufgrund der Interaktivität nicht verzichten. Schließlich könnte das hier ein wirklich greifbares Stück Zukunft sein. Reine Geschmackssache ist die künstlich verworrene Geschichte, die bewusste Längen aufweist, um den Zuschauer möglichst lange zu unterhalten. Klasse ist die Idee ohne Zweifel und wird auch dem Geist von Black Mirror vollstens gerecht. Nur merkte ich bereits nach dem ersten Durchlauf, dass das Interesse an mehr eben doch geringer ausfällt als angenommen.

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Ayres

Ayres ist seit 2002 im Community Management tätig, seit einer Weile sogar beruflich. Er ist ein richtiger Horror- & Mystery-Junkie, liebt gute Point’n’Click-Adventures und ist Fighting Games nie abgeneigt. Besonders spannend findet er Psychologie, deshalb werden in seinem Wohnzimmer regelmäßig "Die Werwölfe von Düsterwald"-Abende veranstaltet. Sein teuerstes Hobby ist das Sammeln von Steelbooks. In seinem Besitz befinden sich mehr als 100 Blu-Ray Steelbooks aus aller Welt.

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