Nivawa und Saito

Lesezeit: 5 Minuten

Nach dem märchenhaft-morbiden Siúil, a Rún Das fremde Mädchen begann Tokyopop 2018 mit der Publikation der dreibändigen Kurzserie Nivawa und Saito. Ebenfalls aus der Feder Nagabes teilen sich beide Mangas das Slice of Life-Genre, doch ist Nivawa und Saito an einem anderen Ende des Genre Spektrum angesiedelt: In einem alltäglichem modernen Japan, bekommt der arbeitslose Saito die kleine Nivawa aufgedrängt. Nivawa ist ein Kind, aber nicht irgendeins, sondern das einer intelligenten Spezies namens Arfica. Und sie möchte von der menschlichen Kultur lernen – ausgerechnet von Saito!

Saito arbeitet nicht und verbringt seine Zeit meistens zu Hause mit Nichtstun oder Videospielen. Seit kurzem kann er seiner Gewohnheit allerdings nicht mehr nachgehen, denn mitten in seiner Wohnung hat sich Nivawa eingenistet. Arfica sind zwar intelligent und können sprechen, aber auch ziemlich anstrengend sein. So brauchen sie reine Luft zum Atmen und können nicht einfach alles zu sich nehmen, was die Menschen essen. Loswerden kann Saito das possierliche Kindchen mit dem Atemgerät im Maul allerdings auch nicht, denn die Mutter kann ganz schön bedrohlich werden, wenn sie darauf besteht, dass Nivawa bei Saito bleibt…

Mitten in den neuen Alltag reingeplatzt

Es braucht eine Weile, um sich zurecht zu finden. Die Geschichte beginnt weder mit Saitos altem Leben, das zerstört wird, noch beschreibt sie seine erste Begegnung mit Nivawa. Nivawa ist einfach schon da und Saito kann den Störenfried mit der in Gedanken allgegenwärtigen, gruseligen Mutter eben nicht loswerden. Fragen werden weder wirklich beantwortet, noch aktiv untersucht. Saito versucht irgendwie die Situation hinzunehmen und sein altes Leben so weit wie möglich fortzusetzen. Was besser funktioniert als sich zunächst vermuten lässt, denn die Geschichte macht schnell klar, dass Saito vollkommen ambitionslos bis faul ist und alle Beteiligten zwar ihre Macken haben, aber eigentlich absurd gutherzig sind, sodass sich alle hinterher doch irgendwie mögen und aller gelegentlichen Torschusspanik zum Trotz kein Indikator für eine tatsächliche Gefahr vorliegt.

Realistisch…

Originaltitel Nivawa to Saitou
Jahr 2015
Bände 3
Genre Slice of Life, Comedy
Autor Nagabe
Verlag Tokyopop (2018)

Das Setting ist ein modernes Japan. Die Landschaften indizieren keine Stadt im Speziellem, aber es sind viele recht typische Alltagselemente zu finden. Wie etwa ein Spielplatz in der Umgebun,vein Konbini oder ein Vermieter, der direkt beim Apartment wohnt. Die Zeichnungen der Schauplätze sind teilweise sogar fast schon fotorealistisch gehalten, wenngleich sie sich auf keine markante Lokalität festlegen. Saitos und Nivawas Reaktionen und Impressionen sind auch mit reichhaltigen Gesichtsausdrücken dargestellt, die zwar leicht überzeichnet sind, sie aber sehr lebhaft erscheinen lässt. Innerhalb von Saitos Zimmer funktioniert das Duo nicht viel anders als ein Kleinkind in einem niedlichem Kostüm, das einem (nicht wirklich erwachsen gewordenem) Erwachsenem aufgedrängt wurde, der weder die Vorbereitung noch die Muße hat zur Kindererziehung. Nivawas Begeisterung wirkt wahlweise so nervig oder so rührend wie von einem normalen 4- bis 5-jährigen Kind gewohnt. Die ein oder andere Geschichte kann man sich daher auch schon von Anfang an denken, inklusive des obligatorischen Finaldramas, bei dem Nirvawa Saito wieder verlässt und allen klar ist, dass sie einander vermissen.

…. unrealistisch

Verlässt man den Alltag zwischen den beiden hinter diesen vier Wänden verfängt sich die Geschichte jedoch nahezu sofort in Fragezeichen, die den gesunden Menschenverstand dieser eigentlich so realistisch angesetzten Welt in Schieflage versetzen. Wie kann Saito mit Nivawa, einem exotischen Wesen mit Atemgerät im Maul, einfach so durch die Gegend spazieren gehen, ohne dass die gesamte Nachbarschaft aus dem Fenster und mit Fingerzeig auf die beiden starrt? Wie kann Nivawas Mutter nach wie vor einfach so ständig vorbeikommen und keiner scheint es zu bemerken? Geschweige denn, dass dieses riesige Monster die Menschen in Aufruhr versetzt oder gar selbst in einem Labor landet? Wie kann sie dabei auch noch dubios aussehende Riesenfische durch die Gegend schleppen? Warum schaut die Vermieterin Saitos Nivawa an und findet dieses exotische Wesen, das sie nicht mit einem Kind im Kostüm verwechselt, weder seltsam, faszinierend, noch beängstigend? Warum wundert sie sich nicht, dass Nivawa sprechen kann, obwohl sie sie erst noch für ein tatsächliches Haustier hält? Woher hat Saito überhaupt als arbeitsloser Faulpelz das Geld für Reparaturen, die Miete oder tägliche Lebensmittelversorgung, wenn er nicht einmal einen einfachen Nebenjob zu haben scheint? Wenn er das Geld als NEET von anderen schnorrt, warum scheinen diese Personen geradezu nicht zu existieren in Form von passivem Druck? Warum sucht Saito nicht sofort Hilfe aus seiner eigentlichen Drohlage oder Informationen zu seiner seltsamen Lage und sei es nur anonym aus dem Netz? Was genau sind Arfica? Arfica scheinen unter Wissenschaftlern einen Bekanntheitsgrad zu haben, doch sind sie der normalen Bevölkerung offensichtlich nicht bekannt. Doch Saitos einzige Informationsquellen sind Nivawa und ihre Mutter, die mehrfach als nicht die gebildetsten Exemplare ihrer Art etabliert werden. Warum nimmt er das direkt für bare Münze? So realistisch die Interaktionen an sich jeweils gezeichnet und in Szene gesetzt sind, tendieren sie bei näherem Betrachten schnell von ihrem Kontext wieder untergraben zu werden.

Sammlung kurzer Alltagsgeschichten für zwischendurch

Die Kapitel von Nivawa und Saito erzählen jeweils ein kleines Alltagsabenteuer mit einer rührenden Pointe. Die Geschichten sind jeweils kurz und im Wesentlichen in sich abgeschlossen und voneinander unabhängig. Übergreifende Informationen werden in der Regel wiederholt, sodass nicht viel verpasst wird, sollte der Inhalt des Vorkapitels nicht mehr auf der Zunge liegen. Damit eignet sich die Lektüre dieser Serie sehr für ein Zwischendurch, z.B. während einer Arbeitspause. In Japan hat die Serie auch eine starke digitale Verbreitung, dies sogar in einer eigenen Webcomic-Version. (In die ersten zwei Webcomic-Kapitel kann auf Japanisch hier gratis hineingeschnuppert werden.) Ähnlich der Serie ENT. (erscheinen bei Tokyopop) ist die Webcomic-Version in Farbe gehalten und für einen Scroll-Lesefluss am Bildschirm optimiert, deren kurze Segmente auch einmal schnell zwischendurch mobil gelesen werden können. Die Printversion ordnet die Panel hingegen für den Lesefluss auf zwei aufgeschlagenen Buchseiten neu an und hat in der Regel ein Kapitel für eine zusammenhängende Geschichte. Hierzulande erscheint die Printversion.

Fazit

Siúil, a Rún – Das fremde Mädchen ist eine faszinierende Serie. Nivawa und Saito ist es für mich auch, wenn auch nicht auf beabsichtigte Weise. Die Zeichnungen sind sauber, detailliert und es wird auch viel indirekt ohne Worte charakterisiert, an denen sich das gleiche geschulte Händchen für visuelle Erzählkunst hervortut. Tokyopop spendiert eine Broschürenausgabe im Großformat; in der Erstauflage sogar mit einem riesigem niedlichen Nivawa-Sticker. Doch gerade deswegen ist die Enttäuschung glatt noch viel größer, denn das alles erscheint mir das an diesem Titel vollkommen verschwendet. Anders als bei Siúil, a Rún – Das fremde Mädchen spielt der visuelle Aspekt keine große Rolle in der Geschichte, die nicht wirklich etwas Relevantes zum Erzählen haben scheint. Mir fehlt bei Nivawa und Saito definitiv der klare Fokus auf einen der angestreiften Grundaspekte als Grundthema. Ginge es um den NEET Saito, muss es kein Extrem wie Welcome to the NHK sein, doch fehlt bei seiner Charakterisierung wirklich jeder Ansatz einer ernsthaften Behandlung seines fragwürdigen Sozial- und Arbeitslebens. Geht es nur darum, dass ein normaler wenig ambitionierter Mensch wie Saito, ein bisschen verantwortungsvoller werden solle, wäre bei der bodenständigen Darstellung der Interaktionen ein normales Kind (anstatt eines notorisch hinterfragbaren Fabelwesens) für mich viel wirkungsvoller. Anstelle der schier außerirdischen, aber etwas bedepperten Mutter Nivawas hätte es mir auch eine Denpa-Verrückte getan. Die Artica sind zu sachlich eingeführt, um lediglich als surreale Wahrnehmungsimpression à la Gute Nacht Punpun durchzugehen, noch ist deren Behandlung innerhalb der menschlichen Gesellschaft für mich ansatzweise nachvollziehbar. Die Serie dehnt den Kontrast zwischen den Extremen innerhalb des Alltags auch nicht wirklich aus. Da erscheint mit ein Yotsuba& doch viel beeindruckender, das ebendies mit einem 5-jährigen Menschenmädchen alleine durch dessen verquirltem Character und karikaturartigen Zeichnungen v.s. den hyper realistisch gezeichneten Landschaftshintergründen in dessen Umgebung schafft. Womöglich ist es auch ein Glücksfall, dass die Serie nur 3 Bände hat und abgeschlossen ist. Denn Nagabes Handwerk schaue ich doch sehr viel lieber in anderen Geschichten an, bei denen es besser zur Geltung kommt.

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Luna

Luna residiert auf dem Mond mit ihren beiden Kaninchen. Als solche hat sie eine Faible für flauschige Langohren und ist auch nicht um die ein ums andere Mal etwas entrückte Sicht auf die Weltordnung verlegen. Im Bestreben, sich verständigt zu bekommen, vertreibt sie gerne die Zeit mit dem Lernen und Erproben verschiedener Sprachen und derer Ausdrucksformen.

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Ayres
Redakteur

Sterbenslangweilig. Abgebrochen nach nur einem Band. Nicht lustig. Nicht knuffig. Nicht unterhaltsam. Einfach nur total dröge und dann bringt Nivawa noch nicht einmal annähernd Kultpotenzial mit, sondern nervt einfach nur. Besonders nervig finde ich die Geschichte mit der Vermieterin in Band 1. Das ist das Kapitel, bei dem ich endgültig einsehen musste, dass ich diesen Manga schlichtweg als Ärgernis verbuchen muss.