Paper Girls (Staffel 1)

Was wäre, wenn unser 12-jähriges Ich und unser erwachsenes Ich sich gegenüberstehen würden? Sicherlich eine spannende, aber rein theoretische Frage. Doch im Science-Fiction-Drama Paper Girls erwartet genau dies junge Mädchen aus den 80er-Jahren, nachdem sie unbeabsichtigt eine Zeitreise in die Zukunft machen und in einen folgenschweren Konflikt verwickelt werden. Die auf dem gleichnamigen Comic basierende erste Staffel wurde am 29. Juli 2022 auf Amazon Prime Video veröffentlicht. Wir haben uns in die acht Episoden der abgedrehte Zeitreise-Story gestürzt und geschaut, was die erste Staffel so zu bieten hat.

 

Stony Stream, 1988: Die vier zwölfjährigen Zeitungsmädchen Erin (Riley Lai Nelet, Generation), Tiffany (Camryn Jones, Cherish the Day), Mac (Sofia Rosinsky, Layne am Limit) und KJ (Fina Strazza, Who Framed Tommy Callahan) teilen frühmorgens am sogenannten “Höllentag”, also dem 1. November, die Zeitungen aus. Doch plötzlich begegnen ihnen einige merkwürdige Gestalten mit Narben im Gesicht, die gegen in futuristischen Rüstungen ausgestattete Krieger kämpfen! Die größte Überraschung wartet aber noch, denn nach einigen Strapazen finden sie sich im Jahr 2019 wieder, also 31 Jahre in der Zukunft. Unerwartet wurden sie in einen Krieg über die Grenzen von Raum und Zeit hinweg verwickelt. Da begegnet Erin zu allem Überfluss auch noch ihrem zukünftigen Ich, der 43-jährigen Erin (Ali Wong, American Housewife) …

Ein unerwartetes Abenteuer

Originaltitel Paper Girls
Jahr 2022
Land USA
Episoden 8 (in Staffel 1)
Genre Drama, Science-Fiction
Cast Tiffany Quilkin: Camryn Jones
Erin Tieng: Riley Lai Nelet
Mac Coyle: Sofia Rosinsky
KJ Brandman: Fina Strazza
Prioress: Adina Porter
Veröffentlichung: 29. Juli 2022 auf Amazon Prime Video

Tatsächlich beginnt Paper Girls explizit nicht mit einer Gruppe von Freunden, die in ein mysteriöses Abenteuer verwickelt werden, denn die vier Hauptfiguren kennen sich zuvor kaum bis gar nicht. Mac war der erste weibliche Zeitungskurier und kennt KJ und Tiffany flüchtig, aber Erin hat an jenem 1. November 1988 ihren allerersten Arbeitstag. Umso belastender natürlich die Situation, dass sich nun diese fast fremden Mädchen in einer derartigen Extremsituation befinden. Dabei gibt es viel Konfliktpotenzial: Die ruppige Mac kommt aus armen Verhältnissen und wird vernachlässigt, lässt ihren Frust stattdessen an ihren Mitmenschen aus und gerät mit antisemitischen Kommentaren auch mit der intelligenten Hockey-Spielerin KJ aneinander. Die herzensgute Erin ist hingegen das schweigsamste Mädchen, das sich stets für alle verantwortlich fühlt, während Tiffany als ambitionierter Nerd besonders an den Hintergründen und Erklärungen an ihrem Zeitreise-Abenteuer interessiert ist. Zum Ärger der anderen, die einfach nur wieder zurück ins Jahr 1988 wollen. Obwohl die Figuren auf den ersten Blick trotz der Vielfalt etwas stereotyp wirken mögen, entwickeln sie sich fix zu spannenden, mehrschichtigen Persönlichkeiten. Positiv ist auch, dass der Charme der 80er immer präsent bleibt, obwohl die Handlung nur kurz in dieser Zeit spielt. Smartphones und das Internet kennen die Mädchen nicht, dafür sind Mixtape-Kassetten das Spotify ihrer Generation. Eine gewisse Authentizität wird etwa dadurch erreicht, dass die Hauptfiguren zunächst einen Angriff der Sowjets fürchten, schließlich wuchsen sie mit dem Kalten Krieg auf.

Zwischen den Fronten eines Zeitreise-Krieges

Die vier Mädchen finden sich unbeabsichtigt inmitten eines Krieges zwischen zwei Fronten: Der Alten Wache, die in futuristischen Rüstungen zwischen den Zeiten reist und verhindert, dass dabei Ereignisse unerlaubt verändert werden und dem STF Underground, die sich als Rebellen bezeichnen und Ereignisse in der Geschichte so verändern wollen, dass die Alte Wache in der Zukunft nicht an die Macht kommt. Normalerweise löscht die Alte Wache den Menschen dabei ihr Gedächtnis (inszeniert mit einem rosafarbenen Himmel), doch bei Erin, Mac, Tiffany und KJ funktioniert dies aus unbekanntem Grunde nicht. Während die Alte Wache die Mädchen wegen illegalen Zeitreisens mit brutalen Mitteln verfolgt, scheint der STF Underground ihnen zugewandter. Schade hierbei ist, dass die Fronten sehr einseitig dargestellt werden, obwohl sich doch gerade eine Geschichte, die sich um das Okay- oder Nicht-Okay des Veränderns von geschichtlichen Ereignissen dreht, gut für Grautöne eignen würde. Tatsächlich erwartet Zuschauer:innen in Paper Girls auch ein Mix aus abgedrehten Elementen, etwa ein Kampf riesiger Roboter (!), der glatt aus dem Gundam-Franchise stammen könnte. In den letzten beiden Episoden tauchen dann sogar Dinosaurier auf, die sich anscheinend hervorragend als Haustiere von zeitreisenden Kriegern eignen.  Zudem darf verraten werden, dass sich das Abenteuer der Mädchen nicht nur auf das Jahr 2019 beschränkt.

Coming-of-Age-Story mit Sci-Fic-Elementen, nicht umgekehrt

Bei allen Zeitreisen und Science-Fiction-Elementen: Paper Girls ist im Kern dennoch eine Coming-of-Age-Geschichte um vier junge Mädchen. Es geht vorrangig um die unterschiedlichen Figuren, ihre Gefühle und ihren Zusammenhalt. Dabei hilft natürlich der Aspekt, dass die Mädchen etwas über ihre eigene Zukunft erfahren und teilweise auch ihren eigenen Ichs begegnen. So schockiert es Erin, dass sie im Jahr 2019 eine alleinstehende Frau mit psychischen Problemen ist, die nicht einmal mehr Kontakt zur geliebten Schwester hat. KJ stellt gar fest, dass sie als Erwachsene mit einer Frau zusammen ist, was sie in einen inneren Konflikt stürzt. Von solchen unmöglichen Begegnungen profitieren dabei beide, treffen doch naiv-hoffnungsvolle Kinder auf ihre abgeklärten erwachsenen Versionen. Eine junge Erin kann dabei ihre ältere Version ermutigen, während die ältere Erin ihrer jüngeren Version einige gute Ratschläge mit auf den Weg geben kann. Besonders rührend sind hierbei definitiv die Szenen, die sich mit dem familiären Hintergrund der Protagonistinnen beschäftigen. Insbesondere Mac wird dabei mit Informationen versorgt, die nur schwer zu verarbeiten sind und lernt gleichzeitig, dass selbst ihre kaputt scheinende Familie viel komplexer als gedacht ist. Aber auch Themen wie die erste Periode werden sensibel und gleichzeitig doch auch urkomisch behandelt (was erwartet man auch, wenn sich vier zeitreisende Zwölfjährige plötzlich ganz auf sich alleine gestellt damit konfrontiert sehen?). Es sind somit definitiv die sympathischen Figuren, ihre Interaktionen untereinander und mit ihrem Umfeld, die das Herzstück der Serie darstellen.

Freie Adaption, die ihren eigenen Weg geht

Die Serie adaptiert die Comic-Reihe Paper Girls von Brian K. Vaughan (Y: The Last Man), allerdings werden sich bei der Umsetzung viele Freiheiten genommen. Die Produktion setzt nämlich tatsächlich Elemente aus allen Bänden um, ergänzt die Geschichte um viel eigenes Material (insbesondere, was die Geschichte von Mac und ihrer Familie angeht) und führt mit STF Underground-Mitglied Larry (Nate Corddry, Shelter) eine vollkommen neue Figur ein. Damit geht die Adaption einen eigenen Weg, der aber wunderbar funktioniert und somit sowohl für Fans der Vorlage als auch Neulinge geeignet ist. Zudem tauchen insbesondere die obskuren, abgedrehten Elemente des Comics erst gegen Ende der Staffel so langsam auf, anstatt von Anfang an präsent zu sein. Dadurch wirkt die Serie bodenständiger und die Handlung kann in der ein oder anderen Episode schon fast wie der reine Rahmen für die rührenden Coming-of-Age-Szenen wirken. Wer also insbesondere wegen der Science-Fiction-Geschichte Paper Girls schaut, könnte enttäuscht werden. Zum Glück präsentiert sich das Erzähltempo aber als ausgesprochen angenehm, sodass die Episoden geradezu vorbeifliegen. Die Mischung aus ruhigen, intensiven und nervenaufreibenden Momenten ist schlicht sehr gelungen und sorgt für eine hohe Sogwirkung.

Tolle Hauptbesetzung mit atmosphärischem Soundtrack

Für die jungen Hauptfiguren wurden größtenteils noch eher unbekannte und wenig erfahrene Schauspielerinnen besetzt, die aber allesamt einen wirklich guten Job machen. Zumal es natürlich angenehm ist, nicht immer die gleichen Gesichter bekannter Jungschauspieler zu sehen, sondern stattdessen neue Talente eine Chance bekommen. Gerade Sofia Rosinsky als Mac sticht in den emotionalen Momenten hervor, sie spielt das ruppige Mädchen unfassbar überzeugend. Aber auch Nebenrollen wurden gut besetzt, besonders Ali Wong bleibt mit ihrer Performance als erwachsene Erin im Gedächtnis. Was wenig überraschend sein dürfte: Paper Girls gewinnt in seinen CGI-Szenen keinen Preis für die besten oder realistischsten Effekte, aber sie sind bei weitem nicht so schlecht, wie man befürchten könnte. Gleichzeitig sind sie von schwankender Qualität, denn während man am Anfang noch staunt, wie gut so mancher CGI-Moment umgesetzt wurde, zuckt man im späteren Verlauf doch das ein oder andere Mal zusammen, wenn das CGI wie ein absoluter Fremdkörper wirkt, der einem Low-Budget-Animationsfilm entkommen ist. Abgerundet wird die Serie mit einem stilvollen Soundtrack, der – wie könnte es auch anders sein – vor allem auf einen Retro-Charme setzt.

Fazit

Paper Girls präsentiert sich als spannende Science-Fiction-Geschichte, die besonders mit den vielseitigen und sympathischen Figuren punkten kann. Die Mischung aus Zeitreise-Abenteuer, Coming-of-Age-Geschichte und Konflikt zwischen Zeit und Raum funktioniert wunderbar, selbst wenn sich die eigentliche Handlung deswegen erst langsam zuspitzt. Das ist bei dem angenehmen Pacing aber gar kein Problem, die Episoden vergehen wie im Flug und es sind gerade die Interaktionen zwischen den vier Mädchen untereinander oder mit ihrem Umfeld, die in Erinnerung bleiben. Ebenso erfrischend ist das Zusammentreffen von Kindern aus den 80ern mit der Zukunft, die teilweise dabei auch ihrem erwachsenen Selbst gegenüberstehen. Ein spannendes Gedankenspiel, das sicherlich auch Zuschauer:innen zum Nachdenken bringen wird. Wer gerne Serien mit einem Fokus auf junge Figuren und ihr Erwachsenwerden schaut, aber auch Zeitreise-Thematiken und Science-Fiction nicht abgeneigt ist, ist bei Paper Girls richtig.

© Amazon Prime Video

Ayla

Ayla ist Schülerin und beschäftigt sich hobbymäßig mit allen möglichen Medien, ohne dabei Beschränkungen zu kennen. Dennoch ist sie vor allem ein Serien- & Game-Junkie und liebt besonders actionreiche und dramatische Inhalte, wobei sie gleichzeitig für viele kindliche Themen zu haben ist, weshalb sie weiterhin großer Disney-Fan ist. Abseits ihrer Leidenschaft des Sammelns ihrer Lieblingsmedien schreibt Ayla gerne selbst Geschichten oder zeichnet Bilder, um sich so zu entspannen.

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