Killing Eve (Staffel 1)

Lesezeit: 5 Minuten

Psychopathische Serienmörder? Und/oder Auftragsmörder? Beides auch mal sympathisch? Neben mörderischen Protagonisten-Serien wie Dexter oder Hannibal und einer unübersichtlichen Zahl von Krimiformaten scheint der Markt dementsprechend gesättigt, die Zuschauer bedient und das Ganze ein alter Hut. Die von Phoebe Waller-Bridge (Fleabag) basierend auf den Villanelle-Romanen von Luke Jennings entwickelte Serie Killing Eve sticht trotzdem hervor. Das liegt nicht nur an dem recht seltenen Fall, dass die gegnerischen Parts von Mörder und Ermittler hier beide weiblich sind, sondern auch daran, dass das mit dem „Gegnerischen“ etwas komplizierter ist.

   

Nach einem – durchaus gekonnten – Mord an einem russischen Politiker in Wien wird die Geheimdienstagentin Eve Polastri und ihr Kollege Bill mit der Sicherheit der einzigen, nach England überführten Zeugin beauftragt. Eigentlich nur damit, doch Eve versucht im selben Zug so gut wie möglich den Mord zu untersuchen, ihrer Intuition folgend, dass dieser mit anderen unaufgeklärten Anschlägen zusammenhängt, die alle von derselben Frau begangen worden sind. Dies ist eine Theorie, die auch die MI6-Offizierin Carolyn Martens teilt und Eve mit der Bildung einer Einheit betraut, um besagte Auftragsmörderin zu fassen und an die Organisation dahinter heranzukommen. Besagte Mörderin bevorzugt in Paris indes bitte den Namen Villanelle und hat neben ihrem Auftragsmörderberuf auch eine Leidenschaft für kindisch-makabre Scherze, teure Kleidung und weitere Extravaganzen, sehr zum Leidwesen ihres Betreuers und Ausbilders Konstantin. Mit dem Auftrag nach London geschickt, die überlebende Zeugin zu beseitigen, begegnen sich auch unwissentlich Eve und Villanelle das erste Mal. Diese Begegnung der beiden bildet jedoch nur den Anfang einer sich immer weiter steigernden, gegenseitigen Obsession.

Die üblichen Elemente, aber anders

Originaltitel Killing Eve
Jahr 2018
Land Großbritannien, USA
Episoden 8 (in Staffel 1)
Genre Drama, Komödie, Thriller
Cast Eve Polastri: Sandra Oh
Villanelle: Jodie Comer
Carolyn Martens: Fiona Shaw
Kenny Stowton: Sean Delaney
Niko Polastri: Owen McDonnell
Konstantin: Vasiliev Kim Bodnia
Elena Felton: Kirby Howell-Baptiste
Bill Pargrave: David Haig

In vielerlei Hinsicht versprüht Killing Eve das Flair typischer Agentenserien. Die Jagd nach Eve führt durch diverse ikonische europäische Schauorte, deren Wirkung durch stimmungsvolle Musik intensiviert wird. Eine inoffizielle Sondereinheit des britischen Geheimdienstes jagt zudem einer charismatischen wie auch schwer fassbaren Auftragsmörderin hinterher, die – und hier wird es James Bond’ig – für eine mysteriöse Schattenorganisation namens “Die Zwölf” tötet. Doch die Unterschiede fangen schon bei den Hauptfiguren an. So ist Eve Polastri, gespielt von Sandra Oh (Grey’s Anatomy: Die jungen Ärzte ), wahrscheinlich nicht das, was man sich unter einem typischen MI6-Agenten vorstellt. Eher wirkt sie wie eine gelangweilte Beamtin, die trotz schlummernden Talents und guter Instinkte hauptsächlich einen Schreibtisch hütet und es sich im Privatleben mit einer harmonischen Ehe zum Englischlehrer Niko gemütlich gemacht hat. Ein gutes, solides Leben, aber auch irgendwie furchtbar banal und – auch für Eve – langweilig. Wir haben mit ihr also definitiv nicht den Typus gequält, getriebener Serienmörder-Jäger zu tun, wie man ihn aus dem Krimi-Allerlei kennt.

Femme létale

Ihr Gegenpart Villanelle, gespielt von Jodie Comer (The White Princess), wirkt ebenfalls nicht wie eine typisch gefühlskalte oder monstergleiche Mörderin, sondern wie eine verspielt heitere Person, für die man gerne Sympathie entwickeln will. Andererseits ist sie eben eine mordende Psychopathin, die Menschen mit einem Schulterzucken und sadistischer Freude an ihrer Arbeit umbringt. Mal sind das gute Menschen, mal böse; mal sind die Morde raffiniert, mal brutal oder mit einem ironischen Sinn für Humor ausgeführt. Das macht Villanelle für die Zuschauer meistens sehr unterhaltsam, sogar komisch, allerdings auch unvorhersehbar und unheimlich. Speziell dieser Kontrast macht die Figur so spannend, da nie gewiss ist, wann sie etwas Liebenswertes oder Furchtbares macht. Während andere Serien gerne die gesellschaftskonforme menschliche Maske von psychopathischen Mördern zeigen, um dann das schreckenerregende Monstrum darunter zu präsentieren, erlaubt es der leichtere Ton der Serie mit Villanelle auch zu sympathisieren und das Zuschauerverhältnis zu ihr konfliktreich zu gestalten.

Was macht die Serie besonders?

Das Faszinierende an der Serie ist zuerst wohl die Beziehung zwischen Eve und Villanelle, die eigentlich besorgniserregend ist. Beide entwickeln schnell eine starke Faszination füreinander, die sich bei Villanelle in Sexrollenspielen mit Eve-Lookalikes und Stalking äußert und bei Eve in der erlebnishungrigen und riskanten Eigenschaft, Villanelles Nähe zu suchen, wenn jeder Überlebensinstinkt zu Abstand raten würde. So beteuert die eigentlich nicht zur Empathie fähige Villanelle, dass sie für Eve Gefühle hegt und Eve wiederum glaubt, dass in Villanelle das Potenzial zu Gutem steckt. Eve genießt es sogar von der gefährlichen Frau umgarnt zu werden. Gleichsam steckt jedoch auch Hasspotenzial in der Beziehung, wenn die Verfolgung Villanelles durch Eves Team schnell Todesopfer fordert oder sich Eve nicht so verhält, wie Villanelle sich das in ihrem Skript vorstellt. Daraus ergibt sich eine seltsame Dynamik von Anziehung und Abstoßung zwischen Gefühl und Moral, Liebe und Hass, welche die Beziehung zu jedem Moment in einem Kuss oder einem gegenseitigen Mordversuch aufgehen lassen kann. Die beim Serienkonsum so oft gehegte Hoffnung, dass sich die beiden Gegenparts nun kriegen oder nicht, entwickelt sich so zu einem widersprüchlichen Multiversum an Möglichkeiten.

Mut zur Banalität

Was an der Serie weiterhin besonders ist, ist wohl der Mut, die Figuren auch einmal banal und unglücklich aussehen zu lassen. Wahrscheinlich wäre es leicht gewesen, diese Geschichte auch auf einer rein ernsten Schiene zu fahren und das sinnlich Verbotene gegenseitiger Faszination zwischen Ermittler und Mörder in überstilisierter Weise besonders stark zu betonen. Doch gerade das wird immer wieder humoristisch gestört. Eve – zwar analytisch mit einem guten Gespür und diversen Geistesblitzen – wirkt besonders in der praktischen Außentätigkeit eher wie eine überforderte Touristin. Villanell – so viel Arbeit sie darin steckt, ihre Morde stilvoll auszuführen – kann sich nicht irritierter und genervter Kommentare und Blicke enthalten, wenn ihre Opfer nicht mitspielen und sich beispielsweise ungraziös wehren, indem sie ihr Telefone und Holzscheide gegen den Kopf werfen. Besonders Eves Chefin Carolyn schafft es dabei, mit unbeteiligter Smalltalk-Sprache immer wieder die banalsten und kuriosesten Bemerkungen über sich selbst in eigentlich ernste Situationen und Besprechungen einzuweben. Dieses gegenläufige Hineinstoßen in die obskursten und unerwartetsten Lücken gibt der Serie einen sehr eigenen Humor, ohne dass die Komik dabei das Dramatische und Unheimliche entwertet, sondern diesen Aspekten stattdessen eher einen eigenen individuellen Anstrich verpasst.

Fazit

Ich mag die Serie, weil sie eigentlich reichlich bekannte Elemente hat, aber diese in einer unvorhersehbaren Weise anwenden kann, besonders durch Figuren, die sich manchmal einfach wundervoll irrational verhalten. Ich glaube, in erster Linie möchte ich Killing Eve Leuten empfehlen, die was für schwarzen Humor übrig haben, wobei die Serie auch Krimi-, Thriller- und LGBTQ-Elemente hat. So richtig will sie aber eigentlich in keine der üblichen Formen passen, was Killing Eve so spannend und unterhaltsam anzusehen macht.

© Universal Pictures

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Lyxa

Lyxa studiert aktuell das Fach Und-was-macht-man-damit in Mainz, liest viel, schreibt gerne und schaut sich viel und gerne allerlei Serien und Filme an, am liebsten Science-Fiction. Lyxa ist dabei besonders der Dunklen Seite der Macht verfallen, weil es dort die cooleren Outfits gibt.

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