Jessica Jones (Staffel 2)

Lesezeit: 7 Minuten

Die erste Staffel von Jessica Jones erhielt viel positiven Zuspruch, sodass dass alsbald eine zweite Staffel angekündigt wurde, die im März 2018 wieder als Netflix Original an den Start ging. In der Fortsetzung der Neo-Noir-Serie muss sich die Heldin Jessica Jones (Krysten Ritter, Big Eyes) noch mit Folgen der Erlebnisse der ersten Staffel als abermals den Geistern ihrer Vergangenheit auseinandersetzen.

Einige Zeit ist vergangen, seit Jessica Kilgrave den Gar ausgemacht hat. Auch wenn sie rechtlich nicht für seinen Tod belangt wurde, haftet ihr der Ruf dennoch an. Sei es Kundschaft, die unmögliche Aufträge stellen will oder ihre Umgebung, die sie nicht recht in Frieden lassen will. Zum einen ist da Malcolm, der nun versucht Jessicas Detektei auf standhafte Beine zu stellen. Zum anderen vor allem Trish, die vehement versucht, Licht in die ominöse Organisation IGH zu bringen, mit der Will Simson mit seinen Aufputschdrogen verwickelt war.

Das Leben geht weiter

Die erste Staffel endet sehr typisch für Film Noir: Es ist etwas passiert, aber effektiv hat sich eigentlich nichts wirklich großartig verändert. Der Beginn der Serie dockt direkt an und verdeutlicht noch einmal, dass sich für Jessica nichts bewegt hat. Kilgrave hat sie zwar hinter sich gelassen, aber sie ist immer noch so zynisch, nihilistisch und unsozial unterwegs wie eh und je und kann nicht von der Flasche ablassen. So sehr Jessica sich aber wider besseren Wissens weigert aus ihrem Loch zu kommen, bleibt die Zeit nicht für die Menschen um sie herum stehen: Jeri wird mit einer langwierigen terminalen Erkrankung konfrontiert. Trish will von ihrem Celebrity-Status weg und etwas Ernsthaftes, Relevantes vollbringen. Malcom lässt seine Drogensucht hinter sich und will ordentlich als Gehilfe in Jessicas Detektei arbeiten. Auch der in Jessicas Wohnungskomplex neu zugezogene Hausvorsteher und Nachbar Oscar Arocho kämpft um die Fürsorge für seinen kleinen Sohn und sieht in Jessica eine Gefahr, alleine durch die Existenz ihrer Superkräfte.

Die Gefahr hat lange keine greifbare Gestalt

Anders als die erste Staffel hat die zweite Staffel keinen Kilgrave als alles überschattenden Antagonisten und gleichzeitig roten Faden. Die Bedrohung dieser Staffel baut auf Indizien aus dem Ende der letzten Staffel auf, doch wird sie eher schleppend verfolgt. Zeitweise drängt sich auch Eindruck auf, dass vielleicht alles nur in Trishs übereifrigem Kopf existiert. Die Bedrohung beginnt daher sehr diffus und auf lange Strecken der ersten Hälfte findet sich das nächste zu einer Art greifbare Gefahr für Jessica eher in der Penetranz ihrer unmittelbaren Umgebung. Jessica will ihre Ruhe, doch die wird ihr nicht gestattet. Jeder hat seine persönlichen Ziele und fordert entweder Jessicas Hilfe oder versucht sie loszuwerden. Bis sich der rote Faden dieser Staffel aufhebt, ist ein Großteil der Spannung bereits  in den vielen Nebenschauplätzen versickert, die um Jessica, aber auch Trish kreisen.

Jessica: Immer noch Protagonistin, aber keine Schlüsselfigur mehr

Originaltitel Jessica Jones
Jahr 2015
Episoden 26 (in 2 Staffeln)
Genre Drama, Crime
Cast Jessica Jones: Krysten Ritter
Trish Walker: Rachael Taylor
Malcolm Ducasse: Eka Darville
Jeri Hogarth: Carrie-Anne Moss
Dorothy Walker: Rebecca De Mornay
Alisa: Janet McTeer
Oscar Arocho: J.R. Ramirez

Jessica fehlt im Vergleich zur ersten Staffel diesmal als Protagonistin etwas Elementares: Sie ist keine Schlüsselfigur mehr, denn von ihr geht keine treibende Kraft aus. Jessica ist ausgelaugt. Ohne Interesse, etwas mit ihrem Leben anzufangen und hat sie abgesehen von ihrer depressiven Apathie vor allem Angst davor, sich ihren Geistern und ihren Mitmenschen zu stellen. Sie ertränkt sich lieber im Alkohol und Sex. So beginnt Jessica zwar auch in der ersten Staffel, doch dort verursacht Kilgrave in ihr lodernde Wut, der sie über alles hinweg antreibt. So ein Umstand fehlt dieser Staffel und Jessica bleibt diesmal passiv und wird eher unmotiviert mitgetrieben von den Ereignissen, in die sie hineingezogen wird. Der einzige Funke, der in der Hinsicht bei ihr aufkommt, tritt erst zum Ende auf und wird ganz schnell wieder erstickt, als sich Jessica gerade erst aus eigenen Stücken dazu entschlossen hat, mit Alissa zusammen zu fliehen und diese nahezu umgehend danach stirbt.

Trish: Die heimliche Protagonistin der Staffel…

Trish währenddessen ist das exakte Gegenteil: Sie will nicht nur etwas, sie ist besessen von ihrem Wunsch nach Heldentum. Sieht man von Jessicas und Archos Beziehung ab, ist es auch Trish, die ihre Finger in der gesamten Handlung hat: Sie gräbt die IGH aus, sie macht sich auf die Suche nach den Überbleibseln der Organisation, sie ist es, die Alissa und Karl in die Enge treibt. Trish springt über etliche eigene Schatten, sei es die Abschottung vor ihrer Mutter oder ihre Vergangenheit mit Patsy. Sie geht sogar so weit, eine harmonische Zukunft aufzugeben, Drogen zu nehmen, oder ihr eigenes Leben zu verwetten. Sie ist es, die mit der Sucht eine Versuchung verlebt, die sie (eigentlich) überwinden muss. Alle Nebenhandlungen weisen ebenfalls mehr Parallelen zu ihr als zu Jessica auf: Wills Werdegang hält ihr einen Ausblick vor Augen, welches Ende möglicherweise auch auf sie wartet. Malcolms Drogensucht und seine Motivation für eine sinnvollere Arbeit haben wesentlich mit ihr gemein als mit Jessica. Auch Jeris Krankheit und ihre Hilflosigkeit spiegeln sich mehr in Trish wieder, die unbedingt will, aber zu machtlos ist.

… der aber kein offizieller Vortritt eingeräumt wird

Die eigentliche Heldin ist nominell jedoch immer noch Jessica und so wird Trish über weite Strecken im letzten Drittel aus dem Verkehr gezogen und eine in ihrer Misere ertrinkende Jessica in den Vordergrund gestellt. Jessica bekommt auf den letzten Drücker auch noch eine dramatische Klimax und emotionale Katharsis zugesprochen, als sie vor ihrem Alkoholgenuss inne hält und realisiert, dass der größte Teil ihrer Misere selbst verschuldet ist. Es liegt in ihrer eigenen Hand, etwas daran zu ändern, was dem Ende eine eine hoffnungsvolle Note spendiert , womit sich die Serie gleichzeitig aber auch meilenweit vom Film Noir entfernt. Das geht zusätzlich auch auf Kosten von Trishs Entwicklung, deren Heldenreise zwar noch eine typische “Versöhnung mit dem Vater” (bzw. ihrer Mutter) aufweist, aber keine richtige Konfrontation, Bewährungsprobe oder deren Überwindung vorzeigt. Infolgedessen wirkt die eigentlich gut eingesetzte Referenz auf die Comic-Vorlage, in der Trish am Ende doch Superkräfte bekommt und die Wege geebnet sind für ihre eigene Heldenstory als Hellcat  sehr unverdient, denn im Grunde genommen wird ihre Abwärtsspirale geradezu belohnt.

Der Teufel steckt im Detail, sagt man. Diese Staffel krempelt das allerdings um, denn im Detail liegt die Stärke dieser zwölf Folgen. Die zweite Staffel hat etliche tolle Charaktermomente, selbst für Randfiguren (Paparazzi zu Dorothy: “Take control over the narrative, Ms. Walker.”), aber sie sind nicht wirklich allzu relevant für die viel zu spät beginnende Haupthandlung um den Ursprung von Jessicas Superkräften. Das lässt gewisse Antagonisten bisweilen leicht überflüssig erscheinen und fast schon nebenbei wird einer von ihnen auch aus der Handlung entsorgt. Es hilft auch nicht, dass sie nicht annähernd die überwältigende Präsenz eines David Tennants als Kilgrave haben. (Dessen humoristischer Cameo-Auftritt als Halluzination einer gebeutelten Jessica auch leidlich vorzeigt, wie alt sie neben ihm abschneiden.) Jessica könnte man auf der einen Seite gerne eine scheuern, da sie alles und jeden von sich stößt und einen auf einen göttlich gestraften Hiob macht. Auf der anderen Seite kann sie einem auch Leid tun, denn sie ist jemand, die wirklich einfach bloß emotionalen Beistand braucht, aber nicht findet. So eine tiefe Vertrauensbeziehung konnte ihr zuvor schon nur Luke geben, der sich nun aber in seine eigene Serie verdrückt hat. Offizielle Beratungsinstitutionen sind von Jessica überfordert und von Trish oder Malcolm kann sie dahingehend nichts erwarten, da beide Wunschbilder auf sie spiegeln und laufend etwas von ihr fordern. Bezeichnend auch die Szene, in der Malcolm ihr am Ende vorwirft, dass sich so für sie einsetzt, er ihr so viel gibt (worum Jessica eigentlich nie gebeten hat), von ihr aber nichts zurück kommt. Bei Malcom hat es zwar keinen maliziöser Kontext, aber es ist dennoch der gleiche Vorwurf, den einst Kilgrave Jessica an den Kopf warf. Und dann ist da noch Trish. Trish und ihre manischen beratungsresistenten Eskapaden… Ich bin wirklich gespannt, wie sich ihr Verhältnis zu Jessica in der jüngst angekündigten dritten Staffel entwickeln wird nun, da sie auch eigene Superkräfte hat. Lag ihr wirklich etwas an Jessica selbst? Oder war es doch nur die Bewunderung ihrer Kräfte, mit denen Jessica sie immer heldenhaft vor ihrer Mutter beschützt hat? Dorothy erwähnt es auch: Jessica gab ihr ein greifbares Bild von dem Heldensein, das Trish sich schon immer für sich selbst wünschte, aber als einfacher Mensch niemals haben können würde. Nun, da ihr der Wunsch nicht mehr verwehrt ist und sie sich obendrein auch noch mit ihrer Mutter versöhnt hat, braucht sie Jessica überhaupt noch? Die Entdeckung ihrer neuen Kräfte scheint sie auch mit solch einer Euphorie zu erfüllen, dass das zerrütte Verhältnis zu Jessica keine drei Minuten zuvor fast schon vergessen erscheint.  Mir fehlt für Trish irgendwie eine ordentliche Quittung für ihre Aktionen. Zumindest Jeri und Jessica haben für ihre Taten eine Rechnung bekommen. Der Preis wiegt schwer am Ende, aber sie akzeptieren das und machen einen großen Schritt vorwärts. So etwas motivierendes macht sich natürlich immer gut, aber den damit über Bord geworfenen Film Noir trauere ich jetzt schon nach.

Zweite Meinung:

Mir persönlich hat Kilgrave nicht gefehlt und ich bin froh, dass man sich nicht krampfhaft umgeschaut hat, um einen direkten Ersatz zu finden. Der Bösewicht-Kult, der sich mittlerweile quer durch alle Medien zieht, geht mir eher auf die Nerven. Umso erfreuter bin ich, wie hier nach und nach die Schichten der Figuren abgetragen werden und sich abzeichnet, dass das zentrale Thema ein sehr persönliches ist – die Sucht. Und zwischen all den Menschen, die gegen diverse innere Dämonen kämpfen, ist über weite Strecken plötzlich Jessica die vielleicht stabilste Persönlichkeit. Eine Umkehr des Bildes, das Staffel 1 vermittelt. Jessica ertränkt ihre Gefühlswelt in Alkohol, klar, aber es ist ihr bewusst und sie funktioniert. Trish ist ihr Anker und in Staffel 1 immer um sie bemüht. Doch jetzt ist es Trish selbst, die in einer Spirale nach ganz unten taumelt, wo sie schon mal war. Und das ist nicht schön anzusehen. Sie verbeißt sich, schlägt guten Rat in den Wind und die Sucht fördert manisches Verhalten zutage. Die Freundschaft, die so ein zentraler Bestandteil der Serie ist, kippt. Und mit dem Ende wird es nicht einfach sein, diese Wunden zu kitten. Denn wenn Jessica noch hadert, wie sie mit ihrer Mutter verfahren soll, bringt Trish diese um, weil sie keine andere Lösung sieht und das Vertrauen in Jessica gebrochen ist. Es ist eine emotional sehr harte Geschichte. Bei Malcolm ist es interessant, wie er sich in seine Arbeit stürzt. Von den Drogen ist er weggekommen, er arbeitet mit Jessica. Aber sie blockt ab, kämpft sich durch eine Depression und kommt noch nicht damit klar, dass sie einen Menschen aus eigenem Antrieb ermordet hat. Und Malcolm muss seine Energie loswerden, die er nicht nur bei gefühllosen One Night Stands verbrauchen kann. All die Dinge, die er von Jessica als Privatschnüffler lernt, will er so unbedingt anwenden, dass er bereit ist, moralische Grenzen zu überschreiten. Jeri haben wir schon als skrupellos kennengelernt und nun soll sie entmachtet werden. Körperlich und im Beruf. Ich habe mich immer wieder dabei ertappt, wie ich zwischen Mitleid und einem Gefühl von Genugtuung schwankte, dass ihr Karma Jeri einholt. Und am Ende muss ich vor ihrer Kaltblütigkeit den Hut ziehen. Jessicas eigene Reise geht tief ins Innere und es ist traurig, wie sie sich niemandem wirklich anvertrauen kann. Hier finde ich es schade, dass The Defenders keinerlei Auswirkung hinterlässt. Eine Unterhaltung mit Luke wäre nett. Der beste Gesprächspartner wäre vermutlich Matt Murdock gewesen, da in den wenigen Folgen eine gewisse Bruderdynamik mit ihm durchschimmerte. Aber es reicht, dass Jessica mit einer toten Person aus der Vergangenheit konfrontiert wird. An der Alissa-Storyline stört mich am meisten, dass Dr. Malus noch sympathisch dargestellt wird und keinerlei Bewertung seiner Tat erfolgt. Daneben bin ich ein wenig enttäuscht über die Art und Weise, wie Oscar in Jessicas Leben eingebaut wird. Wäre Oscar eine weibliche Figur, hätte man hier endlich mal eine aussagekräftige nicht-weiße Frauenrolle als außenstehende Perspektive. Und ob mit oder ohne Liebesgeschichte, dass Jessica am Ende beim Familienessen mit Oscar landet, ist ein berührender Schritt. Jessica kommt voran. Wie Trish schlussendlich ihren größten Wunsch erfüllt bekommt und uns Hellcat angeteasert wird, freut mich als Comicleser natürlich enorm. Kann nur zustimmen, Trishs Reise ist sehr sehenswert eingefangen. Da war es auch okay, dass Netflix die Serie ausnahmsweise an einem Donnerstag zur Verfügung gestellt hat und das Bingewatch-Wochenende vorgezogen werden musste. Staffel 1 ist ein wenig runder, da sie auch den Glanz des Neuen hat. Aber Staffel 2 verdient sich von mir die volle Punktzahl, grade weil sie wagt, unbequem zu sein.

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Luna

Luna residiert auf dem Mond mit ihren beiden Kaninchen. Als solche hat sie eine Faible für flauschige Langohren und ist auch nicht um die ein ums andere Mal etwas entrückte Sicht auf die Weltordnung verlegen. Im Bestreben, sich verständigt zu bekommen, vertreibt sie gerne die Zeit mit dem Lernen und Erproben verschiedener Sprachen und derer Ausdrucksformen.

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Ayres
Redakteur

Ich habe es durch Staffel 1 nicht geschafft (zu unsympathisch diese Frau Jones), aber die Aussichten, dass Trish zur Bitch mutiert, sind durchaus verlockend, sodass die Serie doch nochmal ihren Weg auf die Watchlist findet 😀