Dark (Staffel 2)

Lesezeit: 5 Minuten

Waren mit dem Erscheinen von Dark im Jahre 2017 alle U-Bahn-Stationen „nur“ mit Werbe-Plakaten zugeklebt, so haben sich die Berliner Verkehrsbetriebe für den Start der zweiten Staffel einen ganz besonderen Werbe-Gag einfallen lassen: die „Dark-Tickets“ – gültig zum Datum der Streaming-Premiere, dem 21. Juni 2019, und noch einmal am selben Tag im Jahre 2052. Eines der Tickets verspricht sogar Gültigkeit für die kompletten 33 Jahre, die dazwischen liegen – wer der glückliche Besitzer ist, muss noch ausgelost werden. Wenden wir uns bis dahin dieser umworbenen zweiten Staffel zu, deren wabbelnde, zeitraubende Natur beim Zuseher nur Gelee im Kopf zurück lässt. Dark hat ehrgeizige erzählerische Ambitionen, die die Serie allerdings nur sehr träge umsetzt.

Die Story setzt sechs Monate nach dem Finale von Staffel 1 an. Seit dem Verschwinden von Mikkel Nielsen (Daan Lennard Liebrenz) hat sich die Verzweiflung in dem Örtchen Winden gehalten und sogar verstärkt, da nunmehr sechs Leute vermisst werden, darunter Jonas Kahnwald (Louis Hofmann, Red Sparrow), von dem wir wissen, dass er im postapokalyptischen Jahr 2052 gelandet ist, und Ulrich Nielsen (Oliver Masucci, Er ist wieder da), der seit seinem Versuch, den jungen Helge Doppler (Tom Philipp) zu töten, irgendwo in den 50ern feststeckt. Unterdessen treibt sich der alte Jonas Kahnwald (Andreas Pietschmann, Ku’damm 59) in der Gegenwart herum und bringt alles durcheinander bei seinem Versuch, die Loge der „Reisenden“ bei ihrem „Krieg gegen die Zeit“ aufzuhalten. Doch ihr Anführer Adam (Dietrich Hollinderbäumer, heute-show) ist eine harte Nuss – vor allem als Jonas dessen wahre Identität erfährt.

Winden – ein Puzzlemärchen

Originaltitel Dark (Staffel 2)
Jahr 2019
Land Deutschland
Episoden 8 in Staffel 2
Genre Mystery, Drama
Cast Jonas Kahnwald (2019): Louis Hofmann
Jonas Kahnwald (2052): Andreas Pietschmann
Charlotte Doppler: Karoline Eichhorn
Ulrich Nielsen: Oliver Masucci
Hannah Kahnwald: Maja Schöne
H. G. Tannhaus: Christian Steyer
Claudia Tiedemann: Julika Jenkins
Martha Nielsen: Lisa Vicari
Noah: Mark Waschke
Adam: Dietrich Hollinderbäumer

Als Dark im Jahre 2017 als erste deutsche Netflix-Produktion auf der Streaming-Plattform erschien, war der internationale Erfolg groß. Mit imposanter Ästhetik und einem universellen Serien-Stil, der länderübergreifend verständlich ist, konnte das Schöpferduo bestehend aus Drehbuchautorin Jantje Friese und der Regisseur Baran bo Odar (beide Who Am I) sogar eine zweite und dritte Staffel eintüten. Das epische Zeitreise-Puzzle, das die Schicksale vierer Familien aus Winden – die Dopplers, die Tiedemanns, die Kahnwalds und die Nielsens – über 99 Jahre und darüber hinaus miteinander verknäult, hat eine große und diskussionswütige Fangemeinschaft um sich scharen können, die demütig auf Antworten wartet – und seien sie noch so klein.

Auf der Wartebank, mit guter Aussicht

Doch zunächst verlangt die zweite Staffel von Dark dem Fan bzw. dem Zuseher generell viel Sitzfleisch ab, denn eine sehr lange Zeit herrscht Leerlauf. Fünf (von acht) Folgen lang frönt die Serie ihren Arien-Charakter, der bereits aus Staffel 1 bekannt ist – das heißt Stimmungen und Gefühle werden ohne Unterlass durch den Fleischwolf gedreht. Im Resümee der ersten Staffel fiel das noch nicht weiter negativ auf, aber die zweite Staffel führt diese Methode einen Tacken zu häufig durch. Die Serie verharrt in symbolträchtig ausstaffierten (und sehr schick anzusehenden) Szenerien, und die Figuren schauen zu den rumorenden Bassklängen des Musikers und Komponisten Ben Frost (Super Dark Times) bedeutungsschwer drein was das Zeug hält. Okkulte Obergurus, die tiefsinnig einen Apfel essen (Frucht der Sünde!), eine Frau in einem knartschgelben Bleistiftkleid, die vor der Tür eines Bunkers steht, oder eine Frau mit Pudel, die im Schein von Stehlampen Löcher im Garten buddelt – Dark punktet immer wieder mit interessant anzuschauenden Inszenierungen.

Wer, wie, was, wo? Und wieso überhaupt?

Das Aussitzen geschichtlichen Fortschritts wird auch in den Dialogen fortgeführt. Die Gespräche zwischen den Figuren halten gefühlt keine 20 Sekunden an und statt konkretem Inhalt fallen ständig die ewig gleichen Schlüsselbegriffe: “Warum bin ich hier?”, “Wer bist du?”, “Wohin bringst du mich?”, “Alles hängt zusammen”, “Mich gibt’s unendlich” und mein persönliches Highlight: “sic mundus creatus est”. Man hat das Gefühl, entweder in der Fragestunde der Sesamstraße festzustecken oder aber einer schrägen und unheimlich hölzernen Vorlesung über das Kybalion beizuwohnen. Interessant (und auffällig) ist auch die Eigenheit der Figuren, in Gesprächen stets unterbrochen zu werden oder einen Rückzieher zu machen, etwa in Folge 2 „Dunkle Materie“: Polizistin Charlotte Doppler stößt zusammen mit Inspektor Clausen bei Regina Tiedemann auf neues Beweismaterial in Form einer mysteriösen Kiste. Sie sichtet das Material darin, Ben Frosts Synthie-Geschwurbel brandet wieder einmal auf und signalisiert „Wichtiger Moment!!“, und Inspektor Clausen sowie der Zuseher werden Zeuge, wie irgendetwas bei Charlotte KLICK macht, und beide hoffen auf ein kleines bisschen Erleuchtung. Doch Pustekuchen – Charlotte verabschiedet sich ganz spontan mitten in der Ermittlung mit den Worten: „Ich muss gehen, meine Tochter muss zum Schwimmunterricht.“ Die Serie drückt auf den Pausenknopf, und das tut sie ständig. Und wenn eine Figur dann mal bereit ist, Klartext zu reden und etwas anzutreiben, wird ihr das verweigert, weil ihre Gesprächspartner angepisst sind und keinen Bock auf Aussprache haben (so geschehen bei der armen Katharina Nielsen in Folge 5 „Vom Suchen und Finden“.)

Geheimnisse und Musikvideos

Bezeichnend für Dark auch der Dialog zwischen Polizist Egon Tiedemann und Ulrich Nielsen in der Nervenklinik. Tiedemann, in ermittelnder Mission: „Was hat das zu bedeuten?“ Nielsen: „Dass du immer noch nichts verstanden hast. Vielleicht ist das dein Schicksal, ahnungslos zu sterben.“ Damit gibt sich Tiedemann (wir erinnern uns: Polizist in ermittelnder Mission) zufrieden und das Gespräch ist beendet. Dark kommt einfach nicht heraus aus seiner ewigen Geheimniskrämerei. Selbst Martha Nielsen gerät deswegen ständig auf die Palme. Ist das ein gutes Zeichen, wenn nicht nur der Zuseher, sondern auch die Figuren innerhalb der Serie angenervt sind? Passend zum geschichtlichen Stillstand leidet Dark auch unter dem Music Video Syndrome. Jede Folge hat diesen einen (vor allem durch Scrubs berühmt gewordenen) Moment, in dem die Schicksale der gebeutelten Figuren durch einen Pop-Song verbunden und platt getreten werden (Stichwort Arien-Charakter). An und für sich ein schickes Stilmittel, wenn aber schon sonst nichts passiert, sind Musikvideos nun auch nicht das Wahre.

Viel los in Winden

Dabei gibt es in Winden eine geradezu vermessene Anzahl an Dingen, die passieren, und somit eigentlich viel potentiellen Inhalt: Zeitreisen, Kinderexperimente, Kindermorde, Ehebrüche, okkult-fanatische Geheimlogen, Inzest, Kernenergie, die nahende Apokalypse, die bereits passierte Apokalypse, ein bisschen Kalter Krieg, Mobbing an der Schule, TKKG-Feeling in Emo, Determinismus, Freier Wille usw. und sofort. Daneben ist auch der Cast ein bunter Straus von Allem – es gibt die Taubstumme, den Einäugigen, den Transgender, die Entstellten, die Homosexuellen und die eine Person mit Heterochromie. Und vielleicht liegt da das Problem: Darks zweite Staffel fühlt sich im Großen und Ganzen überladen an, denn alles Mögliche wird angeschnitten und angekratzt. Somit wird die Serie mit ihrer zweiten Staffel rätselhafter und unübersichtlicher, was wiederum dem mit den Streaming-Diensten aufgekommenen Brainteasing-Trend zugutekommt: Die Macher stacheln das Internet zum wilden Theoretisieren und zum gleichzeitigen Verbreiten ihres Serienstoffes an, ohne selber etwas Besonderes ausgesagt zu haben.

Fazit

Tja, also meine Begeisterung aus der ersten Staffel hat’s dann irgendwie gekillt, leider. Die zweite Staffel von Dark fühlt sich an wie zähe Schlammtreterei – man kommt einfach nicht von der Stelle (erst ab Folge 6 ändert sich das) und versinkt in immer mehr Schichten (jetzt kommen sogar noch Parallel-Universen dazu). Habe ich die erste Staffel noch ohne Probleme in einem Rutsch durchgeguckt, war das hier nun echte Arbeit. Die Figuren, denen ich bereits in der Review zu ersten Staffel einen Mangel an Seele attestiert habe, sind mir immer noch egal. Es gab sogar Momente, in denen sie mir mit ihrer gemeinschaftsunfähigen Aggro-Attitüde so auf den Keks gingen, dass ich den englischen Dub einstellen musste – das nervte mich dann wieder nicht ganz so stark. Was aber immer noch tippitop ist: die Schauwerte. Vor allem das postapokalyptische Setting finde ich extrem schick geraten. Zum Abschluss aber kann ich nur sagen: Hoffentlich gewinne ich dieses 33 Jahre-Dark-Ticket – dann hätte das Ganze immerhin etwas richtig Gutes.

© Netflix

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Totman Gehend

Totman ist Musiker, zockt in der Freizeit hin und wieder Indie-Games & Taktik-Shooter und sammelt schöne Bücher. Größtes Laster: Red Bull. Lieblingsplatz im Netz: der Lofi-Hip-Hop-Radio-Stream auf youtube (der gute Stream von ChilledCow).

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