Rise of the Third Power

Wenn es ein Genre gibt, das vermutlich immer wieder verlegen mit den Schuhspitzen scharrt aufgrund all der Liebesbriefe, die aus seinem Spind herausquellen, dann wohl das klassische JRPG. Immer wieder bekommt es romantische Zeilen geschrieben, wenn jemand nostalgisch schwelgend an eine bessere Zeit denkt, in der man Pixel noch zählen konnte, Charaktere Riesenköpfe hatten und man bei etwaigen Prügeleien brav auf seiner eigenen Seite stehen blieb. Entwickler und Casanova Stegosoft Games bildet da keine Ausnahme und hat sich mit von Kickstartern aufmunternd beklopften Schultern gewagt, seine herzumrandeten Zeilen gemeinsam mit Publisher und Wingman Dangen Entertainment im Februar 2022 zu überbringen. Rise of the Third Power ist der Titel des mit der alten Ära auf Schmusekurs gehenden Werkes und ist ein Brief, der definitiv nicht verschämt versteckt gehört, sondern mit Wonne gelesen werden kann.

   

Das Lande Rin leidet unter starker Post-Erster-Weltkriegeritis; zwar schweigen die Waffen und verweilen in ihren Holstern und Scheiden, aber gerade ein Mann denkt nicht daran, sie zumindest symbolisch in den Schrank zu stellen. Dimitri Noraskov heißt er und schwingt sich samt und mithilfe seines Schwertes auf den Thron des Arkadyan Empires, das in dem vorangegangen Konflikt die kürzeste Lunte zog. Entsprechend territorial benachteiligt und verärgert sowie mit dieser für Imperien typisch welteroberischen Mentalität ausgestattet, versucht Noraskov das Weltgeschehen zielgerecht in den nächsten Baum aus Kanonendonner und Musketenfeuer zu fahren. Allerdings sind sich die anderen großen Länder, das Königreich Cirinthia sowie die Republik Tariq nicht einmal bewusst, was sich in den Schatten des Imperiums zusammenbraut. Die stählerne und intrigante Faust Noraskovs scheint entsprechend unausweichlich auf die sich harmlos rümpfende Nase der Welt zu krachen, aber möglicherweise ist noch nicht alles verloren, denn im Untergrund regt sich Widerstand …

In Herzblut gewälzt

Originaltitel Rise of the Third Power
Jahr 2022
Plattform PC, PlayStation 4, Xbox One, Nintendo Switch
Genre Classic JRPG
Entwickler Stegosoft Games
Publisher Dangen Entertainment
Spieler 1
USK
Veröffentlichung: 10. Februar 2022

Rise of the Third Power will wie die Zusammenfassung schon zeigt, nicht nur optisch an die pixelige Ära von Helden erinnern, die sich stimmenlos mit ihren Kameraden aufmachten, um kleine und große Welten zu retten. Ob nun die frühen Titel der Final Fantasy- oder Dragon Quest-Reihe, ob Shining Force oder die Mana-Werke; viele Spieler dürften ihr Herzelein damals an eines der freundlich zwinkernden Abenteuer verloren haben, die noch immer Grundlage für viele heutige bunt zusammengewürfelte Figuren sind, um auf Weltrettungsreise zu gehen. Wiederholungstäter Stegosoft Games stellt sich nun zum wiederholten Male in diese Tradition und schafft es, nicht einfach nur ein hohles Echo zu erzeugen und ein verträumtes ‘War schon toll damals, ne?’ zu seufzen, sondern eine in Herzblut gewälzte Geschichte zu präsentieren, die mit allerlei Verrat und Ernst aber vor allem einem verschmitzten Grinsen begleitet wird. Kurz: Es ist ein großer Spaß. Länger: Es ist ein Spiel, das nicht nur die Nostalgie-Spritze hinter dem Rücken versteckt, sondern ein einladendes Abenteuer für jedermann mit einer gewissen Retro-und-Budget-Look-Akzeptanz bereit hält.

Die “Helden”-Truppe

Ein – wenn nicht DER – entscheidender Faktor, ob hier eine vergnügliche Rundfahrt über den Kontinent Rin auf den geneigten Spieler wartet, ist das Charakter-Ensemble, mit dem man durch Wälder streift, Banditen aushebelt, Hochzeiten sprengt und Gefängniszellen begutachtet. Zu Beginn besteht es aus dem cirinthischen Königspalast infiltrierenden Duo aus (Ex-)Pirat Rowen und der pieksfreudigen Frohnatur sowie Eigentumsenteignungsexpertin Corrina, die die Zwangsbeurlaubung der örtlichen Prinzessin Arielle (nicht verwandt mit einer gewissen Muschel-BH-Trägerin) an ihrem Hochzeitstag planen. Bereits in den ersten Minuten wird dabei deutlich, was auch für den Rest der Abenteuertour gilt: Die Geschichte nimmt sich ernst, ist aber von einer guten Portion Humor durchdrungen, der sich einerseits aus dem mal mehr mal weniger freundlichen Hin-und-Her der Figuren entwickelt, die versuchen, ihre chaotischen Pläne umzusetzen, andererseits aus einem freundlichen Ellbogenstupser gegen Genre-Konventionen; sei es die optimistische Platzierung von Truhen oder die erstaunliche Größe von Inventartaschen. Bei wem nun die Meta-Humor-Alarmglocken loströten, der sei sofort beschwichtigt: Keine erzwungene Gag-Parade, die so stark mit den Augen zwinkert, dass eine Herde Nervendoktoren schon unruhig mit den Hufen scharrt. Vielmehr spürt man in den kleinen Randbemerkungen die deutliche Zuneigung der Entwickler zu dem Genre.

Ein Cast zum Mitwandern

Zudem schlägt selten eine Witzelei über die Strenge und grätscht nie ungehobelt in ernstere Sequenzen hinein. Der Humor entwickelt sich vielmehr aus dem Gefrotzel der unterschiedlichen Figuren mit ihren ganz eigenen Persönlichkeiten. Favorit des Schreibers ist dabei der Hexenmeister Aden, dessen trocken gnadenlose Kommentare immer wieder ein Schmunzeln ins Gesicht zu zaubern vermochten. Es ist diese Sympathie zur “Helden”-Truppe, das Mitreisenwollen und Beobachten, was ihnen als nächstes widerfährt, von dem die Geschichte und das Spiel als solches lebt. Denn die Handlung selbst ist als solche nicht schlecht, aber letztlich der gewohnte ‘Großes Imperium rasselt mit Messer und dröhnt mit Kanonen’-Plot, der mit ein wenig politischer Intrige, Attentätereien und Verrat angereichert wird. Er ist solide, wird aber maßgeblich über die Figuren bereichert, deren Vorankommen man miterleben will. Allerdings sitzt dabei nicht immer jeder Handlungsschritt, mitunter stolpert es etwas, da nicht jede Situation ihre gebührende Schwere besitzt, aber trotz eines leichten Einknickens hier und da, macht es eine ungemein solide Figur.

Wuchtig von Rund zu Rund

Das trifft im Kern auch auf das Gameplay zu, welches sich erwartbar traditionell gibt. Zu Beginn des Kampfes starren sich die Leutchen und Monster aus gebührendem Abstand von ihren jeweiligen Seiten aus an und lassen es dann Rund um Rund gebührend krachen. Letzteres gehört mit Nachdruck betont, denn Rise of the Third Power überrascht hier mit schön wuchtigen Effekten und einem gänzlich eigenen Attacken- und Fähigkeitswerkzeugkasten für jede Figur. (Einstiger) Seeräuber Rowen kann bspw. seine Feinde auf sich lenken, mit einer Pistole um sich schießen und sammelt durch eingesteckte und ausgeteilte Treffer Wut, um einen mächtigeren Angriff, der seinen sonst nur trinkbaren Alkohol involviert, loszulassen. Corrina schwächt die Rüstung der Gegner, lässt sie buchstäblich bluten und piekst mit ordentlichem Getöse mit ihren Dolchen zu. Auch die restlichen sechs Charaktere, die nach und nach hinzustoßen, bringen ihr eigenes Set an Ungemach für den Gegner mit. Für die jeweiligen Skilltrees benötigte Punkte werden insgesamt für die Gruppe verdient, die gemeinsam aufsteigen, um einzelnes Hochleveln oder unnötiges Hin-und-Her-Wechseln von Figuren zu vermeiden.

Lob und Makel im Detail

Prinzipiell gilt: Wer schon einmal ein rundenbasiertes JRPG gespielt hat, dürfte sich schnell zurechtfinden und auch zufrieden über manche Kleinigkeit nicken, die das spielerische Leben wie das erwähnte Gruppenlevel erleichtert. So gibt es gänzlich mit der Tradition brechend keine Zufallskämpfe; wer die Fäuste schwingen will, muss die Gegnermodelle direkt auf der Karte umarmen. Zudem bleiben besagte Modelle solange verschwunden, bis man in einem Gasthaus rastet oder einem umherreisenden Händler das Respawn-OK gibt. Das berüchtigte Grinding ist ebenfalls nicht vonnöten, wer regelmäßig Goblinschädel oder Soldatenhelme eindellt, wird kaum in die Bredouille kommen. Wobei gerade Bosskämpfe durchaus fordernd werden können, da die Totenschädel symboligen Ungetiere nicht nur einiges einstecken, sondern gänzlich eigene taktische Vorlieben haben, auf die es zu reagieren gilt. Für den absoluten Notfall eilt aber ein stets anpassbarer Schwierigkeitsgrad zur Hilfe. Bei all dem Lob muss aber dennoch mit dem Kritikfinger gewackelt werden. Zwar besitzt jeder der Charaktere einen eigenen Skilltree, aber der ist schnell erkundet und gerade nach hinten heraus wird sich an den Strategien nicht viel tun und sie bieten keine interessanten Fähigkeitsanpassungen mehr, die einer Figur noch einmal einen gänzlich anderen Dreh verleihen. Im späteren Verlauf werden daher die Kämpfe abseits der Bosse dann doch zur Routine, aber das ist ja irgendwie auch Genre-Tradition.

Obacht Aug’ und Ohr

Obendrein sind die weiteren Anpassungsoptionen über ausrüstbare Accessoires kaum für den Kampf bemerkenswert. Auch das generelle Aufrüsten der Ausrüstung, das hier den üblichen Neuwaffenkauf beim Abenteuer bedingten City-Hopping ersetzt, ist zwar funktional, aber kaum der Rede wert. Letztlich steigert man nur passive Werte wie man es ebenfalls über die erwähnte Shopping-Spree tun würde. Defintiv bemerkenswert ist dafür die Musik, die gerade im Kampf ordentlich aufdreht und mit erstaunlich abwechslungsreichen Tracks aufwartet, die sich nicht einfach in die ‘Fantasy-Gedudel’-Schublade sperren lassen. Worüber sich das Ohr freut, muss das Auge aber bei den Portraits etwas zurückstecken. Der Stil kann gerade zu Beginn gewöhnungsbedürftig wirken, wobei hier sicherlich der eigene Geschmack erneut maßgeblich gefragt ist. Wer missmutig murrt, sollte sich dennoch nicht abschrecken lassen; man gewöhnt sich ungemein schnell daran.

Fazit

Es hat genau eine Minute gedauert, bis ich vollkommen in Rise of the Third Power drin war, was übertrieben klingen mag, aber es ist einer dieser Titel, bei denen es sofort ‘Klick’ gemacht hat und es war zum Glück keine geladene Pistole. Ich war schlicht sofort bei den Charakteren dabei und habe mich durch die Geschichte geschmunzelt. Dazu sei gesagt, dass mir persönlich gerade eine sympathische Gruppe enorm wichtig ist. Da darf mal ein Gag daneben gehen, mal ein Charakter etwas übertrieben sein, insofern ich eine schöne Dynamik komme und Figuren, an die ich mich gerne erinnere. Und Rise of the Third Power hat mir genau das gegeben. Es ist ein traditionelles JRPG, das mit einigen netten Verbesserungen aufwartet, und das von seiner Liebe für das Genre durchdrungen ist. Ja, es gibt nicht den großen Bombast, ja, nicht jeder Storybeat sitzt zu 100%, aber wenn man mich jetzt fragt, ob ich gerne wieder mit den Charakteren über Rin stolpern will, wäre die Antwort ein aus der Pistole geschossenes ‘Ja!’. Es ist ein Titel, der diese ganze ‘Liebesbrief ans Genre’-Idee wirklich umsetzt und sich nicht schlicht hinter Nostalgie verstecken muss. Abseits von ein paar Ecken und Kanten: Definitiv eine Empfehlung für alle, die ein schönes RPG mit einem tollen Cast haben wollen. Nicht von der Optik täuschen lassen. Budget bedeutet hier absolut nicht billig. Wer sich unsicher ist, der sollte einen Blick auf die kostenlose Demo werfen, um sich gerade einen Eindruck davon zu verschaffen, ob man mit der Stimmung mitgeht oder nicht. Ich konnte es auf jeden Fall. Und wer jetzt immer noch nicht überzeugt ist: Es gibt eine Monty-Python-Referenz in einer Nebenquest. So. Wenn das jetzt kein Kaufargument ist, weiß ich auch nicht mehr.

© Dangen Entertainment

Mort

Mort hat 'Wie? Nicht auf Lehramt!?' studiert und wühlt sich mit trüffelschweiniger Begeisterung durch alle Arten von Geschichten. Animes, Mangas, Bücher, Filme, Serien, nichts wird verschmäht und zu allem Überfluss schreibt er auch noch gerne selbst. Meist zuviel. Er findet es außerdem seltsam von sich in der dritten Person zu reden und hat die Neigung, vollkommen überflüssige Informationen in sein Profil zu schreiben. Mag keine Oliven.

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