Beyond a Steel Sky

Auf manche Fortsetzungen wartet man ewig, andere erscheinen nie. Und manchmal rechnet man mit nichts und plötzlich ist sie da: Nach 26 Jahren (!) erschien mit Beyond a Steel Sky die Fortsetzung des Cyberpunk-Point’n’Click-Adventures Beneath a Steel Sky (1994). Das ist vor allem der Tatsache geschuldet, dass das Spiel als einer der großen Adventure-Klassiker gilt und eine hartnäckige Fanbase besitzt. Schöpfer Charles Cecil und Watchmen-Mitschöpfer Dave Gibbons kombinierten für den Nachfolger erneut ihre Fähigkeiten. Damals kämpften Protagonist Robert Foster und sein KI-Kumpel Joey gegen eine fiese KI. Im zweiten Teil spinnt das Entwicklungsstudio Revolution Software diese Handlungsfäden einige Zeit später weiter. Zuletzt erschien die Version für PlayStation 4, 5 und Nintendo Switch im November 2021, während PC-Spieler bereits seit Sommer 2020 in den Genuss des Titels kommen.

Robert Foster hat den Auftrag angenommen, ein entführtes Kind zurückzubringen. Alle Spuren führen aus dem Ödland heraus nach Union City, eine technologiegeprägte Megastadt. Die vermeintlich glücklichen Bewohner:innen werden durch den technologischen Fortschritt vor allem eines: überwacht. Auch Fosters Kumpel Joey hält sich hier auf, der als eine Art Gottheit angebetet wird. Was geht hier vor sich? Wohin verschwinden die Kinder? Und was ist mit Joey passiert? Foster hat eine Menge herauszufinden.

Adventure wird 3D-Aventure

Originaltitel Beyond a Steel Sky
Jahr 2020, 2021
Plattform iOS, PC Nintendo Switch, PlayStation 4, PlayStation 5, tvOS, Xbox One, Xbox Series X
Genre Adventure
Entwickler Revolution Software
Publisher Revolution Software Microïds
Spieler 1
USK
Im Handel erhältlich

In den 90ern spielte Beneath a Steel Sky in einer Liga mit Klassikern wie The Secret of Monkey Island und Day of the Tentacle. Teil 1 erzählt die Geschichte von Robert Foster, der seine Kindheit in einer lebensfeindlichen Einöde Australiens verlebt hat. Wo der Vorgänger noch ein klassisches Point’n’Click-Adventure war, schlägt Beyond a Steel Sky in Sachen Perspektive eher den Weg eines Telltale-Spiels ein. Mit dem großen Unterschied zu jener Gattung, dass es hierbei wesentlich mehr Spielraum gibt und die Gegend weitgehend frei erkundbar ist. Wie in einem Action-Adventure steuert man Foster aus der Third-Person-Perspektive durch die Spielwelt, immer auf der der Suche nach neuen Rätseln und Gesprächspartnern. Im Spielverlauf verschlägt es ihn gemeinsam mit seinem selbstgebauten Roboter Joey in die Metropole Union City. Die Stadt wird zwar von einer riesigen Kuppel von der ebenso verseuchten wie gefährlichen Außenwelt geschützt, aber auch innerhalb der Metropole wimmelt es nur so vor Feinden und Gefahren.

Keine Vorkenntnisse erforderlich

Nun ist es ziemlich wahrscheinlich, dass ein großer Teil der heutigen Spielerschaft gar nicht erst in den Genuss des Vorgängers kam. Oder vielleicht noch gar nicht lebte. Doch selbst wer das Original seinerzeit spielte, wird wohl nach 25 Jahre auch nur noch die groben Eckdaten und wichtigen Schlüsselmomente in Erinnerung haben. Wenn überhaupt. Insofern macht es Beyond a Steel Sky mit seinem inhaltlichen Zeitsprung von zehn Jahren auch sehr einfach, ohne Vorkenntnisse in die Materie einzutauchen. Man lernt die Figuren hier einfach neu kennen und findet sich sehr schnell zurecht. Erzählt wird die Vorgeschichte ohnehin in Flashbacks noch einmal, so dass jeder die Möglichkeit hat, das Wichtigste rückwirkend zu erfahren. Bei einem Besuch im Museum erfahren Neulinge anschaulich und ohne langatmige Erklär-Bär-Vorträge alles, was sie wissen müssen, wohingegen die Szene für alle Eingeweihten nur so vor Anspielungen und Easter-Eggs strotzt. Win-Win für alle.

Schöne neue Welt

Beneath a Steel Sky war bereits ein Kind seiner Zeit und erzählte eine recht konventionelle Geschichte um politische und philosophische Fragen des Zeitgeists der frühen 90er Jahre. Eine Welt nach dem Krieg mit Blick voraus in die Zukunft. Schöne Neue Welt, George Orwells 1984, Blade Runner und Mad Max sind die Einflüsse, die sich auch in der Fortführung an allen Ecken und Enden wiederfinden. Die Cyberpunk-Thematik ragt dabei in die Gesellschaft hinein, die von einer Arm-Reich-Schere gezeichnet ist: Während die armen Bevölkerungsschichten in den oberen Regionen vor sich hin vegetieren (weil dort der Smog aus den Industrie-Schornsteinen hinaufsteigt), führen die Reichen ein Luxusleben in den prunkvollen Gärten an der Erdoberfläche. Beyond a Steel Sky mag aus Sci-Fi-Sicht bestimmt einige Klischees bergen, ist aber gerade im Videospiel-Bereich zeitlos und frei von irgendwelchen zeitlichen Fesseln. Doch das Spiel hält sich nicht in der Vergangenheit auf, sondern bietet erzählerisch ebenso moderne Einflüsse wie Social Media oder ein Punktesystem, nach dem die Bewohner:innen etwa zu sozialem Verhalten erzogen werden. Diesen Ansatz kennt man beispielsweise auch aus Black Mirror.

Nicht die typische düstere Mega-Metropole

Visuell erinnert das Spiel stark an Telltale-Klassiker, zeigt aber mehr Liebe zum Detail. Dave Gibbons, Zeichner der Watchmen-Serie, hat einen Großteil der Grafiken und Szenen geschaffen und dabei auch Mad Max als Stilvorlage aufgegriffen. Insbesondere die ersten Szenen inmitten der Prärie erinnern sehr an die Filmreihe. Die Spielwelt selbst ist trotz eigentlich düsterer Thematik auffallend bunt und Union City ist ein farbenfrohes Abbild einer Neonstadt. Durch herumlaufende Passanten wird zumindest der Eindruck eines Eigenlebens erweckt. Das läuft technisch nicht immer ganz einwandfrei ab und ist natürlich meilenweit von dem Aufwand vergleichbarer Blockbuster-Produktionen wie Cyberpunk 2077 entfernt. Doch dafür ist viel von der Liebe zum Detail zu erfahren. Eine Cel-Shading-Grafik ist in vielen Fällen eine Sparmaßnahme. In diesem Fall hier passt sie aber und bringt einen schönen Graphic Novel-Look mit sich. Beim genaueren Hinsehen sind viele kleine Details zu erkennen. Insgesamt bietet sich ein stimmiges Gesamtbild.

Erzählerisch konventionell

Nicht ganz so überzeugend ist die Geschichte selbst. Diese fällt eher schematisch aus. Wegpunkte erkennen und abklappern, sich mit NPCs unterhalten (mal mehr, mal weniger angenehm) und Gegenständige kombinieren. Die überwiegend technischen Rätsel lassen Foster Gegebenheiten seiner Umwelt kombinieren, um bestimmte Ereignisse auszuholen. Diese kleinen Hacker-Spielchen sind mitunter nervig, aber immer toll im Ergebnis zu bewundern. Ansonsten greift das, was man an Adventures mag oder eben nicht: durch Dialoge klicken, Optionen wählen, dem Geschwafel folgen. Inhaltlich sehr geradlinig erzählt und ohne eigene Entscheidungen, was ein wenig schade ist, da genau dieser Punkt altbacken wirkt.

Fazit

Beyond a Steel Sky ist ein Geschenk für alle Fans von Adventures, Cyberpunk und natürlich der Reihe selbst. Man muss das Spiel als Hommage an Adventures der 90er lieben, die eine neue Verpackung bekam. Inhaltlich atmet es den Zeitgeist von einst, gepaart mit ein paar modernen Einflüssen. Die riesige 3D-Welt ist bei weitem mehr als nur eine Kulisse und wurde mit viel Liebe zum Detail zum Leben erweckt. Schade ist dagegen nur, dass die konservative Handlung gewohnten Erzählungen folgt und sich nicht sonderlich innovativ anfühlt, eben ganz im Gegenzug zu ihrer Optik. Bedingungslos empfehlen kann man das Spiel trotz allem aber, alleine schon der dichten Atmosphäre wegen.

© Revolution Software


Im Handel erhältlich:

 

Ayres

Ayres ist seit 2002 im Community Management tätig, seit einer Weile sogar beruflich. Er ist ein richtiger Horror- & Mystery-Junkie, liebt gute Point’n’Click-Adventures und ist Fighting Games nie abgeneigt. Besonders spannend findet er Psychologie, deshalb werden in seinem Wohnzimmer regelmäßig "Die Werwölfe von Düsterwald"-Abende veranstaltet. Sein teuerstes Hobby ist das Sammeln von Steelbooks. In seinem Besitz befinden sich mehr als 100 Blu-Ray Steelbooks aus aller Welt.

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