Violation

Vergeltung fand man früher am ehesten in Western-Filmen. Der Held wird schwer verletzt (oder gar für tot erklärt) und von seinen Peinigern zurückgelassen. Er erholt sich, schmiedet einen Plan und übt selbstgerechte Rache. Diese Thematik erhielt über die Jahrzehnte hinweg immer mehr psychologischen Unterbau und verschmolz zunehmend mit dem aufkeimenden Feminismus. Filme wie I Spit on your Grave prägten das Rape & Revenge-Genre, die überwiegend von Männern produziert wurden. Wenn sich eine Regisseurin diese Genres annimmt, ist das einen Blick wert. Schließlich ändert dies die Perspektive auf die Geschehnisse. Regisseurin Madeleine Sims-Fewer saß für ihren ersten Spielfilm Violation nicht nur gemeinsam mit ihrem Co-Regisseur Dusty Mancinelli auf dem Regiestuhl, sondern schlüpfte gleichzeitig in die Hauptrolle des psychologischen Thrillers. Zu sehen war der Film auf den Fantasy Filmfest Nights 2021.

   

Die Ehe von Miriam (Madeleine Sims-Fewer, Operation Avalanche) und ihrem Mann Caleb (Obi Abili, 21 Bridges) scheint an einem Scheideweg angekommen. Die wachsende Distanz lässt Miriam spüren, dass alles auf ein Ende zusteuert, doch noch möchte sie nicht aufgeben. Ein Wochenende in ihrer Heimat bei ihrer Schwester Greta (Anna Maguire, Constellations) und deren Mann Dylan (Jesse LaVercombe, Mary Goes Round) soll Platz für einen neuen Anfang schaffen. Eine unverfängliche Situation zwischen Miriam und Dylan läuft schließlich aus dem Ruder: Dylan vergewaltigt Miriam im Schlaf. Als sich Miriam Greta anvertrauen will, stößt sie nur auf Unverständnis. Das zwingt Miriam zum Handeln …

Moralische Freiheit und kalkulierte Provokation

Originaltitel Violation
Jahr 2020
Land Kanada
Genre Drama, Splatter
Regie Madeleine Sims-Fewer,
Dusty Mancinelli
Cast Miriam: Madeleine Sims-Fewer
Greta: Anna Maguire
Dylan: Jesse LaVercombe
Caleb: Obi Abili
Laufzeit 107 Minuten
FSK unbekannt
Titel im Programm der Fantasy Filmfest Nights 2021

Violation lässt sich nur bedingt den typischen Mustern des Rape & Revenge-Thrillers zuordnen. Es gibt eine Vergewaltigung und einen anschließenden Racheplan. Anstatt einer temporeichen Umsetzung dessen geht es dem Regie-Duo darum, einen psychologischen Blick auf Miriams Trauma zu werfen. Zu zeigen, wie es ist, wenn Opfer Ablehnung erfahren und auf eine Mauer des Schweigens stoßen. Wenn neue Risse dazu führen, dass bereits existierende Instabilität zum Wahnsinn führen. Dylans Sicht auf die Geschehnisse ist eine andere als Miriams. Es prallen Ansichten aufeinander, doch die Geschädigte ist Miriam. Dabei ist ein sperriges Arthouse-Drama à la Lars von Trier herausgekommen, welches sich viel Zeit für alle Detailfragen nimmt. Rechtfertigen lässt sich das Wenigste, was Miriam in ihrem Delirium macht. Sie ist eine Psychopathin, die für ihr Tun einen moralischen Freifahrtschein erhält. Der mitunter interessanteste Part ist wohl die Frage, wie weit die Grenzen der Empathie beim Publikum reichen, um ihr Handeln rechtfertigen zu können.

Keine schnelle Sensation, sondern künstlerisches Ausschlachten

Violation hebt sich in jeder Hinsicht von vergleichbaren Titeln ab und versucht, einen höheren Anspruch zu erfüllen. Dementsprechend verschnörkelt ist die Ausführung: Zeitlupen, Choräle, Spiele mit Nähe und Distanz, Unschärfen und Close-ups, erzählerische Brüche und verschachtelte Zeitebenen. Die nichtlineare Erzählweise zwingt das Publikum, die Reihenfolge der einzelnen Szenen selbst zusammenmontieren zu müssen. Unterm Strich bleibt die Frage, ob weniger nicht manchmal mehr ist. Denn jede Einstellung wird als Kunst verkauft, die sich alles erlauben kann und stellenweise ziemlich explizit wird. Es gibt ein erigiertes Glied zu sehen, Masturbation und die Art von Splatter, bei der auch Hartgesottene zweimal überlegen sollten, ob sie genau hinsehen möchten. Eine schmerzhafte Erfahrung, deren Bilder auch Zuschauer*innen an die persönlichen Grenzen treiben kann. Erfahrung ist auch der Begriff, auf den es ankommt, denn Violation setzt vor allem auf seine Wirkung und weniger auf Auflösung oder Erklärung. Daruntergemischt werden zahlreiche Aufnahmen aus der Natur, das natürliche Treiben von Flora und Fauna. Ob einem das alles nun zusagt oder nicht: Die bewusst aufgebaute Dynamik zwischen den Figuren funktioniert mit Hilfe des talentierten Ensembles tadellos. Madeleine Sims-Fewer überzeugt in ihrer Darstellung dieser Extremerfahrung.

Fazit

Violation ist ein komplexer Film mit komplexer Thematik. Harte Kost, die wenig Raum für Antworten schafft und das Publikum in einen Diskurs zwingt ‒ ob man nun Lust darauf hat oder nicht. Die unangenehm expliziten Szenen schlagen schnell auf den Magen und die beunruhigend langsame Erzählung trägt ihren Teil dazu bei, dass die Produktion auf konsequente Weise faszinierend ist. Ob positiv oder negativ, hängt vollkommen davon ab, ob man das Medium Film nun als Kunst- oder Unterhaltungsform wahrnimmt. Denn unterhaltsam ist das Allerwenigste an diesem Film. Handwerklich ist Violation allerdings in jedem Fall überzeugend, wenngleich der überdurchschnittlich hohe Anteil an kunstvoll inszenierten Szenen ein kantiges Arthouse-Drama formt. Das hat den faden Beigeschmack, als wolle das Drama nun tiefgründiger sein, als es letztlich ist. Das richtige Publikum mit diesem Ergebnis zu erreichen, ist ein schwieriges Unterfangen.

© Nameless Media

Ayres

Ayres ist seit 2002 im Community Management tätig, seit einer Weile sogar beruflich. Er ist ein richtiger Horror- & Mystery-Junkie, liebt gute Point’n’Click-Adventures und ist Fighting Games nie abgeneigt. Besonders spannend findet er Psychologie, deshalb werden in seinem Wohnzimmer regelmäßig "Die Werwölfe von Düsterwald"-Abende veranstaltet. Sein teuerstes Hobby ist das Sammeln von Steelbooks. In seinem Besitz befinden sich mehr als 100 Blu-Ray Steelbooks aus aller Welt.

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