The Innocents

Die Qualitäten manchen Films sind auf den ersten Blick absolut nicht zu erkennen. The Innocents ist so ein Titel: In sachlich-nüchterner und fast dokumentarischer Weise erzählt der norwegische Drehbuchautor und Regisseur Eskil Vogt (Blind) von den Grausamkeiten, die Kinder sich gegenseitig antun. Was als abschreckende Erzählung aus Kindesperspektive beginnt, nimmt im Laufe der Handlung an Fahrt auf: The Innocents war nicht ohne guten Grund das Centerpiece des Fantasy Filmfest 2021. Beklemmend, tragisch und zugleich eine wundervolle Coming-of-Age-Story mit unerwartet fantastischen Elementen. Eine Geschichte über Freundschaft, Loyalität und Grenzen.

   

Die kleine Ida (Rakel Lenora Fløttum) muss mit ihren Eltern (Ellen Dorrit Petersen, Morten Svartveit) in eine neue Stadt umziehen. Die neue Wohnsiedlung besitzt immerhin einen Spielplatz, doch außer ihrer autistischen Schwester Anna (Alva Brynsmo Ramstad) hat Ida niemanden. Ida hat wenig Verständnis dafür, dass ihre ältere Schwester soviel Zuneigung und Fürsorge von den Eltern bekommt, und versucht Annas Schmerzgrenze zu erfahren, etwa indem sie ihr Glasscherben in die Schuhe legt. Trotzdem muss Ida immer wieder auf Anna aufpassen. Auf dem Hof lernen sie Ben (Sam Ashraf) und Aisha (Mina Yasmin Bremseth Asheim) kennen. Während Aisha sich mit Anna anfreundet, ist Ida ganz fasziniert von Ben, der einen Hang zum Düsteren hat und für ein Kind sehr morbide Gedanken besitzt. Die Kinder hängen fortan viel gemeinsam ab und entdecken, dass sie besondere Fähigkeiten besitzen, die außer ihnen niemand zu haben scheint …

Ungemütliche Kinderwelten

Originaltitel De uskyldige
Jahr 2021
Land Norwegen
Genre Fantasy, Thriller
Regie Eskil Vogt
Cast Ida: Rakel Lenora Fløttum
Anna: Alva Brynsmo Ramstad
Ben: Sam Ashraf
Aisha: Mina Yasmin Bremseth Asheim
Mutter: Ellen Dorrit Petersen
Vater: Morten Svartveit
Laufzeit 117 Minuten
FSK unbekannt
Titel im Programm des Fantasy Filmfest 2021

Die Psychologie setzt sich ausgiebig mit der Welt eines Kindes auseinander, dessen Entwicklung im Besonderen von äußerlichen Einflüssen bestimmt wird. Was wir sehen und wahrnehmen, ist die eine Sache. Die andere ist die Black Box. Momente, in denen Kinder sich unbeobachtet fühlen, Grenzen ausloten und Dinge probieren, die ihre Eltern ziemlich sauer machen oder enttäuschen würden. Genau diesen Momenten widmet Eskil Vogt seinen Film The Innocents. Der Regisseur kam auf die Idee zu diesem Film, als er selbst Vater wurde und sich seitdem damit befasste, dass es einen Einflussbereich auf die Entwicklung eines Kindes gibt, der außerhalb der elterlichen Kontrolle und Sichtbarkeit steht. Mit teilweise grauenvollen Szenen stellt die norwegische Produktion diesen unbekannten Bereich dar. Nicht alles, was erwachsene Zuschauer:innen als brutal, traurig oder grausam bewerten, ist aber auch für die kleine Ida so. Ida ist neun Jahre alt und lernt selbst noch, die Dinge zu bewerten. Der Film ist dabei ganz frei von Moral und stellt seine Ereignisse nüchtern dar. Die Einordnung funktioniert allein durch die Zuschauer:innen und das kann sehr unbequem sein, weil der eigene Standpunkt manchmal erst gefunden werden muss.

Fantastische Kinderwelten

Eskil Vogt bleibt sich nach dem Drehbuch von Thelma treu und bewegt sich erneut auf Coming-of-Age-Pfaden, die von Fantasy- und Super Powers-Elementen beeinflusst werden. Das steht in keinem Verhältnis zu Produktionen von Marvel und Co.: Sämtliche Fähigkeiten kommen ohne Spezialeffekte daher und sind als Selbstverständlichkeiten im Alltag der Kinder verankert. Etwas, in dem The Innocents Titeln wie Brightburn – Son of Darkness oder The New Mutants auch voraus ist: Es muss nicht alles erklärt werden und es bedarf auch keiner reißerischen Darstellung, um zu verstehen, welches Talent oder Mindset die einzelnen Kinder besitzen. Eine geradezu introvertierte Kraft, die jedes der Kinder mit sich herumträgt und die einfach existent ist, ohne dass für das Publikum irgendwelche Demonstrationen durchgeführt werden müssen. So auch die Energie, die hinter den einzelnen Geschichten steckt. Jede Figur des Films ist gezeichnet von ihrem Umfeld, das zum Teil nur angerissen wird, aber dabei hilft, die Psychologie hinter den Charakteren zu verstehen. Die Erwachsenen spielen auch nur dann eine Rolle, wenn sie direkten Einfluss auf das Leben ihres Kindes nehmen. Etwa durch fehlende Aufmerksamkeit, Ungerechtigkeit oder Fürsorge.

Großartige Kinderwelten

Ganz großartig ist der junge Cast. Das Quartett Ida, Anna, Ben und Aisha ist wunderbar besetzt. Mit jungen Darsteller:innen, welche die schwierige Aufgabe hatten, die Vielschichtigkeit der Kinder abzubilden, welche die Grausamkeit der Geschichte mitunter abverlangt. Die Zuschauer:innen erleben die Geschichte vor allem durch Idas Augen. Und auch wenn Ida Anna kneift, passiert das mit viel Unschuld und kindlicher Unbefangenheit. Keine Boshaftigkeit, denn es fehlt Ida an Weitsicht, die sie in ihrem Alter gar nicht besitzen kann. Es ist kaum zu glauben, dass Rakel Lenora Fløttum Idas verschiedene Seiten so gut verkörpert, ohne dass ihr anzumerken ist, dass am Ende alles nur Schauspiel ist. Die Kamera von Sturla Brandth Grøvlen (Der Rausch) haftet an den Kindern, als sei man selbst mit ihnen unterwegs. Völlig nahbar, gleichzeitig aber auch geheimer Beobachter. Und dabei geschieht etwas ganz Unerwartetes: Die Kinder wirken in ihrem Denken und Handeln zunehmend selbstbestimmter und entwickeln sich innerhalb der rund zwei Stunden spürbar.

Fazit

Zwei Kernbotschaften gibt es zu The Innocents: Das eine ist die brutale Diskrepanz aus Zuschauerperspektive, wenn wir die Kinder bei ihrem Treiben begleiten und immer wieder vor Augen führen wollen “Mach das nicht!”, “Das ist nicht gut!” oder “Hör auf, das tut weh!” Das triggert Gefühle wie Wut, Trauer und Furcht – ein fieser Tritt in die Magengrube. Aber man wird gezwungen zu verstehen, dass der Film aus Kinderaugen stattfindet.
Die zweite Kernbotschaft: Trotz dieser gar nicht leicht zu bewältigenden Herausforderung ist The Innocents ein einzigartiger Film. Ein Must-see für jeden, der Düsterem und Fantastischem gegenüber aufgeschlossen ist. Eine furchtbar intensive Erfahrung, die aufgewühlt zurücklässt. Ganz großes und unscheinbares Coming-of-Age-Kino.

© Wild Bunch Germany

Ayres

Ayres ist seit 2002 im Community Management tätig, seit einer Weile sogar beruflich. Er ist ein richtiger Horror- & Mystery-Junkie, liebt gute Point’n’Click-Adventures und ist Fighting Games nie abgeneigt. Besonders spannend findet er Psychologie, deshalb werden in seinem Wohnzimmer regelmäßig "Die Werwölfe von Düsterwald"-Abende veranstaltet. Sein teuerstes Hobby ist das Sammeln von Steelbooks. In seinem Besitz befinden sich mehr als 100 Blu-Ray Steelbooks aus aller Welt.

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