Silent Night

Zwischen all der Flut an Weihnachtsfilmen ist es nicht sonderlich einfach, hervorzustechen. Silent Night, der Debüt-Film von Camille Griffin, hat es gleich doppelt schwer: Zum einen ist es ein Weihnachtsfilm, der mit einer Masse an anderen Titeln zu diesem Thema konkurriert. Zum anderen aber sieht man dem Film auf den ersten Blick nicht an, um welches Genre es wirklich geht. Und das ist auch gut so! Denn hierbei handelt es sich um eine jener Produktionen, über die man am besten im Vorfeld nichts weiß und über die man im Nachgang am meisten spricht. Der deutsche Trailer grenzt dabei an einen Skandal und enthüllt vorab bereits die Bombe, die die Regisseurin zur Mitte ihrer Geschichte platzen lässt. Wir halten uns in dem Sinne kurz und nehmen keine wichtigen Informationen vorweg. In den Handel kam der Film, übrigens der Abschlussfilm des Fantasy Filmfest 2021, am 10. Dezember 2021.

Wenn Nell (Keira Knightley, Fluch der Karibik) und Simon (Matthew Goode, Stoker) zu einem weihnachtlichen Festessen einladen, wissen alle: Es wird an nichts gespart und ein pompöser Abend mit einladender Deko, liebevoll geschmücktem Baum und tollem Ambiente steht bevor. Dafür laden sie in ihr prächtiges Landhaus ein, Getränke und Speisen stehen bereit. Auf der Gästeliste stehen Freunde und Familie: Sandra (Annabelle Wallis, Malignant) und Tony (Rufus Jones, The Ghoul), James (Sope Dirisu, His House) und Sophie (Lily-Rose Depp, Voyagers), Alex (Kirby Howell-Baptiste, Cruella) und Bella (Lucy Punch, Bad Teacher). Zudem sind noch diverse Kinder dabei. Dass dieser Abend ein besonderer ist, spürt man regelrecht. Dafür gibt es auch einen bestimmten Grund, der nicht Weihnachten ist …

Es ist ratsam, den Film völlig unvoreingenommen zu sehen

Originaltitel Silent Night
Jahr 2021
Land Großbritannien
Genre Komödie, Drama
Regie Camille Griffin
Cast
Nell: Keira Knightley
Art: Roman Griffin Davis
Simon: Matthew Goode
Sandra: Annabelle Wallis
Sophie: Lily-Rose Depp
Alex: Kirby Howell-Baptiste
James: Sope Dirisu
Tony: Rufus Jones
Bella: Lucy Punch
Kitty: Davida McKenzie
Laufzeit 90 Minuten
FSK
Veröffentlichung: 10. Dezember 2021

Es gibt Filme, bei denen man sich die Laune mit einem Trailer schnell verdirbt. Im Fall von Silent Night würde wohl jeder, der die britische Produktion gesehen hat, einen Haken hinter diese Aussage setzen. Selbst der deutsche Zusatztitel ist im Grunde schon zu viel Information vorab, zeigt aber das ewige Dilemma auf: Wie vermarktet man ein Produkt am besten, das von einem großen Überraschungsmoment lebt, mit dem alles steht und fällt? Wissen sollte man nur: Hinter den vielen Feiertagsklischees steckt weitaus mehr. Eine große moralische Frage mit Substanz, um auch nach dem Ende der Geschichte noch weiter darüber nachzudenken. Bis die Turbulenzen beginnen, erwarten Zuschauer:innen allerdings das übliche Weihnachtschaos und die klassischen (Familien-)Klischees, wie man sie zu Weihnachten kennt und erwartet. Besonders Gastgeberin Nell hastet von einem Brandherd zum nächsten, um ein möglichst perfektes Fest zu gewährleisten. Diese Lockerheit fühlt sich vertraut an und sorgt für einige witzige Screwball-Momente.

Nur lesen, wenn ihr den Film bereits kennt

Clever verpackt Camille Griffin ihren Twist, dass draußen der Weltuntergang näher rückt. Die herannahende Bedrohung sorgt für neue Dynamiken und die Handlung jongliert damit, dass jede der anwesenden Familien anders mit der Situation umgeht. Da werden die letzten Geheimnisse aufgedeckt und Unausgesprochenes von der Seele geredet. Ob es ein guter Schachzug ist, den herannahenden Tod zur Beiläufigkeit werden zu lassen, liegt am Ende im Auge des Betrachtenden. Man kann sicherlich damit argumentieren, dass zu viel Platz für Nebensächlichkeiten bleibt. Auf der anderen Seite: Wer hat festgelegt, dass der Tod immer etwas Dramatisches sein muss? Das Szenario bietet Platz für Öko-Kritik, zumindest kann die tödliche Wolke als Anspielung auf die Klimakrise interpretiert werden. In vielerlei Besprechungen des Films und auf Social Media liegt der Verdacht nahe, dass Camille Griffin eine Impf-Botschaft in ihren Film gepackt hat. Diesen Vorwurf lehnt die Regisseurin allerdings vehement ab, da der Film bereits vor der Pandemie gedreht wurde. Die Parallelen zu dem, was Verschwörungstheoretiker von sich geben, sind jedenfalls erschreckend nahe an der Realität. Damit ergeben sich auch die großen Unterschiede zu herkömmlichen Weihnachtskomödien mit dysfunktionalen Familien: Während es immerzu darum geht, Differenzen zu überwinden und eine Versöhnung herbeizuführen, existiert diese Option hier nicht. Das Ende führt zwangsläufig zum Tod. Entweder rafft die Gaswolke alle dahin oder die Pille, die einen schnellen Tod verspricht. Daraus ergeben sich für jede Figur auch moralisch-ethische Fragen: So ist zum Beispiel Sophie schwanger und lehnt jene Exit-Pille für sich vehement ab, da sie so zur Mörderin ihres ungeborenen Kindes würde. Nur einer von vielen Aspekten, die für Gesprächsstoff sorgen: Kann man einer Regierung trauen und ist sie in der Lage, Lösungen zu finden? Weiß die Wissenschaft genug Bescheid und stuft sie die Wolke korrekt ein? Sagen die Nachrichten die Wahrheit? Sollte man sie nicht besser abstellen? Dürfen Eltern ihre Kinder angesichts solch einer Lage in den Tod zwingen?

Stark gespieltes Chaos einer hochkarätigen Besetzung

Die Besetzung ist ein wahrer Festtagsschmaus: Keira Knightley spielt ganz fantastisch und beherrscht sowohl die organisierte Hausherrin als auch die liebevolle Mutter. Auch die restliche Besetzung wartet voller Spielfreude auf und darf aus den Vollen der hohen Qualität der Dialoge schöpfen. Roman Griffin Davis, übrigens der Sohn der Regisseurin und seit Jojo Rabbit ein beachtlicher Newcomer, als großer moralischer Kompass spielt glänzend. Seine Mutter Camille Griffin findet stimmungsvolle Bilder für alle Aspekte des Films. Auch schmissige Weihnachtsmusik kommt nicht zu kurz, wenngleich der Soundtrack nur allzu aufdringlich entgegenschallt – und oftmals versteckte Hinweise darauf enthält, was eigentlich los ist.

Fazit

Leider sind selbst kleinste Informationshäppchen schon zu viel Wissen, was es ungemein erschwert, Silent Night an die richtige Zielgruppe zu bringen. Denn Silent Night ist ein Hybrid, der mehrere Genres erfolgreich in sich vereint. Wer nach besonderen Titeln sucht, ist hier goldrichtig und sollte sich vom Weihnachtskontext nicht abschrecken lassen. Die wahren Qualitäten liegen in der Geschichte und dem guten Händchen der Regisseurin fürs Storytelling. Und natürlich dem spielstarken Cast, der hier ausnahmslos brilliert. Tonal könnte der Film in der Tat ein wenig bissiger sein, bringt aber eine Menge typisch britischen schwarzen Humor mit, der die Situation mehr als nur auflockert.
Pandemie-Leugner:innen und Impfverweigernde hingegen sollten sich diesen Film lieber nicht ansehen.

© Capelight Pictures


Veröffentlichung: 10. Dezember 2021

 

Ayres

Ayres ist seit 2002 im Community Management tätig, seit einer Weile sogar beruflich. Er ist ein richtiger Horror- & Mystery-Junkie, liebt gute Point’n’Click-Adventures und ist Fighting Games nie abgeneigt. Besonders spannend findet er Psychologie, deshalb werden in seinem Wohnzimmer regelmäßig "Die Werwölfe von Düsterwald"-Abende veranstaltet. Sein teuerstes Hobby ist das Sammeln von Steelbooks. In seinem Besitz befinden sich mehr als 100 Blu-Ray Steelbooks aus aller Welt.

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