My Friend Dahmer

Lesezeit: 4 Minuten

Ted Bundy, Zodiac, Jack the Ripper – die Geschichte hat viele Serienkiller hervorgebracht, die gleichzeitig auch popkulturelles Phänomen sind. Das Interesse an True Crime-Geschichten und besonders charismatischen Mördern erfreut sich derart hoher Beliebtheit, dass nicht nur Dokumentationen von ihnen zehren. Die Graphic Novel My Friend Dahmer zählt zu den erfolgreichsten Comics. Autor John „Derf“ Backderf erzielte damit unter anderem eine Nominierung für den Eisner Award, eine der wichtigten Auszeichnungen für Comicschaffende. Das Besondere daran: Mit Jeffrey Dahmer steht ein Serienkiller im Mittelpunkt, zu dessen Freundeskreis der Autor zu Schulzeiten gehörte. My Friend Dahmer begleitet Jeffrey auf seinem Weg vom belächelten Sonderling zum nekrophilen und kannibalischen Mörder mit einer Vorliebe für exotisch aussehende Jungen. Ähnlich wie Zac Efron in Extremely Wicked, Shockingly Evil and Vile schlüpft mit Ross Lynch (Austin & Ally) ein Ex-Disneystar präzise in die Rolle eines Psychopathen.

Milwaukee, 1978. Jeffrey Dahmer ist ein scheuer Teenager mit Seitenscheitel und großer Brille. Soziale Kontakte hat er nicht und in seiner Frezeit beschäftigt er sich mit Tierkadavern, welche er in Säure einlegt. Der Beliebtheitsschub in der Schule setzt erst ein, als er einen halbseitig gelähmten Mitschüler durch Imitation zu mobben beginnt. Fortan trägt er den Stempel des Klassenclowns und schart Bewunderer um sich. Damit kaschiert er auch seine Vorliebe für Jungen. Als er bemerkt, dass Pornografie ihn nicht erregt, und ihm auch die in einem Kaufhaus geklaute Schaufensterpuppe keine dauerhafte Befriedigung verschafft, entwickelt er Fantasien, die bald real werden. Da kommt auch der neue Freund Alkohol sehr gelegen, denn mit Bier lockt man Männer …

Keine Schauwerte für blutgeile Zuschauer

Originaltitel My FriendDahmer
Jahr 2017
Land USA
Genre Drama
Regisseur Marc Meyers
Cast Jeffrey Dahmer: Ross Lynch
Dr. Matthews: Vincent Kartheiser
Joyce Dahmer: Anne Heche
Lionel Dahmer: Dallas Roberts
Derf: Alex Wolff
Laufzeit 107 Minuten

Das Wichtigste vorweg: My Friend Dahmer mag die Geschichte eines Psychopathen erzählen, verlässt aber nicht die Grenzen des Biopics. Es geht hier nur die Darstellung eines psychopathischen Sonderlings und nicht darum, möglichst plakativ Menschen umzubringen. Im Vordergrund stehen die Entwicklungsschübe des jungen Jeffreys. Mit dauerstreitendem Elternhaus, unerfüllten sexuellen Gelüsten und der Suche nach Anerkennung. Bereits die Comic-Vorlage hegt den Anspruch, dies auf eine möglichst authentische Art darzustellen. Denn der Autor kannte Jeffrey Dahmer zu dessen Lebzeiten und hat als Figur selbst einen Auftritt in My Friend Dahmer. Regisseur Marc Meyers (How He Fell in Love) bleibt mit seiner Sichtweise dabei gänzlich neutral: Jeffrey wird weder verherrlicht noch dämonisiert. Aber wir erleben ihn als Lügner und Manipulator, dem kein Mittel zu schade ist, um an sein Ziel zu kommen. Worum es ihm genau geht, kommt dabei gar nicht klar zum Vorschein: Liegt der Kick in der Vergewaltigung? Im Mord? Im Umgang mit der Leiche im Nachhinein? Einen tiefen Einblick, der Fragen auf diese Antworten liefert, bekommen wir nicht. Denn trotz Leiche in Jeffreys Bett sind wir bei keinem der Morde anwesend.

Der Mensch und nicht die Bestie

Spätestens seit Bates Motel sind die Vorgeschichten von Killern populär. Wie kann ein Mensch entstehen, der andere betäubt, vergewaltigt und zerstückelt? Doch hier geht es gar nicht um die Bestie, sondern um den Jungen, der er einst war. Bereits optisch erfüllt Jeffrey nahezu alle Außenseiter-Klischees. Seine hängenden Schultern, sein schlurfender Gang und seine penibel zur Seite gekehrte Tolle verraten bereits von Weitem, dass er ein Außenseiter ist. Ross Lynch wird aber mehr abverlangt, als nur das Aussehen möglichst originalgetreu zu treffen. Die Rolle bringt eine Vielschichtigkeit mit sich, welche extreme Schwankungen zwischen introvertiertem Wahnsinn und extrovertierter Aufgedrehtheit abfordert. Dabei ist Dahmer nicht einfach nur extrovertiert, sondern in einer Doppelrolle unterwegs: ein introvertierter Einzelgänger, der sich als Spaßvogel versucht. Wenn der Protagonist tote Tiere in den Chemikalien seines Vaters auflöst, da er „Knochen so interessant findet“ und ziemlich unbedarft andere Kinder an seinem Hobby teilhaben lässt, spricht das für sich. Jeffreys Eltern glänzen dagegen mit völliger Nebensächlichkeit: Anne Heche (Psycho) spielt eine Mutter, die mit ihren eigenen Problemen völlig überfordert ist, während Dallas Roberts (The Grey – Unter Wölfen ) einen viel zu besorgten Vater mimt.

Fazit

My Friend Dahmer ist sowohl eine traurige als auch eine erschreckende Charakterstudie, welche viele Szenen der Biografie Jeffrey Dahmers aufarbeitet. Der Stoff hätte sich nur zu gut für eine reißerische Ausschlachtung der Taten angeboten, stattdessen gibt es das beklemmde Psychogramm eines Jungen, dessen Leben immer stärker aus den Fugen gerät. Damit nimmt der Film eine Sonderstellung unter den Verfilmungen von Serienkillern ein, da der Fokus auf der Psyche des Jungen liegt. Gerade die ruhige Note des Films sorgt für eine verstörende Unbehaglichkeit, da viele Zufälle Dahmers Voranschreiten seiner Pläne in die Karten spielen. Die sachliche Erzählweise wird allerdings nicht jedermanns Geschmack sein. Da der Titel überwiegend keine Spannung bietet, ist es ratsam, sich vorab über Jeffrey Dahmer zu informieren. Denn erst mit diesen Hintergrundwissen werden viele Szenen wirklich bedeutungsvoll.

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Ayres

Ayres ist seit 2002 im Community Management tätig, seit einer Weile sogar beruflich. Er ist ein richtiger Horror- & Mystery-Junkie, liebt gute Point’n’Click-Adventures und ist Fighting Games nie abgeneigt. Besonders spannend findet er Psychologie, deshalb werden in seinem Wohnzimmer regelmäßig "Die Werwölfe von Düsterwald"-Abende veranstaltet. Sein teuerstes Hobby ist das Sammeln von Steelbooks. In seinem Besitz befinden sich mehr als 100 Blu-Ray Steelbooks aus aller Welt.

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