Extremely Wicked, Shockingly Evil, and Vile

Lesezeit: 4 Minuten

Beschäftigt man sich mit den größten Serienverbrechern der Geschichte, führt kein Weg an Ted Bundy vorbei. Zwischen 1974 und 1978 tötete er mindestens 30 junge Frauen und Mädchen in mehreren US-Bundesstaaten. Nach seiner Festnahme wurde er schließlich 1989 zum Tode verurteilt. 2019 liegt der Todestag Ted Bundys 30 Jahre in der Vergangenheit. True Crime ist mittlerweile angesagter denn je. Das stellte auch Netflix fest, als die Beliebtheit der eigenen Crime-Serie Ted Bundy: Selbstportrait eines Serienmörders partout nicht abreißen wollte. Dass dann ausgerechnet ein Film mit Zac Efron in der Rolle des sexy Killers auf dem Sundance Festival gezeigt wurde, ließ den Streamingdienst nicht lange fackeln: Für 9 Millionen US-Dollar sicherte er sich die Lizenz an Extremely Wicked, Shockingly Evil And Vile, was ab Mai 2019 auch in Deutschland zu sehen ist.

USA, 1969. Ted (Zac Efron, Baywatch) ist der All-American Mr. Nice Guy, den man nur mögen kann. Ein echter Schwiegermuttertraum. So sieht das auch die schwer verliebte alleinerziehende Mutter Liz (Lily Collins, Okja), die seinem Charme verfällt. Ted zieht bei Liz und deren Tochter Molly ein, Familienidylle bestimmt fortan das Zusammenleben. Selbst als sich Verdachtsmomente häufen, dass mit ihrem Geliebten etwas nicht zu stimmen scheint, hält Liz an ihm fest. Bis eines Tages die Aufmerksamkeit der USA auf Ted liegt und alle Medien über ihn berichten: Er soll für den Tod mehrerer Frauen verantwortlich sein und das in einem derart schockierenden Ausmaß, dass das gesamte Land gelähmt ist…

Joe Berlinger, Zac Efron und der Supercoup, ein brilliantes Konglomerat

Originaltitel Extremely Wicked, Shockingly Evil And Vile
Jahr 2019
Land USA
Genre Drama, Crime, Biografie
Regisseur Joe Berlinger
Cast Ted Bundy: Zac Efron
Liz Kendall: Lily Collins
Larry Simpson: Jim Parsons
Joanna: Angela Sarafyan
Officer Bob Hayward: James Hetfield
Richter Edward D. Cowart: John Malkovich
Carole Anne Boone: Kaya Scodelario
Laufzeit 108 Minuten

Der Dokumentarfilmer Joe Berlinger sorgte bereits mit seiner Ted Bundy-Doku auf Netflix für Furore. Da lag der Schritt nahe, den gefragten Stoff auf die große Leinwand zu bringen. Immerhin befand der sich bereits seit 2012 auf Hollyswoods Blacklist der besten unverfilmten Ideen. Ausgerechnet Disney-Beau Zac Efron für die Rolle des Ted zu besetzen, ist dabei der Schachzug schlechthin. Der Schauspieler kämpft seit geraumer Zeit um Anerkennung als ernsthafter Schauspieler, da ihm seit seiner Rolle in High School Musical das Image des Teenieschwarms anhaftet. Da kommt ihm die Figur des Ted Bundy auch noch entgegen: oberflächlich betrachtet ein attraktiver Mann, der mit Smartness und Freundlichkeit besticht. Doch das wahre Monster schlummert tief innen. Wenn Zac Efron eine Rolle beherrscht, dann die des Strahlemanns. Auch weitere Rollen wurden prominent besetzt: Jim Parsons (The Big Bang Theory) als Ankläger Larry Simpson, John Malkovich (Bird Box) spielt den Richter Edward D. Cowart. Für den Part des Officers Bob Hayward tritt erstmals Metallica-Frontmann James Hetfield in einem Spielfilm in Erscheinung.

Schrecken ohne Gewalt

Eines ist wichtig zu wissen, ehe man sich auf den Film einlässt: Es handelt sich hierbei um das Porträt eines Teufels. Kein Slasher, kein anderer Auswuchs des Horrorgenres. Die meiste Spielzeit verbringt Extremely Wicked,… im Gerichtssaal oder bei der Aufarbeitung von Bundys Vergangenheit. Die Mordfälle als solche gibt es nicht zu sehen, womit das sensationslüsterne Auge unbefriedigt zurückbleibt. Berlinger tut sein Bestes, um den Porträtstil zu wahren. So bleibt es sogar für den Zuschauer unvorstellbar, dass dieser Mensch ein Monster sein soll. Der Verzicht auf die Darstellung körperlicher Gewalt spielt der Psychologie des Films nur in die Karten: Ted Bundy ist ein durchtriebenes Miststück, das auf Manipulation setzt. Auf diese Weise gelingt ihm auch mehrfach die Flucht aus dem Gefängnis, ebenso das ständige Ablenken des Verdachts von sich. Und er ist selbstgefällig genug, um im Gerichtssaal als sein eigener Anwalt aufzutauchen. Würde der Zuschauer nicht längst die Hintergründe kennen, wäre Efrons Schauspiel spätestens hier derart betörend, dass man Ted Bundy Glauben schenken möchte. Nicht zu unterschätzen ist auch die Bedeutung des zeitlichen Kontexts: In den späten 70ern erfolgte Polizeiarbeit ohne Forensik. Die Beweislage war weit von unseren heutigen Standards entfernt, sodass die persönliche Note einer Verteidigung vor Gericht noch in ganz andere Dimensionen fällt.

Justizdrama mit Nachwirkung

Auch wenn sich Extremely Wicked,… auf die Fahne schreibt, eine Biografie zu sein, bleibt das Durchleuchten der Psyche der Figur aus. Die komplexe Thematik der Perversion des Geistes ist nicht Gegenstand des Films. Der Reiz entsteht durch die Untersuchung eigener Vorurteile des Zuschauers. Für den einen oder anderen aber sicherlich auch durch die Faszination, wie ein Mensch derart viele Morde vertuschen kann. Die Perspektive bleibt dabei immer die des Beobachters: Ted ist weder Freund, noch Feind. Wir beobachten ihn einfach nur, während die emotionale Seite von Liz abgedeckt wird. Wir erfahren, wie sie mit der Situation umgeht. Wie sie die Dinge nicht anerkennen will, zerbricht, Halt sucht und letztendlich nur durch den Fernseher dabei sein kann. Ohnehin findet die Geschichte vornehmlich aus ihrer Wahrnehmung statt. Denn sie muss sich schleichend mit dem Gedanken auseinandersetzen, dass sie allem Anschein nach die einzige Frau ist, die Ted näherkam und dies überlebte.

Fazit

Extremely Wicked, Shockingly Evil And Vile ist ein nachdenklich stimmender Film, der auf eine Verteufelung des Serienkillers verzichtet und Raum schafft für philosophische Züge. Lassen wir uns von Menschen blenden, die uns das Gefühl geben, als seien sie im inneren Einklang? Schauen wir weniger kritisch hin, wenn eine gutaussehende Person uns anlächelt? Fragen, die sich aufdrängen. Hierbei kommen Berlingers Qualitäten als Dokumentarfilmer zu tragen: Seine Erzählweise ist unaufgeregt, verzichtet auf Schocker und emotionalisiert nur auf der Seite der einzigen Person, die die Entwicklung des Justizfalls passiv mitansehen muss. Zac Efron erweist sich als perfekter Darsteller eines Serienmörders, wie wir ihn noch nicht gesehen haben.

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Ayres

Ayres ist seit 2002 im Community Management tätig, seit einer Weile sogar beruflich. Er ist ein richtiger Horror- & Mystery-Junkie, liebt gute Point’n’Click-Adventures und ist Fighting Games nie abgeneigt. Besonders spannend findet er Psychologie, deshalb werden in seinem Wohnzimmer regelmäßig "Die Werwölfe von Düsterwald"-Abende veranstaltet. Sein teuerstes Hobby ist das Sammeln von Steelbooks. In seinem Besitz befinden sich mehr als 100 Blu-Ray Steelbooks aus aller Welt.

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