Good Boy

Gibt es einen Film, der gleichzeitig Romanze UND Tierfilm in einem ist? Vermutlich sucht man lange nach so etwas. Good Boy von Viljar Bøe beschreibt das nämlich so im Ansatz, zumindest oberflächlich betrachtet. Denn beim Dating gilt: Augen auf. Protagonistin Sigrid staunt nicht schlecht über einen Mann im Hundekostüm, der als Haustier ihres Dates Christian durchgeht. Was steckt dahinter? Und: Was darf und kann man alles tolerieren? Wie weit tragen uns unsere Moralvorstellungen? Sind Grenzen erst dann erreicht, wenn jemand zu Schaden kommt? Die finnische Produktion gibt viele Fragen auf und ist eine kleine Wundertüte. Im Programm der Fantasy Filmfest White Nights 2023 war dies einer der auf den ersten Blick unscheinbareren Filme, der allerdings nachhallt. Der deutsche Kinostart fällt auf den 22. Februar 2024.

Christian (Gard Fartein Løkke Goli, Die harten Jungs) ist jung, gutaussehend, intelligent und wohlhabend. Alles in allem: ein verdammt guter Fang. Für die Studentin Sigrid (Katrine Lovise Øpstad Fredriksen) grenzt es an ein Wunder, dass Christian noch Single ist und dann matcht es zwischen den beiden auch noch auf Tinder. Das erste Date ist schön und endet im Bett. Am nächsten Morgen die Überraschung: Christian hat einen Hund namens Frank (Nicolai Narvesen Lied). Keinen tierischen, sondern einen Menschen, der ein Kostüm trägt. Fellnase Frank bellt, wenn es klingelt, frisst aus einem Napf und Frank will auch Gassi geführt werden. Völlig verstört ergreift Sigrid die Flucht. Doch wir leben in der Zeit der Toleranz und nach einem bestärkenden Gespräch mit ihrer Mitbewohnerin überdenkt Sigrid ihre Haltung noch einmal. Denn Christian ist äußerst nett, anständig, kommt aus einer guten Familie und zeigt keinerlei Verhaltensauffälligkeiten. Wieso es also nicht doch mal versuchen und sich mit Frank arrangieren? Kuschelig ist er ja.

Wenn Haustiere mitgedatet werden

Originaltitel Meg, deg & Frank
Jahr 2022
Land Norwegen
Genre Romanze, Thriller
Regie Viljar Bøe
Cast Christian: Gard Fartein Løkke Goli
Sigrid: Katrine Lovise Øpstad Fredriksen
Aurora: Amalie Willoch Njaastad
Frank: Nicolai Narvesen Lied
Laufzeit 75 Minuten
FSK
Kinostart: 22. Februar 2024

In den letzten Jahren häufen sich Dating-gone-wrong-Ableger und nehmen dabei mitunter völlig bizarre Formen an. Zu den populäreren Beispielen zählen etwa das Hulu-Original Fresh oder die Netflix-Serie Monster: Die Geschichte von Jeffrey Dahmer, in denen erzählt wird, welche Falle so eine romantische oder sexuelle Verabredung es doch darstellen kann, wenn man sich auf den falschen Menschen einlässt. Wundern sollte das niemanden, denn in einer Zeit, in der doch jeder Single über eine entsprechende App verfügt, ist das Thema omnipräsent. Sieht man der Realität ins Auge, wissen wir nie, wen wir uns anlachen und was er noch so mitbringt. Exotische Hobbys? Eine nervige Familie? Noch Schlimmeres? In Sigrids Fall eine Mensch-Tier-Beziehung, die weder auf den ersten noch auf den zweiten Blick definierbar ist. Ausschließen kann sie ein sexuelles Verhältnis zwischen Christian und Frank jedenfalls. In der Entdeckung dieser Gemeinschaft liegt der Kern der Geschichte, denn nichts erschließt sich so richtig, weil das Verhältnis zwischen Mann und Hund furchtbar normal erscheint. Wer ist Frank und geht von ihm eine Gefahr aus? Lange Zeit bleibt die Antwort offen.

Wo ist der Hund begraben?

Good Boy beginnt als romantische Indie-Komödie mit soaphaften Dialogen, ist aber (wenig überraschend) am Ende doch ein Genre-Film. Warum das so ist, soll an dieser Stelle nicht verraten werden. Viljar Bøe versteht es, seine Zuschauer:innen zu verwirren und sie am Ball zu halten. Bei einer überschaubaren Spielzeit von gerade einmal 75 Minuten gestaltet sich das äußerst kurzweilig.  Nachdem aber dann schließlich klar ist, wo (jetzt kommt’s!) der Hund begraben ist, ist allerdings auch ein ganzes Stück Luft raus. Im letzten Akt strauchelt Good Boy schließlich und kann das vorgelegte Niveau nicht mehr halten. Bis dahin ist der Film nämlich nicht nur clever und lustig, sondern vor allem unvorhersehbar. Das ist seine größte Stärke: Die Mischung aus vorgelebter Banalität und skurrilen Umständen bringt nicht nur Sigrid, sondern auch uns immer wieder dazu, eigene moralische Vorstellungen und Grenzen zu hinterfragen, um zu reflektieren, was man dulden kann und was eben nicht.

Aus wenig viel gemacht

Ursprünglich sollte Good Boy unter dem Titel “Me, You & Frank” erscheinen. Allerdings verfehlte der Film sein Kickstarter-Ziel, wurde erfreulicherweise dann von Blue Finch Film Releasing gestemmt. Es bleibt zu hoffen, dass der experimentielle Film ein größeres Publikum erreichen wird. Denn Bøe holt aus wenig viel heraus: Es gibt gerade einmal vier Figuren und vier Schauplätze, was sich im fertigen Film nie danach anfühlt. Nicht unter den Tisch fallen darf dabei auch, wie gut der Score funktioniert: Wenn die Tonalität wechselt, dann liegt es vor allem an der musikalischen Untermalung, dass sich die Wirkung entfaltet. Vor der Kamera herrscht große Spielfreude und Gard Fartein Løkke Goli als perfekter Freund in Spe ist eine Wucht.

Fazit

Good Boy ist ein spaßiger und auf bizarre Weise ebenso unterhaltsamer Film. Es ist ratsam, sich nicht zu spoilern, um keine Richtung vorab auszuloten. Nur dann funktioniert der Überraschungseffekt. Wer den erleben möchte und offen für besondere Liebesgeschichten ist, sollte unbedingt einen Blick riskieren. Schräge Kost aus Skandinavien, die sich auf angenehme Weise befremdlich und erfrischend anfühlt. Wer denkt, schon alles gesehen zu haben, sollte sich Good Boy vormerken.

© 24 Bilder Film GmbH

Ayres

Ayres ist ein richtiger Horror- & Mystery-Junkie, liebt gute Point’n’Click-Adventures und ist Fighting Games nie abgeneigt. Besonders spannend findet er Psychologie, deshalb werden in seinem Wohnzimmer regelmäßig "Die Werwölfe von Düsterwald"-Abende veranstaltet. Sein teuerstes Hobby ist das Sammeln von Steelbooks. In seinem Besitz befinden sich mehr als 100 Blu-Ray Steelbooks aus aller Welt.

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