Ach du Scheiße!

Der deutsche Genre-Film ist tot, lang lebe der deutsche Genre-Film! Man liest verschiedene Aussagen, wenn es um den Stand des deutschen Genrekinos geht. Während die einen sagen, dass wirkliche Kracher in den letzten 30 Jahren nicht entstanden sind, halten andere daran fest, dass es doch Titel wie Antikörper, Victoria oder Schneeflöckchen gibt, die nur nicht das große Publikum fanden, das sie eigentlich verdienen. Neuen Diskussionsstoff schickt Lukas Rinker mit seinem Debüt Ach du Scheiße! ins Rennen. Darin ist ein Bad in der Fäkaliensuppe noch das geringste Übel. Als eine Art deutscher Ableger zu 127 Hours begeisterte der Film sein Publikum auf dem HARD:LINE Film Festival 2022 und räumte dort den Publikumspreis ab. Bis zum deutschen Kinostart am 15. September 2022 ist es noch eine Weile hin, wir verraten euch aber schon jetzt, ob der Film das Zeug zum Genre-Hit hat.

   

Frank (Thomas Niehaus, Die Odyssee) erwacht aus einer Ohnmacht. Nicht aber im Bett, sondern in einem liegenden Dixi-Klo, welches augenscheinlich in eine Baugrube gestürzt ist. Eine äußerst lange Metallstange hat sich in seinen Arm gebohrt, wodurch er gezwungen ist, neben der offenen Toilette, der beim Sturz der Klodeckel heruntergerissen wurde, zu verweilen. Als wäre diese Situation nicht bereits wortwörtlich beschissen genug, ergibt sich binnen Sekunden das nächste Problem: In einer halben Stunde wird die Grube gesprengt, wie er durch Bürgermeisterkandidaten Horst (Gedeon Burkhard, Kommissar Rex) am Mikrofon in der Ferne vernimmt. Denn nebenan tobt ein Volksfest, das die anstehende Sprengung der Baugrube bereits zelebriert und seine Hilferufe übertönt. Eine Flucht innerhalb dieser kurzen Periode: unmöglich. Zudem hat er sein Gedächtnis verloren und kann sich nur noch in Bruchstücken daran erinnern, was zuvor passiert ist. Wie ist er in diese Situation geraten? Und wie gerät er wieder heraus?

Holy Shit

Originaltitel Ach du Scheiße!
Jahr 2022
Land Deutschland
Genre Komödie, Thriller
Regie Lukas Rinker
Cast Frank: Thomas Niehaus
Horst: Gedeon Burkhardt
Bob: Rodney Charles
Dörte: Friederike Kempter
Marie: Olga von Luckenwald
Laufzeit 90 Minuten
FSK
Kinostart: 15. September 2022

Selten durfte ein Filmtitel wohl derart kompakt die Ausgangssituation zusammenfassen. 90 Minuten nicht auf, sondern in einem Dixi-Klo. Länger als nötig will sich dort keiner aufhalten, das wissen wir alle zu gut. Für Frank ist es möglicherweise das Todesurteil, denn vor dem Hintergrund der Grubensprengung zählt fortan jede Sekunde. Jeder Gegenstand dieses äußerst überschaubaren Settings wird in den nächsten Minuten eine wichtige Rolle spielen, denn der Überlebenskampf ist eingeleitet. Eingestimmt wird der Film übrigens durch eine erotische Szene, in der Nacktmodel Micaela Schäfer Frank aus seinen Träumen reißt. Sie posiert nämlich auf dem Schmuddelkalender im Dixi-Klo und ist möglicherweise der letzte Busen, den Frank zu Gesicht bekommt. So erzählt sich die Handlung zunächst fragmentarisch, wodurch die Aufmerksamkeit nahezu garantiert ist. Denn in solch einer Situation war von uns noch keiner und dementsprechend gibt es keinen idealen Lösungsweg für diese Art von Exit Game, hm?

Ausweglosigkeit Dixi-Klo

Bei einer deutschen Produktion mit einem Titel wie diesem kommt man nicht umhin, vom Allerschlimmsten auszugehen. Und umso erstaunlicher ist es, dass der Film weit davon entfernt ist, wie eine schmuddelige Amateur-Produktion auszusehen. Trotz seines Daseins als Independent Film mit einem vergleichsweise mickrigen Budget von 500.000 Euro versteht Lukas Rinker sein Handwerk. Ach du Scheiße! sieht hochwertig eingefangen aus und überzeugt mit einer prima Kameraarbeit auf dem überschaubaren Raum. Mit seinem besonderen Gespür für Timing gelingt es dem Regisseur, Franks Ideen lebhaft in Szene zu setzen und jeden Gedankengang nachvollziehbar zu gestalten. Auch wenn vieles der Kategorie “hätte doch niemals klappen können” zuzuordnen ist, lässt Frank nichts unversucht, um sich aus der Situation zu befreien. Das macht Spaß und hält überraschend bei Laune. Gerade weil Rinker die Situation ernst nimmt: Die Klaustrophobie ist echt. Jeglicher Anflug von Komik entstammt den Mikrofon-Ansagen von dem biederen Horst, den wir in dieser Situation zu hören, aber nicht zu sehen kriegen.

Sprechender Klodeckel

Die inhaltlichen Versatzstücke, die wir hier präsentiert bekommen, bewegen sich irgendwo zwischen 127 Hours oder Buried (das Festsitzen mit wenig Aussicht auf Hoffnung), Nicht auflegen! (wenn man die Telefonzelle einfach mal durch ein Dixi-Klo ersetzen möchte) und Castaway (wenn man den Volleyball durch einen Klodeckel ersetzt). Das beschreibt auch die zu Grunde liegende Tonalität: schwarzhumoriges Spannungskino. So stark Ach du Scheiße! auch beginnt, so absurd entwickeln sich einige Wendungen in der zweiten Hälfte. Hier geht die Fantasie mit Lukas Rinker endgültig durch und er vollzieht einen Genrewechsel in dumpfen Fun-Splatter. Das geschieht unerwartet und lässt leider auch das Fingerspitzengefühl vermissen, welches die ersten 45 Minuten noch unter Beweis stellen. Plötzlich verstrickt sich der Film in Wiederholungen, die mal mehr, mal weniger gelingen. Keinen Anlass zur Kritik lässt aber der Protagonist zu. Hauptdarsteller Thomas Niehaus ist der Motor des Films: Er gibt einfach alles und sorgt dafür, dass man mit Frank gehörig mitfiebert. Was ihm in dieser Situation schauspielerisch alles abverlangt wird trotz limitierten Möglichkeiten, ist beachtlich.

Fazit

Ach du Scheiße! ist soviel besser, als man vermuten mag, und steckt auch nicht in der Trash-Ecke, wo man den Film wohl zuerst verorten mag. Dem starken Schauspiel von Thomas Niehaus und der pointierten Regie ist es zu verdanken, dass die erste Stunde wie im Flug vergeht. Danach wird es allerdings zäh und die Handlung schlägt einige Haken, die das Potenzial besitzen, so richtig zu polarisieren. Das ist insofern bedauerlich, als dass einige Zuschauer:innen an dieser Stelle wohl die gute Laune verlassen wird. Für alle anderen bleibt Ach du Scheiße! allerdings ein großer und absurder Spaß. Massentaugliches Unterhaltungskino mit Ekelfaktor.

© Neopol-Film

Ayres

Ayres ist seit 2002 im Community Management tätig, seit einer Weile sogar beruflich. Er ist ein richtiger Horror- & Mystery-Junkie, liebt gute Point’n’Click-Adventures und ist Fighting Games nie abgeneigt. Besonders spannend findet er Psychologie, deshalb werden in seinem Wohnzimmer regelmäßig "Die Werwölfe von Düsterwald"-Abende veranstaltet. Sein teuerstes Hobby ist das Sammeln von Steelbooks. In seinem Besitz befinden sich mehr als 100 Blu-Ray Steelbooks aus aller Welt.

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