Mary und die Blume der Hexen

Lesezeit: 4 Minuten

Die großen Filme des Studios Ghibli liegen alle in weiter Ferne: Chihiros Reise ins Zauberland, Prinzessin Mononoke und Mein Nachbar Totoro sind Klassiker, die man unweigerlich mit dem Studio in Verbindung bringt. Der mehrfach aus dem Ruhestand zurückgekehrte Hayao Miyazaki arbeitet zwar hart an neuen Titeln, doch es fehlt an Nachwuchs, um die Qualitätsschmiede voranzubringen. Die Hoffnungen liegen nun auf Hiromasa Yonebayashi, dessen Debüt Arrietty – Die wundersame Welt der Borger im Jahr 2010 liegt. Mit Mary und die Blume der Hexen lieferte er 2017 in mit dem geistigen Nachfolger Studio Ghiblis, Studio Ponoc seinen dritten Spielfilm ab, der nur ein Jahr später auch den Weg nach Deutschland fand.

 

Wie können Ferien nur so langweilig sein. Mary verbringt diese in einem Dorf bei ihrer Großtante. Als sie im Wald eine merkwürdige Blume entdeckt, fangen die Dinge an, sich zu ändern. Beim Zerdrücken einer der bläulich leuchtenden Blüten erhält sie magische Fähigkeiten, die einen alten Besen zum Leben erwecken. Prompt landet sie an der magischen Universität Endor. Dort werden angehende Hexen ausgebildet und Mary flüchtet sich in ein Lügengespinst. Das handelt ihr die Aufmerksamkeit der anderen Hexen ein, gleichzeitig kommt sie unwissentlich den sinistren Zielen der leitenden Frau Mumblechook und Dr. Dee auf die Schliche …

Ein Mädchen wächst über sich hinaus – klassischer Ghibli-Stoff

Originaltitel Mary to Majo no Hana
Jahr 2017
Laufzeit 102 Minuten
Genre Fantasy, Abenteuer
Regisseur Hiromasa Yonebayashi
Studio Studio Ponoc

Mary und die Blume der Hexen wirkt auf den ersten Blick wie ein Best of der Studio-Filmografie. Da ist eine kleine Hexe mit einem schwarzen Kater (Kikis kleiner Lieferservice) und eine magische Welt voller Kreaturen (Chihiros Reise ins Zauberland). Die Rede ist von seltsamen Robotern (Das Schloss im Himmel), fliegenden Fischen (Ponyo – Das große Abenteuer am Meer) und einem Hirsch als Reittier (Prinzessin Mononoke). Dabei stammt die Geschichte aus dem Kinderbuch Der verhexte Besen von Mary Stewart, dessen Erscheinen im Jahr 1971 liegt. Thematisch also ein Stoff, der nur zu gut zu der familienfreundlichen Ausrichtung des Studios passt. Denn beinahe jede Geschichte bietet auch Coming-of-Age-Momente (Stimme des Herzens) und bringt die kindlichen Protagonisten in ihrer Entwicklung voran. Dazu gehört auch die rothaarige Mary Smith, die mittels Magie mehr über sich selbst erfährt.

Liebenswert simple Figuren

Obwohl Mary und die Blume der Hexen immer vorhersehbar bleibt und sich große Ereignisse frühzeitig ankündigen, behält der Film nicht ewig seinen anfänglichen Tonus bei. Die zweite Hälfte kommt einem Abenteuer schon sehr nahe und sorgt regelmäßig für magische Unfälle mit Knalleffekt. Ganz vorlagengetreu bleibt alles kindgerecht und aus Marys Perspektive wird eine Geschichte erzählt, in der man sich schnell wiederfindet. Ihre Persönlichkeit ist fröhlich, mutig und findig, aber auch unsicher im Umgang mit sich selbst. So stört sie sich an ihren roten Haaren, ein typisches Coming-of-Age-Syndrom, wenn fehlende Selbstakzeptanz aufgebaut werden soll. Darüber hinaus ist sie liebenswert-verpeilt und wächst (natürlich) über sich hinaus. Kein herausragender oder gar spannender Charakter, aber ganz im “Soll” eines solchen Films. Ähnlich verhält sich das mit den anderen Figuren, wie etwa den beiden perfektionistischen Lehrkräften Frau Mumblechook und Dr. Dee, welche Wissenschaft und Macht verkörpern. Doch so richtig viele Facetten, die einen gar überraschen, bringt niemand mit.

Vor Einfallsreichtum überbordende Erzählwelt

Mary und die Blume der Hexen trumpft vielleicht nicht mit seiner Story, dafür aber mit dem Worldbuilding auf. Kreativität und Detailreichtum kommen bei den Zaubereffekten und Schauplätzen zur Geltung. Diese Welt – und das ist wohl der größte Unterschied zu anderen Ghibli-Filmen – ist tatsächlich gefährlich, wodurch sich der eine oder andere düstere Anflug ergibt. Vor allem die hier stattfindenden Experimente erschüttern wohl eher erwachsene Zuschauer in ihren ethischen Idealen als nun kindliche Zuschauer, die keine Kontexte herstellen. Es ist schade, dass die Geschichte zum Ende hin sogar eine größere Abkürzung nimmt. Denn dadurch bleibt es auch bei nur einem Bruchteil, den wir von der Welt Endor erleben dürfen. In ihr liegt das Potenzial, eine ganze TV-Serie zu füllen.

Fazit

Im Vergleich zu den großen Ghibli-Titeln fehlt es Mary und die Blume der Hexen an Tiefgang, um wirklich mit den nachhaltigen Geschichten mithalten zu können. Hier hätte es gerne mehr aus der fantastischen Welt sein dürfen. Doch der Weg ist das Ziel: Als Zuschauer durchschaut man nur zu schnell, dass Marys Hexenkräfte nicht im eigentlichen Fokus stehen, sondern das Gewinnen von Selbstvertrauen die Essenz der abenteuerlichen Geschichte ist. Märchenhaft, nicht zu stromlinienförmig und insbesondere für junge Zuschauer ist der Film uneingeschränkt empfehlenswert.

© Universum Anime

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Ayres

Ayres ist seit 2002 im Community Management tätig, seit einer Weile sogar beruflich. Er ist ein richtiger Horror- & Mystery-Junkie, liebt gute Point’n’Click-Adventures und ist Fighting Games nie abgeneigt. Besonders spannend findet er Psychologie, deshalb werden in seinem Wohnzimmer regelmäßig "Die Werwölfe von Düsterwald"-Abende veranstaltet. Sein teuerstes Hobby ist das Sammeln von Steelbooks. In seinem Besitz befinden sich mehr als 100 Blu-Ray Steelbooks aus aller Welt.

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