Ratched (Staffel 1)

In dieser Klinik ist Fürsorge Ansichtssache! Mit Ratched knüpft der Serien-Fließbandproduzent Ryan Murphy (American Horror Story) an den Klassiker Einer flog über das Kuckucksnest von 1975 an und produzierte für Netflix eine Vorgeschichte um Mildred Ratched, ihres Zeichens biestige Krankenschwester und fleischgewordene Gnadenlosigkeit. Eine der wohl ikonischsten Bösewichtfiguren der Popkultur. Damit folgt er dem Trend, Origin-Stories für Bösewichte zu erschaffen, die mittels Psychologisierung erklären sollen, wie aus einem unschuldigen Menschen solch ein Monster werden konnte. Todd Philipps’ Joker setzte dafür ganz neue Maßstäbe. Was darf neben der schwesterlichen Kompetenz und Hilfe unserer Pflege-Fachkraft noch erwartet werden? Fesselnde Momente sind es nicht.

   

Das Lucia State Hospital unter der Leitung von Dr. Hanover (Musicaldarsteller Jon Jon Briones) ist ein Ort voller Grausamkeiten. Der Leiter der psychiatrischen Anstalt setzt auf perfide Methoden, um seine Patienten und Patientinnen von Geisteskrankheiten zu befreien. Es ist kein Zufall, dass Krankenschwester Mildred Ratched (Sarah Paulson, Ocean’s 8) mittels einer List ausgerechnet hier anheuert. Ganz zum Leidwesen von Oberschwester Betsy Bucket (Judy Davis, Mystery Road – Verschwunden im Outback), die nicht sonderlich angetan von ihrer jungen Konkurrentin ist. Mildreds spezielle Begabung liegt in der Manipulation von Menschen, was ihr dabei hilft, schon nach kurzer Zeit einen entsprechenden Ruf in der Klinik zu erlangen. Ihre wahren Beweggründe sind jedoch ganz andere: Es existiert eine Verbindung zwischen ihr und dem inhaftierten Massenmörder Edmund (Finn Wittrock, American Horror Story), der vier Priester brutal ermordete und dessen Schuldfähigkeit nun festgestellt werden soll. Denn nur, wenn der Doktor nachweisen kann, dass Edmund “heilbar” ist, könnte diesem die Todesstrafe erspart bleiben …

Machtgerangel in der psychiatrischen Anstalt

Originaltitel Ratched
Jahr 2020
Land USA
Episoden 8 in Staffel 1
Genre Horror, Drama
Cast Mildred Ratched: Sarah Paulson
Dr. Richard Hanover: Jon Jon Briones
Edmund Tolleson: Finn Wittrock
Gwendolyn Briggs: Cynthia Nixon
Huck Finnigan Charlie Carver
Schwester Betsy Bucket Judy Davis
Lenore Osgood Sharon Stone
Seit dem 18. September 2020 auf Netflix verfügbar

Mit einem sprunghaften Anstieg psychischer Erkrankungen nach dem zweiten Weltkrieg und den Konsequenzen für die Wirtschaft wurden Psychiatrien salonfähig für die Massenmedien. Lobotomie und Hypnose spielten als umstrittene Behandlungsmethoden eine zentrale Rolle, um in die Tiefen der menschlichen Psyche einzudringen. Horror, der ganz nahe sein kann und bereits zum blutigen Auftakt von Ratched präsent ist. Dabei handelt es sich weder um einen direkten Prolog noch ein Spin-off zu Einer flog über das Kuckucksnest. Viel eher lässt sich sagen, dass Serienmitschöpfer Evan Romansky die Idee hatte, der Figur von Mildred eine Origin-Story zu widmen, die nicht darauf aus ist, in den Geschehnissen des Films zu münden, sondern einen alternativen Erzählpfad einzuschlagen. Wohin der letztlich führen mag, wird sich erst zu einem späteren Zeitpunkt zeigen, denn bereits mit dem Erscheinen der ersten Staffel wurde eine weitere bestätigt. In der preisgekrönten Bestsellerverfilmung Einer flog übers Kuckucksnest von 1975 spielte Schauspielerin Louise Fletcher die despotische Oberschwester, die Jack Nicholson das Leben zur Hölle machen durfte. Ryan Murphy besetzte die Rolle mit seiner Haus- und Hofdarstellerin Sarah Paulson, die in kaum einer seiner Serien fehlen darf. Dafür wurde die Figur noch einmal umgeschrieben, also deutlich subtiler und mit bedachteren Wesenszügen angelegt. Aber diese Mildred Ratched steht schließlich auch noch am Anfang.

Mildred Ratched, eine Frau mit zwei Gesichtern

Wenn wir die Titelfigur hier kennenlernen, ist sie zu Beginn noch eine Figur voller Widersprüche. Auf der einen Seite ist da ihre Gabe, Situationen genaustens zu analysieren, die Menschen um sich herum zu manipulieren und Machtverhältnisse auszuloten. Soviel Kalkül mag man ihr gar nicht zutrauen, besitzt sie doch gleichzeitig eine sehr nahbare und herzliche Seite, die sie beruflich wie privat voranbringt. Auch ist sie schockiert von den rauen Behandlungsmethoden, die sie als menschenunwürdig einstuft. Damit ist Mildred aus Ratched noch weit von Mildred in Einer flog über das Kuckucksnest entfernt. Bedenken legt sie aber schnell und ohne Skrupel ab, wenn es darum geht, die eigene Agenda zu verfolgen und ihren Zielen stückweise näher zu kommen. Es ist faszinierend mitanzusehen, wie sie das Klinikpersonal gegeneinander ausspielt und die Geschehnisse souverän wie Figuren eines Schachspiels lenkt. Sarah Paulson zeigt sich bravourös wie immer und beherrscht das Wechselspiel der beiden Seiten ihres Charakters.

Female Empowerment

Die meisten Figuren entwickeln sich nicht großartig weiter und bleiben in den acht Folgen auf der Stelle stehen. Das ist schade, da Murphy wieder auf einen diversen Cast setzt, der theoretisch viel Potenzial bietet. Allerdings entlarvt spätestens die letzte Folge, wer die Drehbuch-Lieblinge sind. Denn nicht nur Ratched ist eine starke Frau. Neben ihr gibt es noch viele weitere Frauenfiguren, die auf ihre Weise überzeugen: Patientinnen, Kolleginnen, Verbündete und Gegnerinnen. Wenn eine Serie über eine weibliche Ikone produziert wird, dann nicht ohne die entsprechende Botschaft. Nur bleiben viele dieser Frauen eher ein Zeichen oder ein Ausdruck weiblicher Stärke, ohne ein wirklich fundiertes Profil mitzubringen.

Beim Abstieg in den Wahnsinn verschwimmen die Grenzen

Wie es sich für eine Horror-Psychiatrie gehört, beschränkt sich der Irrsinn nicht alleine auf die Patienten. Die abstrusen Vorgänge finden ebenso im Schwesternzimmer statt, so dass häufig hinterfragt werden muss, wer nun das psychisch auffälligere Verhalten an den Tag legt. Es kommt zu Sex-Rollenspielen und dubiosen Behandlungsinstrumenten wie einer verschließbaren Badewanne, deren Wassertemperatur binnen Sekunden hochgedreht werden kann. Überall in dieser Serie lauern Monster: Entweder in Form von Menschen oder unterdrückter sexueller Begierde, die Menschen zu Monstern werden lässt, wie sich am Beispiel von Schwester Dolly (Alice Englert, The Lovers) zeigt. Tabus müssen im Geheimen ausgelebt werden und wo Geheimnisse sind, ist auch immer jemand, der ein Druckmittel hat.

Viel American Horror Story, wenig Eigenständigkeit

Die Geschichte ist, für Ryan Murphy typisch, nicht linear erzählt. Sie verheddert sich in Rückblenden und eröffnet Nebenbaustellen. Gerade für Ratched wäre eine andere Vorgehensweise wünschenswert gewesen, denn es hätte ein spannendes Drama über einen Menschen an der Schwelle vom Opfer zum Täter entstehen können. Das Resultat fühlt sich jedoch viel stärker wie eine weitere Staffel American Horror Story an, da die Formel eins zu eins übernommen wurde. Konkret bedeutet dies, dass die Serie nicht einfach nur ihrer Titelfigur und Handlung folgt, sondern auch ein Zeitporträt der späten 40er abliefern möchte. Inklusive Kommentar zu Politik und der Stellung gleichgeschlechtlicher Liebe (ein Motiv, das sich wie ein roter Faden durch alle Ryan Murphy-Produktionen zieht). Mildreds langsam aufkeimende Beziehung zu Gwendolyn Briggs (Cynthia Nixon, Sex and the City), der Assistentin des machthungrigen Gouverneurs George Wilburn (Vincent D’Onofrio, Men in Black), veranschaulicht dabei die Stigmatisierung von Homosexualität zu jener Zeit.

Exquisites Produktionsdesign

Visuell ist Ratched deutlich an Hollywood angelehnt: Eine Zeitreise mit knallbunten Kostümen, die das Auge mit tollen Kontrasten entzücken. Die Neon- und Pastelltöne vor den teils kargen Settings sorgen für eine unwirkliche Farbgebung, so könnte manche Einstellung direkt aus einem Katalog-Shooting stammen. In Sachen Detailfreude kennen Murphy und Romansky keine Grenzen und in den Kulissen gibt es vieles zu entdecken. Der stylische Bilderrausch darf ohne Zweifel als das herausragendste Merkmal der Serie bezeichnet werden, er ist in mancher Folge im Vergleich zur Handlung das deutlich stärkere Element. Die Musik von Mac Quayle bedient sich an vielen Klassikern und weist sich selbst als Hommage aus.

Fazit

Ratched ist eine Art Best of Ryan Murphy. Mit allen Vor- und Nachteilen. Das bedeutet: Von bekannten Gesichtern dargestellte überzeichnete Charaktere, übermäßig Blut und eine Erzählweise, die sich wenig um Stringenz schert. Hübsch sieht Ratched allemal aus: Die Drehorte wirken poliert und die Farbkompositionen in jeder Einstellung durchdacht. Es hilft nur nichts, dass die erste Staffel wenige Höhepunkte bietet und nicht durchgehend zu fesseln vermag. Es ist leider ein typisches Ryan Murphy-Phänomen, das hier einmal mehr beobachtet werden kann: Hohe Perfektion, viel Gewicht auf Look und politischer Agenda, während Geschichte und Erzählweise wenig packen und zu allem Übel innerhalb der ersten Staffel wiederholt werden.

© Netflix

Ayres

Ayres ist seit 2002 im Community Management tätig, seit einer Weile sogar beruflich. Er ist ein richtiger Horror- & Mystery-Junkie, liebt gute Point’n’Click-Adventures und ist Fighting Games nie abgeneigt. Besonders spannend findet er Psychologie, deshalb werden in seinem Wohnzimmer regelmäßig "Die Werwölfe von Düsterwald"-Abende veranstaltet. Sein teuerstes Hobby ist das Sammeln von Steelbooks. In seinem Besitz befinden sich mehr als 100 Blu-Ray Steelbooks aus aller Welt.

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