Wenn du stirbst, zieht dein ganzes Leben an dir vorbei, sagen sie

Lesezeit: 5 Minuten

Wenn du stirbst, zieht dein ganzes Leben an dir vorbei, sagen sie ist ein Titel, den man nicht so schnell vergisst. Und die Geschichte, die Autorin Lauren Oliver in ihrem Roman erzählt, ist auch sehr denkwürdig. Ein furchtbar banaler Tag wirft Protagonistin Samantha Kingston vollkommen aus der Bahn. Weil sie ihn wieder und wieder durchlebt und dabei eine Menge über sich selbst, ihre Freundinnen und die anderen Menschen in ihrer Umgebung erfährt.

    

Es ist der 12. Februar, ein Freitag. Valentinstag steht vor der Tür und die Frage, wer wie viele Rosen in der Schule bekommt, ist ein wichtiges Gesprächsthema. Ebenso die üblichen Fragen rund um Liebe, Freundschaft und die merkwürdigen Typen, die in der Cafeteria herumlungern. Für Samantha Kingston ist es ein ganz normaler Tag. Abends findet eine große Party statt, es gibt emotionale Momente, banale Unterhaltungen und es folgt die Autofahrt nach Hause. Hier ändert sich für Samantha alles, denn es gibt einen Unfall und sie stirbt. Doch dann wacht sie auf und es ist wieder Freitagmorgen.

Keine netten Mädchen von nebenan

Originaltitel Before I Fall
Ursprungsland USA
Jahr 2010
Typ Roman
Bände 1
Genre Coming-of-Age
Autor Lauren Oliver
Verlag Heyne

Der Roman beginnt mit einer Einleitung von Samantha, die direkt vom Moment ihres Todes erzählt. Darüber, dass alle immer sagen, das ganze Leben würde an einem vorbei ziehen, aber Samantha hat soeben herausgefunden, dass das nicht stimmt. Eine alte Kindheitserinnerung steigt auf, aber es ist kein glorioser Film ihres gesamten Lebens. Und dann dreht Samantha die Uhr zunächst selbst zurück und lässt ihren letzten Tag Revue passieren. Aufstehen, Klamotten anziehen, nicht von den Eltern verabschieden, ein wenig genervt sein von der kleinen Schwester, der alltägliche Weg zur Schule. Sam kann sich nicht grade beklagen, zusammen mit ihren drei besten Freundinnen gehört sie zu den beliebtesten Personen der Schule, sie hat einen festen Freund, um den sie andere beneiden, sie ist nicht auf den Kopf gefallen und oberflächlich glücklich. Dabei will sie ihr Leben nicht als perfekten Traum verkaufen, ihr geht es halt gut. Und der Leser merkt langsam, dass Samanthas kleine Mädelsclique ziemlich fies ist. Besonders Lindsay Morgan erfüllt die Kriterien der elitären Königsbiene, die sich selbst groß macht, indem sie andere klein hält. Es wird gelästert und verurteilt und für Samantha ist das eben normal. Wer möchte schon auf der anderen Seite des Spotts stehen? Das Erlebnis zu sterben und die Wiederholung des Tages, lassen diese Weltsicht aber extrem bröckeln und geben Samantha eine einmalige Chance zur Charakterentwicklung.

Eine Reise ins Innere

Es gibt in der Sterbeforschung ein Modell, das am besten bekannt ist als „Die fünf Phasen der Trauer“. Leugnung, Zorn, Verhandeln, Depression, Akzeptanz. Dabei geht es allerdings nicht, wie populär oft angenommen, um die Trauer von Hinterbliebenen, sondern die emotionale Reise eines todkranken Menschen, der sich direkt mit der eigenen Sterblichkeit auseinandersetzen muss. Und genau diese innere Reise durchläuft Samantha im Roman. Sie erlebt ihren Todeszeitpunkt und wird dann in eine Zeitschleife geworfen, die es ihr erlaubt all die kleinen Alltäglichkeiten in ihrem Leben zu analysieren. Sie sieht sich mit ihrer Rolle als Miststück in der Geschichte anderer konfrontiert, blickt hinter die Strukturen der sozialen Hierarchie in der Schule und durchläuft ihre eigene Rebellion. Dabei geht es aber nicht darum, aus diesem einen Tag den perfekten aller Tage zu machen, zum perfekten Gutmensch zu werden und perfekte Antworten auf im Raum stehende Fragen zu finden. Samantha kann nicht an einem einzigen Tag alle Probleme lösen, die sie durch ihre neu gewonnene Perspektive entdeckt. Und ihrer Freundin Lindsay mal die Meinung zu geigen, wird kein epochales Schlüsselerlebnis. Alles, was Außen geschieht, wird durch Samanthas Ego-Perspektive reflektiert und verändert ihre Haltung zu den Dingen und das ist wichtiger als ihre Versuche den Tagesablauf zu ändern. Ein Kernelement ist aber der Unfall selbst und das kleine Rätsel, was zu diesem Autounfall führt und ob diese Ereignisse abgewendet werden können.

Ich erinnere mich ziemlich gut, wie eine Freundin mir den Roman kurz nach Erscheinen ausgeliehen hat. Sie kennt mich und meinen Geschmack sehr gut, dass ich da blind vertrauen kann und nicht mal einen Klappentext brauche, um zu wissen, dass etwas Faszinierendes auf mich wartet. Das einzige Problem war, dass ich Wenn du stirbst, zieht dein ganzes Leben an dir vorbei, sagen sie ausgerechnet einen Tag vor Weihnachten zum ersten Mal aufschlug. Ich konnte die knapp 500 Seiten nicht in einem Rutsch lesen und meine eigene Familienfeier unterbrach meine gemeinsame Reise mit Samantha. Vielleicht hat aber besonders das dafür gesorgt, dass ich emotional komplett gefangen war, da Weihnachten mit so vielen Erinnerungen und besonderen Erlebnissen verbunden ist. Lauren Oliver hat mich mit ihrem Debütroman überzeugt und ich lese gern weiteres von ihr, da sie das Innenleben einer Figur gut darlegen kann. Hier ist die große Kunst vor allem, dass Samantha nicht die typische Jugendbuchprotagonistin ist. Meistens passiert so etwas eher einem Außenseiter oder zumindest jemandem, der nicht in der In-Clique ist. Charaktere wie Samantha und Lindsay, die sich ihren Status durch liederliche Lästereien erarbeiten, kriegen ihr Fett meist anderweitig ab. Bei Zeitschleifen ist es nicht ungewöhnlich, dass unsympathische Menschen durch das immer-wieder-erleben derselben Situation geläutert werden (siehe Und täglich grüßt das Murmeltier oder Happy Deathday), aber Sams Weg ist subtiler. Bereits der erste Durchlauf des Tages lässt sie zugeben, dass sie kein besonders netter Mensch sei, aber diesen Tod deshalb doch noch nicht verdiene.

© Heyne

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Misato

Misato hortet in ihrer Behausung fiktive Welten wie ein Drache seinen Goldschatz. Bücher, Filme, Serien, Videospiele, Comics - die Statik des Hauses erlaubt noch ein bisschen, der Platz in den Regalen weniger. Am liebsten taucht sie in bunte Superheldenwelten ein, in denen der Tod nicht immer endgültig ist und es noch gute Menschen gibt. Íhr eigenes Helfersyndrom lebt sie als Overwatch Support Main aus und adoptiert fleißig Funko Pops.

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