Hoshi no Houseki

Welche Geschichten verbergen sich hinter den Maskottchen dieser Welt? Ist Ronald McDonald dieser eine Cousin, über den Es-Clown Pennywise nie reden will, weil er im Fastfood-Business arbeitet? Warum starrt die Duolingo-Eule mit derart kalten Augen in die Seelen seiner Nutzer und wie viele Leichen hat sie wirklich im Keller? Und gibt es vielleicht auch Origin-Storys, die nicht in blutigen Familienfehden und/oder Jagden nach fedrigen Serienkillern enden? Zumindest diese Frage kann mit einem beherzten “Ja!” von MardukCorp beantwortet werden, den Entwicklern einer Japanisch-Lern-App (kawaiiNihongo) ohne mörderischen Uhu, dafür mit dem knuffel-wuscheligen Fuchsmädchen Riko. Sie engagierten Maskottchen-Hintergrund-Ermittlerin und Autorin Miya Martin dafür, die Geschichte ihrer neunschwänzigen Angestellten zu ergründen (man will ja wissen, mit wem man zusammenarbeitet). Vier Light-Novel-Bände sind bereits auf Englisch verfügbar, aber der massive Puschelschwanz soll auch in der heimischen Sprache durch die Straßen flitzen, daher riefen sie eine Kickstarter-Kampagne ins Leben, die im Juni 2021 ihren Abschluss findet. Eine günstige Gelegenheit, sich mit dem ersten Titel der deutschen Version der Hoshi no Houseki-Reihe auf Fuchsbeschau zu begeben. Ist es ein Maskottchen zum Verlieben oder doch nur ein extravaganter Bettvorleger? Und haben Fuchsmädchen eigentlich neben den Kopfohren auch normale Ohren an der Seite? Fragen über Fragen …

 

Junichi Tanaka, kurz Jun, könnte nur dann noch protagonistischer sein, wenn er bei seinem “Zu spät!”-Sturmsprint zum ersten Schultag mit einem gebutterten Marmeladentoast über sein Schicksal in Form eines wuscheligen Fuchses gestolpert wäre. Nach einem (verlorenen) Starrwettbewerb mit dem Tierchen hastet er weiter, muss aber bald feststellen, dass das nicht die einzige Begegnung der vulpinen Art in seinem Leben bleiben wird. Denn kaum aus dem letzten Loch röchelnd auf seinen Platz angekommen, kommt er nicht umhin zu bemerken, dass seine Sitznachbarin nicht nur zwei pelzige Ohren an der falschen Stelle hat, sondern eindeutig neun Schwänze mehr als nötig (er wäre auch schon bei sieben interessiert gewesen). Als wäre das nicht genug Verwirrung für einen Tag, wird ihm schnell klar, dass offensichtlich nur er ihre haarigen Accessoires sehen kann. Die Geheimnis-Aufklärung dürfte sich aber als alles andere als einfach herausstellen, denn das Fuchsmädchen Riko Kyuumi hat ebenfalls vom Protagonisten-Kuchen genascht und sich eine Amnesia Spezifikus eingehandelt, die sie einen großen Teil ihrer Herkunft hat vergessen lassen. Höchste Zeit, sich die (hoffentlich) fuchsfellarmen Deerstalker-Mützen aufzuziehen und dem Mysterium auf den Grund zu gehen.

Edelpelz-Ummantelung

Originaltitel Hoshi no Houseki
Ursprungsland Deutschland
Jahr 2021
Typ Light Novel
Bände 4+
Genre Romanze, Komödie, Mystery
Autor*in Miya Martin
Verlag Self-Published

Wie in der Einleitung angedeutet, handelt es sich bei der Light Novel Hoshi no Houseki (dt. Sternenjuwel) um die Origin-Story von App-Maskottchen Riko. Besagte digitale Japanisch-Eintrichterung ist in einem visual-novel-artigen Stil gehalten und die verschiedenen Figuren unterstützen, unterhalten und trösten den Lernenden, wenn er/sie von den Kanji-Bullies (wahrhaft die größte Sprachhürde) in die mentale Kloschüssel getunkt wurde. Mit wachsender Zuneigung zu ihrem puscheligen Cast waren die Entwickler dann letztlich nur noch einige ‘Was wäre wenn …’-Fragen davon entfernt, ihre Hintergrundgeschichte zu erkunden, was entsprechend als Anlass genommen wurde, um die Light Novel-Reihe ins Leben zu rufen. Und ‘ins Leben gerufen’ meint hier nicht ‘ein paar Notizen auf ein Taschentuch gekritzelt’, sondern die ganze frankenstein’sche Palette mit Blitz und Donner. Anders ausgedrückt: Sie haben geklotzt und nicht gekleckert. So stammen die Illustrationen der Light Novel von Künsterlin Rosuuri, die bereits für verschiedene Videospiele, V-Tuber etc. Designs und Promotional Art aufs digitale Papier gezaubert hat. Und als wäre das nicht genug, gibt es auch noch auf die (Fuchs-)Öhrchen in Form eines Openings im Anime-Stil gesungen von Youtuberin Selphius, die sich auf das Umträllern von japanischen Anime Openings und Endings ins Deutsche spezialisiert hat. Insgesamt strahlt die Aufmachung einen professionellen Stil aus, von dem man ohne zweimal mit der Wimper zu zucken glauben könnte, dass morgen in der Flimmerkiste (oder wahlweise dem Flimmer-Stream) eine Anime-Adaption des Büchleins flackern könnte. Fellhut ab, am Drumherum gibt es nichts zu meckern.

Figuren anwesend

Die Geschichte selbst wirkt dagegen eher blass und unauffällig, wie der Mitspieler, der betreten am Rande steht und den Ball zerknirscht fallen lässt. Er meint es gut, aber man schielt doch auf die Ersatzbank. Die Story präsentiert sich als typische Highschool-Comedy-‘Junge trifft auf ungewöhnliches Mädchen mit Puschelschwanz’-Mystery, die die Light in Light Novel mit fuchsfarbenem Marker unterstreicht. Dabei geht es nicht so sehr um die Kürze – ca. 172 Seiten mit Illustrationen, die sich an einem entspannten Nachmittag runterlesen lassen – sondern eher um den dünnen Eindruck, den Geschichte und Charaktere zurücklassen. Erneut ist die Anime-Manga-Liebe zu spüren; das Verhalten der Charaktere, die gewählten Beschreibungen, alles stupst den geneigten Fan mit freudig blinzelnden (Riesen)-Augen an, aber hier beißt sich der Fuchs etwas in den eigenen Schwanz. Denn es fehlen schlicht eine eigene Persönlichkeit und Stimme, abgesehen von dem ‘Anime-mäßig’-Stempel. Gerade die Figuren sind noch zu ausschnittartig; Riko ist das liebenswerte Mystery-Girl mit Wackelöhrchen, Aoi die borstige Sportlerin, Yuuji der Gamer mit Funkelbrille und unseliger Angewohnheit Leuten mit dem Zeigefinger im Gesicht herumzuwedeln und Jun ist pflichtbewusst anwesend. Der Plot und das Mysterium bemühen sich tapfer, aber es gibt schlicht zu viele Aspekte, die man mit einem ‘Ist halt so’ besser hinnehmen sollte, ohne allzu genau darüber nachzudenken. So könnte einem der Verdacht kommen, dass das Bezahlen von Schulkindern in Spielmünzen für gute Leistungen zumindest auf irgendeiner Ebene mit einer gelupften Augenbraue bedacht worden wäre. Letztlich ist alles gut gemeint und mit Blick auf die Charaktere könnten die weiteren Bände ihnen ein wenig Fülle einflößen, der Inhalt bleibt aber trotzdem im Schatten der Präsentation stehen und malt beschämt betreten mit den Fußspitzen Fuchsköpfe in den Sand.

Fazit

Der erste Band von Hoshi no Houseki ist wie Zuckerwatte. Man beißt hinein, es ist kurz süß und dann fragt man sich, warum man schon den Stiel in der Hand hat. Sicher: Bei einer leichtherzigen Knuffel-Novel über ein Fuchsmädchen erwartet man keine furios geplotteten Epen, aber Geschichte und Figuren hinterlassen dann doch zu wenig Eindruck, um mehr als ein beifälliges Nicken hervorzukitzeln. Die weiteren Bände können hier ein paar Dinge richten, gerade wenn sie den Figuren eine deutlichere Stimme geben. Mein jetziger Eindruck ist aber, dass es ein netter Zusatz für Nutzer der zugrunde liegenden Japanisch-Lern-App kawaiiNihongo sein könnte, die sich in einer kurzen ‘Was wäre wenn …’-Gedankenblase mit den Charakteren beschäftigen möchten, die sie beim Lernen begleitet haben. Es ist ein kurzes Vergnügen, das Interessierten dank des schmalen Preises auch alles andere als ein Loch ins Fell brennt (letzte Fell-Anspielung, versprochen). Wer gerne erst einmal die eigene Fuchsschnauze unbedenklich hineinhalten möchte, findet weiter unten einen Link zu einer Leseprobe. Wen die ganze Sache etwas fuchst (hoho) und nun generell interessiert ist, wird dort auch Links zu der Kickstarter-Kampagne, die noch bis zum 17. Juni 2021 andauert und die Eindeutschung der Novels sichern soll, sowie die Lern-App und Social Media-Präsenzen finden. Allen Sprachinteressierten sei dabei einmal viel Erfolg gewünscht und sei noch mit der Japanese from Zero-Reihe eine persönliche Empfehlung mit auf den Weg gegeben. Ich wickle mich jetzt auf jeden Fall zum Sommerschlaf in meine neue neunschwänzige Decke.

© MardukCorp

 

Links:

Zur Leseprobe: Link

Zur Kickstarter-Kampagne: Link

Zum Opening ‘Wo willst du hin’: Link

Zur App-Homepage: Link

Social Media-Präsenzen:

Mort

Mort hat 'Wie? Nicht auf Lehramt!?' studiert und wühlt sich mit trüffelschweiniger Begeisterung durch alle Arten von Geschichten. Animes, Mangas, Bücher, Filme, Serien, nichts wird verschmäht und zu allem Überfluss schreibt er auch noch gerne selbst. Meist zuviel. Er findet es außerdem seltsam von sich in der dritten Person zu reden und hat die Neigung, vollkommen überflüssige Informationen in sein Profil zu schreiben. Mag keine Oliven.

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