Der Talisman

Lesezeit: 6 Minuten

Stellen wir uns eine fiktive Stellenausschreibung aus dem Jahr 1986 einmal vor. „Wir suchen einen mutigen Helden, der den gewaltigen amerikanischen Kontinent von der Atlantikseite bis zu Pazifikküste durchquert, um den magischen Talisman vor den Mächten des Bösen zu finden. Wer den Job erfolgreich absolviert, wird gleich zwei Welten vor dem Untergang bewahren.“ Horrorkönig Stephen King (The Stand) und der Wegbereiter der modernen Phantastik, Peter Straub (Haus der blinden Fenster), schickten diese Nachricht in die Welt der erfundenen Charaktere und zum Glück meldete sich dann auch jemand. Der zwölfjährige Jack Sawyer, dem es mehr darum geht seine Mutter zur retten. Doch da ihr Schicksal über das vieler Menschen entscheidet, darf hier gerne Egoismus im Spiel sein. Wer nun endgültig neugierig ist, darf zu dem dicken Buch Der Talisman greifen. Eine gute Möglichkeit, sich jetzt schon einmal vorzubereiten, denn während diese Zeilen verfasst werden, wird bereits an einer Filmversion gearbeitet.

   

Für den schon großgewachsenen Jack Sawyer hielt das Leben bis jetzt nur viele grauenvolle Wendungen bereit. Denn erst starb sein freundlicher Vater und nun erwischte es auch noch seinen lieben Ersatzvater Onkel Tommy. Die Schlimmste aller Wendungen steht ihm aber wohl erst noch bevor. Seine Mutter ist nämlich schwer krank. Es scheint Krebs zu sein, doch Lily gibt keine genauen Auskünfte über ihren Zustand, was den Jungen schier zum Verzweifeln bringt. Doch es scheint noch Hoffnung zu geben: Als Jack den alten, mysteriösen Speedy Parker kennenlernt, erzählt dieser ihm von einem besonderen Gegenstand. Ein seltenes Objekt mit so immensen Kräften, welches sogar seine Mutter heilen kann. Jedoch existiert wieder einmal ein unpassender Haken an der Sache. Der sogenannte machtvolle Talisman befindet sich auf der anderen Seite von Amerika und unglücklicherweise kennt Jack niemanden, der ihn dorthin begleiten kann, weswegen er sich alleine aufmachen muss. Eine Möglichkeit existiert, um den Weg abzukürzen: Jack kann eine parallele Welt betreten, die sogenannten Territorien. Aber Achtung, denn dort herrschen unbekannte Gesetze und Regeln, ja sogar Magie ist im Spiel. Angst, Zweifel außerdem Sorgen halten den Jungen erst zurück, aber schlussendlich macht er sich auf zu einer unvergesslichen, langen Odyssee.

Zwei Welten — ein Ziel

Originaltitel The Talisman
Ursprungsland USA
Jahr 1986
Typ Roman
Band 1 / 2
Genre Abenteuer
Autor Stephen King, Peter Straub
Verlag Heyne

Der Talisman erzählt nicht nur die packende Geschichte, wie ein Junge versucht seine kranke Mutter zu kurieren. Im Verlauf der Handlung wird klar, dass beide Welten stark mit einander verbunden sind. So wirken die interessanten Territorien wie eine heilere, saubere Version der unseren. Ein Ort, an dem Jack sich richtig frei fühlt. Sehr überraschend ist, dass vor allem aber die Personen miteinander verknüpft sind. Fast jeder Mensch besitzt einen sogenannten Twinner. Ein Gegenstück, das in der anderen Welt lebt und einem sehr ähnlich ist. Während die taffe Lily zum Beispiel in unseren Gefilden eine ehemalige berühmte Schauspielerin ist, ist ihr Twinner eine Königin, die mit freundlicher Hand regiert. Jedoch versuchen unbekannte dunkle Mächte sie vom Thron zu stürzen. Normalerweise hätte sie damit kein Problem, doch die schöne Laura DeLoessian ist ebenfalls erkrankt. Das will Jacks gerissener Onkel Morgan Sloat bzw. Morgan von Orris ausnutzen, denn er weiß um die beiden Welten und will mit einem gerissenen Plan Herr dieser werden. Unser Jack hat also einen ziemlich starken Gegenspieler, der ihm von Anfang an gewaltige Steine in den Weg legt. Das Autorenduo schreckt insbesondere hier wirklich vor nichts zurück, trotz des jungen Alters unseres ungewollten Abenteurers. Sexuelle Belästigung, magische Waffen, eine endlose Wüste und ein düsteres Haus erwarten uns unter anderem. Oft kann sich der Held nur durch das seltsame Flippen, so die Fähigkeit des Weltenwechsels, retten. Aber jedes Mal bleibt offen, was ihn auf der anderen Seite Neues erwarten wird. Es wird daher nicht langweilig. Darüber hinaus dürfte gerade das Finale selbst eingefleischten Lesern des Horrorgenres Angstschweiß auf der Stirn auftreten lassen.

Der mit dem Wolf reist

Ängstlich ist das beste Wort, das Jack Sawyer beschreibt. Daher stellt sich von Anfang an die spannende Frage, ob er über sich hinauswächst und wie er sich vor allem den vielfältigen Aufgaben und Gefahren stellen wird. Neben seiner größten negativen Eigenschaft ist Jack ansonsten ein freundliches Kind. Er sorgt sich sehr um seine Mutter, zugleich gibt ihm diese unerschütterliche Liebe immer wieder neue Kraft, um weiter zu machen. Wir schließen den groß gewachsenen Helden daher unweigerlich sehr ins Herz. Etwas, das von den fiesen Schreiberlingen auch beabsichtigt ist, da so viele Stationen der Reise zu nervenaufreibenden Folterkammern werden, da nicht immer klar ist, ob Jack mit heiler Haut davon kommen wird. Zum Glück muss er nicht alles alleine überstehen. Ein weiterer interessanter Charakter stößt zu unserer Ein-Mann-Rettungstruppe hinzu. Besser gesagt: Einen freundlichen, hilfsbereiten Wolf auf zwei Beinen lernt Jack in der Welt der Territorien kennen. Von Beruf Farmer stellt sich der pelzige Geselle vor und durch ein unbedachtes Missgeschick landet dieser dann in den Vereinigten Staaten. Von da an gibt es ein paar neue Probleme, denn Wolf ist wie eine Münze mit zwei unterschiedlichen Seiten. Während Jack nun nicht mehr alleine ist, muss er ständig Sorge tragen, dass sich sein neuer treuer Freund bei Vollmond in einen Werwolf verwandelt. Rennt er auf unserer Seite ansonsten äußerlich als Mensch herum. Als wenn der Junge nicht schon genug Probleme hätte. Schließlich tickt die Uhr unaufhaltsam, weswegen jede weitere Seite von Der Talisman die Spannungskurve in die Höhe schießen lässt, denn der unaufhaltsame Krebs bahnt sich immer weiter seinen Weg.

Zwei Köche verderben den Brei?

Welche Frage sich von Anfang an stellt, ist, ob die zwei Autoren es hinbekommen, eine homogene Geschichte zu erzählen. Auf einen Nenner zu kommen ist schließlich gar nicht so einfach bei all den kreativen Ideen! Doch bei King und Straub müssen wir uns keine Sorgen machen, waren beide damals schon erfahrene Autoren, die schon viele andere Geschichten das Licht der Sonne erblicken ließen. Daher verwundert es auch nicht, dass sich Der Talisman wunderbar wie aus einer Gussform anfühlt. Besonders gelungen ist, dass sich nach und nach eine viel gewaltigere Geschichte entfaltet. Beginnt sie doch nur mit der Rettung einer einzelnen Frau, endet sie darin, zwei Welten vor dem Untergang zu bewahren. Für Fans von Stephen Kings fantastischen Epos Der Dunkle Turm gibt es keinen Weg um diesen Buch herum. Wird zwar in diesem Band noch nicht ganz klar, wo die Territorien liegen, so finden wir im zweiten Band Das schwarze Haus eindeutigere Hinweise. Roland, Revolvermann oder der Killerzug Blaine werden nämlich genannt und lassen Leserherzen höher schlagen. Doch trotz der Verbindungen kann jeder zu diesem Roman greifen, denn diese fantastische Geschichte ist ein eigenständiges Werk.

Fazit

Da ich mir vornahm, alles rund um den Dunklen Turm einmal zu lesen, legte ich mir zudem diesen Band zu. Worum es genau geht, wusste ich damals nur grob, weswegen ich mich komplett überraschen lassen konnte. Schnell fiel mir auf, wie viele interessante Ideen hier in einander verschlungen sind. Gerade die Zusammenhänge der beiden Orte legen sich nur nach und nach offen, wecken jedoch sehr stark das Verlangen danach, mehr wissen zu wollen, weswegen ich unaufhaltsam weiter lesen musste. Des Weiteren ist Jack ein so herzensgutes Kerlchen, dass ich nicht anders konnte, als ihn ins Herz zu schließen und meine Daumen für sein Gelingen zu drücken. Besonders gefällt mir, dass er im Laufe der Reise seinen Kopf benutzt. So hat er zum Beispiel nur begrenzt Geld und muss sich daher immer wieder etwas einfallen lassen. Und so abwechslungsreich die Probleme sind, so viele unterschiedliche Lösungen findet er auch, wobei einige doch immer sehr knapp vor dem Scheitern erst kommen. So wird die Geschichte zur echten Zitterpartie! Insgesamt gibt es für mich nur einen einzigen Storyabschnitt, der sich etwas in die Länge zieht. Das ist der Aufenthalt im grauenvollen Waisenhaus, dass eher einer Kinderhölle gleicht. Auch wenn diese Seiten nicht so schnell dahinfliegen, geht es danach packend weiter bis zum grandiosen Finale. Daher kann ich abschließend Der Talisman allen ans Herz legen, die Lust auf eine etwas andere Abenteuergeschichte haben.

© Heyne

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Aki

Aki verdient ihre Brötchen mit dem Buchverleihen und Wiedereintreiben und geht nie aus dem Haus ohne eine Kopfbedeckung. Wurde von ihren Eltern von klein auf zu einem Filmjunkie erzogen, liebt mittlerweile aber viele Formen des Geschichtenerzählens. Zu ihren anderen Hobbies gehören die Fotografie und das Zeichnen, egal ob auf Papier oder Leinwand. Sie besitzt eine ansehnliche Sammlung an Fuchsmerchandise und hat ihr Herz seit dem Lesen des Mangas "Kenshin" an Samurais verloren.

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