Das Amulett in der Wüste

Wenn ein Vampir in Indiana Jones-Manier ein Grab “erforscht”, ist er ebenfalls ein Räuber oder geht es noch als unangekündigte Wohnungsbesichtigung durch? Wie auch immer der rechtliche Status sein mag; Fakt ist, dass uns der zweite Band der ‘Was wäre, wenn Menschen und Vampire in einer Gesellschaft zusammenleben’-Buchreihe von Fay Winterberg aus dem Art Skript Phantastik Verlag statt nach Wien in die Wüste schickt. Trotz ganzen Wanderdünen in den Schuhen sind wir die Reise beherzt angegangen und haben nach dem Amulett in der Wüste gesucht.

   

Statt sich nach der Auflösung eines Werwolfkampfrings in Wien einen geeigneten Balken zu suchen, von dem sie die nächsten zwei Jahre sowohl sich selbst als auch ihre Seele baumeln lassen kann, gönnt sich die halbvampirische Artefaktexpertin keine Pause. Allerdings warten keine weiteren fell- und klauenbewehrten Riesenwölfe auf sie, sondern ein Gipfeltreffen der einflussreichsten Blutsauger in London. Zwar gelten gerade in Vampirkreisen solch politische Großtreffen als sterbenslangweilig (see what I did there?!), nichtsdestotrotz ergibt sich Lilith dem Wunsch ihres Vaters und reist mit ihm zu der pompösen Party, auf der ein besonderer Gast erwartet wird. Aber nicht genug mit all den atemberaubten Anwesenden; auf der Feier bekommt Lilith ein Angebot, das sie, mit Blick auf ihren Kontostand, nicht ablehnen kann. Im Tal der Könige findet eine Ausgrabung statt und was darf bei sowas natürlich nicht fehlen? Untote! Gut, als Halbvampir lebt Lilith faktisch gesehen noch, aber der Gedanke zählt.

Mehr Zeit und Ordnung

Originaltitel Das Amulett in der Wüste
Ursprungsland Deutschland
Erscheinungsjahr 2013
Typ Roman
Bände 2 / 3
Genre Fantasy, Steampunk
Autor Fay Winterberg
Verlag Art Skript Phantastik Verlag

Während Band 1 noch das Problem hatte, mehr wie ein Ausschnitt oder eine Einleitung für das Setting einer Vampir-Mensch-Gesellschaft zu wirken, kommt der zweite Teil wesentlich standhafter daher. Der Ablauf ist geordneter und auch wenn der Hautplot, die Suche nach dem namensgebenden Amulett eher spät beginnt, fügt es sich wesentlich besser in das Gesamtbild ein als die spontane und viel zu schnelle Niederstreckung eines beeindruckend haarigen Fightclubs. In gewisser Weise bleibt der Ausschnittscharakter zwar erhalten, weil die Handlung offener und mit einem explosiven Cliffhanger endet, aber es funktioniert weit besser, weil es nun vielmehr wie ein Teil einer längeren Geschichte wirkt, statt einem kurzen ‘Was wäre wenn…’-Gedankensprung. Außerdem bemüht sich die Autorin, ihre Welt lebendig zu halten, auch wenn es einem Untote nicht immer leicht machen (see what I did there, again?!). Gerade auf dem Gipfeltreffen der Vampire werden etliche neue Charaktere eingefügt, die einen Einblick in andere Teile der Welt geben, und, in Unwissenheit gehaltener Hauptcharakter sei Dank, man erfährt mehr über die Geschichte der Gesellschaft. Zwar kann einem hier als Leser die Exposition mitunter recht auffällig in den Nacken beißen, aber die Einblicke bleiben interessant und regen erneut die eigene Imagination an.

Vampir genug?

Unglücklicherweise ist nicht alles heiter Mondschein. Der Ablauf der Geschichte ist wesentlich angenehmer gestaltet, aber im Bereich der Charaktere beginnen die Eckzähne mürrisch zu zucken. Zwar sind die Hintergründe vieler Figuren interessant, aber ihr Verhalten erinnert oftmals an extrem grummelige und bissige Teenager (pun shamelessly intended), die in den Dialogen auch oftmals recht gleichförmig wirken, was auf dem Treffen besonders deutlich wird. Viele Charaktere werden vorgestellt, aber es fällt einem schwer, sie auseinander zu halten. Lilith bildet hier, dank Hauptcharakterstatus eine gewisse Ausnahme, aber zu oft bekommt man das Gefühl, ein und diesselbe spitzzahnige Person mit anders verzierter Kleidung vorgesetzt zu bekommen. Bei alldem schließt sich noch ein allgemeineres Problem an: Die Vampire vampiren zu wenig. Obwohl nahezu alle Figuren, auf die man als Leser trifft, zu den mythisch-mörderischen Blutsaugern gehören, würde man leicht Gefahr laufen, sie alle für exzentrisch gekleidete Menschen zu halten, die eine Vorliebe für nächtliche Spaziergänge und dunkelrote Cocktails haben. Dass kann sicherlich beabsichtigt sein, um die Glaubhaftigkeit des Settings zu befördern und letztlich ist es immer eine Interessensfrage, wie vampirisch es denn nun sein darf, Fakt bleibt aber, dass sich die Geschöpfe der Nacht mehr von den Geschöpfen des Nachmittags hätten unterscheiden dürfen.

Der zweite Band stellt ohne Zweifel eine Verbesserung zum ersten Teil dar, nur bekomme ich weiterhin das Gefühl, dass die spannenden Ideen, die sich aus einer solch Vampir-Mensch-Gesellschaft ergeben, nicht wirklich genutzt werden. Stattdessen bleiben wir eher bei vampirischen Problemen im vampirischen Umfeld, die mir paradoxerweise nicht einmal vampirisch genug sind. Ich verlange dabei übrigens nicht, dass in jedem Band mindestens zwei blonde Jungfrauen nachts von einem Schwarzcape tragenden Fledermausmensch (no, not Batman) um zwei Galeonen ihrer Aderflüssigkeit erleichtert werden, nur ist es etwas schade, wenn ich in einem solch spitzzahnigen Figurenhaufen mir andauernd in Erinnerung rufen muss, dass ich es hier zumindest von der Art her mit den Arbeitskollegen des dunklen Grafen zu tun habe. Trotzdem bin ich für Band 3 motiviert, da Das Amulett in der Wüste einen besseren Ausgangspunkt für eine längere Geschichte geschaffen hat. Und Cliffhanger machen mich sowieso immer nervös. Einzig das Gegrinse mancher Vampire würde ich mir gerne noch verbitten, das erinnert mich immer an kichernde Nekromanten. Dann doch lieber ein gutes altes boshaftes ‘Muahahaha’.

Zweite Meinung:

Liest sich Band 1, wenn auch recht kurz und mit ein paar Debüt-Holprigkeiten, schon gut, so hat sich der Stil der Autorin zum zweiten Teil gesteigert. Die Geschichte wirkt, wie Kollege Mortva schon schreibt, runder und macht Spaß, gelesen zu werden. Ich mochte einige Elemente, die eingebaut wurden, um Lücken zu schließen bzw Hintergrundinformationen einzuarbeiten (zum Beispiel der Einsatz der Zeitung auf dem Flug nach London) und es dampft auch an vielen Stellen Steampunkgerecht sehr fein. Die namensgebenden Geschehnisse in der Wüste finde ich spannend und ich musste beim Lesen herzlich lachen, als ich die Seitenhiebe auf den Namen Justin las. Jedoch: Sind Informationen zur Gesellschaft an manchen Stellen passend in das Geschehen eingearbeitet, empfinde ich die Abhandlung über die franzözische Vampirfamilie als etwas zu viel des Guten. Bis die wieder wichtig werden, habe ich das alles schon fünfmal vergessen. Einiges an Action und spannende Ideen machen Band 2 aber zu einem Lesegenuss, der nicht allein wegen des Cliffhangers Lust auf den neuesten Teil Kain – Der erste Vampir.

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Mort

Mort hat 'Wie? Nicht auf Lehramt!?' studiert und wühlt sich mit trüffelschweiniger Begeisterung durch alle Arten von Geschichten. Animes, Mangas, Bücher, Filme, Serien, nichts wird verschmäht und zu allem Überfluss schreibt er auch noch gerne selbst. Meist zuviel. Er findet es außerdem seltsam von sich in der dritten Person zu reden und hat die Neigung, vollkommen überflüssige Informationen in sein Profil zu schreiben. Mag keine Oliven.

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