Nadia – The Secret of Blue Water

Einst, in einer längst vergangenen Zeit, als RTL 2 noch Animeserien zeigte, war zu Beginn eine Serie unermüdlicher Dauergast: Nadia – The Secret of Blue Water. Vage angelehnt an die Werke von Jules Verne (sehr vage; ‘Kam wirklich eine Satellitenlaserkanone darin vor!?’-vage) erzählen uns Studio Gainax (Tengen Toppa Gurren Lagann) und Regisseur Hideaki Anno (Neon Genesis Evangelion) (teilweise auch Shinji Higuchi (Storyboard für Neon Genesis Evangelion: The End of Evangelion) die Geschichte von der namensgebenden Nadia, dem Erfinderjüngling Jean und ihrer unglaublichen Reise in einem total verrückten U-Boot; Nemos berühmter Nautilus. Eine geheime Weltherrschaftsorganisation mit originalen Ku-Klux-Klan-Gedächtnismützen, magische Superduperkristalle und die erwähnte Satellitenkanone geben sich ebenfalls die Ehre. Wie gesagt: ‘Vage angelehnt’. Die lustige (und definitiv nicht einzig auf die See beschränkte) Fahrt begann in Japan ursprünglich 1990, ging dann auf Tauchgang und brach 1996 in Deutschland an die Oberfläche. Aber ist die Reise zu den Tiefen des Meeres und darüber hinaus unbedenklich? Kann man heute immer noch einen Fuß in die Nautilus setzen oder geht man ohne gewaltige Nostalgie-Tauchglocke gnadenlos unter?

Die Pariser Weltausstellung 1889 zieht allerlei kurioses Volk an, so auch den 14-jährigen Hobbybastler und Technikenthusiasten Jean, der mit seinem Onkel eine selbst zusammengeflickte Flugmaschine präsentieren möchte. Seine Prioritäten verschieben sich jedoch schlagartig als ein dunkelhäutiges Mädchen, Nadia, an ihm vorbeiradelt, woraufhin seine Hormone Alarm schlagen, in sein Entscheidungszentrum einfallen und den Technikkram mit einem kräftigen mentalen Fußtritt hinausbefördern. Entsprechend nimmt er sogleich die Verfolgung der jungen Dame auf. Fataler Fehler. Denn erstens hat die mit einem Löwenjungen ausgestattete Zirkusakrobatin keinerlei Aufmerksamkeit für einen bebrillten Flirtanfänger übrig. Zweitens ist er damit treuprotagonistendoof in die ‘Junge trifft mysteriöses Mädchen’-Falle hineingetappt, was zwangsläufig in einem weltumspannenden Abenteuer mit einer bösen Organisation an den Fersen münden muss. Immerhin hat er in einer Hinsicht Glück im Unglück, da sein Spontan-Stalking von einer dreiköpfigen Entführerbande getrumpft wird, die es auf Nadia abgesehen haben. Ein Umstand, an den sie sich gewöhnen sollte. Jean hilft ihr mittels einer seiner (halbwegs) funktionierenden Erfindungen den Klauen der Team Rocket-Urahnen zu entkommen. Und so beginnt ihre weltumspannende Geheimorganisationspläne vereitelnde erstaunlich viele Explosionen und Laserstrahlen beinhaltende Abenteurreise. Selbst Schuld.

Anime meets Jules Verne

Originaltitel Fushigi no Umi no Nadia
Jahr 1990
Episoden 39 (in 1 Staffel)
Genre Abenteuer, Science-Fiction
Regie Hideaki Anno, Shinji Higuchi
Studio Gainax

Die Serie versucht keineswegs eine getreue Adaption eines der Werke des französischen Old-Sci-Fi-Autoren zu sein, profitiert aber von der historischen Einbettung und den Anleihen an das Inspirationswerk, da es der Serie eine gänzlich eigene Stimmung und Atmosphäre verleiht, die sich dadurch nicht alleine durch den zeitlichen Unterschied von aktuellen Serien abhebt. Die Geschichte fühlt sich trotz der technischen mit anime-iger Überspitzung (und Zaubersteinen) verschraubten Fantastereien geerdet an. Es stört entsprechend nicht, dass die Verknüpfung zur ”Vorlage” maßgeblich in der Idee der Nautilus selbst und wenigen anderen Plotpunkten besteht. Die Serie setzt gänzlich eigene Akzente, gerne mal mit actionreicheren und explosiveren Nachdruck. Im Kern bleibt dabei aber die Faszination an neuen technischen Möglichkeiten gepaart mit ihren gefährlicheren Aspekten erhalten. Die Wunderwerke wie die Nautilus oder der noch früher zu sehende Multifunktionsbot der Kidnapperbande werden besonders gerne in Szene gesetzt und haben jeweils eine ganz eigene Wucht und Präsenz, speziell wenn die großen Gegenspieler ihre spitzhütigen Köpfe durch die Tür strecken und mit ihrem Spielzeug um sich werfen. Der Anime schafft es dabei, auch sich stets zu steigern mit mehreren eindrucksvollen Höhepunkten, bei denen eventuell die erwähnte Satellitenkanone möglicherweise eine Rolle spielen könnte.

Das Beste: Das Böse

Besagter Gegenspieler ist die Organisation Neo-Atlantis, besonders nachdrücklich durch ihren Anführer repräsentiert, der zu einem der größten Pluspunkte von Nadia – The Secret of Blue Water zählt. Gargoyle, so der Name des maßgeschneiderte Anzüge tragenden, Weinglas schwenkenden und selbstverständlich Orgel spielenden Kontrahenten, ist schlicht großartig. Über die gesamte Laufzeit hinweg ist er das Übel, das es zu überwinden gilt. Stets in Kontrolle, ruhig und beinahe gelassen, treibt er seine Pläne voran, die, so bekommt man den Eindruck, selbst vom Ansturm einer gepanzerten Rhinozeros-Horde nicht erschüttert werden könnten. Egal, wie viele Schläge ihm auch versetzt werden; alles unbedeutend, es geht weiter nach Plan. Er fühlt sich bis zum bitteren Ende unüberwindbar an. Der einzigartige Look der Neo-Atlantianer, der wohl herauskommen würde, wenn ein japanischer Maskentheater-Enthusiast und ein Zipfelmützenfabrikant gemeinsam eine Modekette für Sektenhüte aufmachen, trägt sein Übriges dazu bei, ihn in Erinnerung zu behalten. Dank der Maskierung ist nie eine Regung zu sehen, bis man sich letztlich fragt, ob dahinter überhaupt ein Mensch oder gar etwas ganz anderes lauert.

Nadia – Damsel of Blue Water

Das Lob für den Antagonisten erstreckt sich jedoch nicht auf den Rest der Charaktere. Zwar sind auch die Nebenfiguren durchweg interessant, aber bei dem Protagonistenpärchen hakt es ein wenig. Während Jeans Entwicklung angenehm mitzuverfolgen ist, wie er sich vom naiven Techniknarr zum immerhin stärker reflektierten Techniknarr mausert und er zudem damit punkten kann, dass er kein typischer ‘Friendship is my powa!’-Held darstellt, sondern sich mehr auf sein technisches Können verlassen muss, ist seine Obsession mit Nadia der Sand im Getriebe. Was wiederum maßgeblich daran liegt, dass in leichter Ironie mit Blick zum Titel Nadia vermutlich die uninteressanteste Figur der Serie ist. Sie bekommt selten etwas zutun, abseits davon von X, Y oder Z gefangen genommen, verfolgt oder verfolgt und gefangen genommen zu werden. Sie erreicht nicht mit Prinzessin Peach-Level, hat aber eindeutig an der Mary-Jane-Schule für Heldinnen Unterricht genommen. Entsprechend ist ihr Beitrag zum Auflösen von Konflikten meist verschwindend gering. Eventuell könnte man das noch verkraften, wenn sie abseits davon zumindest sympathisch wäre. Eigentlich ist es beinahe beeindruckend, dass sie es schafft, eher unliebsam zu sein, wenn sie derart im Fokus der negativen Aufmerksamkeit steht. Faktisch zeichnet sie sich vor allem durch eine eher kindisch wirkende Bissigkeit und Rebellion aus, die den eigentlich vorhandenen Kindcharakter Marie in den Schatten stellt. Sicherlich hat sie allen Grund daran, nicht allzu vertrauensselig zu sein, aber aufgrund ihrer mangelnden produktiven Beiträge, wirkt sie oft wie der Schraubenschlüssel der den anderen Leute zwischen die Beine geworfen wird oder den sie versuchen müssen, zurückzuholen.

Definitiv nicht reif für die Insel

Als wäre das nicht ungünstig genug, grätscht unverfrorenerweise im letzten Drittel der Serie ein äußers unliebsames Bündel an Filler-Episoden dazwischen, die nicht einfach nur Sand ins Getriebe streuen, sondern gleich mit dem Vorschlaghammer auf das Feinmetall einschlagen. Die betreffenden Folgen (startend mit Episode 23 bis hin zu Episode 34) versetzen dem Erzählfluss dank einem spontanen Wechsel des Regisseurs einen merklichen Schlag. Nicht nur, dass sie allesamt mit mäßigem Humor herumblödeln, die Qualität der Folgen aus technischer Sicht lässt ebenfalls zu wünschen übrig. Viel Animationsrecycling und unsaubere Zeichnungen trüben das Bild. Zudem tragen sie zum überwiegenden Teil nichts zu der Handlung bei und fühlen sich entsprechend unnötiger an als ein ‘Free Cola’-Spezialangebot bei einem Diabetikertreffen. Ein bisschen wäre erträglich, aber die volle Packung ist eher ungesund. Zwar sind sie in Essenz nicht derart vernichtend schlimm, dass jede Hoffnung auf Rettung wie ein gestrandeter Wal zurückbleibt; sie sind mehr in die Kategorie ‘Needless Mindless Fun’ einzuordnen. Es zerstört die Serie nicht, aber schubst das Pacing in eine Grube Treibsand. Sollte man zudem bisher kein Fan von Nadia gewesen sein, dürften die Episoden nicht dazu beitragen, sie zu rehabilitieren, mehr im Gegenteil. Überspringen mag hier eine valide Option sein.

Fazit

Nadia – The Secret of Blue Water weckt bei mir einige Erinnerungen. Unter anderem an eine Zeit, in der man sich ohne Spontanentzündung der Gehirnzellen nachmittags RTL2 angucken konnte. Tatsächlich habe ich es nie geschafft, alle Folgen der Serie in Abfolge zu schauen und als ich es dann doch einmal geschafft habe, war ich, trotz des erwähnten Durchhängers, ziemlich angetan. Die Animeserie versprüht einen eigenwilligen Charme und hat schlicht dieses Abenteuer-Feeling an sich, dass heute nicht mehr viele Serien bieten (oder zumindest nur wenige). Eine Jagd um die Welt voller technischer Wunder und vieler Charaktere, die im Gedächtnis bleiben. Es geht nicht darum, der Allerstärkste zu werden, nicht an irgendeinem Turnier teilzunehmen und Jean ist auch kein Schwertmeister-Azubi-Ninja-Vampir; er und Nadia erleben schlicht und ergreifend ein gewaltiges Abenteuer. Letztere dabei leider oft eher als glorifizierter Seilschmuck, aber ich habe es ähnlich wie die Filler-Episoden gerne ertragen. Wobei noch einmal betont sei, dass man bis auf ein oder zwei alle problemlos überspringen könnte, ohne etwas zu verpassen. Als Ausgleich für die Widrigkeiten bekommt man eine schöne, abwechslungsreiche Geschichte mit einem meiner Ansicht nach großartigen Bösewicht präsentiert. Gargoyle ist schlicht ein eindrucksvoller Kontrahent. Womöglich spricht aber doch ein wenig die Nostalgie aus mir, auch wenn das deutsche Opening zur Serie beim heutigen Hören klingt, als wäre jemand beim Vorlesen der Inhaltsangabe ausversehen an das Set eines Musicals gestolpert und hatte ab da keine Wahl mehr. Letztlich kann ich auf jeden Fall empfehlen, insbesondere wenn man die Show vielleicht nur vage in Erinnerung behalten oder sie nur teilweise gesehen hat, ihr eine neue Gelegenheit zu geben und mit der Nautilus auf große Fahrt zu gehen.

© Nipponart


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Mort

Mort hat 'Wie? Nicht auf Lehramt!?' studiert und wühlt sich mit trüffelschweiniger Begeisterung durch alle Arten von Geschichten. Animes, Mangas, Bücher, Filme, Serien, nichts wird verschmäht und zu allem Überfluss schreibt er auch noch gerne selbst. Meist zuviel. Er findet es außerdem seltsam von sich in der dritten Person zu reden und hat die Neigung, vollkommen überflüssige Informationen in sein Profil zu schreiben. Mag keine Oliven.

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