Josie, der Tiger und die Fische

Mit A Silent Voice erschien 2016 ein berührendes Anime-Drama um den Umgang mit gehörlosen Menschen, das vom Publikum extrem positiv aufgenommen wurde. 2020 erschien in Japan mit Josie, der Tiger und die Fische ein weiterer Anime-Film, bei dem einer der Protagonisten eine Behinderung hat. Diesmal geht es um eine junge Frau im Rollstuhl, die durch puren Zufall – oder vielleicht auch einen Wink des Schicksals – einen Studenten kennenlernt, der ihr Leben verändern wird. Das sensibel erzählte Liebesdrama von Kotaru Tamura (Noragami) wurde von Studio Bones (My Hero Academia: Two Heroes) produziert und feierte seine Deutschlandpremiere bereits Anfang Mai 2021 auf dem Internationalen Trickfilm-Festival Stuttgart. Erstmals in deutscher Vertonung läuft der Film jedoch im Rahmen der KAZÉ Anime Nights 2021 ab dem 30. November 2021 in ausgewählten Kinos. Eine Disc-Veröffentlichung ist für den 13. Januar 2022 angesetzt. Warum ihr euch die gefühlvolle Anime-Produktion nicht entgehen lassen solltet, lest ihr in unserem Review.

   

Kumiko, die sich selbst “Josie” nennt, sitzt von Geburt an im Rollstuhl und lebt mit ihrer Oma zusammen. Diese möchte Josie vor der Außenwelt schützen und erlaubt ihr deshalb kaum, das Haus zu verlassen. Dabei träumt Josie davon, die Welt und speziell das Meer zu entdecken, die sie so gerne in ihren fantasievollen Kunstwerken darstellt. Eines Tages trifft sie auf den Studenten Tsuneo, als sie bei einem seltenen Ausflug unkontrolliert einen Hang hinab rollt und er sie davor bewahrt, verletzt zu werden. Voller Dankbarkeit lädt ihre Oma Tsuneo zum Essen ein. Dabei macht sie ihm ein verlockendes Jobangebot als Haushaltshilfe für Josie. Tsuneo nimmt an, da er hofft, sich so sein Auslandsstudium finanzieren zu können. Doch die ersten Monate gestalten sich schwierig, denn Josie ist abweisend und ruppig. Sie lehnt sogar ab, mit ihm zu sprechen. Doch nach und nach öffnet sich Josie gegenüber Tsuneo, der selbst anfängt, immer faszinierter von ihr zu sein …

Josie und Tsuneo: Aller Anfang ist schwer

Originaltitel Josee to Tora to Sakana-tachi
Jahr 2020
Laufzeit 99 Minuten
Genre Romanze, Drama, Slice of Life
Regie Kotaro Tamura
Studio Bones
Kinostart: 30. November 2021

Nachdem Tsuneo den Job als Haushaltshilfe ergattert, muss er feststellen, dass das wohl doch kein leicht verdientes Geld wird. Josie schließt sich in ihrem Zimmer ein und möchte nichts mit ihm zutun haben. Sie gibt ihm nur absurde, zeitfressende Aufgaben, wie etwa das Zählen der Kacheln oder das Suchen nach einem Strauß vierblättriger Kleeblätter. Bald denkt er darüber nach, aufzugeben, auch wenn er das Geld für seinen Traum vom Auslandsstudium brauchen kann. Doch dann öffnet sich Josie plötzlich doch und äußert den Wunsch, entgegen der Bitte ihrer Großmutter draußen die Welt zu entdecken. Fortan verbringen sie mehr und mehr Zeit miteinander, schleichen sich während des Mittagsschlafes der Großmutter heimlich davon und entdecken die Welt. Wie sich das Vertrauen zwischen Josie und Tsuneo langsam aufbaut, wirkt dabei sehr authentisch und gleichzeitig sehr rührend. Sie teilen besondere Momente miteinander und geben einander neue Perspektiven auf die Welt. Tsuneo zeigt Josie das Meer und die Fische, sie besuchen Zoos, erkunden die Umgebung und wachsen mehr und mehr zusammen. Dabei wird ihre Bindung zueinander im späteren Verlauf durchaus auf die Probe gestellt, auch einige nervenaufreibende Szenen sind in der zweiten Hälfte zu finden. Aber: Dramatische Momente wirken erfreuerlicherweise nie übertrieben oder aufgesetzt.

Überzeugendes Charakter-Ensemble

Tsuneo ist als Hauptcharakter eine interessante Wahl. Er ist sehr zielstrebig, arbeitet neben dem Studium der Meeresbiologie noch in einem Tauchershop und nimmt dann auch noch die Tätigkeit als Josies Haushaltshilfe an. Denn mit dem Geld möchte er sich seinen Wunsch vom Studium im Mexiko erfüllen. Dabei mag es zunächst wirken, als sei Tsuneo dadurch nur auf Erfolg und Geld fokussiert, was sich aber sehr schnell als Fehleinschätzung herausstellt. Im Gegenteil, er verfolgt mit dem Auslandsstudium noch einen ganz persönlichen Traum und kann sehr einfühlsam sein. Josie wirkt da zunächst wie das komplette Gegenteil: Sie lebt zurückgezogen, hat gleichzeitig ein vorlautes Mundwerk und malt zwar sehr gerne und ausgesprochen gut, aber ihr fehlt das Selbstvertrauen, um das ernsthaft als Karriereoption anzugehen. Nicht unschuldig daran ist ihre überbehütende Großmutter, die es aber auch nur gut meint und entsprechend sehr liebenswert ist. Daneben gibt es aber auch noch weitere Figuren. Da wäre die freundliche Bibliothekarin Kana, die sich mit Josie anfreundet, als sie bemerken, dass sie die gleichen Bücher mögen. Auch Tsuneos Tauchershop-Kollegen Yukichi und Mai sind fester Bestandteil des dargestellten Alltags. Auffallend authentisch und schön ist, dass keine der Figuren perfekt wirkt. Sie alle haben ihre Schwächen und verhalten sich auch mal nicht ideal. Das lässt die Charaktere glaubwürdig und greifbarer wirken.

Viel mehr als nur eine Liebesgeschichte

Im Kern ist Josie, der Tiger und die Fische eine sehr berührende Liebesgeschichte, doch der Film ist viel mehr als das. Es geht vor allem um den Glauben an sich selbst, aber auch um Respekt und Rücksichtnahme, um das Verfolgen von Träumen und die Freude am Leben, selbst wenn dieses einmal steinig wirken sollte. Ebenso ist die Produktion ein sensibel erzähltes Plädoyer für Inklusion, ohne Josies Behinderung zum Hauptaugenmerk zu machen. Natürlich ist diese da und beeinflusst sie maßgeblich im Alltag, aber sie ist in erster Linie eine Person und nicht einfach nur eine Frau im Rollstuhl. Hierbei schreckt Regisseur Kotaro Tamura auch nicht davor zurück, schmerzhaft ehrliche Szenen zu zeigen. Etwa wenn Josie nur schwer alleine zurecht kommt oder von Passanten respektlos behandelt wird. Das Leben ist eben nicht immer Zuckerguss, Blümchen und Herzen, manchmal ist es auch einfach unfair und hart. Besonders liebevoll zeigt sich dabei auch die Verwendung von zahlreichen Metaphern, die kunstvoll in die Handlung eingearbeitet wurden. Sie erklären auch den auf den ersten Blick recht zusammenhangslos wirkenden Filmtitel. Das sehr ruhige Erzähltempo sorgt zusätzlich dafür, dass die Handlung nicht gehetzt wirkt, obwohl genau genommen mindestens mehrere Monate innerhalb dieser vergehen. Den Charakteren und ihren Beziehungen wird dabei viel Raum zur Entfaltung gegeben, manchmal reichen schon vereinzelte Szenen, um die einzelnen Entwicklungen zu vermitteln.

Ein fantasievolles Bildspiel

Josie, der Tiger und die Fische basiert auf der gleichnamigen von Seiko Tanaba und Nao Emoto verfassten Kurzgeschichte aus dem Jahr 1984. Tatsächlich ist die Produktion dabei nicht die erste filmische Adaption des Stoffes, denn es erschienen sowohl in Japan (2003) als auch Korea (2020) bereits Realfilme. Doch der Film aus dem Hause Bones ist die erste animierte Adaption und schöpft dabei auch von den Vorteilen dieser Form aus den Vollen, insbesondere bei der Darstellung von Josies Fantasien. Optisch macht der Titel wirklich etwas her, bunte Farben und unfassbar detailreiche Darstellungen von etwa den Fischen oder den Tieren sorgen dafür, dass Zuschauer*innen hier nur staunen können. Der Film sieht einfach wunderschön und an vielen Stellen auch sehr niedlich aus. Die musikalische Untermalung stammt von Evan Call (Violet Evergarden) und präsentiert sich als ebenso melancholisch und vor allem zu den jeweiligen Szenen passend. Wenn die Visualisierung nicht ausreicht, um alle Tränen-Dämme zu brechen, wird spätestens die ertönende Musik zu einem steigenden Taschentuchverbrauch beitragen. Für die deutsche Synchronisation wurden erfahrene Sprecher*innen besetzt, wie etwa Julia Bautz (Mei in Citrus) als Josie und Sebastian Kluckert (Trunks in Dragonball Z Kai) als Tsuneo. Die deutsche Synchronisation weiß dabei zu überzeugen, auch in den vielen emotionalen Momenten.

Fazit

Ruhig erzählt, sensibel umgesetzt und voller herzergreifender Momente und schöner Details: Josie, der Tiger und die Fische ist eine sehr gelungene, rührende Anime-Produktion. Die Charaktere glänzen mit Authentizität und die Romanze ist zwar sehr ergreifend und entwickelt sich überzeugend, aber es geht eben nicht nur um eine Liebesgeschichte. Es geht um verschiedene Personen, Freundschaft und darum, niemals aufzugeben. Eine wundervolle Botschaft, die in hübsche Metaphern und liebevolle Momente eingebettet ist. Ein ergreifender Film, bei dem kein Auge trocken bleiben wird. Für Fans rührender Dramen und Romanzen ist Josie absolute Pflicht. Aber auch wer nicht gerade eine Allergie gegen ruhige, emotionale Geschichten hat, sollte dieser Perle unbedingt eine Chance geben.

© 2020 Seiko Tanabe/ KADOKAWA/ Josee Project

Ayla

Ayla ist Schülerin und beschäftigt sich hobbymäßig mit allen möglichen Medien, ohne dabei Beschränkungen zu kennen. Dennoch ist sie vor allem ein Serien- & Game-Junkie und liebt besonders actionreiche und dramatische Inhalte, wobei sie gleichzeitig für viele kindliche Themen zu haben ist, weshalb sie weiterhin großer Disney-Fan ist. Abseits ihrer Leidenschaft des Sammelns ihrer Lieblingsmedien schreibt Ayla gerne selbst Geschichten oder zeichnet Bilder, um sich so zu entspannen.

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