Hyouka

Lesezeit: 9 Minuten

Bei Hyouka denkt der geneigte deutsche Leser wohl vor allem an die Manga-Version, die Tokyopop seit 2013 veröffentlicht. Doch die alltäglich-mysteriösen Fälle der Romanvorlage aus der Feder Honobu Yonezawas haben schon 2012 durch das angesehene Studio Kyoto Animation (Violet Evergarden) eine hochwertige Anime-Adaption erfahren. Ebenfalls mit dem Titel “Hyouka versehen – benannt nach dem ersten großen Fall, den der Energiespar-Detektiv Hotaru Oreki löst – teilt sich der Anime nicht nur den Titel mit dem Manga, sondern stellte sogar die visuelle Vorlage dafür dar.

Houtaro Oreki ist High School-Schüler und nicht gerade darauf eingestellt, seine Jugend enthusiastisch in vollen Zügen zu genießen. Die Welt erscheint ihm grau, aber eigentlich fühlt er sich ganz wohl darin. Sein Leben hat er der Energieeffizienz verschrieben: Tue nur das Nötigste und das besorge so schnell wie möglich. Doch die AG für klassische Literatur, der seine Schwester einst angehörte, hat keine Mitglieder mehr und so schickt sie ihm die Anordnung, der AG beizutreten. Houtaros Hoffnungen, ein ruhiges Leben als Alibi-Mitglied zu führen, werden aber alsbald zunichte gemacht, als er Eru Chitanda begegnet, die der AG ebenfalls beitreten möchte. Für den Fortbestand der AG nicht mehr benötigt, möchte Houtaro eigentlich sofort wieder gehen, doch vor Eru (und vor allem ihren großen, neugierigen Augen) gibt es für ihn absolut kein Entkommen. Amüsiert gesellt sich Houtaros humorvoller Freund Satoshi Fukube zur AG, woraufhin auch dessen strenge Kindheitsfreundin Mayaka Ibara beitritt. Furchtbar viel mit Klassik hat die AG eigentlich nicht zu tun, doch die neugierige Eru sorgt mit ihrem überbordenden Interesse an der Welt schon dafür, dass Houtaro nichts anderes übrig bleibt, als seine latenten Detektiv-Talente hervorzukehren, um die Fälle so schnell wie möglich abzuschließen.

Geradezu Anime-untypisch realistisch-bodenständig

Hyouka ist einer der selteneren Anime-Titel, die weder auf einem Manga, noch einer Light Novel oder einem Videospiel basieren, sondern auf einer regulären Romanreihe, die 2001 erstmals erschien. Optisch spiegelt sich das auch sofort in der Farbpalette wider. Houtaro beginnt die Serie zwar mit dem Aufhänger, dass die Welt für ihn grau sei, doch tatsächlich verwendet die reale Welt von Hyouka viele natürliche, relativ dunkle Farben mit einem Hang zu erdigen Braun-Tönen auf die ein wärmendes Licht scheint. Sieht man von den Augenfarben ab haben die Figuren auch ein realistisches Charakter-Design. Erus Augen tanzen dabei noch am ehesten aus der Reihe, da ihre Augen auffällig riesig sind. Doch zur Abwechslung ist das sogar plot-relevant: Große Augen sind Teil vom allgemeinen asiatischen Schönheitsideal, das von Erus langen schwarzen Haaren und elegantem, schicklichen Benehmen aus gutem Hause komplettiert wird. Schon in der Romanvorlage wird Houtaro nicht müde, Erus große Augen zu betonen. Im Anime erhalten sie durch visuelle Inszenierungen einen gar noch größeren Zauber. Hyouka geht ansonsten sämtlichen Anime/Manga-Tropes aus dem Weg (das erste Ending ignorieren wir da mal fein säuberlich), und verankert diese Kultur vielmehr lebensecht als ein Teil der Identität der Akteure: Mayaka ist nicht nur großer Manga-Fan, sie zeichnet auch ihre eigenen Werke. Satoshi und Houtaro konsumieren ihren moderaten Anteil an Unterhaltungsmedien. Diese Eigenschaften sind in einigen Fällen sogar zentral für die Geschichte, in anderen sind es dezente Referenzen. Diese erstrecken sich über eine Referenz auf Lelouche aus Code Geass, über im Westen obskure Shoujo-Klassiker wie Himitsu no Akko-chan, bis hin zu japanischer Geschichte (die Studentenproteste in den Sechzigern) oder klassischer Literatur. Auch westliche, genrefremde Werke , wie etwa eine unbenannte Referenz auf I Have No Mouth, and I Must Scream bindet die Serie ein.

Orthodoxes Mystery als “Alibi”…

Originaltitel Hyouka
Jahr 2012
Laufzeit 23 (in 1 Staffel)
Genre Slice of Life, Mystery
Regisseur Yasuhiro Takemoto
Studio Kyoto Animation

Honobu Yonezawa kennen westliche Fans vor allem als Originalautor von Hyouka, doch ist er in Japan recht bekannt als Mystery-Autor, dessen Bücher auch schon einige Preise gewonnen haben. Erwähnenswert ist dabei, dass sich viele seiner Werke im sogenannten orthodoxen Bereich des Mystery-Genres (auch bekannt als “Honkaku”-Mystery) ansiedeln. Dabei handelt es sich um eine Literaturströmung, die sich auf den Stil der “Golden Age of Detective Fiction” zurückbesinnt: Im Vordergrund steht in erster Linie der Fall und dessen Auflösung. Der Leser hat dabei alle Hinweise, die auch der Detektiv hat und damit eine tatsächliche Chance, selbst auf die Lösung des Falls zu kommen. Hyouka zollt den Genre-Ursprüngen deutlichen Tribut: Sir Arthur Conan Doyles (Sherlock Holmes) und Agathe Christies (Die Morde des Herrn ABC) Werke finden ihre feste Erwähnung und haben in einigen Fällen sogar inhaltliche Relevanz. Doch vor allem hat Hyouka in der Konstruktion seiner eigenen Mystery-Fälle sehr starke Anleihen von der “Honkaku”-Mystery Gattung: Der Gegenstand der Fälle selbst ist mitunter absolut banal (z.B. das “Warum wurde die Tür abgeschlossen” der ersten Folge) und bei einigen stellt sich einem die zwangsläufig Frage, wozu der ganze Aufwand für solche Kleinigkeiten? Doch sind die Fälle selbst allesamt kunstvoll ausgearbeitet und laden sehr zum eigenen Miträtseln ein. Hyouka nutzt allerdings auch sein Setting: Die Serie enthält bei einigen Fällen raffinierte Wortspiele, sodass man ohne eingehende Japanisch-Kenntnisse mitunter keine Chance hat, die entsprechenden Hinweise für die eigene Falllösung zu entdecken.

…für komplexe Charakterzeichnungen

Dadurch tritt ein anderer inhaltlicher Zug der Serie umso mehr auf: Hyouka genügt zwar allen Knox-Regeln der orthodoxen Mystery-Kunst, aber betrachtet man die Serie als ganzes, geht es vornehmlich gar nicht nur um Mystery. Zwar steht dieser Aspekt in den einzelnen Geschichten im Vordergrund doch ist Hyouka vor allem eine Coming of Age-Geschichte über Houtaro, der verschiedene Seiten von den Menschen um ihn herum kennen lernt. So ist Eru als Tochter einer angesehenen Familie vielen traditionellen Verhaltensregeln unterworfen und auch hinter Satoshis sonnigem Gemüt steckt sehr viel mehr, als Houtaro ahnt, obwohl sie schon Jahre Freunde sind. Die Mystery-Fälle in Hyouka sind wie ein Windstoß, der Houtaro zwingt, zum Fenster zu treten und hinaus zu schauen. Mit jedem Fall präsentiert sich ein anderes kleines Stück der Landschaft, das sich über die Serie hinweg zu einem immer größeren Bild zusammensetzt. Je mehr Houtaro dabei die Wege anderer Menschen kreuzt und über deren Charakterzüge und Motivationen erfährt, desto mehr stellt er fest, dass er selbst gar nicht so anders ist, im Guten wie im Schlechten. Auch wenn ihm so manch eine Erkenntnis wie bittere Medizin erscheint, zwingen diese Erfahrungen ihn dazu, sich selbst langsam aber sicher zu hinterfragen. Diese introspektiven Fallstudien ziehen sich subtil durch die einzelnen Geschichten. Sie wirken zunächst sehr gemächlich, doch dafür sind sie im späteren Verlauf umso organischer und die Entwicklung umso gehaltvoller.

Und da ist noch eine nicht so wirklich versteckte Liebesgeschichte

Hyouka ist definitiv kein Romantik-Titel. Allerdings bildet eine romantische Begegnung die Grund-Prämisse von Hyouka: Houtaro trifft auf Eru und ist, ohne es zu merken, so sehr von ihr und ihren wissbegierigen Augen verzaubert, dass er ihre Wünsche gar nicht abschlagen kann. Durch Eru wird er buchstäblich in eine neue Welt gesogen und unversehens hat er sich auch schon an sie gewöhnt. Vor allem lernt er nach und nach Erus Charakter jenseits ihrer physikalischen Erscheinung näher kennen. Eru ihrerseits lernt im Laufe der Serie viele Seiten von Houtaro kennen und neue Aspekte und Perspektiven, die sie ihrerseits so nie gesehen hätte. Ehe sie sich versieht merkt sie, wie sich sich ständig auf ihn verlässt und sich an ihn lehnt und möchte ihm die Welt näher bringen, aus der sie stammt. Was effektiv als nichts anderes als eine Liebe auf den ersten Blick seitens Houtaro startet, wird jedoch an keiner Stelle beim Namen genannt. Der romantische Aspekt zwischen Houtaro und Eru wird rein durch Charakterinteraktionen und Regietechnik dargestellt. Sei es durch den Einsatz der Farbe rosa oder Realitätsverzerrungen, in denen ein herzförmiges Uhrpendel Herzklopfen symbolisiert. Der Romance-Aspekt drängt sich selten als eigenes Thema in den Vordergrund und doch ist er durchgehend im Hintergrund der Standpfeiler, der alles trägt.

Audio-visuelles Animationshighlight

Hyouka besticht mit einer absolut hochwertigen Produktion. Es vergeht keine Folge, die nicht vor illustren Animationssegmenten überquillt. Unübersehbar ist die Blumensequenz der ersten Folge, in der Erus leuchtende Augen Houtaro einnehmen, während sich ihre Haare in Blumenranken verwandeln und Houtaro buchstäblich gefangen nehmen. Am meisten dürften Segmente dieser Art zu Beginn der Serie hervorstechen, in der Houtaro – den seine eigene Eru-Vernarrtheit offensichtlich zunächst vollkommen überfordert – in Erus Neugierde allerlei Arten kreativ inszenierter Bedrohungen empfindet. Mit gesättigten Farben bilden sie auch einen leuchtenden Kontrast zur erdfarbenen Realität. Parallel zu Houtaros Entwicklung ebben sie mit der Zeit ab, bis Houtaros letzte “Wahnvorstellung” sich dem Zuschauer kaum unterscheidbar von der Filmrealität präsentiert. Auch in den realistischen Segmenten lässt sich die Serie nicht lumpen: Detaillierte Charakterbewegungen und Interaktionen verstärken die inhaltliche Introspektion der Figuren. Die Regietechnik spricht aber noch mehr Sprachen, als nur Bewegung. Neben dem allgemeinen Stil, der Hyouka ein bodenständiges Flair gibt, finden Framing-Techniken, subtile Lichtregie und Kamerawinkel mit allen Regeln der Kunst und darüber hinaus ihren Einsatz. Hyouka bietet eine reichhaltige Atmosphäre, die Charakterkonstellationen zueinander und das Vergehen von Zeit darzustellen weiß. Viele Charakterstimmungen werden schon weit vor ihrer Thematisierung angedeutet (Satoshis im Schatten einer Wolke) oder menschliche Grausamkeiten abstrahiert (machtloser Hase als Opfer). Hyouka ist zwar eine Geschichte an einer normalen High School, doch ist sie mit vielen Facetten realer Emotionen getränkt, angenehme wie bittere. Unterstützt wird die visuelle Komponente vom hauptsächlich orchestralen Soundtrack, der einige Stücke der klassischen Musik inkorporiert. (Vor allem sind Stücke von Bach prominent vertreten; die numerischen Regelmäßigkeiten und arithmetischen Prinzipien in Bachs Werken unterstützen das Flair von logischen Schlussfolgerungen zusätzlich.) Jedoch glänzt die Sound-Regie oft mit simpler Zurückhaltung: In vielen Szenen wird Stille gekonnt emotional eingesetzt.

Ausnahmetitel in der TV-Anime-Landschaft

Abgesehen von der hochwertigen Produktion sticht Hyouka vor allem in einem heraus: Der Bärenanteil der Serie besteht aus ruhigen Szenen mit viel Dialog und Exposition, in denen die Figuren oft nur beisammen sitzen und sich austauschen. (Folge 19 besteht nur aus einem langen Gespräch in einem Zimmer.) Ein Umstand bei dem für TV-Anime in der Regel die kostengünstige Standbilder-Falle zuschnappt. Nicht in dieser Serie. Studio Kyoto Animation verwandelt solche Szenen in das genaue Gegenteil: Dialogszenen werden zu Schaukästen, die beweisen, dass Hyouka sein Medium jederzeit für mehrschichtige Erzählkunst auszureizen weiß: Spielereien mit 3D-Animationen, japanischen Schriftzeichen oder gar mit Strichmännchen peppen Houtaros Deduktionen auf. Das Konsumieren von Buchstabenkeksen in Folge 6 dient einerseits als visuelle Unterhaltung des Zuschauers, andererseits als Charakterisierung der Figuren und entpuppt sich am Ende gar als visueller Hint für den Zuschauer zur Lösung des Falls. In einem Fall zur Mitte der Serie wird ein Film aufgeführt, den Schüler gedreht haben und realitätsgetreu ist die Qualität der Regie dementsprechend die von stümperhaften Amateuren. Houtaros Kontrahentin in diesem Arc, Fuyumi Irisu, tritt souverän aus dem Dunkel hervor und zementiert direkt ihre alles überschauende Position, aus der sie ihre Umgebung manipuliert. Das darauf folgende Schulfest ist voll von kleinen Details und strahlt in wohl kaum einem anderen Anime derart einladende lebhafte Energie aus. Passend zur unausgesprochenen Romanze der Serie endet sie mit einem rosafarbenen Himmel über Houtaro und Eru.

Fazit

Hyouka ist definitiv eine Serie zum nochmal und nochmal schauen. Ich würde gar behaupten, sie lässt frühestens ab dem zweiten Mal das wahre Ausmaß ihrer Qualitäten zu Trage treten. Denn beim ersten Schauen ist die Anime-Regie so überwältigend, dass die Aufmerksamkeitsspanne gar nicht imstande ist, alle Details aufzunehmen. Vor allem fällt zunächst auch gar nicht so sehr auf, wie hervorragend die Dialoge und Fallkonstruktionen schon in der Vorlage geschrieben sind. (Houtaro Oreki hat es sicher nicht umsonst als 83. Eintrag in Gosho Aoyamas (Detektiv Conan) kleines Lexikon der Meisterdetektive geschafft.) Von Honkaku-Mystery und von gut eingesetzten Wortspielen bin ich generell sehr angetan, aber trotz seines primären Mystery-Genres ist Hyouka für mich vor allem ein Sammelsurium hervorragender Charakterstudien. Mit hochwertiger Präsentation verfeinert hat die ohnehin gute Vorlage eine mehr als würdige visuelle Neuinterpretation erfahren. Der Cast an Protagonisten ist klein, doch es gibt unglaublich viele Nebenfiguren, jede mit ihrem eigenen Gesicht und individueller Identität, selbst wenn sie nur wenige Zeilen Dialog haben. Die vorgestellten Persönlichkeiten sind breit gefächert und jeder bildet irgendwie eine Harmonie, eine Parallele oder einen Kontrast zueinander. Persönlich bin ich ja vor allem von Fuyumi Irisu fasziniert, die in fast jeder Hinsicht das komplette Gegenteil von Eru darstellt und Houtaro genauso vor den Kopf stößt, aber auf ganz andere Art. Was mich am Anime dabei definitiv am meisten bezaubert, ist die vorbildlich durchgeführte “Show, don’t tell”-Praxis, die vieles schon vermittelt, wobei die tatsächliche Geschichte später immer noch so viel Inhalt hat, dass mehr als genug interessante Wendungen auf einen zukommen. Die Serie endet mit dem ersten Jahr an der High School und umfasst die ersten vier Bände der Romanreihe. Nach dem Anime erschienen noch Geschichten zum zweiten High School Jahr, die nichts an Qualität einbüßen. Es ist wirklich zu schade, dass eine zweite Staffel recht unwahrscheinlich ist, da Kyoto Animation sich studiopolitisch auf eigene Werke ausgerichtet hat. Aber der vorhandene Anime bildet auch so einen zwar offenen, aber runden Abschluss, der vollkommen für sich alleine stehen kann. In Deutschland hat sich leider noch keiner dieses 23-teiligen Meisterwerks angenommen, doch ist die Serie mittlerweile zumindest auf Englisch in den USA und dem Vereinten Königreich erschienen. Wer auf Deutsch angewiesen ist kann zumindest in die Hyouka-Mangaversion reinschauen. Diese ist visuell zwar beileibe nicht so umwerfend, aber keinesfalls von schlechten Eltern. Mangaleser bekommen sogar noch zusätzlichen Content spendiert: Die Pool-OVA-Folge des Animes enthält eine Geschichte, die Yonezawa schon eigens für den Anime schrieb und die für die Manga-Adaption nochmals variiert wurde. Band 11 enthält zudem eine Geschichte, die zuvor exklusiv im Booklet der Japanischen Blu-ray-Box Gesamtausgabe enthalten war und zu der es weder eine Romanvorlage noch Animeadaption gibt.

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Luna

Luna residiert auf dem Mond mit ihren beiden Kaninchen. Als solche hat sie eine Faible für flauschige Langohren und ist auch nicht um die ein ums andere Mal etwas entrückte Sicht auf die Weltordnung verlegen. Im Bestreben, sich verständigt zu bekommen, vertreibt sie gerne die Zeit mit dem Lernen und Erproben verschiedener Sprachen und derer Ausdrucksformen.

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