Gate (Staffel 1)

Lesezeit: 5 Minuten

Personalmangel beim Militär – ein Problem, das auf ganz unterschiedliche Weise angegangen werden kann. Während man in Deutschland auf Webserien und Gamescom-Besuche setzt, beruft sich Japan auf das Moe-Marketing und kreiert für ihre Rekrutierungsposter die so genannten I☆P’s (süße Anime-Girls). Die Kisarazu Garnison dagegen schwört auf ihre Kisarazu-Girls, die sowohl als Pin-Ups die Helikopter zieren, als auch als Live-Cosplay auf dem Rollfeld herumtanzen. Manchmal werden aber auch bestehende Anime-Serien auf die Rekrutierungsposter gesetzt, wie zum Beispiel Gate aus dem Jahre 2015. Eine Serie, in der moderne Militär-Guys auf mittelalterliche Halbgöttinen und feudale Ritter treffen. An und für sich eine interessante Ausgangsbasis, aus der nur leider nichts gemacht wird. Und den faden Beigeschmack von Militär-/Landespropaganda wird man halt auch nicht los.

 

Mitten in Tokio taucht auf einmal ein Tor auf. Es spuckt Orks, Drachen und eine Armee schwertschwingender Ritter aus, die alles töten, die Gebäude zerstören und das Otaku-Event unterbrechen, welches unser Protagonist Itami just besuchen wollte. Trotz Überraschungseffekts gelingt es den japanischen Selbstverteidigungsstreitkräften (JSDF) den Angriff zurückzuschlagen und ihrerseits durch das Tor in die fremde Welt dahinter einzufallen, mit dem Ziel, den Aggressor zu Verhandlungen zu zwingen. Mit dabei: Itami, der nicht nur Otaku, sondern auch Leutnant ist. Doch bevor sich die JSDF auf ihre humanitäre Friedensmission begeben kann, muss sie sich dem verrückten Kaiser Zorzal El Caesar und den Intrigen von Russland, China und den USA stellen. Zum Glück stehen den Japanern schon bald die Elfe Tuka Luna Marceau, die Todesgöttin Rory Mercury, die Magierin Lelei La Lelena und die Ritter-Prinzessin Piña Co Lada zur Seite.

Culture Clash? Wo?

Originaltitel Gate: Jieitai Kano Chi nite, Kaku Tatakaeri
Jahr 2015
Episoden 12 in Staffel 1
Genre Fantasy, Militär
Regisseur Takahiko Kyougoku
Studio A-1 Pictures

Mittelalter trifft auf Moderne, Magie trifft auf harte Wissenschaft und Drachen auf Helikopter: Gate bietet viele Kontraste, die eine spannende Ausgangslage darstellen. Wenn Herrschafts-/Kultursysteme miteinander verglichen werden und man seine eigene Rolle irgendwo darin erkennen mag, ist das spannend. Gate aber verpasst diese Möglichkeit des Culture Clashs, auch wenn einige Themen hauchzart angeschnitten werden: Feudalismus vs. Modernismus, die Behandlung von Gefangenen oder das Gewinnen der Gunst des Protagonisten mit Prostituierten (das hätte vielleicht gezogen, wenn Itami nicht ohnehin schon von Frauen umschwärmt werden würde). Der einzige Kulturschock, der die Soldaten mitnimmt, beinhaltet Cat-Girls und Goth-Lolis. Anders herum sieht‘s aber auch nicht besser aus: Die Prinzessin Piña Co Lada besucht Japan und endet in der Rolle des beweihräuchernden Fan-Girls, das ihre eigenen Landsleute nunmehr nur als schwach und unbedeutend sehen kann. Die Antwort auf die Frage, was eine Prinzessin dazu bewegt ein fremdes Land über das eigene zu stellen, ist: Yaoi. Schwulenpornos sind wahre Kunst, griechische Kultur dagegen eine Pferdeleiche. Das zeigt, dass der Pfad des wahren Verständnisses nicht über Geschichte und Kultur, sondern über Pornos geht.

Ein überpowerter Harem

Weiter geht‘s mit den Charakteren. Protagonist Itami ist ein bekennender Otaku (Anime-Geek) und gleichzeitig Elite-Soldat mit einem Herzen aus Gold. Er ist also Identifikationsfigur und der Wunschtraum eines jeden feucht gewordenen Otakus und Anime-Liebhabers. Der Rest der männlichen Figuren verschwimmt relativ schnell zu einer Soße. Itamis Team (bzw. Harem) besteht aus einem Haufen minderjähriger Mädchen mit verschiedensten Haarfarben (außer es sind Elfen oder Halbgötter, dann sind sie nicht minderjährig, sondern mindestens 100 Jahre alt, was dem Loli-Äußeren keinen Abbruch tut). Die Mädchen unterlaufen keiner oder einer nur sehr platten Entwicklung, sind grob gesagt langweilig und existieren eigentlich nur wegen ihres Süßheitsbonus. Es wird nicht einmal wirklich erklärt, warum sich eine Halbgöttin den Japanern anschließt, und das obwohl die japanischen Streitkräfte eh schon überpowert sind. Da die Gegner der JSDF also hoffnungslos unterlegen sind und die Halbgöttin Rory ständig zeigt, wie deus ex sie ist, hält sich die Spannung bei Gate ziemlich in Grenzen.

Die Story, grob herunter gebrochen

Das alles wäre ja nicht so schlimm, denn für sich genommen ginge der Harem-Cast, der Yaoi-Fetisch etc. noch als pures Comedy-Gold durch (ob freiwillig oder unfreiwillig). Allerdings will Gate auch irgendwie ernst sein, und da stellt die Story der Serie ein Bein. Wenn wir uns das noch einmal grob anschauen: Ein „Stargate“ öffnet sich und eine marodierende Armee von Monstern und unempathischer Fremdländer platzt in unsere Welt. Aber! Die JSDF ist da und rettet den Tag. Die wiederum fällt dann wieder in das fremde Land ein, okkupiert alles und jeden und schlachtet mindestens 120.000 Einheimische ab (zur Musik von Wagner). Ein ziemlich einseitiges Massaker. Die JSDF wird gefeiert als ein Haufen Leute mit wunderbaren Persönlichkeiten, die mühelos zwischen Massenkillern und umgänglichen, sympathischen Menschen wechseln. Das i-Tüpfelchen ist dann, wenn die lokale Bevölkerung anfängt die Invasion zu feiern.

Go, Japan, go!

In Gate ist Japan ist der 100%ige Good Guy. Alle anderen (China, Russland, die Amis und natürlich die Mittelalter-Typen) sind böse, gierig und vollidiotisch. Es ist eigentlich mehr Propaganda als eine legitime Story und die Handlung flacht auch schnell ab. Es wird versucht, eine Ebene aus Intrigen und politischem Drama hinzuzufügen, aber die Unfähigkeit sie nuanciert oder intelligent zu gestalten, macht sie ziemlich nebensächlich. Gate geht sogar soweit, dass die USA den Maincast entführen will. Kein Wunder also, dass Japan gut dasteht. Egal was passiert, Leutnant Itami ist der Dank aller sicher. Wir müssen uns nur an diese Gerichtsverhandlung erinnern, bei der die Halbgöttin Rory eine flammende Rede für die JSDF und für Itami hält – auch wenn er nichts anderes getan hat, als Mädchen mit praktischem Nutzen auf seine Seite zu ziehen.

Fazit

Mein erster Gedanke? Gate ist eine einzige Image-Kampagne. Ein auf zwölf Episoden gestreckter Rekrutierungsfilm, um die Otakus in die Armee zu kriegen: „Schaut, ihr könnt im Toyota Mega Cruiser durch die Pampa fahren und über Waifus reden und sogar Anime-OPs singen. Wir sind alle total locker drauf.“ Abends dann im Disco-Licht mit dem Cruiser zu J-Pop durch die City zurück cruisen, auf dem Rücksitz drei übernächtigte, friedlich schlafende Partygirls (siehe Ending). Und wenn man ein bisschen recherchiert (also auf Wikipedia rumklickt), dann erfährt man wie gesagt, dass die JSDF tatsächlich mit Gate-Plakaten um neue Rekruten wirbt – auf Gesuch des Autors Takumi Yanai hin. Wenn wir Gate aber mal als Serie betrachten, dann ist die an der Oberfläche gewissermaßen okay, sobald man allerdings darüber nachdenkt, versagt Gate. Es ist eine seichte Show mit flachen Charakteren, deren Fantasy-Welt buchstäblich über kein World-Building verfügt. Also, schicker Art Style und schmucke Mädels, ja, aber Vorsicht, it’s a trap.

© Anime House

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Totman Gehend

Totman ist Musiker, zockt in der Freizeit hin und wieder Indie-Games & Taktik-Shooter und sammelt schöne Bücher. Größtes Laster: Red Bull. Lieblingsplatz im Netz: der Lofi-Hip-Hop-Radio-Stream auf youtube (der gute Stream von ChilledCow).

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