Das zwölfte Amulett

Lesezeit: 4 Minuten

Wenn unsere Welt aufhört zu funktionieren, dann beginnt ein neues Kapitel für die Magie. In seinem Erstlingswerk Das zwölfte Amulett beschreibt Arthur Gustav Steyn die Erlebnisse eines angehenden Vaters, der versucht, sich durch eine Welt ohne Elektrizität nach Hause durchzuschlagen und dabei Bekanntschaft mit Magie macht. Ob das Werk wie angegeben eine Dystopie beschreibt, deren Ausklang weder pessimistisch noch hoffnungslos ist, das testen wir von Geek Germany gerne.

 

Während Olivers Frau Sofia im vierten Monat schwanger ist und völlig in der Aufgabe aufgeht, für den Nachwuchs ein behagliches Nest zu schaffen, reist Oliver im Auftrag seiner Firma widerwillig von Ingolstadt nach Ulm. Kurz nach seiner Ankunft fällt sämtlicher Strom aus, es funktionieren weder Telefone noch Autos, der Zugverkehr liegt brach und Chaos bricht aus. Da taucht Grimmel auf, ein Gnom aus der Zauberwelt Galduron. Er benötigt für ein jahrhunderte altes Ritual ein Amulett, welches sich in Olivers Besitz befinden soll. Gelingt es den magischen Wesen in der Zauberwelt nicht, dieses Ritual rechtzeitig durchzuführen, droht sowohl Galduron als auch der Menschenwelt der Untergang, da sich das Böse dann ungehindert ausbreiten kann. Mit Entsetzen muss Grimmel feststellen, dass Oliver nur eine Hälfte des Amuletts bei sich trägt, da die andere Hälfte in Sofias Besitz ist. Das ungleiche Paar macht sich auf den Weg nach Ingolstadt, wohl wissend, dass böse Mächte bereits ihren Blick auf die beiden Teile des Amuletts geworfen haben.

Zwischen Ratio und Magie

Originaltitel Das zwölfte Amulett (Galduron Saga 1)
Jahr 2019
Typ Roman
Bände 1 / ?
Genre Fantasy
Autor Arthur Gustav Steyn
Verlag Independent

Oliver ist ein Charakter, der in die heutige Welt passt. Als Ingenieur akzeptiert er die Gesetzmäßigkeiten der Welt, in der er lebt, und sucht nach erklärbaren Zusammenhängen. Dabei ist er keiner, der seine Muskeln spielen lässt, im Gegenteil. Nicht nur, dass er sich seinem Chef gegenüber nicht behaupten kann, auch bei ihm zu Hause scheint seine Frau Sofia das Sagen zu haben. Die Zeiten, in denen er sich für Märchen und Sagen interessiert hat, sind lange vorbei. Als seine Welt zu funktionieren aufhört, wird Oliver gezwungen, seine Überzeugungen auf den Prüfstand zu stellen. Das beginnt bei seinen moralischen Vorstellungen, da er sich zum Diebstahl gezwungen sieht. Und es endet mit der Einsicht, dass es Magie gibt und diese durchaus funktioniert. Die Erkenntnis, dass er selbst in der Lage ist, Magie zu wirken, verändert sein Leben entgültig, stellt sich ihm nun auch noch die Frage nach seiner Herkunft, die er bisher ad acta gelegt hatte.

Ein Buch und mehr

Das zwölfte Amulett ist der erste Band aus der Galduron Saga und zugleich das Erstlingswerk des Autors Arthur Gustav Steyn. Es ist sehr ansprechend gestaltet. Das Titelbild überzeugt mit seiner gefälligen und nicht überladenen Aufmachung. Die große Schrift auf den etwas über 300 Seiten lässt die Geschichte von Olivers Reiseerlebnissen und Entdeckung der Magie auch vor den Augen ungeübter Leser schnell dahinfließen. Eine klare Sprache und eine abwechslungsreiche Wortwahl beschreiben die Geschehnisse gut nachvollziehbar. Außerdem gibt es am Ende des Romans nach einen Cliffhanger, der den Weg zum nächsten Band bahnt, eine persönliche Nachricht des Autors, in der er um eine Rezension bittet und seinen Newsletter vorstellt. Interessierte, die sich für den Newsletter eintragen, dürfen sich über Bonusmaterial freuen, zu dem ein Ebook über einen der Charaktere und etliche Hintergrundinformationen, zum Beispiel zu den Charakteren und zu der Zauberwelt Galduron, gehören.

Zu ausgewogen heißt nicht ausbalanciert

Das zwölfte Amulett spricht gleich mehrere Aspekte an: Ein angepasster Ingenieur in einer ungewohnten Situation, ein Gnom mit einem Auftrag, der Beginn einer Dystopie, das Gefüge von Gut und Böse. Dazu kommen mehrere Nebenszenen, die allerdings in Bezug auf die Hauptgeschichte nicht ganz ausgewogen erscheinen. Der Physiklehrer, der in aller Ausführlichkeit erklärt, wie es zu dem ungewöhnlichen Stromausfall gekommen ist, wirkt wie eine wichtige Person, kommt im Verlauf aber nicht mehr vor. Die Najade scheint eine Geschichte mit sich herumzutragen, von der der Leser aber nichts erfährt. Der nette Nachbar, der sich als Werkzeug des Bösen entpuppt, bekommt keinen nachvollziehbaren Hintergrund. Da einen Fokus zu setzen erscheint schwierig, und so springen Lesende etwas ziellos zwischen den verschiedenen Aspekten hin und her, ohne Halt bei einem Charakter oder einem Szenario zu finden. Dazu kommen zwei Szenen, die wie aus dem Nichts auftauchen und mit ihrer verstörend detaillierten Beschreibung den Rahmen der Erzählung zu sprengen drohen: Sowohl die Beschreibung, wie ein Dämon in seiner ganz eigenen kleinen Hölle verdammte Seelen martert (ohne dass das Gefüge von Himmel und Hölle bzw. Gut und Böse je wirklich ausgeführt wird), als auch die Beschwörungszeremonie des Satanisten hinterlassen das Gefühl, etwas gelesen zu haben, was sich nicht in das bisherige Lesegefühl einfügen lässt, weil es zu willkürlich wirkt.

Fazit

Ich finde die Ausgangsstellung von Das zwölfte Amulett sehr interessant, habe mich dann aber etwas schwer getan, mich mehr als oberflächlich in die Geschichte hineinzubegeben. So sehr ich die klare Sprache und den umfassenden Wortschatz des Autors schätze, so wenig benötige ich in einem Fantasyroman für alles eine Erklärung. Mir reicht zum Beispiel das Wissen, dass ein starker magnetischer Sturm die Elektrizität zum Erliegen gebracht hat. Wie genau das funktioniert hat, ist für mich hier aber irrelevant. Dafür hätte ich gern mehr von Oliver erfahren, einem Charakter der heutigen Zeit, der die besten Voraussetzungen für eine Identifizierung bietet. Mehr Einsicht in sein Inneres, seine Zweifel, sein Staunen, sein Entdecken von etwas, das konträr zu seinem Wissen und seinen Erfahrungen steht. Außerdem passten die beiden oben beschriebenen Szenen für mich so wenig in die Gesamtatmosphäre, dass ich beide Male das Buch aus der Hand gelegt habe. Sie machten für mich einfach keinen Sinn. Ich würde mir wünschen, dass es in der Fortsetzung der Geschichte mehr Mut zu Lücken gibt, in denen das Kopfkino arbeiten kann, und einen klarer erkennbaren Fokus auf die Charaktere. Potenzial haben nämlich sowohl Geschichte als auch Autor.

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