Der Mann meines Bruders

Lesezeit: 4 Minuten

Seit 2017 ist die Homo-Ehe in Deutschland erlaubt. In anderen Ländern ist es homosexuellen Paaren schon länger gestattet, eine Ehe einzugehen. Etwa in Kanada. Von dort stammt Mike, der Protagonist aus Der Mann meines Bruders, dessen japanischer Ehemann verstorben ist. Um diesen Verlust zu verarbeiten, reist er nach Japan und besucht seinen Schwager und dessen Tochter. Diese lernen, wie es ist, wenn Männer einander lieben und Mike wiederum wird Teil der Familie und lernt die japanische Kultur kennen. In LGBT-Kreisen gilt Der Mann meines Bruders, auch Otouto no Otto genannt, schon lange als Geheimtipp. Immerhin geht es hier anders als in klassischen Boys Love-Titeln nicht um Liebe oder verkitschte Vorstellungen, sondern um gesellschaftliche Hintergründe. Der Mangaka Gengorou Tagame ist überwiegend für seine erotischen Bara-Manga bekannt, doch hierbei handelt es sich um ein absolut jugendfreies Werk, das nah an der Realität gebaut ist. Carlsen Manga veröffentlicht die mit dem Eisner Award gekrönte vierbändige Reihe ab Januar 2019.

    

Yaichi ist ein Single-Papa und lebt mit seiner kleinen Tochter Kana in Tokio. Eines Tages erhalten beide Besuch von Mike Flanagan, dem Ehemann von Yaichis verstorbenem Bruder Ryoji. Dieser ist für drei Wochen von Kanda nach Japan gereist, um die Vergangenheit seines verstorbenen Gatten kennenzulernen. Yaichi zögert zunächst, Mike als Familienteil anzuerkennen, doch Kana schließt ihn sofort in ihr Herz. Zwar ist Yaichi nicht homophob, doch die Sexualität seines Bruders sorgte für eine gewisse Entfremdung. Je länger Mikes Aufenthalt dauert, desto stärker wächst Yaichis Akzeptanz gegenüber Homosexualität.

Empathische Aufklärungsarbeit

Originaltitel Otouto no Otto
Jahr 2014 – 2017
Bände 4
Genre Slice of Life
Mangaka Gengorou Tagame
Verlag Carlsen Manga (2019)

Der Mann meines Bruders kommt ganz ohne Sexszenen aus, was keine Selbstverständlichkeit ist. Zwar ist der Zeichner Gengorou Tagame eigentlich in deutlich adultlastigeren Kreisen unterwegs, doch mit diesem Werk setzt er ein Zeichen für Akzeptanz und möchte vor allem Aufklärungsarbeit betreiben. Das geschieht auf zwei Wegen. Zum einen ist der Manga gespickt mit Informationsboxen, die kurz und knapp Wissenswertes über die Legalität der Homo-Ehe oder die Geschichte des Gay Pride berichten. Zum anderen ist da die wissbegierige Kana, der es in ihrer Unbefangenheit viel leichter als ihrem Vater fällt, mit dem Thema Homosexualität umzugehen. Der Autor hat bewusst einen behutsamen Umgang mit dem Thema gewählt. Die Realität soll unverblümt geschildert werden, aber so, dass auch ein Kind versteht, dass es Menschen gibt, die Menschen desselben Geschlechts lieben. Übrigens liebt Kana Mike bereits alleine deswegen, weil er aus “Kana”da stammt.

Ein Mann mit Ecken und Kanten

Der erste von vier Bänden beinhaltet sieben Kapitel. Erzählt werden darin Alltagsgeschichten. Was lernt Mike über Japan? Was lernen Kana und Yaichi von Mike? Nicht zu kurz kommt Mikes Trauerarbeit. Denn da Yaichi auch noch der Zwillingsbruder von Ryuji ist, weckt dies zunächst Irritationen. Wer befürchtet, dass das für lüsterne Momente sorgt oder einen Vorwand für erotische Szenen darstellt: mitnichten! Zwar gibt es nackte Tatsachen, allerdings nur unter der Dusche. Mike ist ein echter “Bara”, also ein breit gebauter und behaarter Mann. Er ist ein gestandener Mann und bildet wahrhaft einen Kontrast zu den zerbrechlichen Schönlingen, welche das Boys Love-Genre für üblich prägen.

Preisgekrönter Realismus

Es wird klar, wohin die Reise in den vier Bänden gehen wird: Infotainment. Alltagsgeschichten der kleinen Familie, gespickt mit Informationen aus dem Leben eines schwulen Mannes. Beispielsweise erzählt Mike, wie er andere Männer kennenlernt, nämlich über das Internet. Die Kapitel bieten meist abgeschlossene Episoden, allerdings endet Band 1 auch mit einem Cliffhanger, dessen Geschichte direkt im Anschluss in Band 2 fortgesetzt wird. Der Zeichenstil ist eher realistisch gehalten, und typisch für den Zeichner sind die männlichen Figuren breit gebaut und besitzen (ganz untypisch für Manga) so etwas wie Körperbehaarung. Soviel Realismus wurde mit mehreren Preisen bedacht, wie dem Eisner Award, dem Japan Media Arts Award sowie dem Japan Cartoonists Association Award.

Erster Eindruck:

Der Mann meines Bruders ist ein einzigartiger Titel. Pädagogisch wertvoll, leicht verständlich und leicht zu lesen. Der aufgeräumte Zeichenstil passt zur Figur Mike, der außerhalb seiner Trauermomente viel Ruhe und Wärme ausstrahlt. Mich überzeugt der erste Band voll und ganz. Großartig, dass Carlsen Manga den Vierbänder nach Deutschland bringt. Zwischen den klassischen Boys Love-Titeln ist Der Mann meines Bruders ein Exot und wird wohl alleine aufgrund seines kantigen Charakterdesigns eher eine ältere Zielgruppe ansprechen, doch diese wird die liebevoll erzählte Geschichte zu schätzen wissen.

© Carlsen Manga

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Ayres

Ayres ist seit 2002 im Community Management tätig, seit einer Weile sogar beruflich. Er ist ein richtiger Horror- & Mystery-Junkie, liebt gute Point’n’Click-Adventures und ist Fighting Games nie abgeneigt. Besonders spannend findet er Psychologie, deshalb werden in seinem Wohnzimmer regelmäßig "Die Werwölfe von Düsterwald"-Abende veranstaltet. Sein teuerstes Hobby ist das Sammeln von Steelbooks. In seinem Besitz befinden sich mehr als 100 Blu-Ray Steelbooks aus aller Welt.

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