Das Genre unter der Lupe: Heist

Sich unerlaubt das anzueignen, was eigentlich einem anderen gehört, Diebstahl, ist wohl ein Verbrechen, das so alt ist wie die Menschheit selbst – wahrscheinlich sogar noch älter. Wird dieser Diebstahl jedoch komplexer, als jemanden einfach etwas aus den Händen zu reißen, wenn die Art des Diebstahls wichtiger wird als Dieb, Opfer und das Gestohlene selbst, wenn der Diebstahl zu einem Akt der Kunst wird, dessen Geschichte erzählt werden muss, dann sind wir beim Heist-Genre. Dieses nehmen wir genauer unter die Lupe und betrachten, worüber es sich definiert, wo die Ursprünge liegen und was daran so besonders und auch problematisch ist.

Definition: Was heißt „Heist“

Das Genre Heist (auf Deutsch: Raubüberfall) ist am bekanntesten durch den namenstragenden Heist-Film und in diesem Medienformat wohl auch am häufigsten vertreten. Wie viele andere definiert sich das Genre über den Inhalt, hier (wie beispielsweise auch im Katastrophengenre) über ein zentrales Ereignis. In diesem Fall ist dieses Ereignis eben der namensgebende Raub beziehungsweise ein Diebstahl, der von einer Gruppe an Raubenden (seltener Einzeltäter wie zum Beispiel Thomas Crown in Die Thomas Crown Affäre von 1999) geplant und dann ausgeführt wird und die danach mit ihrer Beute versuchen davonzukommen. Da es sich bei diesem um ein Verbrechen handelt und dabei erzählerisch die Seite der Verbrecher eingenommen wird, handelt es sich um ein Untergenre des Gangster- und wiederum Krimi-Genres. Zu unterscheiden wäre der Heist dementsprechend von anderen Titeln, in denen Verbrecher und ihre Straftaten im Vordergrund stehen, wie dem (Serien)Mord, der Geiselnahme oder dem Trickbetrug (im Englischen der „Grift“ oder „Con“ von „confidence trick“, bei welchem der Ausgeraubte durch Täuschung seinen Besitz freiwillig dem Dieb überlässt). Ein besonders elaborierter Heist umfasst jedoch in der Regel eine ganze Reihe unterschiedlicher Verbrechen und spezialisierter Verbrecher, sodass etwa Geiselnahme oder Trickbetrug Teil des größeren Diebstahls sein können. Fast Synonym mit dem Begriff Heist wäre der „Caper“ (zu Deutsch: Eskapade oder gefährlich illegales Abenteuer), womit der Caper-Film ebenfalls geläufig ist. Caper verweist tendenziell jedoch auf eine eher leichter harmlose und humorvollere Spielart, die Spaß machen soll, während ein Heist auch sehr ernsthafte Züge annehmen kann.

Die Thomas Crown Affäre; © MGM

Aufbau: Plan, Ausführung, Getaway

Schematisch sind Heist-Filme eine ziemlich leicht zu gliedernde Angelegenheit und lassen sich grob in drei Phasen einteilen: Zuerst die Planungsphase, in der Ziel und Plan des Diebstahls ausgegeben wird und alle dafür nötigen Puzzlestücke gesammelt werden. Hier wird der Raub vorbereitet, die Ausrüstung besorgt und die benötigte Bande an Spezialisten rekrutiert, die sich oft in auf ihre Funktion reduzierte Typen fassen lassen, wie dem Mastermind (der zu Beginn der Heist-Story oft gerade aus dem Gefängnis kommt und nun „ein letztes großes Ding“ drehen will), dem Tresorknacker, dem Fluchtfahrer, dem Mann fürs Grobe und so weiter. Was für Spezialisten das genau sind, bleibt variabel und hängt natürlich auch davon ab, was gestohlen wird. Der Typus Hacker als Teil einer Heist-Bande ist beispielsweise auch erst mit dem Beginn des digitalen Zeitalters entstanden und aus neueren Geschichten mit modernen Alarmsystemen kaum mehr wegzudenken. Auf die Planungsphase folgt die tatsächliche Umsetzung des Raubes. Dessen erfolgreicher Idealverlauf wird den Zuschauenden oft mit einer Probe oder einer Fantasie angetäuscht, doch in der Regel läuft der Plan so eben nicht. Stattdessen treten Komplikationen auf, die von den Dieben überwunden werden müssen. Der ganze Plan kann sogar gehörig daneben gehen und scheitern, wobei der Kniff beliebt ist, den Zuschauenden und auch einigen Figuren innerhalb der Verbrecherbande Teile des Plans zu verheimlichen, um die auftretenden Komplikationen dann als vom Mastermind miteinkalkulierte Bausteine des Plans zu offenbaren, der doch am Schnürchen gelaufen ist. Die dritte und letzte Phase ist das Danach des Raubes. Ist alles gut gelaufen und hat sich die Bande erfolgreich davongemacht, wird hier maximal noch korkenknallend der Erfolg gefeiert, die Beute aufgeteilt und dann mit der frischgekauften Luxusyacht in den karibischen Sonnenuntergang gesegelt. Vorausgesetzt jeder Dieb ist sich nicht selbst der Nächste und versucht den eigenen Gewinn zu optimieren, indem die Partner von eben einfach ausgeschaltet werden – durch Eins teilt es sich halt am leichtesten. Ist der Plan allerdings schiefgelaufen, versuchen unsere Verbrecher hier zu fliehen, sei es mit der Beute oder nur noch ihrem Leben, während sie von der Polizei oder etwaigen Leuten, die sie ausgeraubt haben, verfolgt werden. Oft überleben das nicht alle oder keiner oder vielleicht auch nur einer, der die ganze Zeit über seinen eigenen Plan für einen Raub nach dem Raub hatte und sich im Kugelhagel zwischen Bande und Gegenspieler unversehens aus dem Staub machen kann. Die einzelnen Phasen können letztlich unterschiedlich stark im Vordergrund stehen. Während etwa Steven Soderbergh in Ocean’s Eleven (2001) alleine schon durch die Größe der Bande und die Komplexität das Plans dessen Vorbereitung und Umsetzung zelebriert, verzichtet beispielsweise Quentin Tarantino 1992 in Reservoir Dogs: Wilde Hunde gänzlich darauf, den tatsächlichen Raub überhaupt zu zeigen und beleuchtet stattdessen hauptsächlich dessen Folgen. Gerade weil der Heist so eine feste und den Zuschauenden bekannte Struktur hat, wird mit dieser auch gerne abwandelnd gespielt.

Reservoir Dogs: Wilde Hunde; © LEONINE

Ursprünge des Heist-Films

Geschichten über Diebstähle sind im Grunde so alt wie Geschichten über die damit verbundenen Diebe, sei dies nun das Märchen von Hans und der Bohnenranke, die Balladen über Robin Hood oder die Mythen über Prometheus und seinem Feuerdiebstahl. Auch am Anfang der Filmgeschichte steht mit dem Western The Great Train Robbery aus dem Jahr 1903 schon früh ein erster Film um einen Raubüberfall zu Buche. Die Tradition des Heist-Films und damit auch die einer genaueren Vorstellung als Genre startet jedoch speziell in den 1950ern und 60ern in der amerikanischen und europäischen Filmlandschaft und erreicht dort auch ihre erste Hochphase. Am Anfang stehen Titel wie Robert Siodmaks Gewagtes Alibi (1949) mit Burt Lancaster, ein Geldtransporter-Raub in John Hustons Asphalt-Dschungel (1950), Charles Crichtons Goldraub-Caper Das Glück kam über Nacht mit Alec Guiness oder auch dem französischen Genre-Krösus Rififi (1955) von Jules Dassin um einen Juwelenraub. Dass sich diese Filme zeitloser Beliebtheit sowohl bei Zuschauern wie auch bei namhaften Filmemachern und Schauspielern selbst erfreuen, zeigen die häufigen Neuauflagen von Klassikern. Ladykillers (1955) wurde 2004 von den Coen-Brüdern mit Tom Hanks in der Hauptrolle neu aufgelegt, der Caper-Klassiker Charlie staubt Millionen ab (1969) mit Michael Caine wurde 2003 von F. Gary Gray als The Italian Job: Jagd auf Millionen neu aufgelegt und dann ist da natürlich der Rat Pack-Klassiker um Entertainer-Idol Frank Sinatra Frankie und seine Spießgesellen den Soderbergh 2001 stilvoll und mit großem kommerziellen Erfolg als Ocean’s Eleven neu auflegte und mit Ocean’s Twelve (2004) und Ocean’s 13 (2007) zu einer Trilogie ausgebaut hat.

Rififi; © LEONINE

Heists in anderen Medien: Bücher & Comics

Auch wenn der Film als bevorzugtes Medium hervorscheint, ist der Heist kein reines Film-Genre. Die frühsten Erscheinungen finden sich wie bereits erwähnt in der Literatur. Abgesehen von Maurice Leblancs zwischen 1905 und 1935 entstandener Romanserie um die Kultfigur Arsène Lupin, haben auch die ersten den Ton angebenden Heist-Filme allesamt jüngere Literaturvorlagen, die jedoch nicht in Sachen Bekanntheit und Verbreitung den Erfolg ihrer Umsetzungen erreichen. So basiert Gewagtes Alibi auf Don Tracys Roman Criss-Cross (1934), W.R. Burnett stiftete mit The Asphalt Jungle 1949 die Vorlage zum Asphalt-Dschungel und 1953 veröffentlichte Auguste Le Breton mit Du rififi chez les hommes die Vorlage zu Rififi und hat davonausgehend anschließend eine langanhaltende Rififi-Reihe aufgebaut. Auch zeitgenössische Schreibende bedienen nach wie vor das Genre, etwa in Richard Starks Parker-Reihe, Edward D. Hochs Nick Velvet-Serie oder Scott Lynchs Gentleman Bastard-Reihe. Auch in Comic- und Mangaform ist der Heist beliebt, wie etwa in Gosho Aoyamas Kaito Kid um einen klassischen Gentleman-Dieb, Mark Millars und Leinil Yus Vermischung mit dem Superhelden-Genre in Super Crooks, Paul Tobins Sci-Fi-Ansatz in Heist, Or How To Steal A Planet oder auch Thief of Thieves von The Walking Dead-Schöpfer Robert Kirkman.

Super Crooks; © Panini Verlag

Heists in anderen Medien: Serien & Games

Da ein Heist eigentlich eine recht kompakte Angelegenheit ist, erklärt sich wohl auch der Film als bevorzugtes Medium, doch auch im Serienformat gibt es diverse Heist-Umsetzungen. Wo in Serien Verbrecher sind, ist auch der Raubüberfall in einzelnen Episoden nicht weit. In Firefly: Der Aufbruch der Serenity wird von den Weltraumoutlaws rund um Malcom Reynolds in Folge 2 „Schmutzige Geschäfte“ ein fahrender Schwebezug ausgeraubt, in Folge 9 „Falsches Spiel“ der Medikamentenraub aus einem hochtechnisierten Krankenhaus ersonnen oder in Folge 11 der namensgebende „Antiquitätenraub“ in einem fliegenden Luxusanwesen umgesetzt. Auch Kunstfälscher und Con-Man Neal Caffrey setzt in White Collar diverse Heists um und Breaking Bad-Zuschauer werden sich bestimmt an Folge 51 „Tödliche Fracht“ erinnern und den darin von Walter White ersonnenen und umgesetzten Methylamin-Raub von einem Zug. In manchen Serien kann aber auch das Muster eines Diebstahls-der-Woche umgesetzt werden, etwa in Animationsserien wie Carmen Sandiego (2019–2021), dem Anime-Klassiker Ein Supertrio um drei Diebesschwestern oder auch durch die Robin Hood-artige Bande in Leverage, die mit Mastermind, Hacker, Diebin, Schläger und Trickbetrügerin klassische Heist-Typen in einer festen Serienbesetzung vereint. Auch erzählerisch breiter angelegte Heists werden zunehmend im Serienformat umgesetzt, zuletzt beispielsweise in der auf wahren Ereignissen basierenden Mini-Serie Der Jahrhundertraub, in Lupin mit Omar Sy und natürlich der spanischen Erfolgsserie Haus des Geldes, in der unter dem Deckmantel einer Geiselnahme in der spanischen Nationalbank der Raub von ein paar Milliarden selbstgedruckten Euros anvisiert wird. In Sachen Games können ähnliche Abstufungen gefunden werden. Mal sind es nur einzelne Missionen, wie die Loyalty Mission mit Meisterdiebin Kasumi Goto in Mass Effect 2 oder die Einbruchs-Missionen in den Marcus-Kapiteln „Spare Parts“ und „The Stratford Tower“ in Detroit: Become Human. Mal prädestiniert das Spielkonzept die Rolle von Verbrechern zu übernehmen regelmäßige Raubüberfälle wie in der Grand Theft Auto– oder der Payday-Reihe. Seltener sind dagegen jedoch Spiele, die das Konzept des Heists konzeptionell durchgehend verfolgen, wie der Indie-Titel Monaco: What’s Yours Is Mine oder die populärere Sly Cooper-Reihe.

Leverage; © Edel Germany GmbH

Genre: Abgrenzungen …

Ist jeder Titel, in dem ein Diebstahl vorkommt, automatisch ein Heist-Titel? Eher nicht. Zwar kommen in Grand Budapest Hotel (2014), Headhunters (2011) oder Monuments Men: Ungewöhnliche Helden (2014) Diebstähle vor, aber die wenigsten Filmbegeisterten würden sie als Heist-Filme ansehen. Auch in Avengers: Endgame (2019) stiehlt die Superheldentruppe in einem interstellaren Zeitreise-Heist teilweise sich selbst die Infinity Stones in der Vergangenheit unter der Nase weg, doch muss man sich die hintergründigen Heist-Strukturen unter dem dominanten Superhelden-Mantel schon gezielt bewusst machen. Zentral für den Heist-Film ist der namensgebende Raub und dementsprechend sollte er auch eine zentrale Rolle einnehmen. Unabhängig davon, was nun die einzelnen Handelnden dazu bewegt, den Diebstahl auszuführen oder daran teilzunehmen, ist dieser der Anlass, für den die Diebesbande zusammenkommt und das zentrale Geschehnis. So wird in Fast & Furious Five (2011) von Dominic Torettos Bande der Raub eines Tresors geplant und ausgeführt, aber wie für die Fast & Furious-Reihe üblich, steht dabei eher das Action-Spektakel, der Familien-Pathos und die Fetischisierung von Personenkraftwagen im Mittelpunkt, während der Diebstahl eher Mittel zum Zweck für die unterhaltsame Actionpornographie ist. Auch wird oft an den einen zentralen Heist der Anspruch gestellt, dass er komplex und eine gewisse Finesse haben sollte. Gerade das erfordert ja die Ansammlung einer vielfältigen Gruppe von Spezialisten. Genauso sollten die Stehlenden die Protagonisten sein und nicht deren gesetzeshütende Gegenspieler. Dem immer wieder gerne dem Heist-Genre zugeschobene moderne Action-Klassiker Gefährliche Brandung (1991) kann diese Zuteilung darüber abgesprochen werden, da in ihm diverse Banken nur nach simplem Smash&Grab-at-Gunpoint-Schema ausgeraubt werden und mit Johnny Utah zudem ein Undercover-Cop der Protagonist ist, also letztlich der Gegenspieler der Stehlenden.

Avengers: Endgame; © Disney

… und Verwandtschaften

Gesprochen wird hier gezielt von Stehlenden und nicht mehr noch wie eingangs von Gangstern, denn auch dort verschwimmen die Grenzen. In der Mission Impossible-Reihe geht es für Tom Cruises Ethan Hunt immer wieder darum, mit waghalsigen und raffinierten Plänen in Einrichtungen einzubrechen und von dort etwas zu stehlen. Man erinnere sich an den Diebstahl der NOC-Liste aus dem CIA-Hauptquartier im ersten Teil. Der Film folgt ab einem bestimmten Punkt dem typischen Schema aus Planung, inklusive der Rekrutierung der nötigen Spezialisten, der Durchführung und dem Danach, in dem wiederum das Diebesgut eine wichtige Rolle spielt. Das Personal besteht hier jedoch nicht aus Gangstern, sondern Spionen und ein hoher Anteil des Films hat typische Eigenheiten des Spionagethrillers, womit sich auch sagen ließe, dass es ein Spionagethriller ist, in dem ein Heist vorkommt. Allerdings erscheint dieser in der Handlung zu zentral und das Schema zu mustergültig, um ihn nicht mindestens als gleichwertiges Genre mitzunennen, Mission: Impossible (1996) also als Genremix zu sehen. In Die Unfassbaren: Now You See Me (2013) besteht das raubende Personal gleichermaßen nicht aus Gangstern, sondern aus Trickbetrügern nicht unähnlichen Illusionisten und dass das Personal zu gewissen Überschneidungen führt, ist auch im Militärgenre im Verhältnis zum Heist zu beobachten. Besonders wenn Spezialeinheiten im Mittelpunkt stehen, folgt die Handlung oft einem sehr ähnlichen Schema wie dem Heist: Eine bestimmte Mission oder ein bestimmter Auftrag steht im Mittelpunkt. Um diesen Auftrag auszuführen, ist ein komplexer Plan und minutiöse Vorbereitung nötig. Die Einheit muss vom Mastermind, dem befehlshabenden Offizier, mit den richtigen Spezialisten besetzt werden, wie dem Waffenspezialisten oder Scharfschützen, aber auch Spezialisten, die sich genauso in der Heist-Bande wiederfinden, etwa dem Sprengstoffexperten oder dem Fahrer für das Fluchtvehikel. Im Militär-Genre sind wiederum nicht Gangster die Handelnden, sondern Soldaten. Auch geht es seltener darum, etwas zu stehlen, sondern darum, gewisse Einrichtungen zu erobern oder Feinde auszuschalten. Die nahe Verwandtschaft zeigt sich beispielsweise am Klassiker Die Herren Einbrecher geben sich die Ehre (1960) in dem Colonel Hyde seinen Bankraub wie eine militärische Mission plant und seine Bande dafür aus weiteren Armee-Veteranen rekrutiert. Oder auch der Hybridfilm Triple Frontier (2019) in der sich eine ehemalige Spezialeinheit wieder zusammentut, um auf eigene Faust einen Verbrecherboss auszuschalten und seiner Organisation bei der Gelegenheit auch noch das gebunkerte Geld zu stehlen. Auch dass überhaupt etwas gestohlen werden muss, kann hinterfragt werden. In Christopher Nolans Sci-Fi-Film Inception tut sich zwar eine Bande von Dieben zusammen, um in das Unterbewusstsein eines Firmenerben einzubrechen, jedoch um dort eine Idee einzupflanzen und nicht um wie üblich Geheime Informationen zu stehlen. Letztlich liegt es wohl im Empfinden der einzelnen Zuschauenden, was noch Heist ist und was nicht mehr. Dass Ocean’s Eleven ein prototypischer Heist-Film ist, ist unbestritten, doch einzelne Grundelemente dieses Genres können abgewandelt werden und sich damit von diesem Prototyp in Richtung eines anderen Genres entfernen oder das typische Schema kann als Skelet sogar ganz für andere Genres dienen. Das Schema von Planung / Rekrutierung, zentrales Ereignis und dem Danach folgen auch andere Handlungen, etwa wenn es darum geht, beim Sport ein großes Spiel zu gewinnen oder eine große Bühnen- und Musikshow auf die Beine zu stellen.

Triple Frontier; © Netflix

Warum mögen wir den Heist?

Das Heist-Genre erfreut sich im Film seit nunmehr über einem halben Jahrhundert größter Beliebtheit und ist für Filmstudios oft eine sichere Nummer an der Kinokasse. Auch im Serienformat bringt es vermehrt erfolgreiche Titel hervor. Darüber, was uns als Zuschauende so sehr daran reizt, an Planung und Durchführung eines Raubüberfalls teilzuhaben, gibt es einige Theorien. Während uns beispielsweise im Detektivkrimi oder besonders dem Murder-Mystery wie dem Locked-Room-Szenario die Frage beschäftigt, wie eine schwer durchschaubare bis unmögliche Tat ausgeführt worden ist, verlegt der Heist diese Tat in die Zukunft. Wie beim perfekten Mord geht es auch hier um ein perfektes Verbrechen, das mit Überlegungen und Planungen verbunden ist. Doch gerade an diesen Planungen nimmt die Zuschauerschaft teil und kann sich fragen, wie ein unmöglich erscheinendes Unterfangen – der Raub eines schwer bewachten und wertvollen Objekts – ausgeführt wird. Das geht natürlich auch spannungstechnisch mit einer starken Antizipation einher. Man nimmt Anteil an der Planung, an den meist sympathischen Verbrechern, an ihren Vorbereitungen und den Problemen, die sie bis dahin überwinden. Als Zuschauende sind wir vielleicht sogar besser informiert, da wir im Gegensatz zu den stehlenden Protagonisten, wie zum Beispiel in Criminal Squad (2018), auch mit der Gegenspielerseite und deren Maßnahmen vertraut sind, also die anstehenden Komplikationen kommen sehen und umso stärker das Gelingen erhoffen und das Scheitern fürchten. Dass man mit den Verbrechern sympathisiert, liegt zum einen natürlich daran, dass diese sympathisch gezeichnet werden. Es sind seltener gewaltbereite und angsteinflößende Brutalos, sondern soziale Außenseiter, die wegen ihrer Unangepasstheit im etablierten System keinen Erfolg haben; es sind spezialisierte Handwerker, die miteinander rumalbern bis hin zu zivilisierten Gentlemen mit Finesse, die einem zivilisierten Ehrenkodex folgen. Oft folgen sie mit ihren Verbrechen sogar höheren Zielen, einer Form der Gerechtigkeit oder Wiedergutmachung, bei der es nicht nur um das Geld geht – wobei der Wunschtraum, schnell zu Reichtum zu kommen, natürlich auch für uns Zuschauende einen befriedigenden Reiz hat. Für die Diebesbande geht es zudem meistens gegen mächtige Institutionen, deren Macht in ihrem Reichtum begründet ist. Nicht die hilflosen Normalsterblichen sind das Ziel des Verbrechens, sondern wehrhafte Machtzentren wie Banken, Kasinos, der privilegiert abgehobene Wohlstand, reiche und korrupte Machtträger, welche oft „die kleinen Leute“ ausnehmen und so eine befriedigende Fallhöhe besitzen, wenn sie und auch das sie begünstigende System von einer unscheinbaren Gruppe sympathischer Außenseiter überlistet werden.

Ocean's 8; © Warner Bros

Kritik: Ein Männer-Genre

Schaut man sich insbesondere im Heist-Film die Figuren- und die Besetzungslisten dahinter an, ist der Frauenanteil gering, manchmal sucht man weibliche Figuren sogar komplett vergeblich. Wie auch das übergeordnete Genre des Gangsterfilms ist der Heist sehr männerlastig und kommen weibliche Figuren vor, bedienen diese oft Stereotypen. Dies scheint zunächst nicht weiter bemerkenswert, immerhin ist der Heist-Film vollgepackt mit typenhaften Figuren, aber einige sind kritisch zu betrachten. Etwa der Typus Lady Macbeth, die Geliebte eines der Bandenmitglieder, die in ihm Ambitionen weckt, so das Scheitern des Einbruchs herbeiführt und dafür als Schuldige dargestellt wird. Die Frau als Verräterin, welche die Bande wissentlich oder unwissentlich an die Polizei ausliefert. Oder auch die weibliche Figur als Spalterin und Unruheherd, wenn sich etwa zwei Bandenmitglieder nach derselben Frau verzehren und die Eifersüchteleien zwischen den Buben zum Bruch in der Bande führen. Wofür wiederum nicht selten die weibliche Figur als schuldig gezeichnet wird mit ihrem Eindringen in die heile brüderliche Männerwelt. Solche Darstellungen stereotyper weiblicher Negativfiguren, deren Reizen Männer als hilflose Opfer ausgesetzt sind und damit für ihr eigenes Fehlverhalten entschuldigt werden, sind besonders problematisch, da mit derselben Logik realweltlich auch seit Jahrtausenden Gewaltverbrechen gegen Frauen entschuldigt werden. Auch ist es mal die Tochter, meist die verlorene Geliebte, der Typus des auf den Sockel gestellten Liebesobjekts, für das ein Dieb seinen Raub überhaupt erst ausführt, sei es um als Ernährer für sie finanziell (vor) zu sorgen oder damit der Dieb mit dem kongenialen Raub irgendeine Form von begehrenswerter höherer Potenz beweisen kann. „Klar, ich war im Knast, aber guck mal, wie schlau ich bin und wieviel reicher ich jetzt nach dem Raub bin, also komm wieder zu mir, Püppi.“ Sicher, Geld und überlegener Intellekt, damit kriegt man doch jede. „Die Frau“ wird dabei wie „Fluchtfahrer“ oder „Tresorknacker“ auch gerne als Helfer-Typus der Heist-Bande aufgelistet, die als Verführerin mit ihren „weiblichen Reizen“, den „Waffen einer Frau“ ihren Beitrag zum erfolgreichen Raub leisten soll. Anders ausgedrückt: Eine weibliche Figur, und damit ihre Darstellerin, wird auf ein Sexobjekt und Eye-Candy reduziert. „Sie hat die anspruchsvolle Spezialität, ja das famose Können … Brüste und Vulva ablenkend durch die Gegend zu schwingen.“ Ja, nee, ist klar Junge. Weibliche Bandenmitglieder in neueren Filmen sind immerhin tatsächliche Spezialistinnen deren Talent über das Ablenkungspotenzial eines Knallfrosches hinausreicht. Sie bedienen als meist singuläre Erscheinungen in der Bande dabei häufiger das One of the Boys-Trope. Sie werden Teil des Männerkosmos, wie die Figuren Stella Bridger in The Italian Job: Jagd auf Millionen oder Sway in Nur noch 60 Sekunden (2000). Ein (besorgniserregend junger) Film wie Ocean’s 8 (2018), in dem ein archetypischer Heist tatsächlich mal mit einer rein weiblichen Bande ausgeführt wird, verdient deswegen besondere Anerkennung, denn der Heist-Film zeigt sich oft als Genre, dem mal „nur“ die die Exklusion von weiblichen Figuren, aber auch eine latente bis offene Frauenfeindlichkeit in die schwerfällig veränderbare DNA eingeschrieben scheint. Natürlich ließe sich argumentieren, dass das harte Gangster-Metier halt von Männern dominiert sei und man es im Film nur abbilden würde. Wobei sich hinterfragen lässt, ob dies denn wirklich der Fall ist und warum dieser Realitätsanspruch gerade an dieser Stelle bemüht wird, wenn im Film für die dramatischen Effekte anderweitig jeglicher Anspruch auf Logik oder auf physikalische Gesetzmäßigkeiten mit beiden Händen aus dem Fenster geschmissen wird. Natürlich können auch nicht alle Filme nach heutigen Standards betrachtet werden. Sie sind als Kunstprodukt Kinder ihrer Zeit und Spiegelungen der Gesellschaft, aus der heraus sie entstanden sind. Das Kunstprodukt Heist-Film wie auch das übergeordnete Genre des Gangsterfilms hinkt der Gesellschaftsentwicklung bis heute jedoch schon länger hinterher, weil es das Alte mit irgendeiner Form von bromantischer Nostalgie noch zu verherrlichen versucht. Das lässt die kreative Entwicklung auf einer wichtigen Ebene eines sehr unterhaltsamen Genres störend stagnieren. Themen und Figuren, die eben nicht dem eingegrenzten Kosmos des archetypischen Männlichkeitsbildes entstammen, können den Heist nur bereichern.

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