Spider (Band 1): Rabbit Hole

Mit Spider 1: Rabbit Hole bringt der Splitter Verlag nach Prometheus und Olympus Mons im Februar 2021 ein weiteres gemeinsames Werk des eingespielten Duos bestehend aus Autor Christophe Bec und Zeichner Stefano Raffaele auf den deutschen Markt. Ursprünglich 2019 in Frankreich erschienen, führt der titulierende Hasenbau die Leser in ein abgründiges Schatten-Wunderland für eine Krimi Noir-Geschichte rund um eine besonders erschreckende Drogenplage.

 

Detroit: Die sich im Zerfall befindliche Stadt wird seit neustem von einer neuen Droge namens Spider heimgesucht. Bei dieser ist der Name Programm, denn statt mit Spritze oder Pille wird Spider in Form von echten Spinnen vertrieben, die bei lebendigem Leib aufgegessen werden. Die schnell angefixten Konsumenten können dadurch ihre Träume erleben, als wären sie real, doch die Droge kommt mit erschreckenden Folgeschäden daher, die bis hin zu genetischen Mutationen reichen. Von alledem ahnt die frisch zum Detective beförderte Polizistin Charlene „Charlie“ Dubowski noch nichts, als sie von ihrem neuen Captain dem erfahrenen Ermittler John Brandt als Partner zugeteilt wird. Dieser ist alles andere als begeistert, eine neue Partnerin an den Hals zu bekommen, erst recht eine derart junge und unerfahrene. Auch die ersten Tatorte, auf die Charlie ihren neuen Partner begleitet, sind nichts für schwache Mägen, wie eine Frau die kannibalisch über ihr Opfer hergefallen ist oder eine verbrannte und zudem seltsam mutierte Leiche, die zudem biologische Eigenheiten von Spinnen aufweist. Als es darum geht, einen Spider-Junkie dingfest zu machen, fällt dieser unversehens über Brandt her, der auch durch Charlies Zögern schwer verletzt im Krankenhaus landet. Von ihrem Captain kurzerhand suspendiert, treibt Charlies schlechtes Gewissen sie jedoch dazu, auf eigene Faust weiter zu ermitteln und gerät so an „das Netz“, die Organisation hinter Spider.

Erzählerisch unterwältigend

Originaltitel Spider
Jahr 2021
Land Frankreich
Genre Thriller, Noir-Krimi, Biopunk
Autor Christophe Bec
Zeichner Stefano Raffaele
Verlag Splitter Verlag
Veröffentlichung: 29. Januar 2021

Spider bietet alles, was man sich von einer Kriminalgeschichte aus dem Noir-Bereich wünschen kann – fast schon wie aus dem Handbuch: Eine düstere Optik, die schnell eine dichte und bedrückende Atmosphäre erschafft; verstörende Inhalte rund um Gewalt und Sex; eine Gesellschaft ohne Sinn für Richtig und Falsch, in der auch die Polizei moralisch versagt und passend dazu natürlich eine fehlerhafte Protagonistin, deren Werte in dieser grautönigen Realität schnell auf Grund laufen. Spider hat all dies, doch wie es erzählerisch vermittelt wird, wirkt leider manchmal ziemlich plump. So wird Charlie als fehlerhafte Heldin letztlich selber abhängig von Spider, doch wird dies etwa durch eine laienspielartige Ereignisabfolge herbeigeführt, in der Charlie mal ganz schnell von ein paar Drogendealern gefangen genommen, ihr eine Spinne verfüttert wird und sie danach sofort wieder fliehen kann. Charlie als handlungstragende Ermittlerin – meist ja das Herz einer jeden Kriminalgeschichte – bleibt dabei ebenfalls eher platt. Die bekannte Konstellation von Rookie-Cop mit hartgesottenem Partner wird hergestellt, aber genauso schnell wieder aufgelöst, bevor daraus etwas glaubhaftes gewonnen werden kann und Charlie wird natürlich auch das obligatorische traumatische Vergangenheitserlebnis verpasst, dass ihre Polizeikarriere motiviert. Aber so wie die Hauptfigur ohne innere Reflektion durch die Geschichte gescheucht wird, ohne einprägsame Dialoge oder Gedanken, bleibt sie unzugänglich und trägt ihre Krimi-Motive mit sich rum wie eine figurenförmige Überschrift in einem Lexikoneintrag über Noir-Fiction. Klassische Elemente zu verwenden, ist natürlich nicht falsch, Fans bauen ja sogar darauf, aber sie wirken lieblos dahingeworfen, als reiner Vorwand für die Optik. Diese kann dafür umso mehr überzeugen.

Optisch überwältigend

Oft verstecken sich hinter kunstvollen Comic-Covern (dieses hier von Pierre Loyvet) eher einfache Zeichnungen, die nicht einmal mehr ansatzweise die Wucht des Einbands entfalten. Stefano Raffaele trägt diese Wucht jedoch von der ersten bis zur letzten Seite auch in den Comic hinein. Auffallend ist dabei das schonungslose Zeigen des Hässlichen: Drogenabhängige, alt und jung, mager und übergewichtig, schmutzig, mit Mutationen, blutig zerfressener Haut und schlechten Zähnen, die der Gewalt und dem Rausch frönen und sich dabei lebendige Spinnen in den Schlund schieben. Auch Detroit, die ehemalige Hauptstadt der US-Autoindustrie, die unter Arbeitslosigkeit und Einwohnerschwund leidend mehr und mehr dem Zerfall preisgegeben wird (und übrigens auch der kurzlebigen Krimiserie Low Winter Sun als Kulisse dient), wird hier als Handlungsort detailreich gekonnt inszeniert. Von versifft dreckigen Wohnungen führt es Charlie in leerstehend aufgegebene Kultureinrichtungen, wie einem zur Drogenhöhle verkommenen Theater oder einem für eine rauschende Feier umfunktionierten Schwimmbad. Die jeweiligen Stimmungen der Szenen werden zudem noch durch eine abwechslungsreiche Kolorierung von Marcelo Maiolo gestützt und reichen von blass-grauen Erinnerungen zum grell eingefärbten Drogenrausch oder von nassblauen Außenszenen zu warm kolorierten Szenen in Büroräumen. So sehr Geschichte und Figuren enttäuschen, so sehr brilliert zugleich deren optische Darstellung.

Fazit

Ach, wäre Spider doch ein Porno und kein Krimi, dann müsste man sich wenigstens nicht darüber ärgern, wie plump die Angelegenheit teilweise geschrieben ist. Meinem Eindruck beim Lesen nach hätte die Geschichte durch ein langsameres Vorangehen und mehr zur Ausbreitung genommene Zeit oder durch eine zeitlich weniger lineare Anordnung der Handlung wirkungsvoller sein können. Es scheint so, dass manche Ereignisse eh nur zum Verständnis aneinandergereiht werden, um bestimmte Zustände herbeizuführen. Schön ordentlich chronologisch und auf das Nötigste reduziert abgearbeitet, sodass man sie auch gleich als unchronologische Rückgriffe oder Zusammenfassungen weiter hätte reduzieren können, um mehr Platz für die fehlende Ausfaltung der Hauptfigur zu schaffen. Der Verlauf gerät so stattdessen dermaßen hopplahoppartig übereilt, dass umso mehr die lieblos hineinmontierten Bauteile aus dem Krimi-Gebrauchtwarenladen auffallen. Während Spider optisch mit seiner Ästhetik des Hässlichen, mit seinen Ecken und Kanten der Menschlichkeit begeistert und Rabbit Hole alleine deswegen schon erlebenswert macht, bleibt der erste Band erzählerisch dagegen platt wie ein Detroiter Bürgersteig. Er hinterlässt einen aber noch mit genug Neugierde auf den Ausgang im abschließenden zweiten Band.

© Splitter Verlag


Veröffentlichung: 29. Januar 2021

 

Lyxa

Lyxa studiert aktuell das Fach Und-was-macht-man-damit in Mainz, liest viel, schreibt gerne und schaut sich viel und gerne allerlei Serien und Filme an, am liebsten Science-Fiction. Lyxa ist dabei besonders der Dunklen Seite der Macht verfallen, weil es dort die cooleren Outfits gibt.

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