Cowboy Bebop

Manche Realverfilmungen von Anime- und Manga-Ursprungsmaterial – etwa Akira oder Neon Genesis Evangelion – spuken oft über Jahrzehnte durch die Gerüchteküchen. Und wenn sie es wie Alita: Battle Angel oder Ghost in the Shell dann doch zur Vollendung schaffen, ist der Widerhall eher durchwachsen. Shinichiro Watanabes Kultserie Cowboy Bebop war lange Zeit eines dieser für eine Verfilmung beschworenen Gespenster. Letztlich war es dann Streaming-Riese Netflix, der den Schritt mit einer Serie vollzogen hat. Seit November 2021 führt er die erste Staffel von Cowboy Bebop in seinem Inventar– und hat schon keinen Monat später dem Projekt mitten in der Planung für Staffel 2 wieder den Stecker gezogen.

   

In der Zukunft hat sich die Menschheit durch die Hypergate-Technologie im gesamten Sonnensystem ausgebreitet. So etwas wie eine zentrale Regierung gibt es allerdings nicht, zumal die Erde durch einen Unfall nur noch ein einziger Schrottplatz ist. Um interplanetar operierenden Verbrechern Einhalt zu gebieten, setzen die lokalen Regierungen deswegen oft Kopfgelder aus und überlassen das Dingfestmachen freiberuflichen Kopfgeldjägern, auch Cowboys genannt. Zwei dieser Cowboys sind der Ex-Cop Jet Black und der totgeglaubte Auftragskiller Spike Spiegel, die gemeinsam auf ihrem Schiff, der Bebop, von Planet zu Planet dem nächsten Kopfgeld hinterherjagen. Nach anfänglicher Konkurrenz schließt sich den beiden noch die unter Gedächtnisverlust leidende Einzelkämpferin Faye Valentine sowie ein seltsam intelligenter Corgi mit dem Namen Ein an. Bei Spikes ehemaligen Arbeitgeber, dem Syndikat, entbrennt derweil ein interner Machtkampf, denn nachdem Unterboss Vicious beim geheimen Vertrieb der Droge Red Sand erwischt und von seinen Vorgesetzten erniedrigt wurde, strebt er danach, selbst die Kontrolle über die Verbrecherorganisation zu erlangen. Seine Ehefrau Julia sucht derweil einen Ausweg, sowohl vom Syndikat wie auch aus der Ehe mit ihrem zu Gewaltausbrüchen neigenden Ehemann und das gerade als sich herausstellt, dass ihr einstiger Liebhaber und Vicious‘ ehemaliger Partner Fearless (Spike Spiegel) noch am Leben ist.

Über das Original

Originaltitel Cowboy Bebop
Jahr 2021
Land USA
Episoden 10
Genre Science-Fiction, Crime, Action
Cast Spike Spiegel: John Cho
Jet Black: Mustafa Shakir
Faye Valentine: Daniella Pineda
Vicious: Alex Hassell
Julia: Elena Satine
Ana: Tamara Tunie
Gren: Mason Alexander Park
Veröffentlichung: 19. November 2021 auf Netflix

Um zu verstehen, warum eine Realverfilmung von Cowboy Bebop eine große Sache ist, muss man erst verstehen, warum die ursprüngliche Anime-Serie von 1998 so besonders ist. Begriffe wie “Kultklassiker” oder “Meisterwerk” fallen oft, sagen sich aber manchmal auch etwas zu leicht dahin. Gute Kritiken und viele Fans sind auch schön und gut, aber was macht die 26 Folgen starke Serie plus Kinofilm so außergewöhnlich? Die Antworten darauf fallen vielfältig aus. Manche werden die Konstellation einer immer am finanziellen und ernährungstechnischen Minimum überlebenden Kopfgeldjäger-Crew lieben, andere das Worldbuilding, in dem Science-Fiction auf Low-Tech und sich nach gestern anfühlende Schauplätze trifft. Einzelne Figuren werden von Fans geradezu vergöttert, genauso wie viele der abwechslungsreichen, nur lose miteinander verbundenen Episoden. Cowboy Bebop hat geschätzte Action-Elemente, wie Verfolgungsjagden oder Faustkämpfe, aber auch komische, gefühlvolle und künstlerisch wertvolle Passagen. Worin sich aber alle relativ einig sind, ist, wie herausragend die Musik ist. Komponiert und zusammengestellt wurde diese von Yoko Kanno (The Vision of Escaflowne) und auch wenn aus ihrer Feder wohl einige der besseren Anime-Soundtracks überhaupt stammen, ist der von Cowboy Bebop wohl ihr Opus Magnum, der auf zahlreichen Alben veröffentlich und wiederveröffentlicht wurde. Zwar ist Jazz dabei der bestimmende Musikstil, doch werden zahlreiche Genres von Klassik über Folk und Country bis hin zu Metal bedient. Die Serie selbst ist genauso wechselhaft und springt von Folge zu Folge zwischen Genres und filmischen Erzählstilen, ist mal Western, mal Hard Boiled Detective, mal Film Noir, Deep Space Horror, Cyberpunk oder Stoner-Eskapade. Während andere Serien eine eingängige aber vorhersehbare Melodie spielen, wirkt Cowboy Bebop auf allen Ebenen wie die namensgebende Jazz-Musik: überraschend und mit dem gelegentlichen, virtuosen Improvisationssolo. Letztlich ist es das Zusammenspiel von erzählerischen, optisch filmischen und musikalischen Elementen, die Cowboy Bebop zu einem Gesamtkunstwerk machen und zudem eins, in der die Musik nicht nur unterstützender Beiklang ist, sondern das formgebende Element.

Die Umsetzung: Originaltreue und Variation

So oder so ähnlich wie im letzten Absatz fangen Fans zu schwärmen an, wenn sie auf Cowboy Bebop angesprochen werden. Das ist bei freigiebig verwendeten Bezeichnungen wie Kunstwerk eine ziemlich hohe Messlatte. Wie die eher durchwachsenen Kritiken an der Netflix-Neuauflage zeigen, manchmal eine zu hohe, vielleicht auch überhöhte (die Anime-Vorlage ist bei aller Nostalgie nicht perfekt). Was man der Realserienumsetzung auf keinen Fall vorwerfen kann, ist, dass sie das Ursprungsmaterial nicht voll und ganz annimmt, ja sogar liebevoll an sich drückt. Kostüme, Requisiten, das Aussehen der Darstellenden, die Inneneinrichtung der Bebop, das alles sind oft fast originalgetreue Umsetzungen von der gezeichneten Zweidimensionalität ins Reale. Originaltreue wäre damit wohl das erste Stichwort für die Serie. Insbesondere dadurch, dass Yoko Kanno mitsamt dazugehöriger Band Seatbelts überzeugt werden konnte, den Soundtrack beizusteuern. Das heißt übernommene, ikonische Szenen bekommen ihre angestammte Musik, diverse Songs sind neu eingespielt worden und das beste von allem: ein ganzes Album komplett neuer Songs! Die Serie schafft es zudem gleich zu Beginn recht feinfühlig den Kreis zum letzten Auftritt der Bebop-Crew im Film von 2001 zu schließen, indem dessen Eröffnungsszene (in der Spike und Jet eine Geiselnahme in einem Supermarkt sprengen, um ein Kopfgeld einzustreichen) als Variation an Bord eines Weltraumkasinos neu aufgeführt wird. Und Variation wäre wohl das zweite, bezeichnende Stichwort. Die meisten Episoden der Netflix-Serie haben ihre Entsprechungen unter den Anime-Folgen, werden aber nicht nur nachgespielt, sondern so weit abgewandelt, dass es sich wie etwas neues und eigenes anfühlt, quasi eine Coverversion.

Fehlklänge

Die Einzelepisoden werden also variiert, doch sind sie in diesem Fall weniger voneinander losgelöst als noch in der Anime-Serie, bei der von Folge zu Folge aufeinander aufbauende Entwicklungen und Handlungsstränge eher die Ausnahme bleiben. Dem Anspruch moderner Serien entsprechend werden die Folgen über kontinuierliche Charakterentwicklungen und überspannende Story-Arcs mehr miteinander verknüpft, etwa über die familiären Verhältnisse von Jet, Fayes Suche nach ihren verlorenen Erinnerungen und natürlich Spikes Verbrecher-Vergangenheit im Syndikat. Über alle Folgen hinweggespannt wird zudem ein Erzählstrang rund um die in der Anime-Serie eher enigmatisch bleibenden Julia und Vicious, wobei deren Beziehung wie auch Vicious‘ Coup, sich zum Kopf des Syndikats empor zu schwingen, ausführlich beleuchtet werden. Zudem wird auch noch eine gänzlich neue Episode in Form eines Rückblicks geliefert, wie Spike und Vicious noch gemeinsam im Syndikat zugange sind und sie Julia überhaupt kennengelernt haben (dicke, fette Lücke im Original). Eben durch diese Verknüpfung gehen jedoch auch die teilweise starken Genre- und Stilschnitte der Originalserie verloren, also eine der herausragendsten Eigenschaften. Zudem scheint die Verknüpfung manchmal etwas erzwungen und bildet nicht gerade den stärksten Part der Serie. Andere Schwächen wären wohl zudem, dass die Kampfchoreografien nicht die besten sind. John Cho nimmt man als Spike die Kampfkunstfähigkeiten ungefähr genauso ab, wie Finn Jones in Marvel’s Iron Fist. Auch auf Dogfights mit Spikes Swordfish-Flieger (ein regelmäßiges Element in der Anime-Serie) wartet man vergeblich – wahrscheinlich war es zu teuer.

Getting the Band (back) together

Bedingungslos gelobt werden kann jedoch der Cast. Der bekannteste Name darin ist wohl Star Trek-Darsteller John Cho, der sehr treffend Spikes oft launisch, gleichgültige Lethargie trifft. Genauso ist Mustafa Shakir (Marvel’s Luke Cage) eine Idealbesetzung für den manchmal überfürsorglichen Jet. Weiter entfernt ist dagegen Daniella Pinedas (Jurassic World: Das gefallene Königreich) Interpretation der Figur Faye Valentine. Das mit der Figur verbundene Glücksspiel-Thema wurde genauso gestrichen, wie der Femme Fatale-Topus (also Sexobjekt mit Waffe), während schräg humoristische Seiten bestimmend werden. Pineda kann so mit ihrer sogar etwas besseren Version der Figur einige der einprägsamsten Momente der Serie für sich verbuchen. Änderungen haben auch Julia und Vicious erfahren: Während Elena Satine (The Gifted) nicht allzu viel hat, mit dem man überhaupt arbeiten kann, ist besonders Alex Hassells (The Boys) Version von Vicious eigentümlicher geraten. Im Anime eher eine Kühle ausstrahlende Manifestation schweigsamer Gefährlichkeit, ist Hassells Vicious ein monologisierender, psychotischer Over-the-Top-Bösewicht mit aktiven Mienenspiel auf Nicola Cage-Level. Hinzu kommen diverse Figuren aus den Anime-Folgen mit hohen Widererkennungswert, wie die von Mason Alexander Park (The Sandman) gespielte und stärker integrierte Figur Gren. Neu geschaffen wurden hingegen die Rolle von Nachtklubbesitzerin und Informationsmaklerin Ana, gespielt von Tamara Tunie (Law & Order: Special Victims Unit), die als Interaktionspunkt sowohl für Spike wie für Julia dient. Fehlt da nicht noch jemand? Ja, Edward Wong Hau Pepelu Tivrusky IV, oder Radical Ed, oder nur Ed, bleibt bis auf einen ganz kurzen Auftritt außen vor und sollte wohl in der zweiten Staffel dazustoßen – was dann leider nicht sein sollte. Wie in der ganzen Serie findet sich hier also auch der Mix aus Originaltreue, Variation und Neuem, aber der Cast als ganzes harmoniert und funktioniert im Zusammenspiel hervorragend.

Fazit

Als Fan des Originals lässt sich schwer beurteilen, wie die Serie auf Leute wirkt, denen Cowboy Bebop gänzlich fremd ist, zumal die Neufassung die Nähe und den Vergleich gezielt sucht. Ich für meinen Teil war dem Projekt gegenüber im Vornherein eher kritisch eingestellt und hab es oft hinterfragt. (Muss das überhaupt sein? Passt der Cast wirklich? Ist es nicht zu nah am Original angelehnt? Nicht zu sehr in Richtung Anime stilisiert?) Die Serie hat dann jedoch geschafft, was ich nicht für möglich gehalten hätte: Sie fühlt sich wie Cowboy Bebop an. Wenn man das 1998er Original nicht zu sehr überhöht (bei aller berechtigten Schwärmerei: einige Folgen der Anime-Serie sind ziemliche Rohrkrepierer, anderen sieht man an, dass das Budget mal niedriger angesetzt war) und der Netflix-Serie eingesteht, hier und da eigene Wege zu gehen und auch nicht alles perfekt hinzukriegen, wird man seine Freude daran haben. Besonders die Liebe, der Respekt und die kleinen Easter Eggs und Anspielungen gegenüber dem Ursprungsmaterial haben mich gerührt. Sie sorgen, neben dem hervorragenden Cast und dem natürlich exzellenten Soundtrack, für einen enormen Sympathiebonus und lassen einen das ganze Projekt schnell ins Herz schließen. Da die Serie nach einer Staffel schon wieder eingestellt worden ist, hat man eine Hätte-hätte-Fahrradkette-Situation, in der sich Kritiker bestätigt fühlen und tausende Experten gewusst haben möchten, wie man es richtig gemacht hätte. Ich wüsste nicht wie. Selbst wenn nicht jeder Griff in die Saiten sitzt, die neue Umsetzung von Cowboy Bebop ist ein Song, den ich wiedererkenne und liebe.

© Netflix

Lyxa

Lyxa studiert aktuell das Fach Und-was-macht-man-damit in Mainz, liest viel, schreibt gerne und schaut sich viel und gerne allerlei Serien und Filme an, am liebsten Science-Fiction. Lyxa ist dabei besonders der Dunklen Seite der Macht verfallen, weil es dort die cooleren Outfits gibt.

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