Yoko Kanno: Terror in Tokio (Soundtrack)

Lesezeit: 9 Minuten

Yoko Kanno gilt in der Animeszene als Grand Dame der Soundtracks. Sie begann ihre Karriere ganz untypisch für Musiker als Studentin der Literatur mit einem rebellischen Hang zur Apokalypse und endete schließlich im Soundtrack-Bereich für Filme, Games und Anime. In etlichen großen Produktionen wie Cowboy Bebop, Ghost in the Shell: Stand Alone Complex und Darker Than Black beweist sie, dass sie schmerzfrei durch die Genres springt und ihr Stil irgendwo zwischen Jazz, Elektronik und Klassik angesiedelt ist. Für ihre Vertonung von Terror in Tokio verschlug es Kanno nach Island. Sie übernahm die dortige kalte, schroffe Klangästhetik und verpasst dem Anime damit einen atmosphärischen und eindringlichen Soundtrack.

Aniplex veröffentlichte die Musik zu Terror in Tokio in Form zweier separater Volumes. Das erste davon erschien am 09. Juli 2014 mit 18 Tracks und einer Spielzeit von 69 Minuten. Das zweite mit dem Beinamen „-crystalized-“ folgte drei Monate später mit gleicher Titelanzahl und einer Laufzeit von 60 Minuten. Das erste Album ist dabei als das stärkere Hauptalbum zu verstehen, das sämtliche wichtige Höhepunkte vereint, während das zweite nur für den geneigten Fan von Interesse sein dürfte. Die Musik wurde in Island aufgenommen, zu einem wesentlichen Teil auch von isländischen Musikern eingespielt, in England abgemischt und in New York letztendlich gemastert und zurecht geschliffen. Für gewöhnlich gehen die Figuren in Serien/Filmen nicht auf die Musik ein, bei Terror in Tokio aber ist das etwas anders. Auf die Frage, was der Protagonist Nine denn immer höre, antwortet dieser: „Musik aus einem kalten Land.“ Es stellt sich heraus, dass er damit Island meint.

Plagiarismus – 3, 2, 1, meins… oder deins?

Warum beginne ich mit diesem Miesepeter-Thema? Weil man nicht darum herum kommt, wenn man sich eingehend mit Yoko Kanno beschäftigt (oder mit sonst irgendeinem Komponisten). Plagiarismus ist ein schwieriges Thema, vor allem in der Musik. Hat man da ein Plagiat, ein Zitat, eine geniale Umformung oder eine Hommage vor Augen bzw. im Ohr? Und sollte es ein Zitat sein, wie kann man das entsprechend kennzeichnen – wie bekommt man Gänsefüßchen in die Musik? Das sind Fragen, die man sich schon bei alten Stücken stellt. Hat Mozart beim Spinnefeind Clementi geklaut? Hat Wagner sich bei Marschner und Mendelssohn bedient? Oder gar Bartok bei Wagner?
Zeitgenössische Soundtrack-Komponisten geben häufig die altehrwürdigen europäischen und russischen Komponisten als ihre Quelle der Inspiration an. Bei manchen heißt „Inspiration“ die komplette Übernahme einzelner Motive. Das Requiem aus Nausicaä aus dem Tal der Winde des Großmeisters Joe Hisaishi ist 1:1 Händels Sarabande nachempfunden. Hans Zimmer hat für den sterbenden Mufasa aus Der König der Löwen ganze Teile aus Mozarts „Ave Verum Corpus“ eingefügt, und man kann ihm noch nicht einmal einen Strick daraus drehen, weil Zimmer es als Hommage bezeichnet. Und James Horner liebte seinen Sergeij Prokofjiew. Trotzdem kann man bei Hisaishi, Zimmer und Horner eine eigene Handschrift erkennen, weil sie eben ein eigenes musikalisches Muster entwickelt haben, das sie wiederholen. Manche mögen die Augen verdrehen, wenn bei Hans Zimmer die leidigen Rhythmus-Streicher auftauchen oder seine minimalistischen 2-Ton-Melodien (wie etwa bei Batman Begins oder Man of Steel) – aber das ist halt Hans Zimmer. Und Joe Hisaishi? Dessen Melodieführungen mit den typischen Tonrepetitionen sind seine Eigenheit und scheinen den offiziellen Japanspirit darzustellen, an dem sich ausländische Komponisten orientieren, wenn sie für Anime Main Themes schreiben sollen (z.B. Kevin Penkin bei Made in Abyss). Wenn Hisaishi kopiert, dann meistens bei sich selbst, denn manchmal habe ich erhebliche Probleme, die Main Themes zu den Ghibli-Filme auseinander zu halten – vor allem bei den älteren Werken.

Über Yoko Kanno, ihren Kleiderschrank und Temp Tracks

Bei Yoko Kanno ist es für mich unheimlich schwierig, eine eigene Handschrift zu erkennen. Für viele ist sie halt „die mit der Jazz-Musik“. Tatsächlich ist der Jazz eine ihrer größten Facetten, aber nicht die einzige. Yoko Kannos Oeuvre ist zumeist eine krude Mischung aus Jazz, Elektronik und großorchestraler Sachen. Ihre Alben zu Macross Plus (1994) hievten sie auf die Bühne der Anime-OSTs, machten sie bekannt und zeigen Yoko Kanno als Vertreterin des 90er-Techno und -Pop. Später bei The Vision of Escaflowne (1996) nutzt sie den Klangkörper des Großorchesters und schließlich setzt Kanno bei Cowboy Bebop (1998) ganz auf Funk, Jazz und Blues. So als würde Yoko Kanno für jedes neue Projekt in ihr Ankleidezimmer gehen und völlig verwandelt wieder heraustreten. Sie sieht gut aus, aber keine Sau erkennt sie wieder. Und dann ist ja noch die Frage: Hat sie selbst die Kleiderwahl vorgenommen oder haben das ihre 137 Orchestratoren für sie erledigt?
Für Kannos orchestrale Sachen scheinen Komponisten wie Ravel und Stravinsky Pate gestanden zu haben. Wenn Kanno aber in den Pop-Bereich geht, sind die Anlehnungen an Laurent Voulzy, Craig Armstrong oder DJ Food offensichtlich. Gerade beim letztgenannten wurde nicht mal eben eine Harmoniefolge übernommen, sondern ein komplettes Song-Konzept (Kannos “Mushroom Hunting” vs. DJ Foods “Let The Good Shine”). Wenn ich also auf der Suche nach Kannos Handschrift bin, sehe ich vor allem Kannos gelebten Eklektizismus. Sie erfindet nichts Neues, sondern nimmt das, was bereits fertig vor ihr liegt und arbeitet es neu auf – sie wählt zwischen abgeschlossenen Stilen und verbindet die Elemente. Kannos kleptomanische Tendenz zeigt darüber hinaus ihr Talent, ihre „Inspirationen“ in Perfektion zu verformen, zusammenzustellen und zu produzieren (und zu interpretieren. Yoko Kanno live mit den Seatbalts? Superb!). Das darf jetzt nicht als kindisches Mit-Dem-Finger-Auf-Kanno-Zeigen missverstanden werden, denn ich habe nicht vor, ihr Oeuvre zu bespucken. Tatsächlich mag ich ihre Musik sehr gerne, aber mit blinder Verehrung habe ich trotzdem keinen Vertrag. Man forscht eben nach und macht sich so seine Gedanken. Und es ist auch nicht auszuschließen, dass die Filmindustrie Mitschuld trägt. Regisseure setzen ihren Komponisten häufig “Temp Tracks” vor, um zu zeigen, welche Musik sie sich für ihren Film wünschen. Es wird sicher einige Fälle geben, in denen der Regisseur von seinem Temp Track nicht loskommt und der Komponist quasi genötigt wird, ein Soundalike anzufertigen.

Resonanz…

Wie Kollegin Luna in ihrer Anime-Review schon treffend angemerkt hat, geht es bei Terror in Tokio nicht um Terrorismus, sondern um Resonanz – um einen Ruf aus der Vergangenheit und den Widerhall in der Gegenwart. Weil die Protagonisten Nine und Twelve in einem unmenschlichen Umfeld aufgewachsen sind, sinnen die beiden Jungen auf Rache, sind aber gleichzeitig auch Angetriebene der Hoffnung. Diese Hoffnung spiegelt sich in Form von Progression und Klimax in der Musik wieder. Die Musik macht, stellvertretend für Nine und Twelve, einen Schritt in die Zukunft. Egal wie distanziert und unterkühlt sie beginnt; viele Tracks entladen sich nach einem klimatischen Build-Up in einem tiefen Atmer der Hoffnung.
Nehmen wir als erstes Beispiel den Track „ess“. Ein Hoffnungstitel? Klingt erst einmal nicht danach. „ess“ beginnt mit einem akzentuierten, von Besen gespielten Rhythmuspattern, der an das stoische Schienengeräusch von Zügen erinnert. Über dem Pattern tönt die wohlklingende Version eines Theremins. „ess“ wirkt zunächst befremdlich und nicht gerade frohgemut, denn der Track startet in äolischem c-Moll, was ihm den Charakter von finster eingefärbter Dramatik verleiht (passend zu den Szenen seiner Verwendung, wie etwa Twelves Verrat oder Nines Flucht vor der Polizei, beides Folge 12). Nach einem kurzen Gitarren-Intermezzo in der Mitte (ab 01‘40‘‘) holt ein aus der Tiefe auftauchender Bass die Dramatik wieder ins Boot, verstärkt durch den Klang von Röhrenglocken, die dem Ganzen einen fatalistischen Beigeschmack geben. Doch noch ehe der Fatalismus die Überhand gewinnt, wird ab Minute 3 der Klimax mit der parallelen Dur-Tonart erreicht: Es-Dur. Damit verändert das Stück sein Tongeschlecht, verlässt die Finsternis und gelangt ins Licht (Nine gelingt beispielsweise die Flucht vor der Polizei). Vielleicht ist der Track-Titel „ess“ ein Hinweis auf eben diese parallele Dur-Tonleiter.

…und Hoffnung

Das zweite Beispiel für progressive Hoffnung ist „saga“. Dieser Titel scheint in der Tradition von Bach und seinen Fugen zu stehen, bzw. eigentlich in Tradition von Jacques Loussier und seinem Jazz-Trio, das bekannt ist für seine Bach-Verjazzungen. Wenn ich ganz spezifisch werden soll, hat Kanno ganz offenbar das Esbjörn Svensson Trio aus Schweden mit ihrer Nummer “When God Created The Coffeebreak” gehört, bevor es ans Komponieren ging. „saga“ ist ein wilder Mix aus fancy Ride-Becken, einem schnellen und nicht aufzuhaltenden “Walking Bass”, einer im Vergleich dazu gemächlich wirkenden Melodie und einer harmonisierenden Hammond-Orgel im Hintergrund.
Wenn man sich mit Bach beschäftigt, stellt man fest, dass der Komponist nicht selten von einem zahlenmystischen Nebel umgeben ist. Man kann numerische Regelmäßigkeiten und arithmetische Prinzipien in seinen Werken feststellen (manch ein Wissenschaftler behauptet gar, Bach hätte in den Goldberg-Variationen seinen eigenen Todestag berechnet). Bachs Musik haftet also etwas tiefgründiges an und birgt Geheimnisse, denen nur der intellektuelle Mathematiker auf die Spur zu kommen vermag. Vielleicht hat sich Kanno deswegen für diesen Bach-Verschnitt entschieden, denn „saga“ erklingt meistens dann, wenn die Figuren ihr Gehirn anstrengen und den ihnen gestellten Rätseln auf den Grund gehen. Kommen wir an dieser Stelle aber zurück zum Stichwort Progress/Klimax: Ab 03‘05‘‘ erreicht „saga“ seinen Höhepunkt mit einer in der Ferne jaulenden E-Gitarre. Dieser Klimax besitzt in Folge 7 auch ein visuelles Pendant: Zur Musik der verjazzten Bach-Fuge bringt Mastermind Nine das Schachspiel zu Ende und schafft es zum Schluss, zeitgleich mit Einsatz der E-Gitarre, seine Rivalin Five zu stellen. Allerdings gestaltet sich der Ausklang von „saga“ alles andere als hoffnungsvoll: Ein Streichapparat führt den Titel zu Ende und wirkt dabei geradezu elegisch. Ja, das Ende klingt nach Klimax und Befreiung, aber eher so, als läge die Befreiung im Tod (… oho, gar nicht so weit hergeholt, wird der Serienkenner nun einwerfen).
Wer noch ein drittes Beispiel braucht, der möge in „nc17“ reinhören.

Ornithologische Neo-Klassik

In vielen Tracks unternimmt Kanno auch eine Pause von diesen treibenden, progressiven Stücken, so auch bei „is“ (isländ. Eis), performt von der Indie Band POP ETC. „is“ ist ein eher introspektives Stück, das nicht treibt, sondern mit verhaltenen Gitarrenklängen in einem Zustand verweilt und den Moment der Freiheit feiert. In der Kombination mit der Szenerie (die Motorradfahrt von Twelve und Lisa) wirkt das Ganze besser gemacht als so manches Musikvideo.
Die Tracks „kvak“, „fugl“ und „seele“ bilden das Dreiergespann, das das Main Theme der Serie präsentiert – ein Thema, das zumeist in den Szenen mit Lisa und Twelve auftaucht. In „kvak“ (isländ. zwitschern) wird das Thema solistisch vom Piano getragen, mit einem kaum wahrnehmbaren Wind im Hintergrund. „fugl“ (isländ. Vogel) variiert das Thema geringfügig, indem ein Streichapparat hinzugezogen wird. Diese Streicher-Piano-Kombi erzeugt im geschichtlichen Kontext (Lisas „Ich will einfach nur hier weg“-Monolog und ein gleichzeitig stattfindender Polizei-Einsatz) starke Jin Roh-Vibes, dessen Musik damals von Hajime Mizoguchi komponiert wurde, Kannos Ex-Mann. Der Track „seele“ ist die letzte Variation des Themas und vollkommen synthetisch hergestellt. In der Szene seiner Verwendung flirrt die Sonne auf heißem Asphalt, was seine akustische Entsprechung in dem ausgebleicht klingenden Alberti-Bass findet und in dem Sandpapier-Effekt, der zu Beginn des Stückes erklingt.

Auch wieder mit dabei: Yoko Kannos Gibberish

Auch Yoko Kannos Vorliebe für Kauderwelsch hat es auf den OST zu Terror in Tokio geschafft. Im Track „hanna“ nutzt Kanno eine erfundene Sprache wie auch schon zuvor bei „Green Bird“ (Cowboy Bebop), „Sora“ (Vision of Escaflowne) oder „Celiane“ (Sousei no Aquarion). Für gewöhnlich performt Yoko Kanno dieses Kauderwelsch höchstpersönlich als ihr Alter Ego Gabriele Robin. Bei „hanna“ aber lässt sie das kleine Mädchen Hanna Berglind ans Mikro, das dem Lied mit seiner Stimme eine eigentümliche Schönheit verleiht. Generell hat der Song eine interessante Prämisse: Eine japanische Frau kreiert eine gefakte nordische Sprache und ein kleines Mädchen bringt das Ganze zu Gehör. Kanno versucht mit ihrem Gibberish den Klang der isländischen Sprache einzufangen, und weil sie dabei an keine Grammatik gebunden ist, kann sie die Laute setzen wie sie will – dadurch ist die Stimme in ihrer freisten Form als Instrument einsetzbar.
„hanna“ wird in Folge 9 verwendet, wenn die alten Kindheitsrivalen Nine und Five das letzte Mal aufeinander treffen. Die kindlichen Wurzeln, auf denen die Rivalität fußt, mitsamt der darin verborgenen Liebe, wird durch Berglinds junge Stimme dargestellt. Berglinds zärtliche Unschuld kommt vor allem auch dann zum Ausdruck, wenn sie mit einem völlig übergeschnappten Drummer gepaart wird, der ab 02’37” nochmal komplett aufdreht, mitsamt durchpreschender Hi-Hat, pausenlosen Crashs und Fill-Ins. „hanna“ endet auf Nines Worten „Sayonara, Japan.“

Für alle Eventualitäten vorbereitet

Dass Kanno genreübergreifend arbeitet, zeigt sich in den etlichen Stilen, die sie auf den zwei CDs unterbringt. Vad“ ist der Reggae-Vertreter, der Detective Shibasakis Ermittlungstour untermalt und offensichtlich seine laid-back-Körperhaltung versinnbildlichen soll. „Juno“ ist der französisch anmutende, betrunken-verspielte Walzer, der vor allem dann auftaucht, wenn es gilt, die Damsel in Distress Lisa in allen Formen ihrer Unfähigkeit und Tollpatschigkeit darzustellen. Der Titel “veat” (isländ. Gewissheit) ist mein heimlicher Liebling: Ein pulsierender Bass-Beat mit tieffrequenten Beeps und Boops und darüber schief dagegen laufende Synth-Sounds, bei denen man nur raten kann, in welchem Verhältnis sie zum Grundbeat stehen (7:4? 5:2? Oder ganz was anderes?) Bei Kanno auch immer wichtig: Gesangseinlagen. Neben der bereits erwähnten Hanna Lindberg verkörpert vor allem der isländische Sänger und Komponist Arnór Dan die Stimme von Terror in Tokio. Im Track „von“ (isländ. Hoffnung) führt Kannos unermüdlicher Piano-Pattern Arnór Dans tonumfangreiche Stimme durch eine kalte und doch irgendwie erbauende Musiklandschaft. Der sechsminütige Track gewinnt an Komplexität, wenn sich ein langsam aufbauender Streichapparat dazu mischt, der an Kannos Sternstunden in Wolf’s Rain erinnert. Arnór Dan ist es auch, der das erste Album mit dem Titel „bless“ (isländ. Auf Wiedersehen) beschließt.

Das Sakrale zum Schluss

„Velle“ ist eines der beiden sakralen Stücke. Der Track erklingt in Folge 11, während Kampfjets vergeblich versuchen, die aufsteigende Atombombe zu erreichen. Alles ist auf Untergang getrimmt, die Bombe hebt ab in die Stratosphäre und entzieht sich auf dieser Weise dem Weltlichen. Die Handlungsunfähigkeit der Jetpiloten steht für die Ohnmacht der Menschheit. Ihr Schicksal liegt nun in den Händen des allmächtigen…. Himmels, musikalisch dargestellt durch (Engels-)Chöre, Orgel und Röhrenglocken – der Overkill an sakralem Symbolismus.
„Elan“ ist das zweite Stück dieser Kategorie. Nachdem in Folge 11 die Bombe gezündet wurde, bricht das Stromnetz zusammen und in der Dunkelheit erstrahlt das Nordlicht. „Elan“ wirkt dabei durch seinen unendlichen Klang, die kristallen klingenden Glöckchen (ein Hinweis auf den Beinamen des OSTs?) und die breite Harmoniefortschreitung über die Maßen religiös – quasi wie eine Läuterung. Das sind Attribute, mit denen Kannos Musik häufig beschrieben wird. Kanno selbst erwidert in Interviews darauf, dass christliche Choräle sie in ihrer Kindheit sehr geprägt haben.
Eine Variation von „Elan“ gibt es auch in Folge 6 zu hören, wenn Twelve auf dem Dach steht und inmitten aufsteigender Federn gedankenverloren gen Himmel schaut. Der Track ist hier mit einem Audiofilter belegt, der sämtliche Bässe heraus nimmt. Dadurch wirkt „Elan“ noch leichter – ohne erdenden Bass fliegt alles in die Höhe und verlässt das Weltliche. Twelves Seele ist bereits losgelöst.

Das Beste an Terror in Tokio ist für mich nicht die Geschichte, schon gar nicht der Cast, eher schon die Animationen, aber auf jeden Fall die Atmosphäre und damit verbunden der Soundtrack. Wie nicht anders von Kanno zu erwarten ist die Musik zu Terror in Tokio ein technisch herausragendes Potpourri. Beispielhaft zusammen gestellt und produziert, mit beispielhaften Musikern und Sängern, die unheimlich viel zum Gelingen der Musik beitragen (man denke nur an Cowboy Bebop ohne die Seatbealts oder ohne die verrauchte Stimme von Mai Yamane. Das Feeling für Funk kann kein Komponist in die Noten schreiben sondern hängt immer vom Interpreten ab). Der OST, zumindest das erste Volume, ist vielfältig und überraschend und gehört für mich zu den seltenen Vertretern der “unskippable” Alben.

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Totman Gehend

Totman ist Musiker, zockt in der Freizeit hin und wieder Indie-Games & Taktik-Shooter und sammelt schöne Bücher. Größtes Laster: Red Bull. Lieblingsplatz im Netz: der Lofi-Hip-Hop-Radio-Stream auf youtube (der gute Stream von ChilledCow).

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Luna
Redakteur

Gibt es eigentlich einen Namen für eine Neuaufbereitung einer Neuaufbereitung?
In “Serene Moments”
https://youtu.be/-gciLRKnVYk
hat redrose “VON” nochmal zu was anderem verwandelt.
(Irgendwie wirkt der gröbere Teil davon wie ein abgespecktes Sampling einiger Melodien von “VON”, die es sehr viel simpler klingen lassen als “VON”, aber “Serene Moments” hat es mir auch sehr angetan. Es ist sogar irgendwie noch mehr loopfähig; irgendwie klingt es träumerisch-bezaubernd-erbaulich, während “VON” im Vergleich irgendwie eine gewisse Schwere anhaftet.)