Terror in Tokio

Lesezeit: 8 Minuten

Regisseur Watanabe Shinichiro (Animatrix, Cowboy Bebop, Space Dandy) ist mittlerweile ein Kultname in der Animeszene. 2014 wagte er sich mit Terror in Tokio an ein realistischer gehaltenes Thriller-Drama über ein im Westen sehr gegenwärtiges Thema, das er auf japanischen Boden verfrachtet und mit einigen Verschwörungstheorien aber auch viel Atmosphäre würzt. Universum Anime brachte die 11-teilige Serie, in der sich zwei Individuen gegen die Welt stellen, um vergangene Verbrechen zu vergelten 2015 auch in Deutschland heraus.

Nine ist Brillenträger und der stille Coole. Twelve ist verspielt und hat ein sonniges Gemüt. Doch beide sind Hochbegabte, die einst aus einer Versuchsanstalt geflohen sind. Ein halbes Jahr nach einem akkurat geplanten Diebstahl in einer gesicherten atomaren Aufbereitungsanlage in Aomori sind sie im sommerlichen Tokio als Schüler untergetaucht. An der gleichen Schule befindet sich Lisa, gemobbt von ihren Klassenkameradinnen und unter stetigem Druck durch ihre paranoide Mutter. Als ihre Klasse auf eine Exkursion zum Tokyo Metropolitan Government Building geht, ahnt sie nicht, dass ihre neuen Schulkameraden schon die nächste Phase ihres Plans begonnen haben: die Detonation eines japanischen Regierungsgebäudes. Zwar lotsen sie durch einen absichtlich ausgelösten Stromausfall die Menschen aus den Gebäuden, um Opfer zu vermeiden, doch keiner von ihnen ahnt, dass Lisa sich auf der Toilette versteckt. Mehr noch, sie sieht Twelve woraufhin Nine sie vor die Wahl stellt: sterben, oder Komplizin werden. Derweil sieht sich die Polizei mit Internetauftritten eines Duos namens Sphinx konfrontiert, das seine nächsten Terror-Anschläge in Form von Rätseln ankündigt.

Pull the Trigger on the World

So lautet die Tagline der Serie und sie ist ziemlich wörtlich zu nehmen. Nines und Twelves Agenda lässt sich irgendwo zwischen Vergeltung, Selbstjustiz, Genugtuung und dem Streben nach einer gerechteren Welt einordnen. Als Versuchsobjekte besitzen sie keine Identität, nicht einmal richtige Namen. Zwar sind sie hochintelligent, doch erschienen sie auf dem Radar der Welt, würden größere Mächte von ihnen Gebrauch machen (wie am Beispiel Five), oder sie gar eliminieren wollen. An mehreren Stellen wird ihr technisches Know-How unter Beweis gestellt und doch wollen sie sehr viel brachialer vorgehen, als sich einfach nur mit Hilfe der Medien mit ihrer Geschichte an die Öffentlichkeit zu wenden. Empfindliche Schläge gegen ihre Gegner wollen sie austeilen, aber vor allem eine Art historischen Denkzettel versuchen sie dem Land zu verpassen. Einen mit so einem unübersehbaren Nachhall, dass keiner an ihnen einfach vorbeilaufen kann. Die Täter, deren Opfer sie sind, entziehen sich dem Justizapparat der Gesellschaft, doch gerade die muss dazu gezwungen werden, die Augen zu öffnen, um die Täter zu stellen und eine Wiederholung ihrer Machenschaften zu verhindern. Der Abzug ist dabei nicht nur auf die ahnungslose Bevölkerung gerichtet, sondern auch an diejenigen, die Wahrheiten auf der Spur sind, aber untätig bleiben. Als thematischer Kontrahent zum Sphinx-Duo Nines und Twelves steht vor allem Shibasaki. Einst ein gefeierter Ermittler kam er einer Wahrheit zu nahe und wurde in eine Archivabteilung zwangsversetzt, in der er nun seine Tage fristet. Mit Frau und Tochter hatte er einiges zu verlieren, sodass er die aktive Ermittlung aufgegeben hat. Doch innerliche aufgegeben hat er dennoch nicht. Als Opfer zweiter Generation des Atombombenwurfs über Hiroshima hat er auch eine klare eigene Meinung zum Missbrauch von atomarem Material als Waffe und sein Kampf gegen Sphinx wird zunehmend eine persönliche Fehde gegen einen eigentlich gleichen Feind. Doch jeder hat seine eigene Art mit privaten Feldzügen umzugehen.

Schale westlich, im Kern ausgesprochen japanisch

Originaltitel Zankyou no Terror
Jahr 2014
Episoden 11 in 1 Staffel
Genre Mystery, Psychological, Thriller
Regisseur Shinichiro Watanabe
Studio MAPPA

Schaut man sich Terror in Tokio an, mutet es auf den ersten Blick wie auf ein westliches Publikum zugeschnitten an. Zumindest audio-visuell fällt die 11-Folgen Serie aus dem Raster sämtlicher Anime-Klischees. Den Auftakt bildet eine rasante Flucht auf einem Schneemobil als ein actionreiches Ausreizen der Physik, die glatt aus einem Hollywoodstreifen stammen könnte. Der sommerliche Alltag in der japanischen Schule erscheint als Kontrast wie bodenständiger Fotorealismus auf Hochglanz poliert. Eine Minderheit, die sich alleine gegen die Fundamente einer Gesellschaft wendet ist ebenfalls ein wiederkehrendes Motiv der westlichen Soft-Science-Fiction. Das Aufhänger-Thema Terror an sich ist bereits provokativ. Der Terroranschlag in der ersten Folge auf das Tokyo Metropolitan Government Building, ein Twin Tower, weckt für ein westliches Publikum unweigerlich Assoziationen zu 9/11. Den Terror auf japanischen Boden zu setzen ist gleichzeitig für ein japanisches Publikum, das seit dem Giftgasanschlag der Aum-Sekte 1995 keinen großen Terroranschlag erleiden musste, wie ein Weckruf, der daran erinnert, dass der Frieden jederzeit enden kann. Diese Balance hält sich allerdings auf wackeligem Boden und kippt schließlich eindeutig zugunsten der japanischen Seite. Zu der wird fürs westliche Publikum allerdings nicht viel erklärt. So war (und ist) z.B. die Besetzung Japans durch die USA nach dem Krieg und der noch immer anhaltende politische Einfluss ein Dorn im Auge nationalistischer Strömungen, die gerne eine vollwertige Souveränität des Landes wiederherstellen möchten. Gerade das Ende der Serie macht eine klare Anspielungen darauf. Westliche Aspekte werden bald stark aufs japanische Publikum zugeschnitten: Das Sphinx-Rätsel der Ödipus-Legende wird eingehend erklärt, während es den meisten hierzulande sofort bekannt sein dürfte. Dessen Twist hingegen findet sich in der, im Westen hinreichend obskuren, japanischen Gottheit Arahabaki . Das ist nichts, worauf man hierzulande je von alleine kommen würde. In den letzten Folgen gibt es auch eine Referenz zu Auschwitz, die in erster Linie Shibasakis weitläufiges Wissen unterstreichen soll, aber insbesondere für hiesige Augen eher ausgelutscht erscheinen dürfte.

Hochwertige Produktionswerte

Audio-Visuell lässt sich die Serie nicht lumpen und hat in mehr als einer Sequenz cineastische Asse im Ärmel parat. Gerade die erste Folge siedelt sich ohne Umschweife auf hohem Kinofilmniveau an. Character Designer und Animationsregisseur Kazuto Nakazawa, der später den Regieposten des Thrillers B: The Beginning wahrnehmen sollte, zeigt hier bereits sein Handwerk. So hochwertig die visuellen Qualitäten bereits sind, sticht vor allem die harmonische Mariage mit dem Soundtrack von Yoko Kanno heraus, das für sich bereits eine eigene Hausnummer ist. Umso mehr erscheint die schiefe japanische Aussprache des Englisch in der Originalvertonung wie ein ganz übler Schnitzer in der Produktionsqualität: Das originale Englisch sollte den Realismus erhöhen, doch Fives Synchronsprecherin Megumi Han (Atsuko in Little Witch Academia) war der Herausforderung offensichtlich nicht gewachsen und erreicht für westliche Ohren das genaue Gegenteil. Die deutsche Vertonung durch Universum ist in der Hinsicht glücklicherweise gut gelungen.

Mittelteil nicht so ganz fokussiert

Die Serie war laut Interviews ursprünglich als Film angedacht. Das macht sich im Mittelteil recht bemerkbar: Die Serie beginnt mit einem sehr starken Auftakt, der ein Katz und Maus-Spiel Sphinx’ mit der Polizei etabliert. Auf Seite der Polizei steht Shibasaki, der Querulant, dessen Vergangenheit zwar Resonanzen mit der von Nine und Twelve hat, sich ihnen aber dennoch entgegen stellt. Derweil ist Lisa als emotionale Wildcard auf der Seite des Duos, die deren Moral und Skrupel auf die Probe stellt. Mit Five wird zum Mittelteil aber eine dritte Partei eingeführt, die einiges durcheinander bringt, da sie keine Seite (auch nicht die Amerikaner für die sie arbeitet) so richtig vertritt. Ihr Auftreten nimmt auch Lisas Rolle als Moraltest viel Wind aus den Segeln, sodass letztere zunehmend zu einer Damsel in Distress verkommt, die sich obendrein durch Tollpatschigkeit auszeichnet. Das Katz und Maus-Spiel verlegt sich immer mehr auf eine mäßig nachvollziehbare Fehde zwischen Five und Nine, sodass selbst Twelve auf die Hinterbank gedrängt wird. Das, was dabei am Ehesten noch als Fives persönliche Motivation durchgeht, ihre Obsession, gegen Nine zu gewinnen, erscheint neben den sonstigen Themen (politischer Elternmord seitens Nine und Twelve, charakterliche Emanzipation seitens Lisa oder Shibasakis Groll gegen atomare Waffen) eher fragwürdig. Die Ermittlungseinheiten der Polizei sowie die Amerikaner zeichnen sich unterdessen vor allem durch Inkompetenz aus, gegen die auch Shibasaki letztlich nicht viel ausrichten kann.

Die Liebe steckt im Detail

Fokussiert auf Details ist die Serie hingegen in jedem Augenblick. Viele inhaltliche Feinheiten sind tatsächlich tiefer recherchiert: In einer Folge explodiert ein Flugzeug, doch da es bei den Sicherheitsbestimmungen heutzutage ziemlich schwer ist, wurde es zu einer Explosion umgemünzt, die noch auf dem Boden stattfindet. Das Finale und dessen Ballonflug, mit dem die Bombe in die Stratosphäre getragen wird, findet tatsächlich auch in der Realität statt, um atemberaubendes Bildmaterial aus der Höhe einzufangen und bedient sich dabei einfacher Mittel. In einer anderen Szene erklärt Twelve, dass er Synästhesie hat, was gelegentlich mit dem Savant-Syndrom in Verbindung gebracht wird, womit ein Bogen zu seiner und Nines überdurchschnittlicher Intelligenz geschlagen wird. Visuell erstrecken sich die Details noch viel weiter: Von meisterlicher Finesse in der Cinematographie (Folge 9 z.B.) über flüssige und akkurate Animationen menschlicher Bewegungen oder Explosionen bis hin zu realitätsgetreuer Abbildungen von Windows-Desktops, Linux-Befehlen oder Youtube-Videos (auf Twelves Sphinx-Helm wird sogar das Smartphone reflektiert, das das Video aufnimmt). Darüberhinaus gibt es gar eine Szene in einem Aufzug die wie eine dezent verpackte Referenz zum thematisch verwandten Revolutionary Girl Utena erscheint.

Vor allem der Atmosphäre treu ergeben

Doch zeichnet sich die Serie vor allem durch eines aus: die absolute Hingebung, Atmosphäre zu schaffen. Die Handlung spielt sich fast vollständig im Sommer ab, doch ist sie durchzogen von einer kalten Melancholie. Hierzu trägt vor allem das musikalische Werk von Yoko Kanno bei, für das sie diesmal nicht nur starke Einflüsse isländischer Musik einfließen ließ, sondern mit Arnór Dan (Broadchurch Soundtrack) authentisch-isländische Vocals mit an Bord holte. Auch visuell zieht sich das Thema durch. Lisas erstes Treffen mit Nine ist trotz Hochsommer eine kühle Begegnung. Zum Ende hin schafft es gar ein Aurora-Phänomen, einen Platz in der Serie zu bekommen. Im Kontrast dazu ist Shibasakis Vergangenheit durch eine ausdörrend brütende Sommerhitze dargestellt, während sich zwischen Lisa und Twelve das Motiv einer warmen Sonne durchzieht. Verbindungen finden sich visuell zwischen Five, Nine und Twelve durch die Anwendung einer farblichen Trikolore und Fives Albino-Weiß hebt sie deutlich als Fremdkörper hervor. Viele dieser Szenen haben keinen umgehend direkten Bezug zur Haupthandlung, wie etwa Twelves und Lisas Motorradfahrt bei Nacht. Doch sind es gerade diese Szenen, die fast wie Musikvideo-Segmente erscheinen, die einen mitreißen. Auch in Terror in Tokio sind Geschick und Vorliebe Shinichiro Watanabes, Musik mit Bild zu einer größeren Harmonie zu vereinen, deutlich erkennbar.

Fazit

Der Originaltitel Zankyou no Terror übersetzt sich als “Terror in Resonanz”. Das wurde auch für englischsprachige Veröffentlichungen genutzt, in denen der Titel als Terror in Resonance übersetzt wurde. Auf deutsch hat sich Universum Anime des offiziellen japanischen Untertitels bedient, was ich persönlich ein wenig schade finde. Das Hauptaugenmerk der Serie ist gar nicht so sehr Terrorismus, sondern es geht in der Serie tatsächlich um Resonanz. Sei es um die Resonanz, die die Hauptfiguren versuchen hervorzurufen und zu hinterlassen. Oder die Resonanz, die man persönlich hat, weil einen die brillant präsentierte Atmosphäre mitreißt. Auf dem Papier hat die Handlung Terror in Tokio zugegebenermaßen einiges Material zum Stirnrunzeln. Insbesondere im Bezug auf die spätere Charakterisierung der weiblichen Hälfte – In Interviews hat der Script-Staff buchstäblich zugegeben, dass sie keine Ahnung haben, was in den Köpfen von Frauen vorgeht. Doch ist Terror in Tokio eine der Serien, die einen geradezu einlullen und die Suspension of Disbelief hochdrehen, da man sie weniger schaut als tatsächlich mitfühlt. Absolute Bonuspunkte bekommt daher Universum zusätzlich für die Vertonung. Die deutschen Stimmen sind passend gewählt und vor allem haben sie das schiefe Englisch der Originalfassung eliminiert. Das Blu-ray/DVD-Release enthält zudem noch Booklets, in denen vor allem die Interviews der japanischen Ausgaben ins Deutsche übersetzt wurden. Der gröbere Teil der Design Works bleibt dem deutschen Release zwar enthalten, doch hat sich Anime Limited in der UK-Ausgabe derer in Form eines Harcover-Artbooks angenommen.

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Luna

Luna residiert auf dem Mond mit ihren beiden Kaninchen. Als solche hat sie eine Faible für flauschige Langohren und ist auch nicht um die ein ums andere Mal etwas entrückte Sicht auf die Weltordnung verlegen. Im Bestreben, sich verständigt zu bekommen, vertreibt sie gerne die Zeit mit dem Lernen und Erproben verschiedener Sprachen und derer Ausdrucksformen.

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Alva Sangai
Redakteur

Terror in Tokio ist zu einem meiner Favoriten geworden. Generell entwickelt sich MAPPA langsam zu meinem Lieblingsstudio 😀 Erst Terror in Tokio, dann Yuri!! on Ice, Inuyashiki, Banana Fish und jetzt Dororo. Und dann bin ich als nächstes sehr auf Sarazanmai und To the Abandoned Sacred Beasts gespannt. 😀

Ayres
Redakteur

Ich finde die Serie von ihrer Idee her weitaus besser als in der Umsetzung. Dafür ist mir dann doch alles zu japanisch, dafür dass man hier vorgegaukelt bekommt, dass die Serie ja ach so westlich sein soll. Für 11 Folgen besteht mir auch etwas zuviel Leerlauf. Das Ende finde ich gelungen und konsequent und hier und dort gibt es auch außergewöhnliche Farbspiele, das sind für mich die Vorzüge von Terror in Tokio. Ein zweites Mal würde ich mir die Serie allerdings nicht reinziehen. Dafür nervt mich Lisa dann einfach zu sehr. Gemobbt werden oder wegrennen, mehr reißt diese Person einfach nicht.