Game of Thrones (Folge 8×06)

Lesezeit: 5 Minuten

Und das war’s. Das Ende von Game of Thrones (Staffel 8). Das Ende von Game of Thrones überhaupt. Wer jetzt noch immer nicht genug hat vom Kontinent Westeros, der muss auf die Spin-offs oder die ausstehenden Bücher von George R.R. Martin warten. Die anderen müssen sich mit all den Auflösungen zufriedengeben, die ihnen die letzte Folge bietet. Es sind eine Menge, und wenn man so den Blick durchs Internet schweifen lässt, ist kaum einer so recht zufrieden, weder mit den Schlusspunkten, die gesetzt werden, noch mit dem hastigen Galopp durch all die Handlungsstränge, der in dieser Staffel dorthin führte.

Tyrion schreitet durch das zerstörte Königsmund, vorbei an rauchenden Trümmern und verkohlten Leichen. In den Gewölben des roten Bergfrieds findet er die unter Ziegelsteinen begrabenen Leichen von Jaime und Cersei. In den Straßen exekutieren Grauer Wurm und seine Unbefleckten gefangene Lannister-Soldaten und lassen sich auch von Jon und Ser Davos nicht daran hindern, schließlich sei es der Befehl der Königin. Vor der Ruine des roten Bergfrieds stehen Dothraki und Unbefleckte in Reih und Glied, über den Ruinen hängt ein riesiges Drachenbanner, und Daenerys hält eine Ansprache an ihre Truppen, in der sie ankündigt, die ganze Welt befreien zu wollen. Sie bezichtigt Tyrion des Verrats, er sie des Mordes an Unschuldigen und wirft die Anstecknadel, die ihn als Hand der Königin ausweist, zu Boden. Sie lässt ihn verhaften. Jon besucht den gefangenen Tyrion und sie diskutieren, was aus Daenerys geworden ist. Jon besteht zwar lange auf seine Loyalität zu Daenerys, aber offenbar haben Tyrions Argumente etwas in Gang gesetzt. Im Thronsaal schreitet Daenerys auf den eisernen Thron zu, als Jon hereinkommt. Sie bietet ihm an, mit ihr gemeinsam die Welt zu befreien, er umarmt sie und ersticht sie in der Umarmung. Drache Drogon spürt den Tod seiner Mutter und spuckt Feuer allerdings nicht auf Jon, sondern auf den eisernen Thron, der zerschmilzt. Dann fliegt er mit der toten Daenerys in den Klauen davon. Eine unbestimmte Zeit später hat sich ein Rat der adeligen Häuser von Westeros gebildet, die mit ihren Truppen vor Königsmund stehen. Verhandelt wird das Schicksal der Gefangenen Jon und Tyrion. Grauer Wurm besteht auf eine Bestrafung. Die könne nur ein neuer König aussprechen, argumentiert Tyrion und schlägt Bran Stark vor. Der Vorschlag wird angenommen, Bran schickt Jon an die Mauer zurück und macht Tyrion zu seiner Hand. Er erklärt, das sei Tyrions Strafe, er müsse in diesem Amt nun all seine Fehler wieder gut machen. Die Unbefleckten ziehen ab, Grauer Wurm will nach Naath, Missandeis Heimat. Sansa wird zur Königin des nun unabhängigen Nordens gekrönt, Arya besteigt ein Schiff, um unbekannte Länder zu entdecken, und Tyrion bildet einen Kronrat, mit Sam als Erz-Maester, Brienne als Anführerin der Königsgarde, Ser Davos und Bronn als Meister der Münze. Brienne ergänzt die Biographie von Jaime in den Annalen der Königsgarde und schließt das Kapitel mit dem Satz “Er starb, als er seine Königin schützte”. Sam hat eine Chronik von Westeros dabei, mit dem Titel “Das Lied von Eis und Feuer”, in dem Tyrion zu seinem Erstaunen nicht vorkommt. An der Mauer angekommen zieht Jon mit Tormund und den Wildlingen in den ganz hohen Norden. Im Schnee steht ein einsamer Grashalm, es wird wohl Frühling.

Die irre Königin und ihr Ende

Die ganze Staffel wechselt zwischen Momenten, in denen es kracht und die Handlung vorankommt, und langen Dialogpassagen, in denen alle Figuren mit Charaktermomenten glänzen können. Dieses Prinzip herrscht auch diesmal, die Nahtstelle geht mitten durch die Folge. Die erste Hälfte frühstückt den Handlungsstrang “Daenerys, die irre Königin” ab, der Rest bietet unterhaltsame Charaktermomente für all die anderen Figuren. In Folge 5 sieht Daenerys’ großer Out of Character-Moment, die Zerstörung von Königsmund, noch aus wie eine Kurzschlussreaktion aufgrund rasch herbeigeschriebener seelischer Belastung. In Folge 6 hat Daenerys sich wieder voll im Griff. Schluss mit verhärmten Gesichtszügen, Augenringen und zerzausten Zöpfen. Schneetreiben in Köningsmund die Frisur sitzt perfekt. In einem Moment totalitärer Prachtentfaltung, der Leni Riefenstahl begeistert hätte, präsentiert sie sich vor strammstehenden Truppen als fest entschlossene Überzeugungstäterin, die schon immer die Weltherrschaft angestrebt hat. Ihre Befreiungsrhetorik ist zu Propaganda-Worthülsen verkommen. Ist das nun überzeugender? Macht das diesen harten Bruch glaubhafter oder kippt es nur eine flaue Begründung durch eine andere? Hätte man es wissen müssen? Ist das ganze eine Parabel auf den Stalinismus? Orwell’s Farm der Tiere im Fantasy-Gewand?

Böse Twists und böse Königinnen

Tyrion schiebt eine Menge Erklärungen hinterher, all der Beifall für ihre gewaltsame Bekämpfung von Übeltätern habe sie gefährlich in ihrem Sendungsbewusstsein bestärkt und sie alles Maß und Ziel vergessen lassen. Hmpf. Ist ja nicht ganz falsch. Revolutionen enden meist in Blutvergießen und Gewaltherrschaft. Aber wenn das Skript glaubhaft erzählt wäre, müsste man nicht so viel erklären. Der Punkt ist, dass man eine Entwicklung von der Idealistin zur Diktatorin schon glaubhaft erzählen könnte, aber nicht mit dem Game of Thrones-Mittel des “In die Fresse”-Twists. Die großen Schreckmomente von Game of Thrones, wie Ned Starks Tod oder die rote Hochzeit, kamen zwar überraschend und rafften Hauptfiguren dahin, die unerwartet ohne Plot Armor dastanden. Aber den Tätern war immer Entsprechendes zuzutrauen, die mussten nicht vom Guten zum Bösen umgebogen werden. Es war immer ein Gefühl von “Puh, ganz schön hart. Aber so ist diese Welt”. Man wollte sich nicht von der gemeuchelten Figur trennen, und dennoch fand man es absolut stimmig. Andersrum gestrickt funktioniert der Twist nicht, egal wie hart und überraschend er ist. Unschuldige Bevölkerung wird andauernd niedergemetztelt, das überrascht nicht. Aber wenn die Überraschung ist, dass es eine Figur tut, von der man das nicht erwartet hätte, dann helfen weder lahme Vorbereitungen noch nachgeschobene Erklärungen, dann steht Überraschung gegen Stimmigkeit.

Und all die anderen Ungereimtheiten

Eine Folge, die manchmal großartige Bilder findet. Etwa, wenn hinter Daenerys im Weltherrscherinnen-Modus der Drache seine Flügel schwingt und sie quasi geflügelt auf ihre Truppen zuschreitet. Oder wenn sich ein Schneehaufen bewegt und sich als erwachender Drache herausstellt. Es lässt einen fast vergessen, dass das wohl der Winter ist, der die ganze Zeit nahte: Ein Schneeschauer in sonnigen Königsmund. Weil das so schön zu der düsteren Kulisse von Ruinen und Totalitarismus passt. Kaum ist Daenerys tot, scheint schon wieder die Sonne. Drogon, der den eisernen Thron schmelzen lässt (aber nur sehr wenig von dem Schnee auf dem Fußboden). Schöne Idee. Aber wann ist Drogon zum goldenen Drachen der Weisheit geworden, dass er so viel Mitdenken demonstriert? Und was war mit dem großartigen Schlussbild der letzten Folge, Arya im Galopp auf einem magischen, weißen Pferd? Gar nichts. Offenbar ist sie gleich wieder abgestiegen, denn sie ist immer noch in Königsmund und warnt Jon überflüssigerweise vor der gefährlichen Daenerys. Effekt verpufft. Was wohl Grauer Wurm, der in den Straßen Gefangene exekutiert, bewogen hat, den Mörder seiner Königin nicht sofort zu töten, sondern Wochen später mit einer Handvoll Adeliger, die ihm nichts bedeuten, um eine Bestrafung zu verhandeln? Bran als König? Hübsch, wie Tyrion das erklärt. Ein König, dem Macht nichts bedeutet, das Ende des Rades, das Daenerys zerbrechen wollte. Aber dass alle, wie sie da sitzen, sich davon überzeugen lassen? Anstatt, wie der Norden, die Unabhängigkeit einzufordern? Was hält eine Asha Graufreud, die Daenerys Treue geschworen hat, in diesem Staat unter König Bran? Und kann Bronn als neuer Meister der Münze eigentlich mit Geld umgehen? Immerhin, Jon hat seinen Schattenwolf nicht herzlos in den Norden geschickt. Beim Wiedersehen darf er Ghost nun doch noch knuddeln. Dass er mal der Thronerbe und Hoffnungsträger des Landes war, ist seit ungefähr 40 Sendeminuten völlig irrelevant geworden.

Meinung

Das Problem mit dieser Staffel sind nicht einmal die Logiklöcher, über die sich das Internet so ausufernd lustig macht. Das Problem ist, dass man die Geschichte so wenig glauben mag, dass man nach Logiklöchern geradezu sucht. Und wenn man sie erst einmal sucht, dann findet man sie auch. Während anderswo Geschichten mit so viel Schwung erzählt sind, dass einem Logiklöcher völlig egal sind. Ein großer Teil der früheren Staffeln fällt in diese Kategorie. Diese hier ist eine Enttäuschung. Und was besonders schade ist: seit dieser Staffel machen mir all die Zitate und selbstreferrentiellen Scherze, mit denen Drehbuchautoren gern glänzen und die ich früher einmal elegant und geistreich fand, einfach keinen Spaß mehr. Dass am Ende eine Chronik mit dem von Sam vorgeschlagenen Titel “Das Lied von Eis und Feuer” auftaucht, hätte ich zu anderen Zeiten genial gefunden, jetzt hat es mir nur noch ein sehr müdes Lächeln abgenötigt. Zeit, sich ein neues Fandom zu suchen.

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wasabi

wasabi wohnt in einer Tube im Kühlschrank und kommt selten heraus.

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