Game of Thrones (Folge 8×05)

Lesezeit: 5 Minuten

Vorletzte Folge bei Game of Thrones (Staffel 8). Duell der Königinnen. In früheren Staffeln war es stets die vorletzte Folge, in der es richtig zur Sache ging, Schlachten geschlagen wurden oder die Handlung in überraschende Kurven abbog. Die letzte Folge war dann eher für das Verarbeiten des Schrecks und das Verknoten loser Enden zuständig. Ein Muster, das einen auch hier angrinst. Zum zweiten Mal in dieser Staffel gönnt sich Game of Thrones eine ganz große Schlacht mit berstenden Mauern, ästhetisch spritzendem Blut und jeder Menge Drachenfeuer. Am Ende sieht die Welt von Westeros anders aus.

Nach dem Tod ihres Drachen und ihrer Freundin Missandei ist Daenerys psychisch schwer angeschlagen. Während sie trauert, schreibt Varys Briefe, in denen er Jon Schnee als den wahren Thronerben der Targaryen enthüllt und versucht, Jon zu überreden, sein Erbe anzutreten. Jon lehnt ab, er steht zu Daenerys. Tyrion informiert Daenerys über Varys’ Verrat und Daenerys, in tiefem Misstrauen gegen alle und jeden, lässt Varys prompt hinrichten. Auch Jon, der seine Liebe und Loyalität beteuert, aber den Kuss von Daenerys nicht erwidert, wohl, weil man Tanten nicht leidenschaftlich küsst, kann sie nicht aus ihrer Verbitterung herausreißen. Währenddessen ist Jaime Lannister auf dem Weg zu Cersei gefangengenommen worden. Noch ein Verräter. Tyrion befreit ihn und überredet ihn, mit Cersei zu fliehen, so lange es noch Zeit ist, und die Glocken der Kapitulation zu läuten, um eine blutige Schlacht um Königsmund zu verhindern. Daenerys drängt auf einen Angriff auf das mit Flüchtlingen überfüllte Königsmund, Tyrion entwirft einen Plan, der die Bevölkerung schützen soll: falls Königsmund sich ergibt und zum Zeichen der Kapitulation die Glocken geläutet werden, soll der Angriff abgebrochen werden. Währenddessen kommen der Bluthund und Arya in Königsmund an, er, um sich an seinem Bruder zu rächen, sie, um Cersei zu töten. Euron Graufreud steht selbstzufrieden an Deck seines mit Anti-Drachen-Geschützen bewaffneten Schiffs, als Daenerys auf Drogon über ihm in den Sturzflug geht und die gesamte Flotte in Flammen aufgehen lässt. Vor den Toren von Königsmund stehen sich die goldene Kompanie und Daenerys’ Truppen gegenüber, beobachtet von einer siegesgewissen Cersei auf dem Turm des roten Bergfrieds. Das Stadttor geht in Drachenfeuer auf, Dothraki und Unbefleckte stürmen die Stadt, während Daenerys die Geschütze auf den Mauern niederbrennt. Die Lannister-Soldaten legen die Waffen nieder, die Glocken erklingen… aber Daenerys beschließt nach kurzem Zögern, die Stadt in Schutt und Asche zu legen und lässt den Drachen weiter Feuer auf Soldaten und Stadtbevölkerung spucken. Ihre Truppen nehmen das als Startschuss wahllos zu morden und zu vergewaltigen. Während die Schlacht tobt, trifft Jaime Lannister auf Euron Graufreud, der es an Land geschafft hat. Euron stirbt, Jaime wird schwer verletzt. Sandor Clegane kämpft gegen Gregor Clegane und beide stürzen in die Flammen. Jaime schafft es zu Cersei, sie sterben gemeinsam unter den Trümmern des roten Bergfrieds. Arya, die ihren Plan, Cersei zu töten, eigentlich aufgegeben hatte, driftet durch das Chaos der Schlacht, versucht vergeblich, eine Mutter und ihr Kind zu retten und erwacht blutüberströmt zwischen Trümmern. Vor ihr steht ein blutbespritztes weißes Pferd. Arya schwingt sich auf seinen Rücken und galoppiert durch die Ruinen wie ein Reiter der Apokalypse…

Verbrennt sie alle!

Jetzt ist es also passiert. Daenerys, die von der zwangsverheirateten Prinzessin zur Heerführerin aufgestiegen ist, unterwegs Mann, Kind, Freunde und Vertraute verloren, neue Freunde und Vertraute gefunden hat, Sklavenhändlerfürsten, blutgierige Stammeshäuptlinge und untote Horden besiegt hat und dabei immer guten Willens und enorm überlebensfähig blieb, wird innerhalb weniger Folgen zur vom Misstrauen zerfressenen Psychopathin, die alles und jeden niederbrennt. In der Tradition ihres irren Vorfahren, Targaryen-Fürsten sind halt so. Das ist wohl der Weg, den auch George R. R. Martin für sie vorgesehen hatte. Es könnte durchaus plausibel sein, so manche Befreiungsbewegung der Geschichte endete in einer blutigen Diktatur. Aber in den letzten Folgen wird dieses Motiv doch sehr plump und übereilt in Szene gesetzt. Okay, es wird vorbereitet, ein Verlust nach dem anderen, ein Kontinent, der nicht auf die Befreiung durch eine fremde Herrscherin gewartet hat, ein Vertrauenskonflikt mit ihrem Liebsten. Aber trotzdem. Nur, weil es in diese Richtung konstruiert wird, wird es nicht glaubhaft. Eine Daenerys, die paranoid gegen ihre Vertrauten wütet, okay. Die möglicherweise Jon umbringt oder Tyrion oder Sansa, das könnte alles noch funktionieren. Aber eine Daenerys, die auf eine Stadt das Feuer eröffnet, die sich bereits ergeben hat, das passt hinten und vor nicht. Dagegen verblassen alle anderen Unstimmigkeiten. Etwa, warum Daenerys und Drogon plötzlich Luftkampf können, nachdem sie gefühlte zwei Tage zuvor sich nur knapp vor Eurons Geschossen retten konnten. Wo all die Dothraki herkommen, obwohl man doch vor zwei Folgen sehr anschaulich sehen konnte, dass sie fast alle von den Untoten niedergemetztelt wurden. Oder eine Arya, die es auf dem Weg zum Ziel ihres Rachefeldzugs bis in den roten Bergfried geschafft hat und sich dann von Sandor Clegane doch zur Umkehr überreden lässt. Und sich auch noch nett bedankt. Ein zuckersüßer Moment, aber eben zu zuckersüß, um sich authentisch anzufühlen.

Tschechows Drache

Der russische Dramatiker Anton Tschechow kannte ein wesentliches Prinzip des Handlungsaufbaus: Wenn in einem Theaterstück ein Gewehr an der Wand hängt, dann will es irgendwann losgehen. Sonst müsste es da gar nicht hängen. Seitdem heißt das Prinzip Tschechows Gewehr. Feuerspeiende Drachen wollen vor allem eins: Feuer speien. Das durften sie bisher immer wieder einmal, aber eher sparsam. Ansonsten waren sie Kind-Ersatz, Haustier, Herrschaftssymbol, Fluggerät. Noch nie durften sie bisher so loslegen wie Drogon in dieser Folge. Eigentlich wollten wir das die ganze Zeit sehen. Eine weise Entscheidung, das in seiner vollen Wucht bis zum Finale aufzusparen. Die Zerstörung von Königsmund ist ein würdiger Höhepunkt einer Serie, die eine Menge epische Schlachten zu bieten hat. Eigentlich auch folgerichtig, dass Drachenfeuer seinen großen Moment bekommt als das, was es ist: grausame Zerstörung. Wenn es nur nicht mit so grobem Out of Character daher käme. Auch schön, dass Jon, wie schon in der Schlacht der Bastarde und der Schlacht um Winterfell einfach kein Held der Schlacht wird. Wieder stolpert er unbeholfen durch verwirrendes Geschehen, will das Beste und bekommt doch keinen epischen Moment. Während Arya einen sehr magischen Moment bekommt. Die Reiterin auf blutbespritztem Pferd zwischen verkohlten Ruinen und wie Kirschblüten im Wind segelnden Russflöckchen ist ein sehr stimmungsvolles Abschlussbild für die letzte große Schlacht dieser Serie.

Und wer lebt noch?

Konnte man bei den vorigen Folgen fragen, wer stirbt und sich beruhigt zurücklehnen, weil es nur die Randfiguren waren, stellt sich bei dem Bodycount von Folge 5 eher die Frage, wer noch am Leben ist, um die Geschichte zum Ende zu bringen. Cersei und Jaime sind tot, in Liebe vereint. Schade, dass Cersei kein letzter großer Moment als böse Königin vergönnt war, sie durfte die ganze Folge lang nur zunehmend besorgt schauen und dann auf der Landkarte von Westeros stehend den Trümmern ausweichen. Böse Königin ist jetzt ja eine andere. Euron Graufreud geht so lästig und sprücheklopfend in den Tod, wie er es im Leben war. Qyburn wird von seinem Geschöpf getötet. Sandor und Gregor Clegane liefern sich ein episches Duell mit großem Schauwert. Varys hat das Intrigieren schon einmal besser beherrscht, nachdem er eine lange Abfolge böser Könige überlebt hat, hält er unter Daenerys nur ein paar Sendeminuten lang durch. Übrig bleiben Jon und Tyrion. Arya, wieder traumatisiert und voll im Rächer-Modus. Am Rand Ser Davos und Grauer Wurm und alle in Winterfell Gebliebenen. Und natürlich Daenerys und ihr letzter Drache. Deren Untergang vermutlich Folge 6 füllen wird. Man muss es dieser Staffel zugute halten, dass bei allen übermaßig konstruierten Momenten trotzdem nie voraussehbar ist, wie es weitergeht. Aber so viele Figuren sind es ja nicht mehr.

Meinung

Wer damit leben kann, dass Daenerys innerhalb zweier Folgen zur blutgierigen Schreckensherrscherin mutiert, der kommt in “Die Glocken” voll auf seine Kosten: Schlachtgetümmel, Zweikämpfe, epische Drachen-Action, überraschende Twists, jede Menge Todesfälle, große letzte Worte. Ich für meinen Teil bin dann mal raus. Das war mir doch ein zu grober Umgang mit Figuren, die über acht Staffeln hindurch wachsen durften, nur um auf den letzten Metern in Handlungsmuster gepresst zu werden, die maximale Effekte bei minimaler Glaubwürdigkeit generieren. Jetzt will ich eigentlich nur noch wissen, wie dieses Trauerspiel den letzten Schliff bekommt, ohne dass mich das noch irgendwie packen würde, außer bei meiner Neugier auf die letzten Twists. Vielleicht gibt es ja in ein paar Jahren, falls George R. R. Martin die letzten Bände irgendwann einmal zu Papier bringt, eine buchnahe Verfilmung. Da wäre ich eventuell wieder mit dabei.

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wasabi

wasabi wohnt in einer Tube im Kühlschrank und kommt selten heraus.

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