His Dark Materials (Staffel 2)

Die HBO-Serie His Dark Materials geht in die zweite Runde. Basierend auf der gleichnamigen Roman-Trilogie von Philipp Pullman, bewegt sich die Geschichte nahtlos zwischen dem Schmerz der Pubertät, Quantenphysik, der Erbsünde, Dämonen, Hexen, gepanzerten Bären, einer durch und durch verdorbenen Theokratie, Smartphones und gipfelt schließlich in der Kriegserklärung gegen Gott. Ein antitheistisches Werk also voller Epik. Leider aber wurde auch His Dark Materials Opfer corona-bedingter Kürzungen, sodass die Epik und so manche Tiefe darunter leidet. Doch keine Panik: Sehenswert ist Staffel 2 dennoch, vor allem, da Ruth Wilson in ihrer Rolle als charismatisch-ambivalente Mrs. Coulter mal wieder alles rettet.

Lord Asriel (James McAvoy, Split) hat einen Riss zwischen den Welten geöffnet. Auf der Flucht vor dem fanatischen Magisterium bleibt Lyra (Dafne Keen, Logan) und ihrem Daemon Pan nichts anderes übrig, als diesen zu durchqueren. Auf der anderen Seite trifft sie in dem von tödlichen Gespenstern heimgesuchten und nur von Kindern bewohnten Städtchen Cittàgaze auf Will (Amir Wilson, Der Brief für den König), der ebenso auf der Flucht vor seiner (also unserer, Anm. d. Red.) Welt ist. Gemeinsam machen sie sich auf die Suche nach Wills Vater John (Andrew Scott, Sherlock), verwickeln sich dabei immer mehr in den Krieg zwischen Magisterium und Hexen und kommen zudem der Lösung des Rätsels um “Staub” immer näher. Doch auch die monströse Mrs. Coulter (Ruth Wilson, Jane Eyre) ist noch am Start und tut alles, um ihre Tochter Lyra zurück nach Hause zu bringen.

Die Ruhe vor dem Sturm

Originaltitel His Dark Materials
Jahr 2020
Land USA
Episoden 7 in Staffel 2
Genre Fantasy, Mystery, Drama
Cast Lyra Belacqua: Dafne Keen
Will Parry: Amir Wilson
Mrs. Coulter: Ruth Wilson
Lord Boreal: Ariyon Bakare
Lee Scoresby: Lin-Manuel Miranda
D. Mary Malone: Simone Kirby
Serafina Pekkala: Ruta Gedmintas
John Parry: Andrew Scott
Lord Asriel: James McAvoy
Seit 11. Januar 2021 vollständig auf Sky

Staffel 2 von His Dark Materials ist die Adaption des zweiten Buches aus Philip Pullmans gleichnamiger Fantasy-Trilogie, das den Titel Das magische Messer trägt. Im englischen Original heißt der Band “The Subtle Knife”, und ähnlich subtil geht es auch in Staffel 2 zu. Während in der ersten Staffel mit Hilfe brüllender Panzerbären entführte Kinder dramatisch gerettet werden (und die nachfolgende Staffel sehr wahrscheinlich in einem gotteslästerlichen Spektakel endet), konzentriert sich die zweite Staffel auf das erste Aufeinandertreffen von Lyra und Will und die entscheidende Beziehung, die daraus erwächst. Wichtigster Neuzugang auf der Besetzungsliste: Dr. Mary Malone (Simone Kirby, Artemis Fowl), hipp und classy mit Chucks und Blazer. Sie stammt aus unserer (also Wills) Welt und untersucht Dunkle Materie, was – wie sich herausstellt – nur eine andere Bezeichnung für Lyras »Staub« ist; jenes mysteriöse Etwas, für das man in der ersten Staffel Horden von Kindern unters Messer gelegt hat. Generell scheint Dunkle Materie der perfekte Kandidat zu sein, um fantastische Ereignisse möglichst wissenschaftlich zu erklären (siehe die Manga-Serien Coppelion oder Ajin). Und es mag den ein oder anderen erstaunen, als was sich die Dunkle Materie späterhin entpuppen wird.

Corona macht schnipp-schnapp

Leider leidet die zweite Staffel von His Dark Materials etwas unter den corona-bedingten Kürzungen. Beispielsweise häufen sich die Verweise auf einen ominösen Krieg gegen “die Autorität”. Wenn wir uns eine Sekunde länger mit diesem vagen Ausdruck befassen, verstehen wir, dass damit Gott gemeint ist. Und es ist vor allem Lord Asriel, der gegen Gott mobil macht. Leider aber musste die Charakter-Folge, die diesen Strang bearbeitet, komplett gestrichen werden, so dass das Mobilmachen für gerade mal eine Minute zu sehen ist. Das erklärt auch, warum die gecasteten und für Staffel 2 angekündigten Figuren Baruch und Balthamos nicht auftauchen – weil sie sehr wahrscheinlich für die gestrichene Folge angesetzt waren. Der fehlenden Zeit ist es auch geschuldet (vielleicht aber auch dem Schauspieler), dass man Lee Scoresby (Lin-Manuel Miranda, Marry Poppins’ Rückkehr) nur schwer seine Vatergefühle für Lyra abkauft. Man setzt hier auf die Methode “Tell, don’t show”, aber egal wie häufig Lee den Satz auch wiederholen mag: Für einen jungen Mann seines Altes ergibt es keinen Sinn, auf der halben Strecke seines Lebens für ein kaum gekanntes Mädchen sein Leben hinzuschmeißen. Für einen ältere Mann, der kurz vor der Rente steht, schon eher, da es eine bedeutsame Alternative zur Pensionierung darstellt – aber sowas gibt’s halt nur in der Buchvorlage.

Pubertät entscheidet das Schicksal

Im Großen führen wir also einen Krieg gegen Gott, im Kleinen werden Will und Lyra erwachsen. Dass diese beiden Dinge miteinander zusammenhängen, ist der große Clou von His Dark Materials. Will und Lyra haben beim Prozess des Erwachsenwerdens damit zu kämpfen, dass sie endgültige Entscheidungen über die eigene Identität treffen und – in Lyras Fall – über die endgültige Gestalt ihres Daemons Pan. Dass das Schicksal der Welt von diesen Entscheidungen abhängt, wissen die beiden nicht, aber wir, das Publikum, sollte stets daran erinnert werden. Pullman verliert in seinen Romanen niemals den Faden zwischen der Adoleszenz und dem Weltenschicksal. Wenn aber in der Serie die Hexen von der Prophezeiung sprechen, geht diese Verbindung verloren. Anfänglich werden die Hexen scheinbar als übermächtige Hauptfiguren eingeführt, aber sie liefern nie genug Tiefe und agieren eher als formlose Einheit, deren Anwesenheit manchmal willkürlich anmutet (als Kanonenfutter für Gespenster z. B., trotz ihrer “Übermacht”), wohingegen es in den Büchern sogar eine Hexe ist, die das Leben von John Parry beendet.

Das Allerbeste: Ruth Wilson

Die zweite Staffel von His Dark Materials ist durchaus spannend, interessant und sehenswert, rauscht aber eben an uns vorbei. Manche Charakterbedeutungen kommen nicht wirklich zum Tragen und generell gehen der Impact und das Staunen etwas flöten. Die einzige Ausnahme von dieser Regel ist natürlich – wie kann es anders sein – Mrs. Coulter, gespielt von Ruth Wilson und ihrem puren Willen einfach toll zu sein. Die Szenen zwischen ihr und ihrem misshandelten Daemon, durchtränkt von Hass und der Sehnsucht nach Liebe gleichermaßen, sind stets sehr intensiv. His Dark Materials bezieht seine Inspiration aus John Miltons Paradise Lost, das von dem Fall Lucifers erzählt. Kritiker behaupteten seinerzeit, dass Milton Lucifer zu einem Sprachrohr mache und damit zweifellos Partei für die gefallenen Engel ergreife, da Lucifer der interessanteste Charakter im gesamten Epos sei. In ähnlicher Weise hat auch Pullman ein Monster erschaffen, das überzeugender ist als alle Hexen, Panzerbären und Aeironauten zusammen, und dabei noch genug Menschlichkeit besitzt, um seine eigene Monstrosität zu erkennen. Drehbuchautor Jack Thorne weiß, welch brillante Casting-Entscheidung sie mit Wilson getroffen haben und schwelgt darin, sie zu präsentieren. Bei ihm weiß man nie, was Mrs. Coulter als nächstes tun könnte. In einer Szene sieht sie sich zu “Lifted” von der Lighthouse Family den Flirt-Versuchen von Lord Boreal ausgesetzt. In einer anderen Szene flüstert sie einem Pater zu, dass sie den versoffenen Chef des Magisteriums in einem machiavellistischen Staatsstreich ermorden sollten. Es ist schade, dass die Serie mit Mrs. Coulter solche Anstrengungen unternimmt, das aber in anderen Bereichen nicht schafft.

Fazit

Optisch ist His Dark Materials einwandfrei. Das Produktionsdesign, von den Kostümen bishin zu den Kulissen, schaut wunderprächtig aus, insbesondere die Darstellung des “toskanischen” Städtchens Cittàgaze mit seinen farblich verblassten Wänden, den verlassenen Kaffeebars und dem Turm der Engel. Im Vergleich dazu fällt die Präsenz der Charaktere etwas ab, was auch an den Corona-Kürzungen liegen könnte. Generell hab ich das Gefühl, dass die Figuren unter dem Radar fliegen, eher flüchtige Eindrücke hinterlassen (außer unser “Most Valuable Player” des Teams: Mrs. Coulter) und die Geschichte zwar zwischen den Welten wechselt, aber nie ganz die Höhe erreicht, zu der sie in ihren stärksten Momenten eigentlich fähig wäre. Trotzdem blicke ich zuversichtlich auf die kommende finale Staffel – dieses Mal dann auch wirklich mit Baruch und Balthamos.

© Warner Home Video

Totman Gehend

Totman ist Musiker, zockt in der Freizeit bevorzugt Indie-Games, Taktik-Shooter oder ganz was anderes und sammelt schöne Bücher. Größtes Laster: Red Bull. Lieblingsplatz im Netz: der 24/7 Music-Stream von Cryo Chamber auf YouTube.

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