His Dark Materials (Staffel 1)

Philip Pullmans Fantasy-Trilogie His Dark Materials ist ein Bestseller, der trotz millionenfacher Auflage eher als Geheimtipp gilt. Steht man in der Fantasy-Ecke, dann sind seine Werke nie erste Wahl. Trotzdem gönnte man dem ersten Roman bereits 2007 einen Leinwandauftritt. Mit Nicole Kidman und Daniel Craig in den Hauptrollen war Der goldene Kompass zumindest in Sachen Besetzung der wahr gewordene Traum eines jeden Fans. Als Buchadaption jedoch entpuppte sich der Film als Desaster – ein halbgarer Kompromiss, an dem noch drei Monate vor Release herum geschnibbelt wurde um die katholische Kirche nicht weiter zu erzürnen. Der Film floppte. 13 Jahre später traut sich nun HBO an den Stoff heran und bringt Pullmans Fantasy-Geschichte über Parallelwelten, kosmischen Staub und faschistische Kleriker als Serie auf den Markt, hierzulande seit dem 6. August 2020 auf DVD und Blu-ray erhältlich.

   

Die Geschichte beginnt in einer Parallelwelt, die technologisch sowohl fort- als auch rückschrittlicher ist als unsere. Hier besitzt jeder Mensch einen Daemon, also eine tierische Manifestation der Seele, die nicht von der eigenen Seite weicht. Die junge Lyra (Dafne Keen, Logan) lebt am Jordan College in Oxford. Sie wurde von den Gelehrten als Findelkind aufgezogen und genießt gemeinsam mit ihrem Daemon Pan und dem Küchenjungen Roger (Lewin Lloyd) ein sorgloses Leben, ohne etwas von den religiös-politischen Kämpfen mitzubekommen. Denn das Jordan College wird streng bewacht von einer theokratischen Institution namens „das Magisterium“, die der römisch-katholischen Kirche nicht unähnlich ist. Eines Tages kehrt ihr Onkel Lord Asriel (James McAvoy, Split) von einer Expedition zurück und behauptet, oben im Norden ein fremdartiges Universum entdeckt zu haben. Was folgt sind Skandale und Verschwörungen, bei denen Kinder entführt werden. Als es schließlich auch Lyras Freund Roger erwischt, bricht Lyra in den Norden auf, um ihn zurückzuholen. Zu ihren Mitreisenden gehören die Gypter (ein auf dem Wasser lebendes Nomadenvolk), Lee Scoresby (ein texanischer Aeronaut, gespielt von Lin-Manuel Miranda, Marry Poppins’ Rückkehr) und Iorek Byrnison, ein verstoßener Eisbär. Ihnen dicht auf den Fersen: das Magisterium.

Der goldene Kompass: ein Trauerspiel

Originaltitel His Dark Materials
Jahr 2019
Land USA
Episoden 8 in Staffel 1
Genre Fantasy, Mystery, Drama
Cast Lyra Belacqua: Dafne Keen
Mrs. Coulter: Ruth Wilson
Lord Asriel: James McAvoy
Will Parry: Amir Wilson
Lee Scoresby: Lin-Manuel Miranda
Veröffentlichung: 6. August 2020

Die 2007er-Verfilmung des ersten Romans Der goldene Kompass war eine dreifache Enttäuschung gewesen. Die Fans bekamen nicht die Geschichte die sie wollten, das Studio New Line Cinema fuhr nicht den Gewinn ein, den es wollte, und die kreativen Macher dahinter bekamen im endgültigen Release einen Film zu sehen, den sie so nicht geplant hatten. Nach Der Herr der Ringe sollte Der goldene Kompass das nächste große Fantasy-Spektakel aus dem Hause New Line Cinema werden, doch kurz vor Release im Dezember 2007 bekam das Studio Muffensausen. Immerhin vereint der Film Kindermorde, anti-religiöse Elemente und ein melancholisches, mehrdeutiges Ende. Kurzum: Absolut kein Weihnachtsfilm. Daher kickte New Line Cinema das Ende (und einige andere Szenen) komplett, holte Sir Ian McKellen und Christopher Lee ins Boot (um die Herr der Ringe-Fans abzugreifen) und füllte die neu entstandenen Lücken mit hastig gedrehtem Neumaterial. Das Ende vom Lied: Der Goldene Kompass wurde New Line Cinemas größter Fehlschlag und das Studio ging in Warner Bros. auf. Die geplanten Folgefilme wurden nie verwirklicht.

Steampunk, Kosmologie und Daemonen

13 Jahre später startet His Dark Materials also erneut, diesmal als Serie. Dabei profitiert die HBO-Koproduktion hauptsächlich von dem Freiraum, der dem Medium Serie typischerweise eigen ist. Die ersten Folgen präsentieren eine Welt, die gleichzeitig viktorianisch als auch zeitgemäß wirkt; in der man auf den Straßen mit anbarischen Autos fährt und die Lüfte mit Zeppelinen durchstreift. Es gibt Hexen und Eisbärenkrieger, eine Taschenuhr, die alle Fragen beantworten kann (sofern man über die seltene Gabe verfügt, sie zu lesen), etwas, das “Staub” genannt wird und aus dem Weltraum auf die Erde rieselt und eine schwebende Stadt jenseits der Nordlichter. Das alles wirkt auf uns übernatürlich, ist im serieninternen Kontext jedoch einfach nur Physik und Biologie. Die visuell größte Auffälligkeit ist der Daemon – die menschliche Seele in Tierform. In Kampfszenen macht sich das gut, wenn die sich prügelnden Menschen von Affen und Vögeln flankiert werden. Allerdings hätten die Macher inhaltlich mehr aus Pullmans einzigartiger Daemonen-Idee herauskitzeln können. Was bedeutet es für eine Gesellschaft, wenn die eigene Seele permanent für andere sichtbar ist? So richtig heraus gearbeitet wird das nicht. Auch verpasst es die Serie, die Regeln der Daemonen-Existenz gescheit an das Publikum heranzutragen. Wenn zu Beginn der Serie ein einsam dastehender Daemon gezeigt wird, erzielt das nicht den gewünschten Effekt, denn das Publikum weiß noch nicht, dass Daemonen üblicherweise nicht autark agieren können. Stattdessen gibt’s simple Symbolwirkung: die tückischen Menschen haben eine Schlange als Daemon, die Abenteurer einen Leoparden. Okay.

Femme Fatale trifft auf X-Men

Hervorzuheben ist Ruth Wilson, die mit einer unterkühlten 40er-Noir-Attitüde die Rolle der enigmatischen Mrs. Coutler spielt, einer Agentin des Magisteriums mit einer ambivalent antagonistischen Beziehung zu Lyra. Ein interessanter Aspekt ist die Tatsache, dass Mrs. Coulter eine krankhafte Verbindung zu ihrem Daemon, einem goldenen Affen, pflegt. Ein Mensch, der sprichwörtlich seine eigene Seele misshandelt, birgt interessanten Storystoff, zumal der Affe als einziger Daemon nicht spricht. Hoffentlich wird das in den Folgestaffeln weiter ausgeführt. Die cast-technische Triebfeder von His Dark Materials ist aber Dafne Keen, die (vermutlich in Erinnerung an ihre Rolle als X-23) auf die Serie wie ein menschgewordener Adrenalinschuss wirkt, halb zivilisiert, halb wild. Lyra ist noch ein Kind – klug, mutig und unerfahren. Sie steht kurz vor der Pubertät, was in ihrer Welt ein besonderes Ereignis darstellt. Während Kinder-Daemonen nach Belieben ihre Tiergestalt wechseln können, erlangen die Daemonen der Erwachsenen eine endgültige Form. Eine schöne Metapher für das Ende der Möglichkeiten.

Das schwarze Schaf unter den Fantasy-Sagen

Auch als Serie bewegt sich His Dark Materials stets zwischen Kindheit und Erwachsenenwelt. Es gibt eine vorpubertäre Heldin, sprechende Tiere und Ballonfahrten, ja, gleichzeitig ist die Geschichte aber auch von den Werken des Freidenkers William Blake beeinflusst und ihr Titel aus John Miltons Das verlorene Paradies entlehnt – alles Dinge, die den Grundtonus dunkel machen. Die Serie ist zudem rebellischer als andere Fantasy-Sagen. Wo zum Beispiel bei Harry Potter davon ausgegangen wird, dass herrschende Institutionen grundsätzlich gut sind (höchstens mal anfällig für Korruption), so deutet in His Dark Materials alles darauf hin, dass die Theokratie durch und durch verdorben ist. Die erste Staffel, die auf dem ersten Teil der Buchreihe basiert, bleibt dem Ursprungsmaterial im Großen und Ganzen treu (wenn man mal davon absieht, dass man den männlichen Protagonisten des zweiten Romans, Will, bereits einführt). Die Serie ist gut darin, die Szenerien des Buches visuell auf die Leinwand zu bringen. Bei der Umsetzung des Tonus fühlt sich His Dark Materials trotzdem etwas gezähmt und geschliffen an. Aber im Vergleich zur 2007er-verfilmung ist die Serie geradezu „edgy“.

Fazit

Natürlich bleibt die Buchvorlage unerreicht, gell? Aber immerhin macht die Serie all das besser, was der Film damals verkorkst hat. Es bringt den ungekürzten Auftakt der Trilogie auf die Leinwand ohne die Ideen von Philip Pullman mit Füßen zu treten. Executive Producer Jane Tranter und Drehbuchautor Jack Thorne zeigen, dass sie die Romane verstanden haben und sie nun einem breiteren Publikum zugänglich machen (dass Buchkenner da Abstriche machen müssen, ist normal). His Dark Materials ist ein antitheistisches Werk, aber dennoch voller übernatürlicher Charaktere und Ereignisse. Extra Gute-Nudel-Sterne gehen dabei raus an Ruth Wilson, deren Darstellung einer Frau, deren Grausamkeit keine Grenzen kennt, die aber dennoch genug Menschlichkeit besitzt, um zu wissen, dass sie ein Monster geworden ist, zu den beeindruckendsten Leistungen in der Serie gehört. Der schillernde Cast (der trotz Schillerns nicht so derbe aufpoliert wirkt wie in der Verfilmung), die natürlichen und gleichsam epischen Settings, das aufregende Main Theme von Komponist Lorne Balfe, das spannende Daemonen-Konzept und der rätselhafte Plot um „den Staub“ machen aus His Dark Materials eine ziemlich sehenswerte Fantasy-Kost. 

© Warner Home Video


Seit dem 6. August 2020 im Handel erhältlich:

Totman Gehend

Totman ist Musiker, zockt in der Freizeit hin und wieder Indie-Games & Taktik-Shooter und sammelt schöne Bücher. Größtes Laster: Red Bull. Lieblingsplatz im Netz: der Lofi-Hip-Hop-Radio-Stream auf youtube (der gute Stream von ChilledCow).

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